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3 Arten von Charisma – und ein Mythos

Veröffentlicht: 15. August 2016Kategorien: Psychologie

Geht es Ihnen auch so? Manche Leute, die andere „charismatisch“ finden, sind für Sie einfach nur öde und langweilig. Vielleicht empfinden Sie sie als Phrasendrescher oder Dumpfbacken, möglicherweise als einfach nichtssagend. Charisma wird oft als eine Eigenschaft verstanden, die alle gleich wahrnehmen. Doch Menschen reagieren auf einige Dinge gleich, auf viele aber unterschiedlich. Denn Charisma ist vor allem eines: eine Projektion.

1. Dominanz-Charisma

Führung hat die Funktion, Angst zu binden. Charisma unterstützt Führung. Jemand mit einer dominanten Ausstrahlung reduziert also durch seine Wirkung Ängste. Dominanz zeigt sich durch durch ein klares und festes Auftreten. Man sieht Dominanz, man spürt diesen höheren sozialen Status, selbst wenn er de facto nicht höher ist. Er ist deshalb auch eng verwoben mit Habitus. Man könnte diese Dominanz auch „natürliche Autorität“ nennen.

Oft ist diese Art von Charisma gekoppelt an entsprechende äußerliche Merkmalen, etwa Größe, Aussehen und vor allem Körperhaltung. Verbale Eloquenz unterstreicht und kann Aussehen bis zu einem gewissen, allerdings meist endlichen Grad ausgleichen. Barack Obama ist kaum vorstellbar in klein und adipös.

Die Art der Dominanz kann stark variieren, sie scheint mir indes sehr an der Art der Ängste zu hängen. Kulturelle Einflüsse mögen eine gewisse Rolle spielen: Ein Erdogan wird von Westeuropäern nicht als charismatisch empfunden werden, im engeren kulturellen Umfeld scheint man das anders zu sehen. Vermutlich wirkt auch ein Trump auf manche seiner Wähler charismatisch. Was einmal mehr zeigt, wie relativ zur Bezugsgruppe eine solche Wahrnehmung ist.

Ihre Persönlichkeit, wenn Sie Dominanz-Charismatiker mögen: Sie sind höchstwahrscheinlich jemand, der sich freut, dass jemand anderes mit gutem Vorbild vorangeht. Dann müssen Sie es nicht tun. Das entlastet, Sie nehmen es gerne an. 

2. Visionärs-Charisma

Visionärs–Charismatiker können mit ihren Ideen begeistern. Sie haben klare Vorstellungen von der Zukunft und vermögen diese sehr überzeugend darlegen. Sie wecken Vertrauen in die Zukunft und können diese sehr rosig ausmalen. Auch sie sind Angst-bindend unterwegs: Sie binden die Angst vor der Zukunft und tauschen diese gegen ein Versprechen. Dieses ist weitergehend als das des Dominanz-Charismatikers – es bindet einen selbst mit ein. Man wird Teil von etwas, Mitgestalter.

Man überlässt nicht mehr einfach nur jemand anderem die Lösung. Ob „du kannst es schaffen“ oder „wir schaffen das“ – wer Visions-Charismatikern folgt, möchte das unbedingt glauben. Auch hier gibt es kulturelle und historische Einflüsse. “Wer Visionen hat, muss zum Arzt”, sagte einst Helmut Schmidt, den ich eher zu den Dominanz-Charismatikern zählen würde.

Steve Jobs oder Elon Musk passen in dieses Schema, und dummerweise liefern Meiden und Geschichte einmal viel zu wenig Frauen. Außer Hildegard von Bingen findet sich bei der Google-Suche kaum eine. Was nicht an den Frauen, sondern an den männlichen Geschichtsschreibern liegt.

Blick in die Zukunft bindet die Angst vor dieser vor allem dann, wenn sich neue Entwicklungen auftun und diese sich nicht mehr leugnen lassen. Manch Visionär zeigt sich somit erst rückblickend und post mortem.

Ihre Persönlichkeit, wenn Sie Visionärs-Charismatiker mögen: Sie sind wahrscheinlich eher offen für Neues. Gleichzeitig mögen Sie es, wenn jemand Sicherheit und Vertrauen in die Zukunft gibt.

3. Kompetenz-Charisma

Kompetenz-Charisma zeigen Menschen, die ein tiefer gehendes Wissen und Können haben. Dieses können sie aber so aufbereiten, dass sie andere mit ihren Botschaften zu begeistern vermögen. Sie rattern nicht einfach Wissen runter, sondern stellen Verknüpfungen her, die die Dinge in einen größeren Kontext setzen. Damit schaffen sie auch eine Wirklichkeit, die letztendlich auch wieder Ängste bindet. Ja, wenn wir auf A oder B setzen, dann lösen wir dieses Problem! Ein Kompetenz-Charismatiker ist für mich z.B. Gunter Dueck. Bei dieser Art von Charisma verzeiht man selbst hohe Stimmen und kleine Körpergrößen.

Wieder mangelt es an weiblichen Vorbildern: Das Problem sind hier mehr die Medien als die Geschichtsschreiber. Alldieweil diese die Geschichte vorschreiben und somit auch wieder beeinflussen. Dennoch fällt mir immerhin Hannah Arendt ein.

Ihre Persönlichkeit, wenn Sie Kompetenz-Charismatiker mögen: Sie bevorzugen Menschen, die eher intellektuell an Themen rangehen und neben spürbar tiefem Wissen auch einen weiten Denkradius zeigen. 

Charismatische Mythen

Dann gibt es noch Charismatiker, die eher Legenden sind, wie etwa Jim Morrison oder Elvis Presley. Auch hier sind die Frauen wiederum schwer zu finden. Komischerweise verbindet wohl kaum jemand Charisma mit Amy Winehouse oder Whitney Houston, die beide den Drogentod starben – und sich an die dagegen als charismatisch eingeschätzten Männer Prince und Jimi Hendrix einreihen.

Das zeigt leider einmal mehr, dass es sich beim Charisma um nichts als eine Projektion handelt. Wir küren die Charismatiker aufgrund unserer Wunschvorstellungen. Wir übertragen auf sie, was wir selbst in ihnen sehen wollen.

aktualisiert 2/2020

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Über Svenja Hofert

Svenja Hofert verbindet unterschiedliche Welten und Positionen. Dabei entwickelt sie neue und eigene Blickwinkel auf Themen rund um Wirtschaft, Arbeitswelt und Psychologie. Sie ist vielfache Buchautorin und schreibt hier unregelmäßig seit 2006. In erster Linie ist sie Ausbilderin und Geschäftsführerin ihrer Teamworks GTQ GmbH. Interessieren Sie sich für Ausbildungen in Teamentwicklung, Agilem Coaching und Organisationsgestaltung besuchen Sie Teamworks. Möchten Sie Svenja Hofert als Keynote Sprecherin gewinnen, geht es hier zur Buchung.

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3 Kommentare

  1. Sebastian 31. August 2016 at 21:16 - Antworten

    Hallo Frau Hofert,

    ich lese seit einiger Zeit “mit”, weil ich viele Beiträge als interessant erachte. Nun fühle ich mich jedoch das erste Mal angesprochen.

    Ich glaube, dass ich als sehr selbstsicher wirkende Führungskraft mit 1,95m Größe, knapp 100kg auf der Waage (einigermaßen sportlich verteilt) und 12 Jahren Bundeswehrerfahrung so einigermaßen als Modelltyp für dias beschriebene Dominanzcharisma durchgehe. Zumal ich in der Tat gerne Einfluss nehme, durchaus bereit bin Entscheidungen zu treffen und nur schwerlich ansehen kann, wenn etwas in eine falsche bzw. mir nicht genehme Richtung läuft.

    Das hat auch über 2 Jahre gut funktioniert. Ich habe schnell Anerkennung gewonnen, bin als “Externer” gut in der neuen Firma angekommen.

    Nun beschleicht mich jedoch das Gefühl, dass meine dominant forsche Art eher zu einer Belastung wird. Insbesondere sensible, aber auch fachlich weniger “wehrhafte” Mitarbeiter verschrecke ich. Lasse Ihnen ungewollt, teilweise unbewußt (vor allem in den weniger ruhigen Momenten) zu wenig Raum.

    Ich brauche einen Gegenspieler. Jemanden der den Willen und die Fähigkeit hat, mir Paroli zu bieten und gemeinsam eine bessere Lösung zu entwickeln. Jemand, der auch mich das ein oder andere Mal beeindruckt. Viele dieser Menschen habe ich jedoch noch nicht gefunden.

    Alles in allem habe ich das Gefühl, der Weiterentwicklung des Teams im Weg zu stehen. Doch die Strategie des “sich zurücknehmen” fällt mir wahrlich nicht leicht. Sie überzeugt mich nicht.

    Ich versuche es sportlich zu nehmen. Frage aktiv nach Feedback, versuche mich selbst zu beobachten und ab und an zu bremsen.

    Was aber nach außen hin sehr souverän wirkt, hat eben auch seine Schattenseiten…

    Mit besten Grüßen aus Franken,
    Sebastian

    • Svenja Hofert 2. September 2016 at 15:11 - Antworten

      Hallo S, dass Sie darüber so reflektieren, spricht für Sie. Ja, manchmal ist jemand anderes vielleicht wirklich besser für ein Team, manchmal geht es darum, sich mehr auf andere einzustellen. herzliche Grüße Svenja

  2. Susanne 18. Januar 2017 at 21:25 - Antworten

    Hallo Sebastian,

    in welcher Branche sind Sie tätig? Ich hätte da einen interessanten Gegenspieler…

    Freundliche Grüße
    Susanne

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