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Die Anzugskraft der Unternehmen: Was Menschen in Firmen zieht und dort manchmal gefangen hält

Veröffentlicht: 27. November 2014Kategorien: Karriere und Beruf
MS Office

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Die einen folgen einem “guten” Namen, die nächsten dem netten Team, wieder andere der Sicherheit. Was zieht Menschen in Unternehmen? Und warum passen sich diese nach und nach dem Unternehmen an – selbst wenn dieses keine ideale Umgebung bietet? Wieso werden sich Hund und Herrchen immer ähnlicher? Weil es etwas über meinen Charakter aussagt, dass ich einen Bichon Frisees oder Rottweiler bevorzuge? Oder weil ich nach und nach werde wie der Hund?

Diese Frage kann man sich auch bei der Anzugskraft von Unternehmen stellen, das ist soziologisch die Gravitation. Warum zieht es den einen zu Google, den anderen in eine Werbeagentur und den nächsten in die Verwaltung? Ganz bestimmt sagt das etwas über die Persönlichkeit aus – nur wie viel? Ist es wirklich die Persönlichkeit oder sind es die Vorstellungen von anderen, etwa den Eltern oder der Clique?

Warum zieht mich etwas an? Anfangs sind Kriterien noch wirr…

Wenn wir uns nach Studium oder Ausbildung das erste Unternehmen aussuchen, sind die eigenen Kriterien noch unsortiert, sie entsprechen uns oft noch nicht. Ein Unternehmensberaterkunde hat sich das Unternehmen ausgesucht, das die schönste Umgebung für das Assessment Center geboten hatte. Heute schüttelt er darüber den Kopf. Meist folgt man Impulsen. Je weniger man darüber nachdenkt, was einen anzieht, desto eher sind es diffuse Reize, die ihre Wirkung tun. Diese hinterfragen wir erst, wenn wir im Hamsterrad stecken oder uns so ab Mitte 30 die Sinnfrage stellen. Hier gibt es Analogien zur Partnerwahl. Solange man nicht hinterfragt, warum bestimmte Typen “attraction” auslösen, tappt man immer wieder in dieselbe “Falle”. Falsche Typen, falsche Unternehmen.

Immer mehr Arbeitgeber-Promiskuität?

Es gibt Menschen, die lassen sich anziehen, aber bleiben nirgendwo hängen. Ich beobachte hier eine gewisse Arbeitgeber-Promiskuität, vor allem bei jüngeren Frauen. Man testet einige und findet nichts gut. „Ist die Arbeitswelt böse? Gibt es dort vielleicht gar keine tollen Jobs“, werde ich manchmal gefragt. Doch, es gibt tolle Jobs sage ich dann. Ob die Arbeitswelt etwa Passendes für einen parat hat, kann nur jeder selbst entscheiden – und ist deshalb  letztendlich auch eine Frage der Lebens- und Entwicklungsphase, in der jemand steckt.

So können Sie die Erkenntnis, dass ein üppiges Gehalt nicht reicht, wie das Handelsblatt gestern titelte, erst nach diverser Arbeitserfahrung haben – in meinem Karrierephasenmodell ist das fühestens in der Identitäts- oder Sinnphase. Nur wer etwas erlebt hat, kann sagen: Da muss es doch etwas geben…! Das heißt, es muss mindestens einmal im Arbeitsleben eine umfassendere Sozialisation stattgefunden haben.

Was typischerweise in verschiedenen Karrierephasen anzieht, habe ich mal auf Basis meines Karrierelebensphasenmodells aufgeführt:

gravitation

Wer nicht ausgespuckt wird, passt sich an

Nach der Gravitation kommt die Sozialisation. Zieht einen die Gravitation in ein passendes Umfeld und spuckt dieses einen nicht wieder in der Probezeit aus, dann passt man sich unweigerlich an. Auch ein “working underground”, also den eigenen Stiefel durchziehen und nicht alles tun, was das Unternehmen formal und informal verlangt, ist letztendlich eine Anpassung. Man wird so unweigerlich zum Teil des Unternehmens, dessen Werte und Kultur man annimmt, zumindest für die Arbeitszeit – also den größten Teil des Tages. Je länger jemand drin steckt, desto mehr wird man zum grauen Mann oder zur grauen Frau, zur Zelle im Organismus des Unternehmens. Man gewöhnt sich daran, dass 70% der Zeit verquatscht wird oder meistens intensiv gearbeitet, je nach informaler Unternemenskultur. Wir gewöhnen uns an die formellen und informellen Regeln, nach etwa drei Jahren ist man festgewachsen und nach acht Jahren kommt man kaum wieder raus, ohne den Baum zu fällen. In diesen Jahren der Anpassung finden wir aber auch unsere Gründe, warum für jemanden oder in etwas arbeiten.

Wir finden Gründe zu bleiben, auch wenn Unternehmen sich gegen unsere Werte verhalten

„Kannst du dir vorstellen, dass jemand bei Krauss-Maffei eine idealistische Grundmotivation hat?“ fragte mich neulich jemand, der Kraus-Maffei-Leute auf einem Seminar getroffen hat. Das sind die mit den Waffen. Ich kann mir das vorstellen. Aus einem einfachen Grund: Wenn Menschen die Werte des Unternehmens in dem sie arbeiten, nicht komplett verinnerlichen, deuten sie diese um oder spalten ihr eigenes Wertesystem ab. Man könnte z. B. sagen „Waffen helfen, Kriege zu verhindern“.

Der Gewöhnungseffekt im Job ist immens. Ich bin zum Beispiel extrem an die Selbstständigkeit gewöhnt – und zwar eine Selbstständigkeit mit viel Arbeit. Mittags raus? Gönne ich mir selten. Länger als 15 Minuten reden, ohne dass etwas Konkretes dabei rauskommt? Da werde ich hibbelig. Nur wenn das Nicht-Gezielt-Reden zum Job gehört, etwa beim Training, bin ich entspannt. Ständig muss ich sonst daran denken, was alles zu tun ist…

Ich war nicht immer so; ich konnte mal viele, viele Fünfe gerade sein lassen, wie man in Köln sagt. Nie und nimmer wäre für mich vorstellbar gewesen, dass ich Gesetzestexte (etwa die ganzen Fallstricke im E-Commerce) und betriebswirtschaftliche Analysen durcharbeite, weil ich es für den Unternehmenserfolg für wichtig halte, für meine Pflicht. Deshalb bin ich umso mehr davon überzeugt, dass der Effekt der Sozialisation riesig ist und dass sich Menschen durch ihn Persönlichkeiten nachhaltig verändern.

Das kann man jetzt positiv deuten, denn es heißt auch:

  • Dass Sie sich nach vielen Jahren im gleichen Unternehmen, nicht selbst rausbewegen, ist normal. Aber wenn Sie es doch tun, wird der Schmerz nur kurz sein und die Umgewöhnung geht schnell.
  • Sie können in einem komplett anderen Feld durchstarten und Dinge lernen, die Sie bis dato nie interessierten.
  • Sie können sich an etwas gewöhnen, was Sie derzeit für ausgeschlossen halten, zum Beispiel an ein geringeres Gehalt.

Die einzige Voraussetzung: Sie müssen sich von etwas angezogen fühlen. Diese Anziehungskraft kann man trainieren. Gebrannte Mandeln reizen auch erst, wenn Sie sie riechen…. Sie müssen nah dran kommen, näher als an eine Statistik Deutschlands bester Arbeitgeber. Die beste Berufsorientierung findet über Gespräche mit Leuten statt, die in einem Job arbeiten oder über Praktika. Je sicherer Sie über Gespräche werden, das Ihnen A oder B gefällt, desto klarer wird die Gravitation. Realistische Job- und Unternehmensvorschauen, auch als Video, könnten diese Klarheit erhöhen. Leider drehen Firmen immer noch Imagevideos und zeigen wie sie sein wollen, nicht wie sie sind. Auch eine klarere Positionierung würde Firmen helfen, mehr passende Personen anzulocken: Warum wollen Unternehmen alles bieten, Sicherheit und Flexibilität zugleich beispielsweise?

Wenn Sie etwas differenzierter erfahren  wollen, wodurch Sie sich angezogen sind: Mit meinem Worklifestyle kommen Sie dem ein kleines Stück näher, hoffe ich.

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Über Svenja Hofert

Svenja Hofert verbindet unterschiedliche Welten und Positionen. Dabei entwickelt sie neue und eigene Blickwinkel auf Themen rund um Wirtschaft, Arbeitswelt und Psychologie. Sie ist vielfache Buchautorin und schreibt hier unregelmäßig seit 2006. In erster Linie ist sie Ausbilderin und Geschäftsführerin ihrer Teamworks GTQ GmbH. Interessieren Sie sich für Ausbildungen in Teamentwicklung, Agilem Coaching und Organisationsgestaltung besuchen Sie Teamworks. Möchten Sie Svenja Hofert als Keynote Sprecherin gewinnen, geht es hier zur Buchung.

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2 Kommentare

  1. Kai G. Werzner 2. Dezember 2014 at 11:25 - Antworten

    Leider fehlt mir hier jeder Kommentar, da ich bei den meisten Firmen leider nur das Geld sehe für den Lebensunterhalt für den Mitarbeiter. Mitarbeiter werden als Kostenfaktoren behandelt. Als Arbeitsmaschinen die nur Kosten produzieren. Und immer häufiger nicht nach dem entlohnt werden für das sie ausgebildet und was sie geschafft haben. Oder verstehe ich da was Falsch es heißt doch üblicherweise WORK – LIFE Balance.
    Hatten Sie nicht den Begrif des Plug and Play Mitarbeiters geprägt? Jeder ist jederzeit ersetzbar! Und eingestellt wird nur der der Punktgenau Qualifiziert mit genau der richtigen Branchenkenntnis an Erfahrungsjahren ( EierlegendeWollmilchSau die fliegen kann und auch noch mehrere Sprachen Verhandlungssicher beherrscht) für einen Apfel und einem Ei arbeitet. Natürlich darf dieser auch keine Ansprüche in Form von Kultur haben oder das Ortsnah zum Wohnort oder Arbeitsort Kindergarten Schule Gymnasium oder sonstiges befindet. Nun gut wenn Mann dies fordert geht das ja bei Frau wäre dies schon Ausschlußkriterium.
    Nein ich sehe nicht das Arbeitgeberatraktivität zur Zeit angesagt ist. Oder irre ich mich da? Ich würde mich schon freuen einen Job zu finden, sei es auch in Rüstungsunternehmen. Hier gestehe ich, wäre dies für mich nur ein Job um schnellstmöglich meine Studienschulden los zu werden unde zu verschwinden und vielleicht um noch einige Qualifikationen machen zu können. Inhaltlich und ethisch müßte ich mich innerlich weitestgehend im anbedracht der Weltlage der Krisen und der Kriege sowie der gewünschten Kriege mit Russland und China abkapseln und innerlich kündigen.
    Ich bin jedenfalls für mich zu der Erkenntnis gekommen Leben ist mehr als nur Arbeit und man kann mit wenigen ganz gut auskommen und zufrieden sein. Ich bin der Überzeugung, das durch unsere Erziehung unser Umwelt und den ach so umwerfenden Leitmedien uns eine von der Wirtschaftswelt erwünschtes Highlevel-Bild gezeichnet wird und jeder einzelne diesem erwünschtem Ideal hinterherhächelt und eigendlich nur verlieren kann, weil er dadurch fremdbestimmt ist.
    Zurück zum Thema Mitarbeiterbindung und Firmenatraktivität und Anziehungskraft. Wo findet man den noch in Firmen einen wertschätzenden Umgang, wo einen dankbaren Chef oder Vorgesetzten? Ich will nicht alle Chefs und Firmen in eine Topf werfen aber die Zahlen der bekannten Studien sprechen doch für sich. Schauen wir doch einfach die Wortwahl an Humankapital Kostenfactor ….. und auf der gegenseite Kunde (was für ein Lacher in Deutschland Kunde König nein der Depp soll jeden Schrott kaufen bis er Bankrott ist und die schnauze halten) und Markenbotschafter. Die Firmen bringen es nicht zusammen das dies die gleichen Menschen sind z.B. die so “höflich” abgelehnten Bewerber, die malochenden und schlecht bezahlten Mitarbeiter und dann noch die ganzen Zeitarbeiter …. sollen gleichzeitig Werbung für die Firma machen und die Produkte kaufen?
    Schauen wir doch mal auf die Wirtschaftszahlen: in Deutschland wird noch echt gut erwirtschaftet aber auch investiert? Nein man mag es kaum glauben entsprechend der Investitionerklärungen vieler deutscher Firmen sei die USA zur Zeit das attraktivste Land auch schon aus Sicherheitsgründen Kriegslage in Europa, wo wir uns doch grad durch Langley (CIA) in einen Wirtschaftskrieg mit Russland haben hineinführen lassen, welcher schon jetzt zu massiven Auftragseinbrüchen führt. Oder schauen wir uns die ganzen Umstruckturierungsmaßnahmen in den firmen an immer weniger Leute verrichten die Arbeiten von vielen. Bournout und Boreout sind die Folge. Dies läßt mich nun eine Scherzfrage stellen: welchen Unterschied gibt es zwischen einem gut verdienenden Angestellten/ Arbeiter zu HartzIV beziehern? Lösung 15 Monate oder weniger bis zu 3 Monate Kündigungszeit und ein Jahr ALG I. Jedoch wird meistenteils so schecht verdient, dass man zu ALG I auch noch mit ALG II aufstocken muß. Vielleicht sollte man da mal Grundsätzlich über einige Schieflagen nachdenken.
    Mit freundliechen Grüßen
    Kai G. Werzner

  2. Ralf 17. Dezember 2014 at 22:06 - Antworten

    Mir gefällt der Artikel sehr gut und ist seit langem das beste was ich zu Sicherheiten, Selbstverwirklichung und Jobaufgabe gelesen habe. Ich sage immer wieder in Krisenzeiten wie damals 2008 werden sichere Jobs oder lange Betriebszugehörigkeiten zu Statussymbolen. Jobhoper werden wenn sie es zu oft tun, wie alle hoper belächelt. Eine berufliche Veränderung muss wirklich gut durchdacht sein. Jeder kennt üble Schicksale mit denen man nicht tauschen will.

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