Kate­go­rien

Intui­tive mögen Ausschnitte und Abstraktes: Inter­view über den ViQ

Published On: 20. März 2014Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Nach meinem Spiegel-Artikel über Tests haben mich mehrere Firmen kontak­tiert, die mir Infos zum von mir in der Kolumne erwähnten Visual Ques­tion­aire (VIQ) anboten. Durch Klienten von der Nord­aka­demie – wo der ViQ schon länger unter Lizenz der Massi­ne­Scheffer & Part­ners GmbH einge­setzt wird — ist er mir mehr­mals begegnet. Um mehr über die Hinter­gründe und den Stand der Forschung zu erfahren, haben wir mit Prof. Dr. David Scheffer, wissen­schaft­li­cher Vater des ViQ, Professor für Perso­nal­ma­nage­ment und Gründer von Massi­ne­Scheffer & Part­ners ein Inter­view durch­ge­führt.

Portrait , Massine Schaeffer

Ich habe den MBTI mehr­fach gemacht. Beim VIQ war ich plötzlich ein INTJ, also jemand der sehr struk­tu­riert seine Sachen durch­zieht, das ist das J. Irgendwie wahr — ist eine Seite von mir. Habe mal in einem Forum gelesen, dass 40% der McKin­sey­aner INTJs oder INTPs sind, aber nur rund drei Prozent der Bevölke­rung. Wie kann es aber sein, dass das Ergebnis beim VIQ so anders ausfällt als beim Frage­­bogen-MBTI? Da war ich auch öfter ENFP, passt auch irgendwie…Mein alter ego?

Scheffer: Der ViQ ist ein impli­zites Test­ver­fahren, d.h. die zugrun­de­lie­genden Persön­lich­keits­ei­gen­schaften werden nicht direkt erfragt, sondern indi­rekt durch kurze Wahr­neh­mungs­expe­ri­mente erschlossen. Soge­nannte direkte bzw. expli­zite Fragen können einen beein­flussen. Es ist sehr wahr­schein­lich, dass man sie aufgrund sozialer Erwünscht­heit oder den wahr­ge­nom­menen Rollen­er­war­tungen ankreuzt. Es kann auch sein, dass eine aktu­elle Stim­mungs­lage beein­flusst. Unsere Visual Ques­tion­aire (VIQ) schaltet diese Stör­quellen aus. Es erfasst, wie Ihr Gehirn Formen und Struk­turen wahr­nimmt. Daraus können wir valide ableiten, welche Präfe­renzen jemand hat.  Und diese sind recht stabil, obwohl natür­lich einschnei­dende Erleb­nisse auch Verän­dungen bewirken.

Das ist schon faszi­nie­rend. Sie können mit dem VIQ auch sehen, welche Art von Fotos jemand den Vorzug gibt.

Scheffer: Ja. Intui­tive, also Menschen mit hoher Offen­heit, mögen eher abstrakte Bilder und Ausschnitte, Sensi­tive konkrete.  Auch Vorlieben für den Aufbau und den Infor­ma­ti­ons­ge­halt von Texten lassen sich ablesen. So sind nach präziser Ausrich­tung der Kommu­ni­ka­tion auf psycho­gra­phi­sche Ziel­gruppen signi­fi­kante Umsatz­stei­ge­rungen möglich. Einfach nur, indem man gezielter Menschen und klar defi­nierte Ziel­gruppen anspricht und damit die Rele­vanz deut­lich erhöht.

Manche verteu­feln das als Neuro­mar­ke­ting. Sie setzen den VIQ neuer­dings auch im Perso­nal­wesen ein. Liegen Korre­la­ti­ons­stu­dien vor? Kann man also wirk­lich sagen, ob jemand, der ein, sagen wir, ENFJ ist, sich für bestimmte Jobs besser eignet?

Scheffer: Ja, das kann man sagen. Wenn die eigene Persön­lich­keit gut zu den Anfor­de­rungen und dem Umfeld passt, dann stärkt das nach­haltig die Moti­va­tion und den Erfolg. Beson­ders die Impli­ziten Persön­lich­keits­sys­teme, die uns häufig nicht so bewusst sind, haben auf diese „Passung“ einen sehr hohen Einfluss. Studien zeigen, dass bestimmte Berufe oft ein bestimmtes Persön­­lich­keits-Profil teilen und dieses Profil mitent­schei­dend für den Erfolg in diesem Beruf ist. Und auch im Rahmen von Assess­ment Centern kann man sehr deut­lich beob­achten, wie bestimmte Funk­tionen zu bestimmten Persön­lich­keits­pro­filen passen bzw. nicht passen.

Von den Typen leiten sich aber nicht unbe­dingt Talente ab, oder?

Scheffer: Nein, es geht erst mal nur um Vorlieben und Präfe­renzen.  Jeder kann prin­zi­piell in jedem Job erfolg­reich sein. Nur eben auf seine Weise. Wir kennen beispiels­weise sehr erfolg­reiche Vertriebs­leute,  die eher intro­ver­tiert sind. Sie über­zeugen auf ihre Art und Weise, und machen das sehr gut und erfolg­reich. Man sollte also bei der Einstel­lung keinen Stereo­typen folgen, sondern die Moti­va­tion der Person kennen­lernen. So ein Test darf nicht zu Schub­la­den­denken führen, sondern ist ein valides und praxis­er­pobtes Hilfs­mittel zur gemein­samen Refle­xion.

Das habe ich anders erlebt. Ein Kunde von mir durch­lief ein AC als Key Account Manager. Am Ende machte man den VIQ. Er war ENFJ. Man machte einen Haken dran „passt“ und sprach nicht über das Ergebnis.

Scheffer: So sollte es natür­lich nicht sein. So entfaltet auch der Test keinen vollen Nutzen für den Bewerber. Man sollte auf jeden Fall Gespräche führen und das Ergebnis auch absi­chern.

Sie sagen die Test­ergeb­nisse sind stabil auch nach einem längeren Zeit­raum von zwei Jahren (die deut­sche MBTI-Lizen­z­­geber gibt einen Retest­zeit­raum von einem Monat an). Kann sich der Mensch denn nicht ändern?

Scheffer: Jeder kann sich verän­dern, das passiert aber eher langsam. Die grund­le­gende Persön­lich­keit bleibt oft erstaun­lich stabil. Es gibt aber einschnei­dende Ereig­nisse, die für größere Verän­de­rungen sorgen können und im wahrsten Sinne des Wortes einen anderen Menschen aus uns machen können: zum Beispiel ist das für chro­ni­sche Krank­heiten nach­ge­wiesen.

In Deutsch­land ist der MBTI unter Experten verpönt. Er wird in Psycho­­logie-Lehrbüchern, wenn über­haupt erwähnt, negativ darstellt, so wie C.G. Jung auch selten gut wegkommt. Laien jedoch lieben den MBTI, weil das System so leicht verständlich ist. Die Big Five sind weitaus akzep­tierter bei Fach­leuten, aber unbe­liebt bei Endver­brau­chern. Wie gehen Sie damit um?

Scheffer: Wir kennen diese Kritik­punkte, die grund­le­genden Ideen von Jung waren aber damals wirk­lich bahn­bre­chend. Darum zitieren wir ihn noch heute. Der entschei­dende Vorteil gegen­über dem Big Five Ansatz ist der, dass Jung psychi­sche Funk­tionen als Basis seines Modells nimmt. Also nicht bloße Verhal­tens­kor­re­late (wie der Big Five), sondern konkrete Funk­tionen des Gehirns wie bspw. das Wahr­nehmen und das Entscheiden. In der sog. „PSI-Theorie“ des Osna­brü­cker Profes­sors Dr. Julius Kuhl wurde diese Theorie entschei­dend weiter­ent­wi­ckelt. Sie bildete im Übrigen auch die Basis der Entwick­lung des ViQ.

Herr Scheffer, Danke für das offene Gespräch.

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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