Kate­go­rien

Haben Sie die Eigen­schaft, die zuver­lässig, diszi­pli­niert und erfolg­reich macht? Gewis­sen­haf­tig­keit im Big Five

Published On: 1. Oktober 2013Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion, Psycho­logie der Verän­de­rung
ms office fotolia

keks — ms office fotolia

Jetzt habe ich diesen Keks doch gegessen und mir ein Kölsch dazu geneh­migt. Dabei wollte ich doch einen Diättag einlegen, einmal die Woche 500 Kalo­rien. So schlecht ist es um meine Gewis­sen­haf­tig­keit bestellt. Heute jeden­falls.

Lange habe ich mich um einen Artikel zur Gewis­sen­haf­tig­keit gedrückt, weil er mich zu einer gewissen Ehrlich­keit zwingt. Ich muss nämlich zugeben, in Sachen Gewis­sen­haf­tig­keit meinen eigenen Ansprü­chen oft genug nicht zu genügen. Wenn ich mir von etwas „mehr“ von einer guten Fee wünschen  würde, so wäre es Gewis­sen­haf­tig­keit. Es ist deshalb nicht ohne Grund der letzte in der Riege meiner  Big Five. Aber nach der Offen­heit für neue Erfah­rungen, der Extra­ver­sion, dem Neuro­ti­zismus und der Verträg­lich­keit war er jetzt einfach dran.

Sehr gewis­sen­hafte Leute machen, was sie sich vornehmen. Deshalb finden sich beson­ders viele Absti­nenzler und Gesund­heits­be­wusste unter ihnen. Jetzt könnte man als sinnes­freu­diger Mensch sagen: oh wie spaß­be­freit! Doch leider leben sehr gewis­sen­hafte Menschen nicht nur oft gesünder, sondern sind auch insge­samt erfolg­rei­cher.  Sofern sie es nicht über­treiben.

An der Gewis­sen­haf­tig­keit erkenne ich, ob jemand etwas Geplantes umsetzen wird. Deshalb sind gewis­sen­hafte Leute oft auch bessere Unter­nehmer. Sie machen einfach. So wie der Kunde, den ich immer als Muster­bei­spiel zitiere: Ein Inge­nieur, der ein Inge­nieur­büro aufmachte und genau nach dem mit mir aufge­stellten Plan 120 Anrufe tätigte, dadurch 24 Termine bekam und 12 erste Aufträge. Ohne Wenn und Aber oder das Pädagogen-Geis­­tes­­wis­­sen­­schaftler-typi­­sche zwei Schritte vor, drei zurück (das ist jetzt etwas Ironie).  Ich bewun­dere das total und verrate Ihnen (sagen Sie es bitte nicht weiter): Ich würde das nie tun. In meinem ganzen Leben gab es keinen einzigen Akqui­se­anruf und  nicht eine Initia­tiv­be­wer­bung. Ich wurde, worauf Sie sich bitte nie verlassen sollten, immer entdeckt. Jetzt wissen Sie, warum ich den Aufwand hier in meinem Blog treibe. Pst.

Es ist schön, wenn man sich auf Menschen verlassen kann. Wenn man weiß: Was der oder die sagt, das wird gemacht. Ich gebe zu, dass es mir eine wahre Freude ist, wenn ich sehe, mit welchem Eifer und welcher Genau­ig­keit Kunden die gemeinsam ausge­ar­bei­teten Pläne umsetzen, selbst wenn sie nur 60 Anrufe schaffen oder 10.

Es ist völlig klar, dass Gewis­sen­haf­tig­keit der Dreh- und Angel­punkt für den Erfolg von Verän­de­rungs­vor­haben ist, das  Züng­lein an der Waage,  der entschei­dende, ja sprin­gende Punkt. Wer nicht gewis­sen­haft ist, redet viel und macht nichts. Der glaubt immer, er würde tun, aber tut dann nicht. Die Folgen sind für einen Berater, der gerne erfolg­reiche, glück­liche, sich zu ihrem Ziel bewe­gende Kunden hat, nicht immer leicht mit anzu­sehen.

Wer nicht gewis­sen­haft ist, schlu­dert,  bisweilen nach erstem Eupho­rismus, lässt Fünfe gerade sein und arbeitet nicht oder nur wider­willig an sich. Nicht Gewis­sen­hafte geben sich eher Lastern hin und werden zum Beispiel auch eher Alko­ho­liker als Gewis­sen­hafte. Deshalb schlägt bei mir in Gedanken mein internes Big-Five-Baro­­meter immer nach links aus, wenn ich Jenny Elvers höre oder sehe.  Oho. Nied­rige Gewis­sen­haf­tig­keit, hoher Neuro­ti­zismus – kann eine implo­sive Kombi sein: Man neigt zum Nach­denken, Grübeln und ist zugleich wenig diszi­pli­niert.

Bei Vertrieb­lern ist Gewis­sen­haf­tig­keit das Nonplus­ultra, noch wich­tiger als Extra­ver­sion.  Ja, die erfolg­reichsten sind die, die verläss­lich planen. Bei genauerem Hinsehen logisch: Wer, wenn nicht eine extrem gewis­sen­hafte Person, schafft es, sich vom Home Office aus selbst zu moti­vieren und einen Termin nach dem anderen zu machen. Auch alle, die mit genauer Zahlen­ar­beit zu tun haben, profi­tieren von Gewis­sen­haf­tig­keit. Sie ist auch häufig gekop­pelt an Führungs­er­folg – wobei man sich dazu unbe­dingt einmal die verschie­denen Facetten ansehen sollte. Einige korre­lieren mehr mit Manage­men­t­er­folg als andere. Logisch, dass „strebt eine höhere“ oder gar „strebt eine hohe Leis­tungs­ebene“ wich­tigste Voraus­set­zung ist. Man kann es nur weiter bringen, wenn man nach oben will. Auch Intel­li­genz soll mit Gewis­sen­haf­tig­keit korre­lieren, etwas weniger als mit Offen­heit für neue Erfah­rungen.

Meine Gewis­sen­haf­tig­keit verläuft in den Unter­fa­cetten im Zick­zack. Ich habe sehr hohe Werte und sehr nied­rige, das ergibt ein „Mittel“. So strebe zum Beispiel einer­seits eine hohe Leis­tungs­ebene an,  nicht etwa nur eine „höhere“, bin aber andrer­seits auch ausge­spro­chen flexibel im Sinne des Kölschen „es kütt wie es kütt“ und „hätt noch ever jott jejange“. Das erklärt gewisse Konflikte.  Die Facette „Plant wenig“ wirkt sich bei mir so aus, dass ich meiner Familie und Bekannten hinter­her­da­ckele und mich darauf verlasse, dass die schon für alles gesorgt haben werden.

bigfiveWenn Sie jetzt denken, uih, die Frau macht ja viel Karrie­re­pla­nung, und dann sowas, muss man erstens wissen, dass eigene Planung und fremde zwei verschie­dene paar Schuhe sind, so unter­schied­lich wie Pumps und Doc Martens. Zwei­tens hat die Tatsache, dass ich relativ gut Vorstel­lungen und Szena­rien entwi­ckeln kann, mit Offen­heit zu tun (bei der ich in allen Facetten weit im oberen Bereich liege) und nicht so sehr mit meiner Planungs­af­fi­nität.

Fehlt meine gewis­sen­hafte Bezugs­gruppe, das private Umfeld, plane ich aller­dings keines­falls mehr. Ich fahre irgendwo hin und sehe dann vor Ort weiter.

„Willst du beute noch weg?“

„Weiß nicht.“

„Du musst doch was geplant haben?“

„Nö.“

Formu­lare sind mir ein Graus — sehe ich eines, bin ich sofort weg (Ausnahme, es ist von mir erstellt). Alles Amtliche schreckt mich ab. Mein Vater, ehema­liger Proku­rist bei einer Rück­ver­si­che­rung, ist dagegen ein Ausbund an Gewis­sen­haf­tig­keit: Er guckt ganz genau  hin.  Ich lasse ihn alle amtli­chen Formu­lare lesen, auch wenn die dritte korri­gierte Ausfüh­rung kommt.

Ordnung hat viel mit Gewis­sen­haf­tig­keit zu tun. Ich liebe Ordnung – aller­dings nur, wenn ich sie nicht selbst halten muss. Mit der Folge, dass ich schon als Studentin eine Putz­frau hatte (und nein, ich komme nicht aus einer reichen Familie, normale Mittel­schicht – ich habe mir mein Studium hart und bafög-frei erar­beitet).

Ich fange seit einiger Zeit  an, nervig penibel zu werden. Es stört mich, wenn Sachen rumliegen. Das war früher  nicht so. Es stört mich auch, wenn Dinge nicht so perfekt sind, wie ich sie mir vorstelle. Im Zweifel inves­tiere ich Stunden ohne Berech­nung in die Opti­mie­rung eines Lebens­laufes, weil  etwas nicht meinen Maßstäben entspricht. Wahr­schein­lich bin ich ein typi­sches Beispiel dafür, dass sich Gewis­sen­haf­tig­keit mit dem Alter verstärkt.

Das ist erwiesen so. Und könnte für Arbeit­geber doch ein nettes Argu­ment sein, es mit einem 45+ zu versu­chen; denn der wird vermut­lich kein totaler Chaot mehr sein. Kommt pünkt­lich zur Arbeit. Und will die gut machen. Denkt an seine Gesund­heit. Und hält die Kilos in Zaum.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Heike Methner 1. Oktober 2013 at 11:24 — Reply

    Guten Tag Frau Hofert,
    Sie haben ja so recht. Auch ich sehe bei meinen Kunden genau hin, feile an jedem Satz ihrer Bewer­bung. In manchen Bera­tungs­stunden denke ich: Wann beher­zigst du denn mal deine eigenen Ratschläge?
    Aber ich denke, ein guter Berater sollte auch Schwä­chen haben und dazu stehen. Für mich ist ein Mensch glaub­wür­diger, der mir sagt, dass auch er nicht perfekt ist. Der weiß wie schwer es ist an Schwä­chen zu arbeiten, als mir zu sagen, dass z.B. Diszi­plien doch einfach sei.
    Mit freund­li­chen Grüßen aus Fulda
    Heike Methner

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