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Akademische oder betriebliche Ausbildung: Was braucht die Zukunft?

Veröffentlicht: 8. Oktober 2014Kategorien: Organisation und Transformation

Vor einiger Zeit habe ich einen Bürokaufmann/frau gesucht. Ich ließ mir Lebensläufe von einem Vermittler senden. Es war eine Katastrophe. Etwa 20 Frauen, kein Mann. Mehr als die Hälfte hatten studiert, viele BWL. Mein Jobangebot beinhaltete Ablage, Exceltabellen und Vorbereitung für den Steuerberater. „Ich will keine Studierte, um Gottes willen!“ rief ich beim Lesen der Unterlagen. Nicht, dass ich etwas gegen Akademiker habe, Gott oder wer auch immer bewahre. Aber so ein Job ist keine Perspektive für jemand, der mehr leisten könnte. Ich bin doch kein Ausbeuter, dachte ich….

Wenn alle Akademiker sind, wer hält dann noch Hände?

Szenenwechsel. In Spanien studieren Krankenpfleger. Jetzt kommen sie, oft hoch spezialisiert, nach Deutschland. Dort sind sie den Ärzten klar untergeordnet. Hier dürfen sie keine kleinen Ärzte sein wie in Spanien, hier sind es Zuarbeiter, weiter unten in der Hackordnung, die in Deutschland offensichtlich ausgeprägter ist als woanders. Während in Spanien, so erzählte mir eine Personalvermittlerin, Spezialisierung angesagt ist, versorgt in Deutschland ein Krankenpfleger einen Patienten rundum. Was für den Menschen besser ist, will ist ein anderes Thema (das arbeitspsychologische Prinzip der „vollständigen Aufgabe“ spräche für unser System), mir geht es mehr darum, den Unterschied im akademischen und nicht-akademischen Ausbildungssystem aufzuzeigen. Und die Sache, die dahintersteckt: Wer entweder mehr kann oder sich zu Höherem berufen fühlt – das zu unterscheiden ist nur im Einzelfall möglich, wenn überhaupt -, der geht nicht dauerhaft zurück in die… „Buckelei“. Wenn ich Schach auf höchstem Niveau zu spielen gelernt habe, langweilt mich das Match mit dem Einsteiger.

Deutschland auf dem absteigenden Ast – weil Akademiker fehlen und zu wenig arbeiten?

Eigentlich sollte das eine Rezension werden. Ich wollte über meine Wochenendlektüre „Die Deutschland Blase. Das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation“ von Olaf Gersemann schreiben. Ich dachte, das Buch hätte mir neue Lösungen aufgezeigt, aber im Grunde hat es mich nur darauf hingewiesen, dass es Leute gibt, die gekonnt mit Zahlen umgehen können, oft Volkswirte. Kombinieren sie ihr Metier mit Journalismus, können sie auch Worte um ihre Zahlengebäude bauen.

Ich bewundere Herrn Gersemann für sein analytisches Schachspiel auf dem Brett der Volkswirtschaft. Dort ist die Kette seiner Argumentation lückenlos. Das Buch ist für meinen Geschmack etwas kalt geschrieben, aber das ist wohl analytisch in der Interpretation des Algorithmisch-Logischen. Dafür hätte er von mir bei Amazon vier Sterne bekommen. Ich habe nachgeschaut, auch die anderen Rezensenten gaben bisher nicht volle Punktzahl. Vier Sterne sind gerecht, eine “zwei” übersetzt in Schulnoten. Das ist fair in der Logik eines Notensystems: Wenn jemand eine Mathearbeit schreibt, bekommt er schließlich eine Mathenote und keine für Deutsch.

Bis 2020 das Arbeitsparadies kommt, Däumchen drehen?

Genau das ist der Punkt. Kommen wir zum Anfang: Meinem vermissten-gesuchten Bürokaufmann und den spanischen Krankenpflegern. Gersemann schreibt auch über den Arbeitsmarkt, immerhin gehört dieser zur Wirtschaftspolitik. Und er hat die Tipps parat, die jeder aus den Taschen zieht, der nur aus einer Disziplin heraus und mit Zahlen in der Hand auf das Thema schaut: demografischer Wandel, klar, zack, 2020, da dreht sich der Markt. Ach, bis dahin können die Leute, die studiert haben, ja ruhig etwas arbeitslos bleiben und sich auf Stellen bewerben, die unter ihrem Niveau sind. Dann aber dann, dreht sich alles. Passt in eine Rechenlogik, ist aber für die Menschen im Moment wenig hilfreich. Gerade haben wir in unserem Büro wieder viel mehr zu tun mit Entlassungen, ein Wirtschaftsumschwung kündigt sich an, Airbus entlässt, Gruner & Jahr, manche kleinen auch… es fühlt sich an wie vor wenigen Jahren… Erzähl diesen Leuten was von 2020 – das sind sechs Jahre!

Gersemann rechnet uns vor, wie Schweizer länger arbeiten als wir faulen Deutschen und dass wir das auch müssten, Volkswirtschaftliche Notwendigkeit eben, um zumindest ein moderates Wachstum zu erhalten, lässt außer Acht, dass das Arbeitsleben in der Schweiz ganz offensichtlich angenehmer ist (Herr Buckmann! Ist doch so?). Es ignoriert, dass Arbeitseinsatz nicht in Stunden gemessen werden sollte, zumal akademischer Arbeitseinsatz nicht, der ja kreativer sein sollte (auch Gersemann glaubt, dass das Kreative des Menschen im digitalen Zeitalter überlebt). Wenig innovativ ist Herr Gersemann auch in anderen Zahlen-Dingen. Das BIP – Bruttosozialprodukt – sei ja umstritten, schreibt er kurz, weil es ja auch dadurch erhöht würde, dass ein Radfahrer in Hamburg umgefahren wird und dieser sich ein neues Fahrrad kaufen muss. Weshalb man zwecks Erhöhung des BIPs doch einfach mehr Rowdytum einführen  könnte…. Optimal sei das natürlich alles nicht. Aber eine Idee, was man anders machen könnte mit diesem BIP: auch nicht. Also da gefällt mir der Glücksindex aus der Psychoecke schon wesentlich besser, aber so was nehmen Zahlenmenschen ja nicht ernst.

Speziell ist nicht gleich spezialisiert

Zurück zu meinem Bürokaufmann und dem Krankenpfleger: Er, Gersemann, propagiert die akademische Ausbildung, wahrscheinlich weil er sich nicht vorstellen kann, dass sich bei mir Promovierte auf den Job eines Belegsortierers bewerben. Er nimmt ein zugegeben prägnantes Beispiel: Den Tankwart – immer noch ein Lehrberuf. Braucht man wohl wirklich nicht. Aber dass das alle Ausbildungsberufe in Frage stellt? Bei Ikea hier um die Ecke, in der großen Bergstraße, passiert gerade das, was ich in „Am besten wirst du Arzt“ 2012 für den Beruf des Einzelhandelskaufmanns vorhergesehen habe: Man scannt sich seine Einkäufe selbst, man braucht eine Handvoll technisch versierter Leute, aber keine Kassenkräfte mehr. Gersemann war wohl noch nicht bei Ikea, aber auch er verweist darauf, dass der Einzelhandelskaufmann zu den bedrohten Berufen gehört. Der Mathematiker etwa nicht? Der Literaturwissenschaftler? Möglicherweise auch… das grenzt an Blasphemie…der Volkswirt? Die Berechnungen und Tabellen unter die Gersemann „Berechnungen selbst“ geschrieben hat – die kann auch der Computer. War er das überhaupt? Oder war es Excel, Stata oder SPSS?

Was bleibt, nachdem ich dieses Buch an einem wunderbaren Sonntag an einem wunderbaren See gelesen habe? Vor allem das sichere Gefühl, dass unser Problem am Arbeitsmarkt nicht die fehlende Akademisierung ist oder das international unvergleichliche (positiv wie negativ!) Ausbildungssystem sind. Der Tankwart kann nun wirklich abgeschafft werden; er ist speziell und nicht spezialisiert. Aber es ist nach wie vor auch so, dass Menschen in und nach Ausbildung viel leichter in Jobs kommen – und nach drei Jahren Lehre ist man ebensowenig wie nach drei Jahren Studium in irgendetwas Experte. Man hat sich selbst kennengelernt, Stärken gefunden und neue Ansätze. Man arbeitet an seiner Mosaikkarriere.

Das Studium kann ein weiterer Baustein sein, einer der später oft mehr Sinn macht als früher. Ich sehe derzeit vor allem den riesengroßen Gap zwischen den Erwartungen Jung Studierter und den Möglichkeiten am Arbeitsmarkt. Mir fehlt der Glaube, dass sich das 2020 schlagartig anders wird. Vor allem in den Großstädten nicht, wo alle hinwollen und kaum jemand weggeht, ist er/sie einmal da…

Der Vorteil eines ausgebildeten Bürokaufmanns ist, dass dieser oder diese wirklich kann, was er/sie tut. Ich hab das erlebt, es ist sensationell. Eine Studentin hatte vorher Bürokauffrau gelernt – ich werde ewig dankbar sein für das, was sie in meinem Büro eingeführt und geordnet hat. Unser Ausbildungssystem ist auch keine Einbahnstraße: Der spanische Krankenpfleger kann sich hier mit Weiterbildungen entwickeln, Stichwort Study Nurse, aber auch viele andere. Es ist sehr eindimensional, eine Akademisierung zu fordern und außer Acht zu lassen, dass betriebliche Ausbildungen auch erhebliche Vorteile haben.

Viele unserer Ausbildungen waren ohnehin schon halb akademisch, vergleicht man Lehrinhalte mit Bachelorthemen – da fehlte nur das Etikett. Und vieles was derzeit in oft teuren Studiengängen vermittelt wird, ist am Arbeitsmarkt viel weniger Wert als das Wissen aus einer Lehre.

Im Grunde gibt es nur ein Problem: Wenn der wind of change die Verhältnisse in Europa mal umdreht, was sicher passiert, ist das deutsche Ausbildungssystem ein Hemmnis, jetzt zumindest. Könnte man das aber nicht anders lösen – durch internationale Anerkennung auch deutscher Abschlüsse und nicht durch… noch ein Studium. Das Studium löst die Grundprobleme nicht, den großen Gap zwischen den Qualifikationen, der in Schulen und Elternhäusern entsteht.

Lieber in der Schule mehr lernen. MS Office

Lieber in der Schule mehr lernen. MS Office

Unter den Bewerbungen zum Bürokaufmann waren auch nicht-akademische. Da waren in jedem zweiten Wort Fehler. Das ist das eigentliche Thema. Diese Leute muss man fördern –  nicht die Studierquote in dem Maße, wie es gerade passiert. Wir können doch nicht im Ernst glauben, mit schlechten PIACC-Ergebnissen und Computerkenntnissen im Absteigerbereich der IT-Bundesliga dauerhaft Europas Überflieger zu bleiben – angesichts der fraglos anhaltenden digitalen Revolution? Und angesichts der glasklaren Tatsache, dass die Automobilindustrie vor einem Umbruch steht, was fundamentale Folgen für den Standort haben wird? (der dann nicht fit genug für kreative Berufe ist!)

Ein Studium schützt nicht vor eindimensionalem Denken

Gersemann schreibt auch, dass wir zu Spezialistenorientiert denken – so interpretiert er die Ausbildungen, siehe Tankwart. Es ist richtig, die Gefahr seinen Job zu verlieren steigt stetig. Und dann ist es ein Problem, wenn man nur Spezialwissen aus nur einem Betrieb mitbringt. Doch ein Studium schützt nicht vor Spezialistentum.

Auch unter den Akademikern denkt, schreibt und redet jeder nur aus seiner Ecke. Die Psychologen aus ihrer, die Volkswirtschaftler aus ihrer, die Mediziner aus ihrer. Das hat zwar nicht so starke Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, aber auf das kreative Denken! Das Buch ist für mich das beste Beispiel dafür. Insofern begrüße ich die neuen interdisziplinären Studiengänge, so lange sie nicht zu einer starken Wissenszerstückelung führen. Aber bitte, bevor ihr euch jetzt zum Mix-Studiengang einschreibt – denkt daran: Wer kreativ verbinden will, muss wissen was. Praktische Erfahrung, etwa gewonnen in einer Lehre, ist da oft nicht die schlechteste Basis.

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Über Svenja Hofert

Svenja Hofert verbindet unterschiedliche Welten und Positionen. Dabei entwickelt sie neue und eigene Blickwinkel auf Themen rund um Wirtschaft, Arbeitswelt und Psychologie. Sie ist vielfache Buchautorin und schreibt hier unregelmäßig seit 2006. In erster Linie ist sie Ausbilderin und Geschäftsführerin ihrer Teamworks GTQ GmbH. Interessieren Sie sich für Ausbildungen in Teamentwicklung, Agilem Coaching und Organisationsgestaltung besuchen Sie Teamworks. Möchten Sie Svenja Hofert als Keynote Sprecherin gewinnen, geht es hier zur Buchung.

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11 Kommentare

  1. Jörg Buckmann 8. Oktober 2014 at 23:33 - Antworten

    Grüezi Frau Hofert, ich habe Ihren Zuruf gehört. Hmm… die Schweiz ein Paradies? Ich habe kürzlich über die Schweiz gelesen: Die Berge sind hoch und die Hierarchien flach. Ich glaube schon, dass das was hat. Dies trägt sicher dazu bei, dass das Arbeiten bei uns in der Schweiz trotz hoher Wochenarbeitszeit (41.7 h im Schnitt, jaja, wir sind wirklich ein fleissiges Völkchen) als angenehm empfunden wird – zumal in Verbindung mit der guten Lebensqualität und der vielleicht doch um einen Tick gemächlicheren Gangart hier. Das bestätigen mir auch viele unserer deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei den Verkehrsbetrieben Zürich, aber auch im Bekanntenkreis. Oder kürzlich mehrere Pfleger/-innen und Ärzte, die ich im Rahmen eines Workshops kennen gelernt habe. Scheint also was dran zu sein.

    In diesem Sinne – ganz herzliche Grüsse aus Züri, wie wir hier sagen.

    Jörg Buckmann

    • Svenja Hofert 9. Oktober 2014 at 18:26 - Antworten

      Grüezi Herr Buckmann, wäre ich Arbeitnehmer, ich würde versuchen einen Job in der Schweiz zu bekommen – aber so Cheffrei und mit selbstbestimmten Hierarchien geht’s auch in Hamburg 😉 LG Svenja Hofert

  2. Damoun 10. Oktober 2014 at 12:18 - Antworten

    Wittgenstein hat dies seinerzeit sehr treffend formuliert: „Auf seinen Lorbeeren auszuruhen ist so gefährlich wie auf einer Schneewanderung ausruhen. Du nickst ein und stirbst im Schlaf.” In einer performance getriebenen Gesellschaft, sollte stets über den Tellerrand hinaus geschaut werden. Eine Spezialisierung auf wenige Branchen ist natürlich stark. Aber in einer Zeit in der sich Politik und Gesellschaft im Wandel befinden ist ein flächendeckendes Branchen/Marktwissen natürlich förderlich.

  3. […] es hinsichtlich des gegenseitigen Verständnisses und Achtens. Vorurteile müssen abgebaut werden. Ein Studium schützt nicht vor eindimensionalem Denken, formulierte Svenja Hofert. „[V]ieles was derzeit in oft teuren Studiengängen vermittelt wird, […]

  4. der große Zampano 13. Oktober 2014 at 11:53 - Antworten

    Aus dem Alltag in “meiner Umgebung”:

    Ihr Zitat:
    “Aber es ist nach wie vor auch so, dass Menschen in und nach Ausbildung viel leichter in Jobs kommen – und nach drei Jahren Lehre ist man ebensowenig wie nach drei Jahren Studium in irgendetwas Experte. Man hat sich selbst kennengelernt, Stärken gefunden und neue Ansätze.”

    An dieser Stelle kann ich Ihnen nicht zustimmen.

    Zur Vorgeschichte:
    Ich entsinne mich noch sehr gut an die 40 Bewerbungen und unzähligen Gespräche bei Unternehmern nach 3 1/2 Jahren Ausbildung und dem Ende einer befristeten 2 Jahresübernahme als Helfer. Ja, ich war auch auf einem guten Weg ein Experte zu werden, da ich die ganze Zeit Facharbeit verrichten durfte trotz mieser Helferbezahlung. Während dieser Zeit wurden auch meine intensiven Weiterbildungsanstrengungen aktiv verhindert, weil ich, wie ich später herausfand, die Hierarchie der Vetternwirtschaft im Unternehmen gefährdet hätte. Aus diesem Grunde durfte ich auch nicht früher meine Ausbildung beenden.

    Resultat der folgenden Bewerbungen und persönlichen Gespräche mit Unternehmern ….. ausschließlich Ablehnungen, weil den Damen und Herren meine schulischen Leistungen nicht passten. Ich hatte mir nämlich erlaubt ein Abitur zu haben und meine Ausbildung hervorragend abzuschließen. So etwas brauche man nicht. “Sie werden mit ihrer Benotung nie eine normale Anstellung im erlernten Beruf bekommen. Sie sind zu gut. So jemand wie sie macht im Unternehmen nur Probleme.” (ehrliche Worte eines Unternehmers vor Ort)

    Das Drama setzte sich auch fort, als ich versuchte während der folgenden Arbeitslosigkeit den Meister bzw. Techniker zu erlangen. Dies wurde durch eine “bestimmte öffentliche Institution” aktiv verhindert.

    Nein Danke, habe ich dann gesagt und mich in Anbetracht solchen Wahnsinns bei der Uni eingeschrieben. Die beste Entscheidung meines Lebens.

    Meine Erfahrungen! sagen, dass die meisten Unternehmer keine motivierten und hervorragend ausgebildeten Facharbeiter und Co. suchen. Es geht nur um das liebe Geld. Erfahrungen aus meinem Umfeld zeigen, dass man statt eines neuen Facharbeiters lieber einen Leiharbeiter holt. Der kann zwar zunächst nicht “das Richtige” , ist ungelernt oder muss teuer angelernt werden. Aber der ist billig. Das damit die gesamte Arbeitsmoral im Unternehmen nach unten gedrückt wird, würden “viele Unternehmer” nicht einmal realisieren, wenn diese Tatsache ihnen mit Schmerz behaftet ins Gesicht springen würde.

    Zitat:
    “Unter den Bewerbungen zum Bürokaufmann waren auch nicht-akademische. Da waren in jedem zweiten Wort Fehler. Das ist das eigentliche Thema. Diese Leute muss man fördern – nicht die Studierquote in dem Maße, wie es gerade passiert. ”

    Das hier beschriebene Phänomen kenne ich auch. Ein Großteil der Azubis in meiner Berufsschule und Klasse war nicht einmal in der Lage eine simple Formel in Mathematik umzustellen, geschweige denn sinnvolle Berechnungen durchzuführen. Der Stand der Mathematikkenntnisse war bei den 10. Klasse Azubis mit Realschulabschluss ungefähr der eines Gymnasiasten beim Beginn der 7. Klasse. Bei den Fächern Deutsch, Englisch sah es entsprechend düsterer aus.

    Dementsprechend verhielten sich zum Teil auch diese Schüler. Das bedrohen von Lehrern und das Mobbing waren an der Tagesordnung. Ich rede nicht nur von aktuellen Zuständen, sondern beginnend im Jahre 1999. Diese setzen sich bis in die Gegenwart fort. (guter Kontakt zu ehemaligen Berufsschullehrern)

    Was an dieser Stelle jedoch bemerkenswert ist, ist die Tatsache, dass nicht die sehr guten und guten Azubis einen Arbeitsplatz ergattern durften. Nein, diese wurden zum Großteil von den Ausbildungsbetrieben nach der Freisprechung sofort “entsorgt”, da man ja nun nicht mehr “kostenlos” mit den glänzenden Leistungen der Azubis in der Öffentlichkeit angeben konnte. Auch durch eigene Erfahrungen kann ich sagen, dass Bildung und Leistungswille bestraft werden. Es geht nur darum gestellte Aufgaben abzuarbeiten. Wer über den Tellerrand hinaus denkt und es dann auch noch wagt diese Gedanken auszusprechen, wie dies gebildete Menschen zu tun pflegen, wird aus der arbeitenden Gesellschaft ausgesondert. Diese Erfahrungen mache ich auch nach meinem Studium trotz gutem Abschluss.

    Die “begehrten” Arbeitsplätze bekamen dann die Facharbeiter, welche ihre Ausbildung gerade so oder im 2. Anlauf bzw. befriedigend abgeschlossen hatten. Deren Mängel in Rechtschreibung etc. stellen und stellten offensichtlich keinen Mangel dar, denn diese Personen Arbeiten viel ohne etwas zu hinterfragen. An dieser Stelle wäre Verstand nur hinderlich.

    Ich sag es mal etwas sarkastisch. Offensichtlich ist eine Förderung der Bildung der Arbeiter, im Sinne Ihres Zitates, unerheblich für deren Funktion und Nutzen als Zahnrad in der “großen Arbeitsmaschine”, sowie für deren Mehrwertproduktion zur Gewinnmaximierung des Unternehmens.

    Ich lasse mich hinsichtlich einer positiven Förderung von Bildung und Leistungswille in der Arbeitswelt gerne eines besseren belehren, doch seit über 150 erfolglosen Bewerbungen, Praktika, Probearbeiten ohne das ich Lohn erhielt, persönliche Beleidigungen auf Unternehmertreffen, etc. habe ich nichts abweichendes finden können.

  5. Jenny 5. November 2014 at 16:37 - Antworten

    das duale Ausbildungswesen hat massive Schwächen und ist in vielen Bereichen nicht innovativ genug, es hängt tw. in manchen Zweigen hinter aktuellen Entwicklungen hinterher.

    Das sie so viele BWLer haben die sich auf Bürokauffraustellen bewerben, hat mehrere Gründe. Es ist mir tatsächlich schon begegnet, das manche freiwillig einen solchen Job machen wollen, weil sie keinen so stressigen Job im Management wollen, gerade wenn sie z.B. nur Teilzeit arbeiten wollen.
    Nichts destotrotz liegt es an der Aufspaltung des deutschen Bildungswesens in beruflich und akademisch, eine künstliche Trennung, die es so stark anderswo kaum gibt. Es wachsen in DE oft 200 verschiedene Management und BWL-Studiengänge, aber da, wo es richtig wäre, wird kaum ein neuer innovativer Studiengang entwickelt. Es macht z.B. mehr Sinn die Fachhochschulen auszubauen und medizinische Berufe dort anzusiedeln als den 200. BWL-Studiengang aus dem Boden zu stampfen.

    ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen, wo DE weniger innovativ ist als andere Länder — das Bsp. heißt Respiratory Therapy, ein Studium, dass von Kanada und den USA nun auch von China und Vietnam übernommen wird.

    wir vergleichen es mit der Situation in DE, wo man NUR über Fortbildungen nach bereits erfolgter Ausbildung diesen Beruf lernen kann. Verdeutlichen muss man sich dabei den Fakt, dass in Kanada NUR Personen mit Studium und LIZENZ in dem Bereich arbeiten dürfen, die Beschäftigungsrate liegt bei nahe 100%, das Einkommen ist gut und tw. mehr als bei manchen anderen akademischen Beruf. Der Beruf: http://bit.ly/1okstQn

    die Situation in DE:

    http://bit.ly/1okssMm

    und so sieht das in Kanada aus:

    http://bit.ly/1okssMr

    ich hinterfrage die Qualität des Ausbildungswesens, weil es meiner Auffassung nach nicht in der Lage ist, den Fachkräftemangel zu beseitigen. Es fehlt auch die Möglichkeit Berufe leichter wechseln zu können, die Flexibilität. die Colleges anderswo sind da sehr fair, was das angeht: es ist immer auch veröffentlicht, wie die Arbeitslosigkeit ist, die Jobchancen, welche Aufstiegsmöglichkeit, Gehälter, Statistiken zum Beruf

    und was wichtig ist ist die Flexibilität — die fehlt in DE nämlich. Stellen sie sich vor, das in DE nur derjenige ausgebildet wird im Wunschberuf, der einen Ausbildungsvertrag erhält, dann wird den jungen leuten noch erzählt, wenn Du im wunschberuf nichts findest, dann musst du halt einen anderen nehmen, den du nicht willst.

    in anderen Ländern gibts am College einen gigantischen Katalog zzgl. allen Jobinformationen — und dann wähl mal aus, was DU willst — da fragt keiner nach nem Ausbildungsvertrag — in DE erhalten ja viele keinen.

    und dann bleibt das Weiterbildungssystem – in Kanada kann doch jeder leicht in eine andere Branche wechseln, dann schreibt der sich einfach am College ein — das ist ein Vorteil!!! Allein die Quereinsteiger, die gewonnen werden können. Es ist doch viel flexibler.

  6. Jenny 5. November 2014 at 16:50 - Antworten

    ein weiteres negatives unflexibles Beispiel, welches mir spontan einfällt ist der Fachwirt Steuern, wo gerade ein Fachkräftemangel ist.
    ich möchte nur mal verdeutlichen, wo Schwächen sind. Stellen sie sich vor, sie haben irgendeinen Büroberuf gelernt, z.b. bürokauffrau oder irgendwas und haben nun die Idee Steuern gut zu finden und lernen zu wollen, auch weil sie wissen, dass DA ja ein Mangel ist und sie mit dem überlaufenen Bürokaufmann nix finden.

    Nun wollen sie den fachwirt Steuern machen, da das natürlich ein tolles “nicht konsekutives”! Angebot wäre. Aber was lesen sie da bei dem Bildungsträger, der das anbietet: SIE dürfen gar nicht rein!!!! Nur wenn sie Steuerfachangestellter sind ODER mindestens 5 Jahre bereits in einem Steuerunternehmen gearbeitet hätten, dann wären sie reingekommen. Und wenn sie als Bürokauffrau nicht zufälligerweise in einem Steuerbüro saßen, dann haben sie Pech gehabt! Sie müssten dann statt dessen einen Ausbildungsbetrieb suchen und dann den Büroberuf Steuerfachangestellter erst lernen, dann wieder 3-4 Jahre Berufserfahrung sammeln und erst DANN kann der Fachwirt kommen.

    Verstehen sie, was ich mit unflexibel meine? Wollen Sie noch ein Beispiel aus der Realität hören.

    Es gibt den hoch – und überspezialisierten Beruf “Fachangestellte für Informationsdienste” – ein Beruf der zu 95% nur einen Arbeitgeber kennt, nämlich die öffentliche Bibliothek. Ich kenn eine, die war mit dem Beruf Aufstockerin, weil sie nur eine Teilzeitstelle fand – die Arbeitsagentur zwang sie dann für befristete Stellen anderswo zur deutschlandweiten Bewerbung, für den Beruf sind selbst in Großstädten oft nur 10 Stellen pro Jahr ausgeschrieben.
    die Person wollte beim Arbeitgeber (Universität) dann eigentlich gern als Verwaltungskraft allgemein noch arbeiten oder einige Stunden so dazubekommen — eigentlich ist es ja egal , ob ich Bücher und Daten verwalte, oder Personalakten — aber nicht so in DE — das wurde ihr nicht möglich gemacht, da sie ja Fachangestellte für Informationsdienste ist, nicht allg. Bürokauffrau – im Endeffekt sind diese überspezialisierten Ausbildungen aber doch so gut wie identisch!

    keine Ahnung, ob ich Ihnen das Bsp verständlich vermitteln konnte, aber ich denke, DE ist da zu überspezialisiert. Das wäre ja nicht weiter schlimm, wenn wenigstens das Umschulungssystem als Notfallmechanismus flexibel wäre, aber auch da hapert es.

    Um Langzeitarbeitslosigkeit zu verhindern sollte einBildungssystem auf allen Ebenen flexibel sein – das gilt auch für Akademiker, weshalb Ich ein großer Fan von nicht konsekutiven Studiengängen bin!! Ich z.B. wollte bald nicht konsekutiv Umwelttechnik studieren, andere finden z.B. eine Stelle erfolgreich nach Studiengängen wie Informatik für Geisteswissenschaftler, nach dem die lange mit Geschichte keine Stelle fanden.

    Flexibilität wäre für alle eine gute Sache! Das seh ich aber im dualen Ausbildungssystem nicht.

  7. Jenny 5. November 2014 at 17:05 - Antworten

    und um noch mal auf die Pflege und ihre Fortbildungen zurückzukommen. Herr Alt von der Bundesarbeitslosenagentur hat gerade wieder erklärt, dass schon wieder Ausbildungsplätze in der Pflege und Altenpflege fehlen, ebenso steht es im Bildungsbericht.
    Wenn nicht genug ausgebildet wird, dann fehlen noch mehr auch jene mit den Fortbildungen. Also fehlen mit den Fachkräften auch die Spezialisten. Das ist mir als großer Vorteil bei dem System in Ländern wie Kanada und Australien aufgefallen – wenn da jeder auch als Quereinsteiger ohne Ausbildungsvertrag überall reinkann, so wird es doch leichter Fachkräfte ausbilden zu können.
    Das Unterangebot an Ausbildungsplätzen gibt es in DE seit den 1980ern. Und wenn man in die Liste der beliebtesten oder am häufigsten angebotenen Berufe blickt, findet man ausgerechnet sowas wie Verkäufer/Einzelhandelskaufmann, also Berufe, wo meiner Meinung nach eigentlich gar nicht so wichtiger Fachkräftebedarf ist, da das auch viele Aushilfen, Minijobber, Studenten etc machen.

    keine Ahnung, ob sie das verstehen, was ich damit sagen will. Ich befürchte manchmal, dass DE in unwichtigen Bereichen zu viel ausbildet, in wichtigen Bereichen zu wenig.

    Es ist immer wichtig, dass ein Gesamtbildungssystem flexibel Wechsel! ermöglicht, es sollte immer möglichst leicht sein, sich weiterzubilden, umzuschulen oder wechseln zu können – und zwar auch auf eigene Veranlassung hin. Wo man in Australien oder Kanada oder auch anderswo einfach sagen kann – “ich will das lernen und setz mich ins College” – da fehlt sowas in DE — quasi fehlen uns “niederschwellige Lernangebote” – weil man ja immer wieder bei der Ausbildung dual mit ausbildungsvertrag neu anfangen muss oftmals, oder man benötigt das Grüne Licht und Geld der Arbeitsagentur, die das aber oft verweigert.

    vielleicht bin ich die einzige Person, die es toll findet, wenn es offene Systeme gibt, wo man auf jeder Stufe nicht konsekutiv lernen kann. Wieso soll eine Bürokauffrau nicht ohne Ausbildungsvertrag direkt was zum Thema Steuern lernen dürfen z.B. – v.a. wenn da ein Fachkräftemangel ist. Selbst ihre BWLerinnen hätten evtl. Probleme, in den Steuerfachwirt reinzukommen, weil sie ja nicht jahrelang da gearbeitet haben. Könnte ich mir vorstellen.

  8. Jenny 5. November 2014 at 17:14 - Antworten

    negativ fallen mir auch die ständigen Doppelausbildungen in total ähnlichen Berufen auf! Es macht z.B. gar keinen Sinn, dass eine Bürokauffrau als erneute Ausbildung dann noch mal sowas wie Fachangestellte für Informationsdienste lernt – es ist doch egal, ob man Personalakten oder Bücherlisten verwaltet. Auch sollten Bildungssysteme stufenweise aufeinander aufbauen, so das es schnell vorangeht — also auch anrechenbar für die nächste Stufe sein – aber auch das ist oft nicht der Fall! Es geht doch darum, möglichst Zeit und damit Geld zu sparen — auch das man z.B. erst 5 Jahre irgendwo arbeiten muss, um sich weiterbilden zu können, finde ich hinderlich.

    DE hat übrigens viel mehr Langzeitarbeitslose als andere Bildungssysteme die schulischer ausbilden. Ich denke, dass liegt oft an der mangelnden Flexibilität. Auch mancher Minijobber müsste mal eine neue Ausbildung erhalten. Als Hausfrau aber oft nicht so leicht. Die haben ja auch kein Recht auf Bildungsgutschein und Co.

  9. Jenny 5. November 2014 at 17:39 - Antworten

    ich kann immer nachvollziehen wie schrecklich das ist, wenn man irgendwann mal eine Ausbildung gelernt hat, dann arbeitslos ist und gern was Neues lernen möchte. Dann aber keine Möglichkeit dazu bekommt.

    Wie gesagt, finde ich es bemerkenswert, wenn man sich in anderen ländern einfach sagen kann “dann geh ich noch mal ins College und suche mir einfach was Neues aus” — ich denke, in DE ist das wesentlich schwerer. Naja, Arbeitslose bekommen evtl manchmal eine Umschulung, aber für andere ist es evtl. schwer.

    Onlinestudiengänge sind da auch hilfreich. Das wären alles leicht erreichbare Angebote.

  10. Jenny 7. November 2014 at 5:37 - Antworten

    mir ist noch ein Nachteil beim dualen Ausbildungswesen eingefallen, der einen nur auffällt, wenn man selbst mal eine solche absolviert hat. Die geringe Stellenfluktuation. Ich hab z.B. eine Ausbildung für die es auf dem freien Arbeitsmarkt kaum Stellen gibt. Das liegt daran, weil jeder einfach selber ausbildet, diesen dann übernimmt — soweit, so gut — aber dadurch ist der Arbeitsmarkt total verschlossen — die guten Stellen werden intern besetzt, falls mal doch seltenerweise eine Stelle auf dem freien Arbeitsmarkt landet, was lange Jahre kaum der Fall war, dann sind es nur sehr wenige, schlechte Stellen.

    ich finde den Arbeitsmarkt in DE sehr verschlossen für jene, die nicht übernommen wurden, weil ja jeder selber ausbildet.

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