Kate­go­rien

Riecht nach Rache: Von der dunklen Triade zur nieder­träch­tigen Neun und dem Dreckigen Dutzend

Published On: 8. Dezember 2024Cate­go­ries: Aktuell, Führung

Das riecht nach Rache! Die Politik liefert gerade reich­lich Anschau­ungs­ma­te­rial für Verhalten, das (mindes­tens) Bauch­schmerzen macht. Da wird beschul­digt, beklagt und sich gerächt. Wir fragen uns: Geht es da wirk­lich noch um die Zukunft unseres Landes — oder nur um das eigene Über­leben, den Vorteil?

Die dunklen Seiten der Persön­lich­keit zeigen sich nicht nur in Extremen wie Macht­hunger oder Rück­sichts­lo­sig­keit, sondern auch in alltäg­li­chen Verhal­tens­weisen, die wir manchmal nur als „anstren­gend“ und bisweilen als “toxisch” wahr­nehmen. Es ist eine oft unter­schwel­lige Dynamik, die Bezie­hungen vergiftet, Teams spaltet und lang­fristig Vertrauen zerstört. Und dabei spielen Systeme und ihre Logiken, aber auch Persön­lich­keits­ei­gen­schaften eine Rolle.

Beschrieben werden diese durch den so genannten d‑Faktor der Persön­lich­keit, wobei d für “dark” steht. Es geht also um dunkle Eigen­schaften. Doch wo fangen diese an? Und was ist dunkel?

Das unter­su­chen die Forscher Benjamin Hilbig und Ingo Zettler in einem inter­na­tio­nalen Online-Projekt. Unter Dark Factor können Sie das kostenlos für sich selbst testen.

Beginnen wir beim bekann­testen d‑Merkmal:

Narzissmus: Wenn das eigene Ego im Mittel­punkt steht

Stellen wir uns vor, ein Kollege präsen­tiert die Ergeb­nisse eines Team­pro­jekts vor der Geschäfts­lei­tung. Statt die gemein­same Leis­tung zu würdigen, redet er nur über seinen eigenen Beitrag. Lob nimmt er gerne an, während er die Arbeit anderer klein­redet. Dieses Verhalten mag kurz­fristig für ihn Vorteile bringen, doch es hinter­lässt Frus­tra­tion im Team und schadet der Zusam­men­ar­beit.

Auch im privaten Umfeld zeigt sich Narzissmus subtil: Die Freundin, die sich auf einer Geburts­tags­feier nur darüber unter­hält, welche tollen Erfolge sie hatte oder wie teuer ihre neue Tasche war, ohne jemals nach den Erleb­nissen anderer zu fragen, mag nicht böse sein – aber sie lässt andere unsichtbar erscheinen. V

Machia­vel­lismus: Mani­pu­lieren für den eigenen Vorteil

Ein Beispiel für machia­vel­lis­ti­sches Verhalten ist der Manager, der eine Beför­de­rung anstrebt. Statt sich durch Leis­tung zu profi­lieren, streut er Gerüchte über einen Konkur­renten, sabo­tiert dessen Arbeit oder stellt ihn vor dem Chef absicht­lich schlecht dar. Nach außen gibt er sich char­mant und loyal, doch hinter den Kulissen zieht er die Fäden.

Im Freun­des­kreis kann Machia­vel­lismus eben­falls subtil auftreten: Eine Person erzählt einer anderen absicht­lich falsche Infor­ma­tionen über einen gemein­samen Freund, um Konflikte zu provo­zieren – nur, um später als „Vermittler“ gut dazu­stehen.

Psycho­pa­thie: Kalte Entschei­dungen ohne Rück­sicht auf Verluste

Psycho­pa­thie muss nicht immer bedeuten, dass jemand krimi­nell handelt. Emotio­nale Kälte und fehlende Empa­thie können sich auch in alltäg­li­chen Entschei­dungen zeigen. Ein Beispiel ist der Unter­nehmer, der ohne Vorwar­nung eine Kollegin nach zwanzig Jahren Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit kündigt, weil sie zu teuer geworden ist. Die Entschei­dung mag wirt­schaft­lich sinn­voll sein, doch sie wird ohne Rück­sicht auf persön­liche Bindungen oder Konse­quenzen für die Betrof­fene getroffen.

Ein weiteres Beispiel ist ein Freund, der Verspre­chen macht, die er nie einhält, und auf Konfron­ta­tion nur mit einem Schul­ter­zu­cken reagiert – als wäre jede emotio­nale Reak­tion für ihn bedeu­tungslos.

Warum dunkle Eigen­schaften so oft erfolg­reich sind

Das Erschre­ckende an diesen Verhal­tens­weisen ist, dass sie kurz­fristig oft belohnt werden. Der narziss­ti­sche Kollege bekommt die Aufmerk­sam­keit, der machia­vel­lis­ti­sche Mitar­beiter die Beför­de­rung, und der psycho­pa­thi­sche Chef spart Kosten. Doch diese Erfolge sind meist nicht von Dauer. Vertrauen schwindet, Teams zerbre­chen, und lang­fristig leiden die Betrof­fenen selbst.

Wie können wir damit umgehen?

Svenja Hofert betont, dass wir diese dunklen Eigen­schaften erkennen und benennen müssen, um sie gezielt zu adres­sieren. Oft hilft es, nicht sofort zu reagieren, sondern bewusst Abstand zu gewinnen. Sie rät: „Wer dunklen Eigen­schaften mit Klar­heit begegnet, kann ihre destruk­tive Wirkung entschärfen – und viel­leicht sogar etwas Posi­tives daraus machen.“

Denn: Ein wenig Narzissmus kann inspi­rieren, stra­te­gi­sches Denken à la Machia­velli kann helfen, komplexe Probleme zu lösen, und emotio­nale Kälte kann in Krisen für klare Entschei­dungen sorgen – solange die Balance stimmt. Es ist wichtig zu wissen, dass Menschen viele verschie­dene Eigen­schaften haben. Und der d‑Faktro auch eine statis­ti­sche Größe ist, die eine Normal­ver­tei­lung zeigt. Das bedeutet: Es gibt Menschen, die höhere, mitt­lere und nied­rige Werte haben. Hinzu kommt, dass diese sich oft mit anderen verbinden.

So gibt es narziss­tisch geprägte Persön­lich­keiten, die sich für das Wohl der Gesell­schaft einsetzen. Sie messen ihren Erfolg auch an dem Mehr­wert, den sie stiften. Das “dunkle” ist so stark gezähmt.

Neben indi­vi­du­ellen Eigen­schaften spielt auch das System, in dem Menschen agieren, eine entschei­dende Rolle. Ein Umfeld, das Egoismus belohnt oder mora­li­sche Enthem­mung igno­riert, kann solche Eigen­schaften verstärken. In der Politik beispiels­weise fehlt oft eine klare Ausrich­tung auf das „höhere Gute“, was dazu führt, dass destruk­tive Verhal­tens­weisen tole­riert werden.

Lassen Sie uns noch mal etwas ins Detail gehen.

Dunkle Eigen­schaften: Ein Über­blick

Die dunklen Eigen­schaften der Persön­lich­keit umfassen eine Reihe von Verhal­tens­merk­malen, die als sozial unan­ge­passt oder destruktiv gelten. Sie sind nicht mit klini­schen Erkran­kungen wie Persön­lich­keits­stö­rungen gleich­zu­setzen, sondern bewegen sich in einem Spek­trum, das auch in gesunden Persön­lich­keiten vorkommen kann.

Ein wissen­schaft­li­cher Ansatz unter­scheidet drei Kern­merk­male, bekannt als die dunkle Triade:

  1. Narzissmus: Menschen mit narziss­ti­schen Zügen streben nach Bewun­de­rung und Macht. Sie können char­mant wirken, solange es ihrem eigenen Nutzen dient, scheuen sich aber nicht, andere auszu­nutzen.
    • Beispiel: Ein Manager, der die Arbeit seines Teams als seine eigene verkauft, um selbst im Rampen­licht zu stehen.
  2. Machia­vel­lismus: Diese Eigen­schaft beschreibt ein mani­pu­lie­rendes, stra­te­gisch berech­nendes Verhalten, um eigene Ziele zu errei­chen – oft ohne Rück­sicht auf mora­li­sche Prin­zi­pien.
    • Beispiel: Eine Kollegin, die absicht­lich falsche Infor­ma­tionen streut, um ihre Konkur­renz in einem wich­tigen Projekt zu sabo­tieren.
  3. Psycho­pa­thie: Menschen mit psycho­pa­thi­schen Zügen zeigen emotio­nale Kälte, impul­sives Verhalten und eine geringe Empa­thie.
    • Beispiel: Ein Unter­nehmer, der ohne mit der Wimper zu zucken Mitar­bei­tende entlässt, um kurz­fris­tige Gewinne zu maxi­mieren.

Diese Eigen­schaften stehen in gewisser Bezie­hung zu der dunklen Triade der Macht, über die ich hier geschrieben habe.

Darüber hinaus gibt es Modelle wie die „nieder­träch­tigen Neun“ oder das „dreckige Dutzend“, die zusätz­liche Merk­male beschreiben:

  • Egoismus: Das meint eine Haltung, die die eigenen Inter­essen über alles andere stellt, oft auf Kosten anderer. Beispiel Ein Kollege, der nur seine eigenen Projekte voran­treibt, auch wenn dies auf die Team­ar­beit oder den Erfolg des gesamten Unter­neh­mens geht.
  • Gier: Über­mä­ßiges Verlangen nach mate­ri­ellem Besitz und persön­li­chem Gewinn, unab­hängig von den Konse­quenzen für andere. Beispiel: Ein Unter­nehmer, der die Umwelt oder die Gesund­heit seiner Mitar­beiter für Gewinn­stei­ge­rungen riskiert.
  • Mora­li­sche Enthem­mung: Das Fehlen von ethi­schen Stan­dards, was dazu führt, dass mora­li­sche Bedenken bei eigenen Hand­lungen igno­riert werden. Beispiel: Ein Manager, der unethi­sche Geschäfts­prak­tiken anwendet, um schnell an Macht oder Geld zu kommen, obwohl er weiß, dass diese Hand­lungen nega­tive Folgen für andere haben.
  • Ansprüch­lich­keit: Die Über­zeu­gung, dass man beson­dere Rechte oder Privi­le­gien hat, auch ohne sie verdient zu haben. Beispiel: Eine Person, die erwartet, dass sie ohne große Leis­tung oder Initia­tive beför­dert wird, nur aufgrund ihrer vermeint­li­chen “Wich­tig­keit”.
  • Sadismus: Freude daran, anderen zu schaden oder sie zu quälen, sei es physisch oder emotional. Beispiel: Ein Vorge­setzter, der absicht­lich Mitar­beiter demü­tigt oder in unan­ge­mes­sener Weise behan­delt, nur um Macht und Kontrolle zu demons­trieren.
  • Selbst­be­zo­gen­heit: Das ausschließ­liche Fokus­sieren auf das eigene Wohl, ohne Rück­sicht auf die Bedürf­nisse anderer. Beispiel: Eine Führungs­kraft, die ihre Zeit und Ressourcen nur für eigene Projekte nutzt und dabei die Bedürf­nisse des Teams oder der Orga­ni­sa­tion igno­riert.
  • Zynismus: Eine Haltung des Miss­trauens oder der Ableh­nung gegen­über den Motiven und Absichten anderer. Beispiel: Ein Kollege, der bei jeder Idee oder Initia­tive nur nega­tive und miss­traui­sche Kommen­tare abgibt und niemals an das Gute in der Arbeit oder den Absichten anderer glaubt.
  • Rach­sucht: Das Streben, sich für wahr­ge­nom­mene oder tatsäch­liche Verlet­zungen an anderen zu rächen. Beispiel: Eine Person, die nach einem Konflikt bei der Arbeit absicht­lich dazu beiträgt, dass der oder die andere weniger Aner­ken­nung erhält oder benach­tei­ligt wird.
  • Verach­tung: Eine Haltung der Über­le­gen­heit oder Gering­schät­zung gegen­über anderen, gepaart mit der Tendenz, diese herab­zu­setzen oder zu igno­rieren. Ein Manager, der seine Mitar­beiter in Meetings ständig herab­setzt.

Was können wir tun?

Ein erster Schritt, um mit diesen Eigen­schaften umzu­gehen, ist die Selbst­re­fle­xion. Test­ver­fahren wie der soge­nannte „D‑Faktor-Test“ können helfen, die eigenen dunklen Seiten besser zu verstehen. Oder auch: Zu reflek­tieren, warum man viel­leicht beson­ders aller­gisch auf ein bestimmtes Verhalten reagiert. Beispiel: Jemand ist selbst extrem harmo­nie­ori­en­tiert, während der Kollege gesunde Lust auf Wett­be­werb spürt. Der Kollege ist statis­tisch gesehen noch nicht rach­süchtig, wird aber so wahr­ge­nommen.

Die dunklen Seiten der Persön­lich­keit zu erkennen, heißt nicht, sie zu verur­teilen, sondern sie in einem größeren Kontext zu betrachten. Denn wo Dunkel­heit ist, kann auch Licht entstehen – und umge­kehrt. Oft sind es die Struk­turen einer Branche, die Verhalten fördern und es bestimmten Persön­lich­keiten leichter machen.

Hören Sie dazu meinen Podcast bei Substack Weiter­denken:

Dunkle Eigen­schaften von Svenja Hofert

Nr. 111 Wer ist der “Böse” in unserem Land?

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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