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Haben Sie das richtige Mindset? Ein Plädoyer gegen Schwarzweißdenken

Veröffentlicht: 13. Juni 2022Kategorien: Mindset und Entwicklung

Offenbar suchen viele Menschen nach dem richtigen Mindset. In der Google-Suche jedenfalls spiegelt sich das. Da ist man auf der Jagd nach Erfolgs-Mindset, Gewinner-Mindset, positive Mindset, Money-Mindset, agile Mindset, digital Mindset, Serendipity Mindset und neuerdings sogar Outward Mindset… Streichen wir mal die ganzen Begriffe davor und schauen uns Mindset genauer an.

Können wir uns Mindset einfach so anziehen wie einen Schuh? Es aufspielen, wie ein Computerprogramm? Und wer erkennt überhaupt das richtige Mindset? Wer hat die Berechtigung. Wer könnte sich über jemand anderen stellen und sagen, wie er oder sie RICHTIG zu ticken hat?

Absolut niemand.

Wir folgen keinen Algorithmen

Man braucht zuallererst mal ein Mensch-Mindset
Svenja Hofert

Und wenn es dann doch sowas wie eine richtige oder besser passende Einstellung gäbe, wer würde die Administratorrechte dafür besitzen? Menschen sind keine Roboter. Ihre Gehirne funktionieren ganz anders als künstliche Intelligenz, der man einen Algorithmus einspeist, auf dessen Basis sie sich weiterentwickelt.

Wir haben nichts in uns, das uns vorgibt, wie wir uns verhalten sollten. Wir besitzen nur unsere vergangenen Erfahrungen, unsere eingespielten Muster. Und die folgen individuellen Logiken und den Einflüssen anderer – auch das ist komplett anders als bei künstlicher Intelligenz.

Oder halt: Es sind ohnehin weniger Logiken als vielmehr Gefühle und Gefühlsmarkierungen der Vergangenheit. Da ist nichts rational. Erst wenn wir uns unserer eigenen Funktionsweise bewusst werden, können wir Dinge klarer sehen. Mindset kann also auch gefährlich sein, wenn diejenigen, die es transportieren, damit Menschen einreden, nicht richtig zu sein. Das ist manipulativ.

Aber worum geht es überhaupt? Was ist denn Mindset? Wie grenzt es sich ab von Persönlichkeit? Wie von familiärer und sozialer Prägung? Existiert es überhaupt?

Definition von Mindset

Zunächst zur Definition. Mindset wird oft mit Mentalität übersetzt oder auch mit Einstellung, manchmal sogar Haltung. Danach beschreibt es ein Denk- und Verhaltensmuster, welches Menschen geprägt durch ihre sozialen Gruppen befolgen.

Diese Logik ist also weniger von persönlichen Eigenschaften als vielmehr von Verhaltens-Standards geprägt. Dieses innere Prozesse ausblendende Verständnis spiegelt sich etwa im „agile Mindset“ oder auch im „digital Mindset“. Das agile Mindset folgt agilen Wertvorstellungen. Das digital Mindset ist damit beschäftigt, die digitalen Möglichkeiten zu erkennen und zu integrieren. Das ist gesellschaftlich erwünscht, denn es unterstützt den notwendigen Wandel in der Arbeitswelt.

Agiles Mindset ohne innere Prozesse ist … ein Computer
Svenja Hofert

Doch wer innere Prozesse missachtet, landet bei einer sehr mechanistischen Betrachtungsweise – der Mensch als Computer. Kann man von einem analogen Mindset so einfach auf ein digitales schalten? Kann, wer bisher Werten wie „Prozessorientierung“ folgte, plötzlich leane „Einfachheit“ in den geistigen Vordergrund schieben? Mit etwas Grundwissen in Lern- und Entwicklungspsychologie muss man diese Frage verneinen. Das geht nicht. Zu fest sind unsere Verbindungen. Wir lernen langsam neu, in sehr kleinen Schritten, mühsam.

Neue Erfahrungen, nicht „Einstellungen“

Denn wir lernen durch neue Verbindungen. Und bis da mal im Gehirn gewachsen und entstanden sind, muss eine Menge passieren. Wir müssen akkomodieren und nicht nur assimilieren. Dazu verweise ich gern auf mein Video „Information und Transformation“. Es ist genau das. Diese Verbindungen werden im Übrigen nicht mit purer Willenskraft angestoßen. Sie entstehen durch positive Erfahrungen, weil jemand seinen Stärken nachgehen kann zum Beispiel. Es wird also nichts “eingestellt”. Im Gegenteil: Wenn wir versuchen, das Mindset von Menschen oder Gruppen „einzustellen“, verwechseln wir wieder einmal Menschen mit Computern.

Die innere Logik folgt der äußeren

Hier wird klar, dass solche Mindsets den Kontext berühren – und daran crashen können. Ein agiles Mindset in einer Behörde zu „installieren“ ist schon deshalb unmöglich, weil Behörden einer Rechts-, Absicherungs- und Verordnungslogik folgen. Es gibt keine Kunden im eigentlichen Sinn und auch keinen Markt. Die gewünschte Logik eines agilen Mindsets aus einem marktliberalen Umfeld passt nicht zur inneren Logik einer Verwaltungsorganisation. Ich rede hier nicht davon, dass ich Bürokratieabbau für falsch halte. Ich rede davon, dass die Kontextlogik das “Mindset”bestimmt und nicht ein Willensakt.

Wenn wir also von richtigem und passenden Mindset sprechen, ist dieser Aspekt zentral. Passen kann nur, was in Einklang kommen kann und will.

Mindset braucht den Kontext

Ein Mindset braucht diesen Zusammenhang. Es kann nur im Kontext passend sein. So betrachtet, hat ein agiles Mindset durchaus Konturen. So betrachtet ist es automatisch zugleich auch digital. Denn was bitte fördert Agilität mehr als die kluge Mensch-Maschine-Interaktionen? Aber so wird es eben nur selten betrachtet. Mir begegnen häufiger unterkomplexe Interpretationen.

Besonders augenfällig ist das beim New-Work-Mindset, das nun wirklich so gut wie keine Konturen hat. Das liegt schon daran, dass New Work derart viele Facetten hat, dass der Durchblick schwerfällt. Für mich ist es ein Aspekt von Agilität, eine logische Folge der Notwendigkeit, sich den veränderten Struktzren anzupassen, ja diese neu zu erfinden. Es könnte einen Zweck geben, aber man muss darüber nachdenken und ihn in den Mittelpunkt stellen.

Das würde auch all die Diskussionen über Homeoffice beenden. Denn hier wird New Work zum Selbstzweck, wo es nicht mehr darauf ankommt ob etwas zu einer positiven organisationalen Entwicklung beiträgt. Es wird lediglich persönlich argumentiert. Ach was, argumentiert: Es werden Meinungen gesendet – und da ist Elon Musk sofort der Bösewicht, nur weil er die Leute vor Ort haben will.

Persönlichkeit und Mindset

Damit sind wir bei der Persönlichkeit und wandern damit in das Hoheitsgebiet der Psychologie. Persönlichkeit von Mindset zu trennen ist nicht möglich. Auf was ich meine Aufmerksamkeit richte, wird von frühester Kindheit an ausgeprägt, ebenso wie persönliche Muster.

Die US-amerikanische Psychologieprofessorin Carol Dweck untersuchte zwei Mindset-Prägungen, die sie „growth“ und „fixed“ nannte.

Das „growth mindset“ strebt nach persönlicher Entwicklung. Es sieht weder Intelligenz noch Persönlichkeit als gegeben an und strebt danach zu wachsen. Das „fixed mindset“ ist dagegen rigide. Es folgt der Überzeugung, dass man festgelegt ist. „Ich bin wie ich bin“ – und die anderen natürlich auch. Mit „fixed Mindset“ sind wir überzeugt, dass Erfolg von angeborenem Talent und Begabung abhängt. Menschen mit eine solchen Mindset entwickeln sich nur in solchen Bereichen weiter, in denen sie bereits gut sind und überzeugt sind, dafür ein Talent zu haben.

Und nun das Paradox: Manches Mindset-Modell ist im Kern selbst “fixed”, da es besimmte Eigenschaften als generell erstrebenswert benennt.

Muster verändern, weil man es will (und nicht weil das Mindset es fordert)

Aber wer will und wer kann beurteilen, was fixed ist? Genau: Niemand wird ein Fixed Mindset zugeben. Es gibt auch niemand, der ausschließlich fixiert ist, das wäre ziemlich ungesund. Gleichwohl wird jeder denken, ein growth Mindset zu haben und damit natürlich falsch liegen. Es macht also keinen Sinn, sich oder andere in eine Schublade zu stecken. Es geht vielmehr darum, dass man offen über Veränderungsängste reden kann, über das, was einem leichtfällt und was schwer. Wo man von anderen lernen kann und was einem selbst hilft, bisherige Muster zu verändern.

So betrachtet kann es sinnvoll sein, mit einem mentalen Mindset-Modell zu arbeiten. Da kann man auch darüber diskutieren, wie der Kontext einen beeinflusst und was sich ändern müsste. Aber bitte keine Diagnosen.

Wenn Mindset uns einredet, nicht richtig zu sein, ist es manipulativ.
Svenja Hofert

Begriffe rund um Mindset drücken den Wunsch nach Veränderung, nach einer neuen Zeit aus, nach gesellschaftlichen und kulturellen Wandel.

Solche Begriffe können aber auch gefährlich sein, wenn sie Menschen einreden, nicht richtig zu sein. Dann sind sie manipulativ. Wir sollten sehr vorsichtig mit Begriffen umgehen, die anderen und uns selbst etwas zuschreiben. Die uns ein Gefühl von „Mangel“ und „nicht gut genug“ geben. Am Ende glauben wir daran. Dann sind solche Begriffe brandgefährlich.

Und wenn Sie nun fragen “gibt es Mindset überhaupt?””, dann sage ich Ihnen: Sie erschaffen es, indem Sie ihm Bedeutung geben. Sie stabilisieren es, indem Sie daran glauben.

Das kann helfen, wenn es nicht an der Oberfläche bleibt. Das kann schaden, wenn es einfach übergestülpt wird.

Schwarz und weiß lassen sich leicht umkehren – dann werden sie zu einer Suppe ohne Konturen. Das zeigt auch die Illustration Angela Roma by Pexels.

Zum gefährlichen Mindset finden Sie hier auch mein Youtube-Video.

Dieser Text erschien zunächst bei XING.

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Über Svenja Hofert

Svenja Hofert verbindet unterschiedliche Welten und Positionen. Dabei entwickelt sie neue und eigene Blickwinkel auf Themen rund um Wirtschaft, Arbeitswelt und Psychologie. Sie ist vielfache Buchautorin und schreibt hier unregelmäßig seit 2006. In erster Linie ist sie Ausbilderin und Geschäftsführerin ihrer Teamworks GTQ GmbH. Interessieren Sie sich für Ausbildungen in Teamentwicklung, Agilem Coaching und Organisationsgestaltung besuchen Sie Teamworks. Möchten Sie Svenja Hofert als Keynote Sprecherin gewinnen, geht es hier zur Buchung.

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