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Idealismus mit Geschäftssinn: Wie Doris Tito mit Schubladendenken aufräumt (Interview)

Veröffentlicht: 8. Mai 2015Kategorien: Organisation und Transformation

Doris Tito, Patriotische GesellschaftWas weckt meine Begeisterung? Was möchte ich wirklich machen – aus tiefstem Herzen? Während andere dem Geld hinterherjagen, ist Doris Tito immer ihrer Nase gefolgt. Die ehemalige Geschäftsführerin des Hamburger Obdachlosen-Magazins „Hinz und Kunzt“ ist seit 2000 Programmleiterin von Seitenwechsel®, einer Initiative der Patriotischen Gesellschaft von 1765. 1700 Führungskräfte haben sich seitdem mit der anderen Seite des Lebens vertraut gemacht – mit der Arbeit in Drogenberatungsstellen, Hospizen oder in Behinderteneinrichtungen.

Ich habe Doris Tito auf einem Netzwerkabend kennen gelernt. Mir gefiel ihre lebendige, direkte, unkomplizierte Art. Eine kleine Frau, die viel zu sagen hat. Für zwei Stunden bin ich zu ihr in die Patriotische Gesellschaft gekommen. Bei einem Tee unterhielten wir uns über ihr Leben, Karriere, Berufsorientierung und natürlich den Seitenwechsel, Personalentwicklungs-Programm für Manager und Führungskräfte. Seien Sie gespannt.

Ihr Lebensweg dürfte viele beeindrucken. Es gibt nicht viele Frauen in Führungspositionen und ein Schwenk aus der Wirtschaft in den sozialen Bereich ist auch höchst ungewöhnlich. Wie kam das? Waren Sie immer eine Idealistin?

Tito: Nein, ich habe erst einmal eine Lehre gemacht, bevor ich mich für ein BWL-Studium entschieden habe und einige Jahre im Marketing arbeitete. Dann habe ich von Hinzt und Kunzt gehört, fand das eine tolle Idee, und da habe ich ganz einfach angerufen und wollte mich ehrenamtlich engagieren. Ich habe mir nichts dabei gedacht, bin einfach meinem Interesse gefolgt. So kam ich mit den beiden Gründungsredakteuren zusammen, erfahrene Journalisten. Man brauchte damals jemand, der den „Laden“ kaufmännisch zusammenhielt und organisierte, der sich um Finanzen kümmerte und natürlich auch Kooperationen aufbaute, der sich mit der Stadt und den Behörden austauschte. Als wir eine gemeinnützige GmbH wurden, übernahm ich die Geschäftsführung. Das war 1996. Es hat viel Spaß gemacht und mein Leben bereichert.

Sie haben bei Hinzt&Kunzt sechs Jahre eine Menge bewegt und sind in diesen Jahren auch Mutter einer Tochter geworden. Das hat sie nicht abgehalten, den nächsten Schritt zu tun…

Tito: Ich hörte von dem Projekt Seitenwechsel, das damals in der Schweiz erfolgreich aufgelegt worden war. Ich fand das eine großartige Idee und hatte Lust, dieses Programm für die Patriotische Gesellschaft aufzubauen. Ich habe so viele Menschen erlebt, die nicht wirklich wissen, wie es ist, mit einem Obdachlosen zu arbeiten oder mit Drogenkranken zu tun zu haben. Das verändert den Blick. Viele denken, die Menschen seien ja selbst schuld an ihrer Situation oder jeder sei seines Glückes Schmied. Aus meiner Zeit bei Hinzt&Kunzt wusste ich einfach, dass das nicht immer so ist. Wer sich auf das Programm einlässt, macht Erfahrungen, die lange nachwirken. Es verändert nachhaltig und ist somit ein sehr intensives Personalentwicklungsprogramm. Es ist dabei nicht unbedingt ein Weichspüler: Manche werden auch härter dadurch. Andere fangen an sich sozial zu engagieren. Aber ich sage immer: das sollte man sich sehr gut überlegen. Es bringt nichts zu versprechen, und dann keine Zeit mehr zu haben.

Wichtig finde ich, zu erwähnen, dass die Manager beim Seitenwechsel nicht die Führung übernehmen, sondern still mitlaufen.

Tito: Ja, sie sind Praktikanten und aktive Beobachter. Sie machen mit, werden Teil der Gruppe, nehmen etwa an den täglichen Besprechungen Teil. Sie sind nicht dazu da, aufzuräumen! Im Gegenteil. Die Sozialarbeiter haben die Führung, und die behalten sie. Auch das ist ein Lerneffekt, der wichtig ist.

Aber es war nicht leicht, den Verantwortlichen den Nutzen klar zu machen… Im Vortrag sagten Sie, dass ein Schifffahrtsunternehmen gesagt hätte: „Hören Sie, meine Dame, wir bauen Schiffe.“

Tito: Das war so. Die Akquise von Unternehmen dauert oft mehrere Jahre bis zu 10 Jahren. Man muss sehr viel Überzeugungsarbeit leisten. Ich bin überzeugt von dem, was ich tue. Also bleibe ich dran. Ich bin hartnäckig.

Bevor man ins Programm aufgenommen wird, muss man eine Marktbörse besuchen, auf dem die Institutionen, mit denen Sie zusammenarbeiten, sich präsentieren. Das ist eine Hürde…

Es ist eine Chance, denn jeder muss wissen, was auf einen zukommt. Das ist keine Sozialromantik. Manch einer hat hier schon seine Meinung geändert, wollte zunächst in ein Hospiz und hat sich dann für die Drogenberatung entschieden.

Als Karriereberaterin suche ich natürlich nach den Learnings für meine Leser. Was man von Ihnen lernen kann, so finde ich, ist die Tatsache, dass Sie eben nicht zielgerichtet vorgegangen sind, sondern ihrer Nase gefolgt sind. Sie haben ihre Karriere nicht geplant.

Für mich war immer die Sinnfrage wichtig, ich brauche keine finanziell attraktive Karriere. Mir war es auch wichtig, einen Platz im Leben zu finden. Und bewusste Entscheidungen zu treffen.

Wie wird das bei ihrer Tochter sein, die im nächsten Jahr Abitur macht?

Karriere muss man nicht planen, aber man muss wissen, was man tun will. Zwischen dem Wissen-was-man-will und sich Gehen-lassen liegt ein himmelweiter Unterschied. Meine 17jährige Tochter denkt auch so. Sie weiß, was sie will, auch wenn sich dies noch nicht im Streben nach konkreten Positionen zeigt. So macht sie gerade ihre Bewerbung für das Weltwärts-Programm fertig. Sie will sich ein Jahr in einem Entwicklungsland engagieren und dort als Freiwillige Englisch unterrichten.

Ich selbst habe die ersten zwei Jahre meines Studiums jeden Morgen von sechs bis acht Uhr mit körperlich und geistig Behinderten gearbeitet. Das war für mich eine sehr prägende Erfahrung. Ich wusste danach, dass ich mich für diese Arbeit nicht eigne. Dennoch war es wertvoll. Denn habe ich Berührungsängste verloren. Das ist heute noch wichtig. Wenn ich jetzt zu Ihnen ginge, was würden Sie mir raten?

Tito: Sie sollten dann etwas anderes machen, zum Beispiel in eine Drogentherapieklinik gehen. Das rate ich auch den Führungskräften: etwas zu tun, was ihnen fremd ist. Aber sie sollten keine zu große Angst haben. Dafür ist unsere Marktbörse gut, hier stellen sich die Einrichtungen vor, und die Führungskräfte können fragen und ins Gespräch kommen. So wird oft Interesse geweckt und Meinungen verändern sich. So kann es sein, dass vor dem Marktplatz jemand auf gar keinen Fall in ein Hospiz wollte, danach aber seine Meinung geändert hat.

Was ist Ihnen bei allem was Sie tun wirklich wichtig?

Ich möchte, dass Menschen bewusster werden. Dass sie ihre Vorurteile sortieren und vielleicht aufräumen. Wenn das passiert, ist viel erreicht.

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Über Svenja Hofert

Svenja Hofert verbindet unterschiedliche Welten und Positionen. Dabei entwickelt sie neue und eigene Blickwinkel auf Themen rund um Wirtschaft, Arbeitswelt und Psychologie. Sie ist vielfache Buchautorin und schreibt hier unregelmäßig seit 2006. In erster Linie ist sie Ausbilderin und Geschäftsführerin ihrer Teamworks GTQ GmbH. Interessieren Sie sich für Ausbildungen in Teamentwicklung, Agilem Coaching und Organisationsgestaltung besuchen Sie Teamworks. Möchten Sie Svenja Hofert als Keynote Sprecherin gewinnen, geht es hier zur Buchung.

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