Geht es Ihnen auch so? Manche Leute, die andere „charis­ma­tisch“ finden, sind für Sie einfach nur öde und lang­weilig. Viel­leicht empfinden Sie sie als Phra­sen­dre­scher oder Dumpf­ba­cken, mögli­cher­weise als einfach nichts­sa­gend. Charisma wird oft als eine Eigen­schaft verstanden, die alle gleich wahr­nehmen. Doch Menschen reagieren auf einige Dinge gleich, auf viele aber unter­schied­lich. Denn Charisma ist vor allem eines: eine Projek­tion.

Das bedeutet: Das Charisma der anderen spie­gelt sich in uns. Wir suchen in dem anderen Teile von uns, auch solche, die wir vor uns selbst verbergen.

1. Domi­nanz-Charisma

Führung hat die Funk­tion, Angst zu binden. Charisma unter­stützt Führung. Jemand mit einer domi­nanten Ausstrah­lung redu­ziert also durch seine Wirkung Ängste. Domi­nanz zeigt sich durch durch ein klares und festes Auftreten. Man sieht Domi­nanz, man spürt diesen höheren sozialen Status, selbst wenn er de facto nicht höher ist. Er ist deshalb auch eng verwoben mit Habitus. Man könnte diese Domi­nanz auch „natür­liche Auto­rität“ nennen.

Oft ist diese Art von Charisma gekop­pelt an entspre­chende äußer­liche Merk­malen, etwa Größe, Aussehen und vor allem Körper­hal­tung. Verbale Eloquenz unter­streicht und kann Aussehen bis zu einem gewissen, aller­dings meist endli­chen Grad ausglei­chen. Barack Obama ist kaum vorstellbar in klein und adipös.

Die Art der Domi­nanz kann stark vari­ieren, sie scheint mir indes sehr an der Art der Ängste zu hängen. Kultu­relle Einflüsse mögen eine gewisse Rolle spielen: Ein Erdogan wird von West­eu­ro­päern nicht als charis­ma­tisch empfunden werden, im engeren kultu­rellen Umfeld scheint man das anders zu sehen. Vermut­lich wirkt auch ein Trump auf manche seiner Wähler charis­ma­tisch. Was einmal mehr zeigt, wie relativ zur Bezugs­gruppe eine solche Wahr­neh­mung ist.

Ihre Persön­lich­keit, wenn Sie Domi­nanz-Charis­­ma­­tiker mögen: Sie sind höchst­wahr­schein­lich jemand, der sich freut, dass jemand anderes mit gutem Vorbild voran­geht. Dann müssen Sie es nicht tun. Das entlastet, Sie nehmen es gerne an. 

2. Visio­­närs-Charisma

Visionärs–Charismatiker können mit ihren Ideen begeis­tern. Sie haben klare Vorstel­lungen von der Zukunft und vermögen diese sehr über­zeu­gend darlegen. Sie wecken Vertrauen in die Zukunft und können diese sehr rosig ausmalen. Auch sie sind Angst-bindend unter­wegs: Sie binden die Angst vor der Zukunft und tauschen diese gegen ein Verspre­chen. Dieses ist weiter­ge­hend als das des Domi­nanz-Charis­­ma­­ti­kers – es bindet einen selbst mit ein. Man wird Teil von etwas, Mitge­stalter.

Man über­lässt nicht mehr einfach nur jemand anderem die Lösung. Ob „du kannst es schaffen“ oder „wir schaffen das“ – wer Visions-Charis­­ma­­ti­kern folgt, möchte das unbe­dingt glauben. Auch hier gibt es kultu­relle und histo­ri­sche Einflüsse. “Wer Visionen hat, muss zum Arzt”, sagte einst Helmut Schmidt, den ich eher zu den Domi­nanz-Charis­­ma­­ti­kern zählen würde.

Steve Jobs oder Elon Musk passen in dieses Schema, und dummer­weise liefern Meiden und Geschichte einmal viel zu wenig Frauen. Außer Hilde­gard von Bingen findet sich bei der Google-Suche kaum eine. Was nicht an den Frauen, sondern an den männ­li­chen Geschichts­schrei­bern liegt.

Blick in die Zukunft bindet die Angst vor dieser vor allem dann, wenn sich neue Entwick­lungen auftun und diese sich nicht mehr leugnen lassen. Manch Visionär zeigt sich somit erst rück­bli­ckend und post mortem.

Ihre Persön­lich­keit, wenn Sie Visio­­närs-Charis­­ma­­tiker mögen: Sie sind wahr­schein­lich eher offen für Neues. Gleich­zeitig mögen Sie es, wenn jemand Sicher­heit und Vertrauen in die Zukunft gibt.

3. Kompe­­tenz-Charisma

Kompe­­tenz-Charisma zeigen Menschen, die ein tiefer gehendes Wissen und Können haben. Dieses können sie aber so aufbe­reiten, dass sie andere mit ihren Botschaften zu begeis­tern vermögen. Sie rattern nicht einfach Wissen runter, sondern stellen Verknüp­fungen her, die die Dinge in einen größeren Kontext setzen. Damit schaffen sie auch eine Wirk­lich­keit, die letzt­end­lich auch wieder Ängste bindet. Ja, wenn wir auf A oder B setzen, dann lösen wir dieses Problem! Ein Kompe­­tenz-Charis­­ma­­tiker ist für mich z.B. Gunter Dueck. Bei dieser Art von Charisma verzeiht man selbst hohe Stimmen und kleine Körper­größen.

Wieder mangelt es an weib­li­chen Vorbil­dern: Das Problem sind hier mehr die Medien als die Geschichts­schreiber. Alldie­weil diese die Geschichte vorschreiben und somit auch wieder beein­flussen. Dennoch fällt mir immerhin Hannah Arendt ein.

Ihre Persön­lich­keit, wenn Sie Kompe­­tenz-Charis­­ma­­tiker mögen: Sie bevor­zugen Menschen, die eher intel­lek­tuell an Themen rangehen und neben spürbar tiefem Wissen auch einen weiten Denk­ra­dius zeigen. 

Charis­ma­ti­sche Mythen

Dann gibt es noch Charis­ma­tiker, die eher Legenden sind, wie etwa Jim Morrison oder Elvis Presley. Auch hier sind die Frauen wiederum schwer zu finden. Komi­scher­weise verbindet wohl kaum jemand Charisma mit Amy Wine­house oder Whitney Houston, die beide den Drogentod starben — und sich an die dagegen als charis­ma­tisch einge­schätzten Männer Prince und Jimi Hendrix einreihen.

Das zeigt leider einmal mehr, dass es sich beim Charisma um nichts als eine Projek­tion handelt. Wir küren die Charis­ma­tiker aufgrund unserer Wunsch­vor­stel­lungen. Wir über­tragen auf sie, was wir selbst in ihnen sehen wollen.

aktua­li­siert 2/2020

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Sebas­tian 31. August 2016 at 21:16 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    ich lese seit einiger Zeit “mit”, weil ich viele Beiträge als inter­es­sant erachte. Nun fühle ich mich jedoch das erste Mal ange­spro­chen.

    Ich glaube, dass ich als sehr selbst­si­cher wirkende Führungs­kraft mit 1,95m Größe, knapp 100kg auf der Waage (eini­ger­maßen sport­lich verteilt) und 12 Jahren Bundes­wehr­erfah­rung so eini­ger­maßen als Modelltyp für dias beschrie­bene Domi­nanz­cha­risma durch­gehe. Zumal ich in der Tat gerne Einfluss nehme, durchaus bereit bin Entschei­dungen zu treffen und nur schwer­lich ansehen kann, wenn etwas in eine falsche bzw. mir nicht genehme Rich­tung läuft.

    Das hat auch über 2 Jahre gut funk­tio­niert. Ich habe schnell Aner­ken­nung gewonnen, bin als “Externer” gut in der neuen Firma ange­kommen.

    Nun beschleicht mich jedoch das Gefühl, dass meine domi­nant forsche Art eher zu einer Belas­tung wird. Insbe­son­dere sensible, aber auch fach­lich weniger “wehr­hafte” Mitar­beiter verschrecke ich. Lasse Ihnen unge­wollt, teil­weise unbe­wußt (vor allem in den weniger ruhigen Momenten) zu wenig Raum.

    Ich brauche einen Gegen­spieler. Jemanden der den Willen und die Fähig­keit hat, mir Paroli zu bieten und gemeinsam eine bessere Lösung zu entwi­ckeln. Jemand, der auch mich das ein oder andere Mal beein­druckt. Viele dieser Menschen habe ich jedoch noch nicht gefunden.

    Alles in allem habe ich das Gefühl, der Weiter­ent­wick­lung des Teams im Weg zu stehen. Doch die Stra­tegie des “sich zurück­nehmen” fällt mir wahr­lich nicht leicht. Sie über­zeugt mich nicht.

    Ich versuche es sport­lich zu nehmen. Frage aktiv nach Feed­back, versuche mich selbst zu beob­achten und ab und an zu bremsen.

    Was aber nach außen hin sehr souverän wirkt, hat eben auch seine Schat­ten­seiten…

    Mit besten Grüßen aus Franken,
    Sebas­tian

    • Svenja Hofert 2. September 2016 at 15:11 — Reply

      Hallo S, dass Sie darüber so reflek­tieren, spricht für Sie. Ja, manchmal ist jemand anderes viel­leicht wirk­lich besser für ein Team, manchmal geht es darum, sich mehr auf andere einzu­stellen. herz­liche Grüße Svenja

  2. Susanne 18. Januar 2017 at 21:25 — Reply

    Hallo Sebas­tian,

    in welcher Branche sind Sie tätig? Ich hätte da einen inter­es­santen Gegen­spieler…

    Freund­liche Grüße
    Susanne

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