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Schwarmdummheit: Warum Bauernschlaue Karriere machen und Kompetente in der Burnoutklinik landen

Veröffentlicht: 4. April 2015Kategorien: Organisation und Transformation
  • „Wir haben das schon immer so gemacht.“
  • „Bilden Sie sich nicht ein, mit dem Scheiss-Theoriewissen aus Ihrem Studium könnten Sie hier irgendetwas anfangen.“
  • „Bei uns gelten ganz andere Regeln als an der Universität.“

Willkommen im wahren (Arbeits-)Leben.

organization-152809_1280Lange hatte ich ein gutes Bild von dualen Studiengängen. Ich dachte, die Leute könnten das, was sie theoretisch lernen, in der Praxis anwenden. Ich dachte, eine Verknüpfung von Theorie und Praxis müsse ja wohl das Optimum sein, denn irgendwie kommen mir die Leute immer sehr einseitig vor, so entweder-oder. Die Studienabbrecher und Ex-Azubis betonen die Bedeutung der „Schule des Lebens“ und die Master und Promovierten den Sinn der Theorie. Mich nervt das. Ich liebe und lebe das sowohl als auch. Weil das Leben für mich nicht entweder-oder ist.

Nicht nur Studenten dualer Studiengänge hören oft Sätze wie jene, die ich oben zitiert habe. Firmen wollen, wünschen, fordern Bachelor- und Masterabsolventen, aber sie sind nicht wirklich, tief, ernsthaft interessiert daran, deren Wissen auch zu nutzen. Also passen sich die Jungstudierten an und lernen, Ansprüche runter- oder auf das Niveau der anderen gleichzuschalten. Einige lesen freiheitsverheissende Generation-Y-Artikel – und kündigen. Dann suchen sie nach Unternehmen, die ihr Wissen und ihren Willen zur Innovation schätzen und keine saublöden Kompromisse. Dabei merken sie, wie schwer das ist. Vor allem in der Konzernwelt, in denen Ureinwohner die Steinzeit bewahren wollen.

Ich schreibe hier eine Rezension zu Gunter Duecks „Schwarmdumm“, und nein, es geht dort nicht wie zu erwarten um Teamarbeit, wie wir sie verstehen. Es geht darum, was arbeitende Menschen, die in Unternehmen in Schwärmen vor allem in Meetings auftreten, aus Ideen machen. Wie sie es schaffen, geniale Ideen im Keim zu ersticken. Und warum sie gute und kompetente Mitarbeiter ignorieren und stattdessen immer wieder Unfähige einstellen und befördern. Hauptsache Studienabschluss im oberen Eindrittel-Bereich, am besten von einer Uni, die im Ranking hochsteht. Diese Annahme ist nicht schwarmintelligent, sie ist schwarmdumm.

First Class hires first class – second class hire third class

Dueck nennt dafür den Dunning-Kruger-Effekt als einen Grund für viele Schwarmdummheiten. Justin Dunning und David Kruger von der Cornell Universität hatten 1999 herausgefunden, dass weniger kompetente Leute zu mehr Selbstüberschätzung neigen als Kompetente. Wen es interessiert: Mehr Info in der Studiensammlung unserer TeamWORKS-Website, hier.

Weniger Kompetente neigen demnach dazu:

  • Ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen,
  • Überlegene Fähigkeiten der anderen nicht zu erkennen

Weiterhin fanden Dunning und Kruger heraus, dass schwache Leistung mit größerer Selbstüberschätzung einhergeht. Die beiden Wissenschaftler brachten auch eine positive Botschaft: Man kann den Inkompetenten etwas beibringen, was sie dann auch anwenden… Anders gesagt: Auch Inkompetente können lernen. Sie sind dann auf das Gelernte oft besonders stolz. Denken Sie nur an jene Kollegen, die nach drei Wochen Aquarellmalerei in der Toskana gleich alle Bekannten mit ihren Gemälden beglücken… Genau, wirkliche Talente würden das nie tun! Sie würden ihre Gemälde im Keller behalten, bis sie sich sicher sind, dass sie gut sind oder sie selbst davon überzeugt sind. Im Grunde gehen nur Inkompetente mit neuen Errungenschaften sofort hausieren. Das erkennt man auch in Unternehmen, und ganz besondere in Meetings.

Das dumm Einfache gewinnt auch im Vorstellungsgespräch

Die Inkompetenz, das ist jetzt meine Erfahrung als Karriereberaterin, nistet sich besonders fest in die größeren Unternehmen ein. Inkompetente verlassen sichere Häfen – Unternehmen – nicht. Sie sorgen lieber dafür, dass pfiffige und kluge Ideen ganz schnell von der Tagesordnung verschwinden bzw. gar nicht erst entstehen, denn diese könnten ja auch sie in ihrer Existenz bedrohen. Außerdem erkennen sie die gute Idee nicht als solche. Siehe Dunning-Kruger-Effekt. Drittens fehlt Geduld: Dinge so richtig genial einfach zu machen, braucht man nicht nur gute Leute, sondern oft auch länger. Mir fällt hier das Marshmallow-Experiment ein: Dumme wollen Erfolge sofort, sie warten nicht.

In Duecks Worten gesprochen: das Dumm Einfache gewinnt fast immer – im Gegensatz zum pfiffig oder intelligent Einfachen. Dueck bezieht das auf Ideen und Innovationen. Ich würde aus meiner Perspektive sagen: Es bezieht sich auch auf alles andere. Schon in den Vorstellungsgesprächen und Assessment Centern werden Inkompetente bevorzugt. Das liegt daran, dass schon die Personaler und Fachentscheider nicht nach objektiven Kriterien urteilen, sondern entweder unter Zuhilfenahme dubioser Messinstrumente oder/und nach dem Bauch und Intuition, den Inkompetente oft besonders hochhalten (sonst müssten sie ihre Instrumente und Intuition ja in Frage stellen). Jemand, der dumm einfach seinen Lebenslauf nacherzählt wird am Ende eher eingestellt als jemand, der pfiffige und kluge Fragen an das Unternehmen stellt.

Ein Beispiel gefällig?

„Sie sind sehr qualifiziert, viel besser als der andere Kandidat. Aber mein Chef meinte, der andere passt besser zu unserer Kultur.“

Dieser Satz stammt original aus einem großen Konzern, der sich dringend neu erfinden muss und eigentlich Kompetenz dringend bräuchte. Er ist im Wettbewerb abgerutscht, Innovationen sind überlebensnotwendig. Man bräuchte jemand, der quer denkt. Aber so einer mag schlaue Ideen haben, fügt sich aber nicht so leicht in die Kultur. Und selbst wenn einer, in dem Fall der direkte Vorgesetzte, den Bedarf erkennt – in großen Unternehmen finden sich immer jemand, der dann doch dagegen ist…

Alltagsirrsinn!

Recruitung-Wahnsinn! Irrenhaus! Im Kern, so dachte ich beim Lesen, ist Duecks Buch eine intellektuelle Version von Martin Wehrles „Ich arbeite in einem Irrenhaus“.

Es gibt in beiden Büchern eine simple These, auf die sich alle einigen können, egal welchen Hintergrund sie haben. Alphas wie Betas, Gammas wie Omegas – alle werden zustimmen: „Der Schwarm (das Team, das Unternehmen) ist blöd.“ Ein Buch auf eine simple These fokussieren – das hat Dueck mit diesem Buch nach vielen sehr guten Büchern geschafft. Alle müssen nicken. Kennen wir ja: Wenn jemand blöd ist, dann immer die anderen. Die Betriebswirte zum Beispiel, die mit ihren „KPIs“ alles messen und vermessen wollen. Dueck widerlegt einfache Formeln wie die Berechnung der optimalen Auslastung vor der Kassenschlange. Konnte sogar ich mit meinem mathematisch begrenztem Talent nachvollziehen. BWL-Bashing kommt auch immer gut, da vollzieht man gern mit der letzten verbliebenen Gehirnzelle nach, dass es „Schwachsinn“ ist…

Binsenweisheiten statt Ratschlag

Lösungen verpackt Dueck in kleine Häppchen ans Ende des Kapitels und nennt sie „meine Binsenweisheiten“. Das macht es sympathisch. Dueck ist ein „Gelber“, ein Ambiguitätstoleranter, der eigentlich keine einfachen Thesen und im Grunde auch keine simple Wahrheit verkauft. Doch mit dieser Haltung schreibt man keine Bestseller, weshalb Dueck möglicherweise das Thema Spiral Dynamics (findet sich in 9Levels und Frederic Laloux´ Reinventing Organizations…Infos hier) aus diesem Buch verbannt hat. Er weiß: Leser sind überwiegend rot (wollen Erfolg), blau (suchen also Regeln und Rezepte), orange (setzen auf Leistung) oder grün (suchen nach Glück und Sinn). Mit diesem Buch bedient er letztendlich alle. Sein Publikum wird größer werden.

Ein Höhepunkt im Buch ist für mich die Passage, in der sich Dueck über die Booksmarts und Streetsmarts auslässt und sie in jeweils in zwei Klassen teilt. Streetsmarts sind sowas wie die Überlebenskünstler in Unternehmen, bewährt im Nahkampf. Streetsmarts erster Klasse sorgen dafür, dass die Dinge im Sinne des Unternehmens funktionieren. Sie lassen Booksmarts, zum Beispiele Ingenieure, die Zeit, Dinge in Ruhe zu entwickeln. Mit guten Streetsmarts gibt es keinen Stress und Burnout, so die hier sehr vereinfacht wiedergegebene Botschaft. Streetsmarts zweiter Klasse sind nur am eigenen Überleben interessiert, etwa an der nächsten Gehaltserhöhunh, und stressen die Leute. Sie wollen in Unternehmen weiterkommen, in dem sie dessen Regeln zum eigenen Vorteil – etwa zum Durchsetzen einer Gehaltserhöhung – anwenden.

Booksmarts dagegen sind Intellektuelle, die sich ein profundes Wissen angelesen haben. Booksmarts zweiter Klasse wenden dieses Wissen normen- und regelorientiert und zum eigenen Vorteil an. Booksmarts erster Klasse sind kreativ und könnten viele „genial einfache“ Ideen initiieren. Sie stellen die grundsätzlichen Fragen, etwa „welche Verantwortung haben wir über bloße Jobs hinaus?“ Booksmarts zweiter Klasse streben nur einfach danach, der oder die beste zu sein, um Karriere zu machen. Sie denken und handeln nach Rankings. Dueck schreibt dazu: „Sie haben alle Skills, aber nicht die innere Haltung der echten Booksmarts.“ Natürlich brauchen Unternehmen Booksmarts und Streetsmarts, aber wenn sie exzellent sein wollen, jeweils nur erster Klasse. Und sie brauchen Menschen, die book und street smart sein können.

dummEin Bekannter von mir führt ein mittelständisches Unternehmen. Jahrelang bevorzugte er Absolventen bestimmter Universitäten, die in Rankings gut bewertet waren. Bis er merkte, dass er damit fast alles Street Smarts zweiter Klasse anzog – interessiert nur am eigenen Vorteil, nicht am Produkt. Die machten seine Leute kaputt. Das Unternehmen wurde zu einer Art Schaubühne für Selbstdarsteller, die alle nur kurz blieben, da die Firma nur Durchlauferhitzer war.

Jetzt stellt er wieder Azubis ein. Und er hat einen Book Smart angeworben – als eine Art Chief Lateral Thinker, oberster Querdenker. Mal sehen, was das bewirkt. Jedenfalls gibt es jetzt wieder mehr sowohl als auch.

Ist das Buch lesenswert? Muss ich wohl nicht extra sagen. Klar. Auch für “Gelbe”. So wie das Neue und seine Feinde, hier.

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Über Svenja Hofert

Svenja Hofert verbindet unterschiedliche Welten und Positionen. Dabei entwickelt sie neue und eigene Blickwinkel auf Themen rund um Wirtschaft, Arbeitswelt und Psychologie. Sie ist vielfache Buchautorin und schreibt hier unregelmäßig seit 2006. In erster Linie ist sie Ausbilderin und Geschäftsführerin ihrer Teamworks GTQ GmbH. Interessieren Sie sich für Ausbildungen in Teamentwicklung, Agilem Coaching und Organisationsgestaltung besuchen Sie Teamworks. Möchten Sie Svenja Hofert als Keynote Sprecherin gewinnen, geht es hier zur Buchung.

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5 Kommentare

  1. Eugen Kloster 5. April 2015 at 13:26 - Antworten

    einfach Volltreffer !!! Die Welt ist nun mal so gebaut. Dumme tun sich zusammen und schlagen die wenigen Intelligenten, ohne es zu wissen, das die Zivilisation von nur etwa. 20 % der Intellektuellen geführt und vorangetrieben wird. Könnte man sagen Paretto-Regel 20/80.

    Ob es sich ändert ? Das wünsche ich mir !

  2. Thomas Deilerhang 5. April 2015 at 18:58 - Antworten

    Hallo,

    Sie nehmen anfangs Stellung zum duales Studium, erachten Sie es nun als Mittel gegen die Entwicklung der Verdummung in Konzernen, oder denken Sie, dass es schädlich für eine innovative Entwicklung des jungen Arbeitnehmer ist??

    • Svenja Hofert 6. April 2015 at 17:24 - Antworten

      weder noch. Ich denke, dass es nicht die Lösung ist…. Und dass es wahrscheinlich manchmal besser ist, wenn man das Denken außerhalb eines Unternehmens sozusagen im geschützten Raum lernt. LG SH

  3. […] Schwarmdumm: So blöd sind wir nur gemeinsam (Buch auf amazon) Warum Bauernschlaue Karriere machen und Kompetente in der Burnoutklinik landen (S. Hofert zu Schwarmdummheit) Gunter Dueck über die Herausforderungen zeitgemäßer […]

  4. Petra Schlitt 3. Mai 2015 at 16:18 - Antworten

    “Chief Lateral Thinker” – was für ein genialer Job! Vielen Dank für die Zusammenfassung.

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