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Wischiwaschi-Anforderungsprofile: Suchen alles und nichts, jeden und niemand

Veröffentlicht: 7. April 2011Kategorien: Organisation und Transformation

Letzte Woche erzählte mir eine Personalerin von einer Stelle, auf der sich ein Professor, jemand mit 10 Jahren Berufserfahrung und jede Menge Einsteiger beworben hatten. Ich sah mir die Anzeige an, die von einem Werbetexter überarbeitet worden war – und wunderte mich nicht. Jeder hätte sich mit dem Text identifizieren können. „Wir wissen auch noch gar nicht so genau, wen wir suchen, aber er/sie soll nicht so viel kosten“, sagte die HR-Frau. Aha. Aber von den Bewerbern erwartet ihr, dass sie genau wissen, was sie wollen? Es ging übrigens um Social Media.

Die kleine Szene passt zu einem Trend, den ich in der der letzten Zeit beobachtet habe:

  1. Es werden immer öfter Wischiwaschi-Anforderungsjobs ausgeschrieben, in denen sich jeder wiederfindet
  2. Immer öfter werden erfahrene Leute auf solche Stellen eingeladen, die aber gering dotiert sind.
  3. Immer öfter wird nicht mehr explizit ein Studium verlangt, dies vergrößert den Kreis und verkleinert das zu zahlende Gehalt (denkt man).
  4. Immer öfter wird erfahrenen Bewerbern, die sich auf solche Stellen bewerben, ein Einsteigergehalt geboten.

Gern werden diese Bewerber schon am Telefon aussortiert, wenn sie nicht zum Gehaltsverzicht bereit sind. Eine Kanditatin lud man zum Vorstellungsgespräch, vorher wollte die Personalabteilung aber noch mal genau die Gehaltsvorstellung wissen. Sofern die „Hausnummer“ des Kandidaten nicht passte, würde das Vorstellungsgespräch nicht stattfinden, sagte die verantwortlichte HR-Frau. Die Vorstellung passte nicht, sondern war zu hoch. Klar, der Kandidat hatte drei Jahre internationale Berufserfahrung. Er hatte schon 5.000 EUR Jahresbrutto runtergerechnet. Nicht genug offenbar, das Vorstellungsgespräch wurde abgesagt.

Der derzeitige Job-Hype lässt solche Geschichten leicht vergessen. Es gibt eindeutig eine geteilte Welt mit guten und bösen Jobs und guten und schlechten Jobprofilen. “Schlecht” ist vieles, was nicht spezialisiert ist oder außerhalb des technischen Bereichs liegt. In der Informatik, Wirtschaftsinformatik oder dem Ingenieurswesen dagegen geht es auch schon mal andersrum: Da werden Einsteiger zu Professional-Gehältern eingestellt.

Was tun? Ich kann nur raten, lieber länger und intensiver zu suchen und oft genug „nein“ zu sagen. Profilschärfung ist wichtig. Daneben gibt es aber nur ein regulierendes Element – die Nachfrage. Je weniger vernünftige Bewerbungen ein Unternehmen bekommt, je öfter Sie auf ein schlechtes Angebot “nein” sagen, desto mehr müssen Unternehmen ihre HR-Politik überdenken. Und, liebe Personalabteilungen: Lasst eure Anzeigen erst dann von einem Texter überarbeiten, wenn ihr das Profil herausgearbeitet habt. Und wenn ihr nicht wisst, wen ihr sucht, dann schaltet auch besser keine Anzeigen.

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Über Svenja Hofert

Svenja Hofert verbindet unterschiedliche Welten und Positionen. Dabei entwickelt sie neue und eigene Blickwinkel auf Themen rund um Wirtschaft, Arbeitswelt und Psychologie. Sie ist vielfache Buchautorin und schreibt hier unregelmäßig seit 2006. In erster Linie ist sie Ausbilderin und Geschäftsführerin ihrer Teamworks GTQ GmbH. Interessieren Sie sich für Ausbildungen in Teamentwicklung, Agilem Coaching und Organisationsgestaltung besuchen Sie Teamworks. Möchten Sie Svenja Hofert als Keynote Sprecherin gewinnen, geht es hier zur Buchung.

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9 Kommentare

  1. Ina 7. April 2011 at 10:10 - Antworten

    Absolut genauso erfahren! Ganz schrecklich. Zeitaufwand und emotionale sowie fachliche Auseinandersetzung mit Firma und Stelleninhalten für die Katz! Total frustrierend: Man kommt sich vor wie ein Trottel. Ganz hgeftig: Sogar Assessment bestanden und dann passt man aber nicht ins Profil?! Welches Profil frag ich mich da. Außerdem scheinen viele Unternehmen bzw. deren Zuständige für die Einstellungen, nicht zu wissen, was geswisse Profile tatsächlich beinhaltet. Sie suchen nicht Fisch und nicht Fleisch, aber wenn die Ausbildung nicht exakt so lautet, wie sie sich das ausgedacht haben, dann “passt das Profil nicht”. Wozu gibt es Vorstellungsgespräche???? Wozu dann zum Assessment einladen??? Wann immer das passierte, war ich im Nachinein froh, dort nicht arbeiten zu müssen. Wenn die Unternehmenskommunikation so läuft, wie deren Ausschreibungen, na Prostmahlzeit!

  2. Jasmin Sieverding 7. April 2011 at 11:03 - Antworten

    Hallo Frau Hofert,

    ja, das ist schon schade, dass in einigen vielen Branchen keine Verknappung der qualifizierten Fachkräfte zu finden ist. Daraus folgt dann dieser laxe Umgang damit, was man als Unternehmen eigentlich will. “Es wird schon was Passendes zu finden sein!” scheint da die Devise zu lauten. Blöd für die Bewerber, die sich Mühe geben und Arbeit in ihre Bewerbung stecken und vielleicht sogar auf eigene Kosten (das wird ja oftmals bei solchen Jobs auch gleich angemerkt – Keine Übernahme der Bewerbungskosten) zu den Unternehmen fahren.

    Sonnige Grüße aus dem Süden, Jasmin Sieverding

  3. Marion Meyer 7. April 2011 at 15:56 - Antworten

    Hallo Frau Hofert,

    ich stimme Ihrem Bericht voll zu. Selbst bei Rückfragen auf ein Stellenangebot bekommt Frau/Mann nur halbseidene Auskünfte. Da heißt es dann, “reichen Sie mal die Bewerbung ein, wir werden uns dann schon melden”. Das Bewerbungen nicht nur Geld, sondern auch Zeit kosten, ist bei manchen Unternehmen noch nicht angekommen. Aber die Zeiten werden sich auch noch einmal zugunsten der Arbeitnehmer wenden.

    Liebe Grüße aus Rheine

    Marion Meyer

  4. Svenja Hofert 7. April 2011 at 17:57 - Antworten

    @Jasmin Sieverding: danke für Ihre Ergänzung – super!
    @Marion Meyer: Ich hoffe auch sehr, dass die derzeitige Entwicklung an Umdenken bringt. herzliche Grüße Svenja Hofert

  5. Michi 7. April 2011 at 20:54 - Antworten

    Guten Abend Frau Hofert.
    Touché! Was mir noch fehlt in der gesamten Argumentation, ist die ethische Komponente, die Verwerflichkeit des Handels derartiger HR-Verantwortlicher. Menschen, die offenbar vergessen, wo ihre Wurzeln aussehen, wo sie einst standen.
    Grüße, Michael Böhm

  6. Michi 7. April 2011 at 20:59 - Antworten

    Guten Abend Frau Hofert.
    Touché! Was mir noch fehlt in der gesamten Argumentation, ist die ethische Komponente, die Verwerflichkeit des Handels derartiger HR-Verantwortlicher. Menschen, die offenbar vergessen, wo ihre Wurzeln stehen, wo sie am Anfang ihrer Karriere einst standen.
    Grüße, Michael Böhm

  7. Jorg 8. April 2011 at 4:58 - Antworten

    Hier in Australien (und woanders sicherlich auch) gibt’s einen Spruch dazu: If you pay peanuts, you get monkeys.

    Vermehrt sehe ich hier den Trend, Gehaltsvorstellungen in von-bis Bereichen mitanzugeben. Warum auch nicht? Ein Unternehmen muss sich schliesslich im Klaren sein, was es bereit ist, zu investieren.

  8. Thomas Hochgeschurtz 13. April 2011 at 8:23 - Antworten

    Klingt so, als wäre der Bewerber der Kunde!? Wenn Fachkräfte ein knappes Gut sind und wir als Bewerber nicht zur Unterschrift gezwungen werden, kann uns das wenig sinnvolle Vorgehen der Personalabteilungen doch egal sein. Oder ist das hier ein Jammer-Blog über die bösen Unternehmen, die schlechte Arbeitsplätze anbieten – das wäre mir neu.

  9. Svenja Hofert 13. April 2011 at 9:41 - Antworten

    …kann uns so lange nicht egal sein, wie es Bewerbern das Finden passender Jobs verhindert und Unternehmen den Zugang zu guten Mitarbeitern verwehrt 😉 LG SH

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