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Was soll ich werden? Berufsberatung für Menschen, die nicht mehr ganz jung sind

Veröffentlicht: 8. März 2015Kategorien: Mindset und Entwicklung

bewerber warten auf ihr gesprächEigentlich ist es absurd: Wir suchen Jobs, die zu uns passen. Doch die Arbeitswelt produziert Stellen, die auf Märkte zugeschnitten sind, globalen Wettbewerb und Performancedruck. Es geht nicht mehr um Handwerk oder Forschung, Soziales, Wirtschaft oder Verwaltung: Unklare und vor allem dynamisch sich verändernde Jobbilder entstehen. Und Sie fragen sich immer öfter: Was passt zu mir?

Die Frage nach dem richtigen Beruf war für meinen Opa noch einfach zu beantworten. Er war Berufsberater beim Arbeitsamt. Damals, nach dem zweiten Weltkrieg, gab es neben vielen Ungelernten noch richtige Berufe wie den Schornsteinfeger oder den Landwirt. Akademiker wurden Lehrer, Arzt, Jurist oder höhere Verwaltungsbeamte, wie eben mein Opa. Nicht-Akademiker wurden Facharbeiter, Krankenpfleger oder Verkäufer, wie meine Tante und meine Mutter, die das Gymnasium nach Klasse 10 verlassen musste. Berufs- und Laufbahnberatung war etwas für junge Leute, bei den Älteren ging es nur um eins: Hauptsache Arbeit für die einen, Hauptsache Aufstieg für die anderen. Berufsberatung nur für Junge? Dahingehend hat sich wenig verändert, denn so wird es heute oft noch gesehen: Eltern, die etwas auf sich halten, schicken ihre Kids zum privaten Berufsberater…(und ganz sicher nicht zum Arbeitsamt). Und wer über 25 ist muss doch keinen Beruf mehr suchen!

Doch die Zeiten sind heute ganz andere. Wir werden 90, 100 Jahre alt, unser Berufsleben ist lang, entsetzlich lang für schlechtes Karma. Wir wollen es nicht mit etwas verbringen, das wir nicht mögen – oder nicht mehr mögen. So sind es 30-55jährige, die zu uns in die Laufbahnberatung kommen und sich grundlegende Fragen zum Beruf stellen. Meist Menschen, die in etwas reingestolpert sind – ohne darüber nachzudenken, ob es auch den Stärken entspricht. Ihre schwierige Aufgabe ist es dann, zwischen dem verblendeten Credo des Alles-ist-möglich und dem desillusionierenden „was wollen Sie noch lernen in Ihrem Alter?“ einen Ansatz für sich selbst zu finden.

Wie Beratungssuchende vorgehen sollten:

1. Klären Sie das wahre Problem: Beruf oder Persönlichkeitsentwicklung?

Viele Neuorientierer sind im Grunde Flüchtlinge. Sie ertragen zum Beispiel Konflikte nicht oder haben unangemessene Erwartungen an die Chef-Angestelltenbeziehung. Deshalb fliehen sie aus Firmen. Oft sind es Menschen, die wenig Chancen hatten, sich innerhalb einer Firma zu entwickeln. Manche sind in Glaubenssätzen verstrickt, die von den Eltern kommen. Es geht also vielfach gar nicht um den Beruf; es geht um die Persönlichkeit. Verstärkt betrifft das Frauen, die aus meiner Sicht alleine gelassen werden: Sie sollen Kind und Karriere wollen, sollen glücklich im Beruf und gleichzeitig gute Mütter sein… Sie haben länger als Männer damit zu tun, herauszufinden, was sie selbst wollen. Oder denken erst später darüber nach. Und Sie sind nicht so oft von Geld getrieben, was einen entscheidenden Unterschied ausmacht.

2. Suchen Sie nach passenden Umgebungen und Themen.

Andere Berufssuchende suchen nach Identität, die sie in den seltsamen Jobbezeichnungen nicht finden, die gerade entstehen. Was bin ich eigentlich, wenn die Namen dafür nicht genormt sind? Creative Ad Server? Ist das was? Dieses Problem ist leicht zu lösen, da es vor allem im Kopf beseht und oft mit elterlicher Prägung zu tun hat (“wie heißt das was du bist noch mal? Wie, das hat keinen Namen?”) Verabschieden Sie sich vom Denken in Berufen und sagen Sie “hallo” zu Themen und Umgebungen. Suchen Sie Unternehmen, die etwas verkörpern wie “Kooperation” und “Augenhöhe” und nicht nach Namen. Dabei hilft übrigens mein Worklifestyle.

3. Gehen Sie Ihren Weg – es kann auch einer jenseits der Ausbildung sein.

Mir hat mal jemand gesagt, ihm würde kein besseres Beispiel für jemand einfallen, der aus verschiedenen Talenten sein eigenes Ding gemacht hat, jenseits vorgeschriebener Wege. Ich hätte mir folgende Berufe vorstellen können: Lehrer, Anwalt, Journalist, Psychiater – doch heute weiß ich: keinen davon in Reinkultur. Ich bin ein Helikopter, nicht dafür bestimmt, länger zu bleiben und nur ein Ding zu tun. Mein Job ist jetzt viel besser als einer der genannten: alles in allem.

Wege jenseits ihrer Ausbildung finden, das können auch sie. Es gibt nur einen einzigen Haken. Veränderung und Sicherheit schließen sich aus. Sie sollten also nicht nach Sicherheit suchen und keine Garantien verlangen, die Ihnen niemand geben kann. In dem Moment, wo sie das Risiko vermeiden wollen, werden Sie nicht mehr ihrer Nase folgen. Und das verbaut Ihnen den Weg zum Erfolg.

4. Erwarten Sie kein sofortiges Geschenk.

Aus seinem beruflichen Weg auszusteigen und eine neue Richtung einzuschlagen ist nicht einfach. Es spricht aber nichts dagegen, auch mit 50 und später noch ein Studium oder eine Lehre zu beginnen. Am Anfang sind Sie in der Hackordnung weit unten. Egal ob Sie mit 40 Jura oder mit 50 BWL studieren oder mit 55 eine Ausbildung zum Tischler machen: Die  Ausbildungsphase macht vielen zu schaffen. Und auch das Lernen. Es ist nicht einfach, sich in fortgeschrittenem Alter neue Dinge auf die Art und Weise einzuprägen wie es 20jährige tun. Aber es geht: Ihr Gehirn wird neue Verbindungen schaffen und es wird Ihnen gelingen. Und wenn das passiert ist, wird das Gelernte für Sie sehr viel mehr Wert sein als für jemand mit 20. Außerdem wird es normaler werden, dass alt und jung zusammen etwas lernen. Und dann ändert sich auch das Thema Hackordnung.

5. Klären Sie Ihre Möglichkeiten, aber begrenzen Sie sich nicht.

Geht es nicht um Persönlichkeitsentwicklung, sondern darum wirklich seinen Interessen und Leidenschaften entgegen zu reisen, so werden sich neue Wege finden – oft bedeutet es aber, erst mal auf Backpacking umzusteigen und aufs Luxushotel zu  verzichten. Sagen Sie nicht “das geht nicht finanziell”. Es gibt immer Möglichkeiten, sei es den Partner, der eine Neuorientierung stützt und finanziert. Der Kredit, die vorgezogene Erbschaft…  Oder der Minijob im Service, der das Lehrgeld aufstockt. Wer wirklich etwas will, wird Wege finden.

 

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Über Svenja Hofert

Svenja Hofert verbindet unterschiedliche Welten und Positionen. Dabei entwickelt sie neue und eigene Blickwinkel auf Themen rund um Wirtschaft, Arbeitswelt und Psychologie. Sie ist vielfache Buchautorin und schreibt hier unregelmäßig seit 2006. In erster Linie ist sie Ausbilderin und Geschäftsführerin ihrer Teamworks GTQ GmbH. Interessieren Sie sich für Ausbildungen in Teamentwicklung, Agilem Coaching und Organisationsgestaltung besuchen Sie Teamworks. Möchten Sie Svenja Hofert als Keynote Sprecherin gewinnen, geht es hier zur Buchung.

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4 Kommentare

  1. Kai G. Werzner 13. März 2015 at 9:59 - Antworten

    Hallo Frau Hoffert,
    wie üblich sehr aussagekräftig, mir stellt sich nur die Frage wo wollen die ganzen Menschen nen Job finden bei der derzeitigen Digitalisierung und Robotisierung, 25% der arbeitsfähigen Bevölkerung die von ihrem Job nicht hinreichend leben können oder nicht mal einen Job finden Herr Volker Pispers bringt es schön auf den Punkt. Wir sind einfach zu Viele auf zu wenige Jobs. Und nehmen wir auch noch die Arbeitszufriedenheit her wie die neueste Gallup-Studie zeigt. Nun ja da kann man nur noch sagen armes Deutschland. Aber wir haben einen so großen Fachkräftemangel wie noch nie!!! Jeder möge daher zurecht schauen ob er oder sie mal seinen / ihren Interessen fröhnt und mal was anderes lernt oder studiert und sich in jene Länder absetzt, die nicht nach Eierlegenden Wollmilchsäuen die sowohl mehrere Sprachen sprechen und auch noch fliegen können suchen zu ordentlichen Löhnen und Arbeitszeiten.
    Mit freundlichen Grüßen
    Kai G. Werzner

    • Svenja Hofert 15. März 2015 at 9:51 - Antworten

      Danke für den Kommentar! Ja, Arbeit verteilt sich sehr ungleich. LG Svenja Hofert

  2. Alexandra Cordes-Guth 15. März 2015 at 20:50 - Antworten

    Hallo Frau Hofert, danke für diese interessanten Informationen. Gerade Menschen zwischen 40 und 50 sind oft aus den von Ihnen genannten Gründen auf der Suche nach beruflicher Veränderung. Ein staker Beweggrund ist oft die Suche nach Sinn. Sie gehen der Frage von Viktor Frankl nach: Was ist dein Geschenk an die Welt? Auf diesem Weg geht es nicht um Sicherheit. Es geht um den Zugang zur eigenen Wahrheit, den eigenen Potentialen und die das Vertrauen auf die eigene Intuition. Da gibt es viele bewegende Berufungs-Wege. Jeder Mensch, der diesen Wunsch nach beruflicher Veränderung spürt, sollte ihm nachgehen. Ich habe selbst erlebt, dass sich Türen öffnen und arbeite heute als Trainerin, Coach und Therapeutin, nachdem ich 20 Jahre im Projektmanagement war. Wege entstehen beim Gehen. Freundliche Grüße -Alexandra Cordes-Gurh

  3. Tilo 29. August 2015 at 16:28 - Antworten

    Ergänzend zu diesen hervorragenden Informationen kann ich aus meiner reichhaltigen Erfahrung als Bewerbungsberater noch sagen, dass es den meisten älteren Bewerbern nicht gelingt, ein gesundes Selbstbewusstsein vor allem im Anschreiben herauszustellen. Da wird zu sehr mit Konjunktiven (würde ich, könnte ich) formuliert, was einer selbstbewussten Haltung, die im Alter ab 40+ äußerst wichtig ist, entscheidend zuwider läuft.
    Vielmehr sollten die Bewerber ganz klar mit ihren erworbenen Fähigkeiten und Erfahrungen argumentieren, dass sie die anstehenden Aufgaben des Stellenangebots erfüllen werden. Das weist auch in die Zukunft, wie es Personalentscheider wollen und diese erkennen somit, dass sich der Bewerber auf Augenhöhe befindet.

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