Kate­go­rien

Gibt es eine Unter­neh­mer­per­sön­lich­keit? Bin ich eine?

Published On: 21. März 2011Cate­go­ries: Führung

Bin ich geeignet, selbst­ständig zu sein? Kann ich es schaffen? Diese Frage begegnet mir häufig. Hätten Sie mich vor 10 Jahren gefragt, ich hätte gesagt: ja, so etwas wie eine Unter­neh­mer­per­sön­lich­keit gibt es. Doch seitdem sind mir die unter­schied­lichsten Erfolgs­mo­delle begegnet, die den Gegen­be­weis liefern – und nur ein einziges Miss­erfolgs­kon­zept. Inzwi­schen bin ich deshalb über­zeugt, dass jeder, der es wirk­lich will, es auch schaffen wird – wenn er seine indi­vi­du­elle Form findet, außerdem genü­gend Erfah­rung, eine vernünf­tige Grund­idee und ausrei­chend Zeit einbringen kann. Schließ­lich gibt es unzäh­lige Möglich­keiten und Formen selbst­ständig und ohne Chef zu arbeiten.

Oft wird eine Art geheime Unter­neh­mer­per­sön­lich­keit vermutet. Zwei­fel­hafte Grün­der­tests, sogar zu finden beim Bundes­wirt­schafts­mi­nis­te­rium, dienen vor allem dazu, Klischees fett zu unter­strei­chen. So wird gern voraus­ge­setzt, dass werdende Unter­nehmer Führungs­er­fah­rung haben sollten oder BWL-Wissen, weiterhin bereit sind, 12 Stunden und mehr am Tag zu arbeiten. Was für ein Unsinn: Ich habe mehr Betriebs­wirte schei­tern sehen als Menschen ohne kauf­män­ni­sches Vorwissen. Gründer mit Führungs­praxis waren nicht erfolg­rei­cher als solche ohne. Und Teil­zeit­grün­dungen mit begrenztem Zeit­ein­satz am Anfang sind oft beson­ders nach­haltig. Die Aussa­ge­kraft solcher Tests liegt bei null, ja Minus-Null, denn manch einer mag sich von dem Unsinn abschre­cken lassen.

Die Ursache für das Miss­ver­ständnis der Unter­neh­mer­per­sön­lich­keit liegt auf der Hand: Die Selbst­stän­digen des Wissens­zeit­al­ters sind nur selten Unter­nehmer im Sinne des Ökonomen Schum­peter. Schum­peter sieht die Grün­dungs­mo­ti­va­tion vor allem darin, eine Idee zu reali­sieren und das Unter­nehmen als Lebens­ziel an einen Nach­folger zu über­geben. Das impli­ziert, dass die inhalt­liche Kompo­nente der Arbeit sekundär ist und Wachstum, auch bezogen auf Mitar­beiter, notwendig dazu gehört. Doch lassen wir uns einmal diese Zahl im Mund zergehen: 2010 machten die wirk­lich inno­va­tiven, größeren Grün­dungen laut KFW-Monitor nur etwa 2 % aus. Der Rest waren weit über­wie­gend kleine Dienst­leis­tungs­grün­dungen wie die Eröff­nung eines Steu­er­be­ra­ter­büros oder die Tätig­keit eines IT-Free­lan­­cers. Eine über­wäl­ti­gende Mehr­heit betreibt die eigene Selbst­stän­dig­keit aus volks­wirt­schaft­lich erst einmal völlig unin­ter­es­santen Motiven: Selbst­ver­wirk­li­chung, eigener Chef sein, Frei­heit, Flexi­bi­lität, bessere Verdienst­mög­lich­keiten, Spaß im Job haben, sein eigenes Ding machen… Menschen, die von diesen Dingen ange­trieben sind, tippen sich mit dem Finger an den Kopf, wenn sie hören, dass ein Unter­nehmer solle dafür Sorge zu tragen hat, das Unter­nehmen an einen Nach­folger zu über­geben. Ihnen geht es ums Hier und Jetzt und oft genug um die Arbeit an sich.

Tests gehen, wenn über­haupt, von Unter­neh­mer­per­sön­lich­keits­merk­malen aus, die so ein Schum­­peter-Inno­­va­­tions- und Wachs­tums­gründer mitbringt. Einer, der sein eigenes Ding machen möchte, hat jedoch einen komplett anderen Antrieb als einer, der etwas aufbauen möchte, um es dann hoch­zu­ziehen und lang­fristig in Fami­li­en­be­sitz zu halten. Und dieser Antrieb ist das, was wirk­lich über Erfolg und Nicht­er­folg entscheidet. Je mehr „PS“ ich in mir habe, desto erfolg­rei­cher werde ich sein. Woher diese PS kommen, ob sie im über­tra­genen Sinn mit Diesel, Super oder E10 ange­trieben werden, ist dabei sekundär.

Aus diesem Antrieb heraus entwickeln sich die unter­schied­lichsten persön­li­chen Merk­male: Durch­set­zungs­fä­hig­keit, Frust­to­le­ranz, Sozi­al­kom­pe­tenz, Kommu­ni­ka­ti­ons­stärke…  Es kann auch sein, dass erst der Antrieb dafür sorgt, dass man all das entwi­ckelt. Ich habe zu viele Menschen gesehen, die sich sehr stark verän­dert und enorm profes­sio­na­li­siert haben, als das ich glauben könnte, Stärken und Schwä­chen seien weit­ge­hend statisch.

Eine Unter­su­chung hat einmal ergeben, dass erfolg­reiche Selbst­stän­dige im Big5-Test hohe Werte bei Extra­ver­sion, Offen­heit, Gewis­sen­haf­tig­keit, Verträg­lich­keit haben sowie nied­rige bei Neuro­ti­zismus. Neuro­ti­zismus ist eine Art „Stress­wert“; er besagt, ob sich jemand viele Sorgen macht. Es stimmt, dass es hilft, wenn ich kontakt­stark bin (Extra­ver­sion), Neuem gegen­über aufge­schlossen (Offen­heit), eini­ger­maßen verläss­lich (Gewis­sen­haf­tig­keit) und dann auch noch freund­lich und lösungs­ori­en­tiert bin (Verträg­lich­keit). Doch hohe Werte in diesen Dimen­sionen helfen IMMER, ob ich ange­stellt oder selbst­ständig bin. Es gibt deshalb keine Persön­lich­keits­merk­male, die Selbst­stän­dige per se von anderen Berufs­tä­tigen unter­scheiden, sondern nur das, was kein Persön­lich­keits­merkmal, sondern der Moti­va­tion zuzu­ordnen ist: den „Antrieb“. Und der liegt bei Selbst­stän­digen eben vor allem darin, das eigene Ding zu machen anstatt das von anderen.

… Jetzt möchten Sie noch wissen, was das Miss­erfolgs­kon­zept ist? Fehlender Antrieb! Wenn ich etwas nicht genü­gend will, kann ich es nicht schaffen. Ich gebe mir nicht genug Zeit, inves­tiere zu wenig (nicht in Zeit und auch nicht in Geld!) und bin auch nur in Grenzen bereit, mich zu entwi­ckeln und selbst zu über­winden.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Thorsten Visbal 22. März 2011 at 20:04 — Reply

    Unter­stüt­zend und inter­es­sant sind die Ergeb­nisse von Prof. Dr. Alex­ander Kritikos bezüg­lich der Risi­ko­be­reit­schaft von Unter­neh­mern und Vorher­seh­bar­keit vom unter­neh­me­ri­schen Erfolg.

    Lang­fristig sind zu risi­ko­freu­dige Unter­nehmer weniger erfolg­reich. Nur die Eigen­schaft ‚Durch­set­zungs­be­reit­schaft ’korre­liert signi­fi­kant positiv mit unter­neh­me­ri­schem Erfolg.

    Nach­zu­lesen unter http://www.gfa.kritikos.de Publi­ka­tionen und dann News­letter Nr. 2 & 4.

    Durch meine lang­jäh­rigen Erfah­rungen als Coach und Grün­dungs­be­rater kann ich seine Thesen und Ergeb­nisse bestä­tigen.

  2. Svenja Hofert 23. März 2011 at 17:40 — Reply

    Hallo Thorsten, vielen Dank, das ist eine prima Ergän­zung. Kritikos hat sehr inter­es­sante Dinge erforscht. Letzt­end­lich ist diese Durch­set­zungs­be­reit­schaft nichts anderes als der von mir beschrie­bene Antrieb. herz­liche Grüße Svenja

  3. Carlo Düllings 10. September 2013 at 19:14 — Reply

    Grund­sätz­lich stimme ich Ihnen zu: wenn man es wirk­lich will, bereit ist den notwen­digen Einsatz zu leisten und keine völlig hirn­ris­sige Idee umsetzen möchte, kann man es schaffen – weit­ge­hend unab­hängig von der Persön­lich­keit.

    Trotzdem finde ich, dass man vorher mal einen Blick auf seine eigene Persön­lich­keit werfen sollte. Ich würde dafür ein univer­selles Persön­lich­keits­mo­dell verwenden, statt eines, dass speziell für Unter­nehmer und schlimms­ten­falls nur mit den Kate­go­rien „Unter­nehmer“ und „Nicht-Unter­­nehmer“ entwi­ckelt wurde.

    Persön­lich­keits­mo­delle helfen ziem­lich gut heraus­zu­finden, wo die eigenen Stärken und Schwä­chen liegen. Außerdem kann man sehen, ob man eher eine ausge­wo­gene oder eher eine einsei­tige Persön­lich­keit ist. Je nach dem kann man dann versu­chen alles selbst zu machen oder die Bereiche in denen man schwä­cher ist auszu­la­gern.

    Vor allem für eine Grün­dung im Team finde ich, dass man sich mit den Persön­lich­keiten der Gründer beschäf­tigen sollte. Im Ideal­fall mischt man unter­schied­liche Typen, so dass sich jeder auf seine Stärken konzen­trieren kann.

    • Svenja Hofert 10. September 2013 at 19:30 — Reply

      Das stimmt. Aller­dings gibt es keine taug­li­chen Tests — zu viel­fältig sind die Unter­neh­mer­per­sön­lich­keiten. Es bietet sich um Grunde nur der Big Five an, den wir hier in unserer Bera­tung auch einsetzen. Hier ist durchaus belegt, dass höhere Extra­ver­sion + hohe Offen­heit schon mal gut sind. Das ist es aber nicht allein, wie ich immer wieder sehe… Die Selbt­stän­dig­keiten sind zu verschie­denen, man muss deren Anfor­de­rungs­profil wie ein Stel­len­profil erfassen — und kann es dann abglei­chen.
      Manchmal nutzen wir für Teams auch die Reiss Profile. Inter­es­sant für gemein­same und gegen­sätz­liche Moti­va­toren, die auch eine Rolle spielen. LG Svenja Hofert

  4. Alex 9. Juni 2015 at 0:32 — Reply

    Hallo Svenja,

    eigent­lich schaue ich mich gerade um im Netz, weil ich einen neuen Blog gestartet habe und einen meiner ersten Artikel ein biss­chen publik machen möchte. Beim Stich­wort “Unter­neh­mer­per­sön­lich­keit” bin ich gerade auf diesem Beitrag von dir gelandet — und hab ganz schön gestaunt. Du schreibst nämlich über ein sehr ähnli­ches Thema — und kommst auch zu einer ganz ähnli­chen Schluss­fol­ge­rung — wie ich in meinem Artikel über Unter­neh­mer­tests.

    Mich hat bei einigen dieser Tests — ganz beson­ders beim BMWi, die doch Unter­neh­mertum und Exis­tenz­gründer unter­stützen sollten — gestört, welch abschre­ckendes Bild vom Unter­­nehmer-Dasein gezeichnet wird.

    Hier mein Artikel: http://bit.ly/1BV1GLW

    Viele Grüße
    Alex

  5. Niklas 30. Oktober 2020 at 14:19 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    auch wenn der Artikel schon etwas älter ist, möchte ich doch gerne einen Kommentar hier­lassen.

    Der Artikel gefällt mir richtig gut und ich stimme 100% zu. Sein eigenes Ding machen und das, was einem wirk­lich Spaß macht — das ist es, was beflü­gelt, moti­viert und dadurch zu großen Taten antreibt. Viel­leicht ist Diszi­plin aber noch eine wich­tige Ergän­zung. Ich bin Flirt­coach und liebe es Männern und Frauen in Sachen Liebe zu helfen. Als ich aber zum Beispiel die AGB oder die DSGVO umsetzen musste war keine Moti­va­tion vorhanden — da hieß es Zähne zusam­men­beißen. Gerade am Anfang kommen doch einige Hürden auf einen zu, wodurch die genannte Stress­to­le­ranz gefragt ist, aber eben auch Diszi­plin (oder das nötige Klein­geld, um unan­ge­nehme aber notwen­dige Aufgaben abzu­treten).

    Philo­soph Richard David Precht und auch andere sehen übri­gens einen klaren Trend in unserer gesell­schaft­li­chen Entwick­lung. Das Thema ist also aktu­eller denn je. Er glaubt, dass in Zukunft die klas­si­sche Lohn­ar­beit immer weniger wird. Das normale Modell der meisten Leute wird dann sein, dass man seine Dienst­leis­tungen anbietet und die Dienst­leis­tungen anderer nutzt. Sozu­sagen eine Welt voller Free­lancer, die alle mitein­ander gut verbunden sind und jeder macht das, was ihm Spaß macht und was er gut kann. Das klingt für mich nach einem guten Modell, wodurch viele Leute vermut­lich glück­li­cher und zudem besser in ihrer Arbeit wären.

    Ich finde es toll, dass Sie Leute zur Selbst­stän­dig­keit moti­vieren und mit Mythen wie Unter­neh­mer­per­sön­lich­keit oder anderen einschrän­kenden Glau­bens­sätzen aufräumen. Ich kann Ihnen sagen, dass auch ich eine Menge Gegen­wind und Zweifler hatte (“Flirt­coach? Als ob man davon Leben kann.”)

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