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Was ist postkonventionelles Denken – und wie dient es der schlauen Lösungsfindung?

Veröffentlicht: 14. September 2022Kategorien: Allgemein, Mindset und Entwicklung, Psychologie

Die Grenzen zwischen Wahrheit, Interesse und Ideologie verfließen dabei zunehmend. Begünstigt wird dies durch die menschliche Fähigkeit zur individuellen Verkürzung, subjektiven Auswahl, freien Interpretation und kunstvollen Verdrängung. Alles Kulturtechniken, aber auch Verhinderer von schlauer Lösungsfindung. Denn wer in seiner Subjektivität gefangen ist, ist nicht offen für neue, für unkonventionelle und auch postkonventionelle Lösungen.

Wie kommt man zu Lösungen, wenn nichts wahr ist?

Da „Wahrheit die Erfindung eines Lügners“ ist, wie es der Philosoph und Physiker Heinz von Förster formuliert hat, ist das Ringen um den kleinsten gemeinsamen Nenner der derzeit in Politik und Wirtschaft am meisten verbreitete Lösungsansatz.

Um Wahrheit geht es bei der Lösungsfindung à la gemeinsamer Nenner gewöhnlich nicht, eher um Rechthaben und Ränkespiele. Welche nicht nur menschliche Denksysteme, sondern auch die derzeitigen hierarchischen Systeme kräftig stützen und erhalten.

Lösungen jenseits der Konventionen

Der Moralpsychologe Lawrence Kohlberg hat die Fähigkeit, Lösungen jenseits geltender Konventionen zu finden, einst als postkonventionelles Denken bezeichnet. Einerseits ist dies ein Denken, das Erkenntnisprozesse in den Vordergrund stellt – und nicht (vermeintliche) Wahrheiten: Woher wissen wir, was wahr ist? Wie erkennen wir, was richtig für uns ist? Woran orientieren wir uns?

Unsere bisherige Art, Antworten zu finden und daraus Lösungen zu generieren ist nicht mehr zeitgemäß. Sie stellt den Inhalt in den Mittelpunkt, auch wenn es um diesen gar nicht geht. Und sie stärkt eine fatale Erwartungshaltung: Die nach grandiosen Lösungen aus der Hand von Individuen, seien es Politiker oder Unternehmenslenker. Es fehlen Orientierungen, die der Person übergeordnet sind.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – aktueller denn je sein

Doch diese lassen sich schaffen. Wir könnten Faustregeln entwickeln, die die Vorgehensweisen betreffen, durch die Erkenntnisse und Entscheidungen in Gruppen und Kollektiven generiert werden. Die Pflicht zur Beratung durch Experten, die ein breites Meinungsspektrum abdecken, kann dazu gehören. Eine Orientierung an Tugenden – ohne Tugendwächter –  würde helfen ebenso wie Prozesshaftigkeit.

Diese Woche habe ich mit einer Gruppe Menschen ein Feedforward gemacht. Dabei stellt eine Person, Dutzenden anderen immer dieselbe Frage. Die Antworten werden nicht diskutiert, nicht in Frage gestellt, nicht abgewiegelt. Es entsteht eine Vielfalt und ein breites Spektrum. Das eigene Bewusstsein für Lösungen weitet sich. Man sieht Aspekte, die man noch nie gesehen hat.

Der Blick auf das Spektrum der aktuell verfügbaren Wahrheit, auf Systemwahrheit und auf große Ganze muss institutionalisiert sein. Risiken dürfen nicht nur aus der Perspektive einer Person und eines Ressorts betrachtet werden.

Die kluge Lösung entsteht nicht im Hinterzimmer und im Kopf der einen Person. Sie entsteht zudem auch nicht immer in Zusammenarbeit von Mensch mit künstlicher Intelligenz – manchmal überlässt man der KI besser die Entscheidung. Immer dann, wenn sie klüger ist.

Dabei müssen aufhören, einerseits Narzissten zu beschimpfen und andrerseits Grandiosität in einzelnen Personen zu suchen. Wir können Lösungen auch jenseits der Fähigkeiten des Einzelnen entstehen lassen.

So kann postkonventionelles Denken auch da entstehen, wo die Einzelnen in ihren Konventionen gefangen sind. Es braucht einfach nur einen Rahmen. Und jemand oder eine Gruppe, die einen Erkenntnisprozess mit Haltung moderieren kann.

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Auf Substack gibt es zum Thema eine Kolumne.

Für meinen Youtube-Kanal ich dieses Lernvideo gedreht:

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Über Svenja Hofert

Svenja Hofert verbindet unterschiedliche Welten und Positionen. Dabei entwickelt sie neue und eigene Blickwinkel auf Themen rund um Wirtschaft, Arbeitswelt und Psychologie. Sie ist vielfache Buchautorin und schreibt hier unregelmäßig seit 2006. In erster Linie ist sie Ausbilderin und Geschäftsführerin ihrer Teamworks GTQ GmbH. Interessieren Sie sich für Ausbildungen in Teamentwicklung, Agilem Coaching und Organisationsgestaltung besuchen Sie Teamworks. Möchten Sie Svenja Hofert als Keynote Sprecherin gewinnen, geht es hier zur Buchung.

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