Kate­go­rien

Trans­for­ma­tion: Was bei Verän­de­rungen im Gehirn passiert und wie Sie einen Minds­hift anstoßen

Published On: 2. März 2019Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Wie oft haben Sie sich im Leben neu erfunden? Ich meine wirk­lich neu erfunden? Was Madonna oder Lady Gaga gele­gent­lich tun, ist für mich keine Neuerfin­dung. Diese Ladies wech­seln öfter mal den Inhalt, nicht aber die Struktur. Die funda­men­talen Annahmen bleiben bestehen. So ist es oft, auch bei orga­ni­sa­tio­nalen und persön­li­chen Verän­de­rungen.

Change bringt nur neue Worte

Indi­vi­du­eller oder orga­ni­sa­tio­naler „Change“ ist oft ledig­lich eine Umin­ter­pre­ta­tion des Bestehenden. Er bringt neue Begriffe, aber Verhalten und kultu­relle Orien­tie­rung bleiben gleich. Deswegen spreche ich lieber von Trans­for­ma­tion als von Change. Trans­for­ma­tion beinhaltet für mich, dass das Bishe­rige neu inter­pre­tiert wird und etwas dazu­kommt, das „mehr“ ist als das vorhe­rige. Wenn wir unser Gehirn besser verstehen, schafft das einen Zugang zum Verständnis von Verän­de­rungen, und zwar gleich, auf welcher Ebene sie statt­findet.

Der Schmet­ter­ling ist die Möglich­keit zu Werden

Das Bild vom Schmet­ter­ling kennen wir alle. Dieses Bild trifft es gut: Aus der Raupe wird ein Schmet­ter­ling. Die Raupe war vorher schon da, der Schmet­ter­ling war als Möglich­keit in ihr ange­legt. In uns allen sind unend­liche Möglich­keiten ange­legt. Viele lassen wir verküm­mern, auch weil wir sie gar nicht als Möglich­keit erkennen. Dabei steht uns im Weg, dass wir gar nicht wissen, was in unserem Gehirn passiert. Wir verwech­seln ihn mit einem Computer: Wir denken, wir sind wie wir sind. Leider wird dies im Unter­richt, in den Medien und vielen Büchern auch immer noch so vermit­telt. Dabei kann allein der Glaube daran, dass in uns ein Schmet­ter­ling steckt, buch­stäb­lich Berge versetzen. Es lohnt sich also an diesem Glauben zu arbeiten – und ein Zugang dazu ist das Verständnis von dem, was in unserem wunder­baren Gehirn passiert.

Es beginnt mit der Aner­ken­nung von Unter­schieden

Immer noch gehen wir vom homo ratio­nalis aus. Wir glauben, der Mensch funk­tio­niere wie ein Computer und brauche nur gele­gent­liche Updates. Das war der Grund­ge­danke für mein Buch „Minds­hift“. Ein Shift bedeutet, wir müssen das Vorhan­dene „höher­stellen“, auf ein anderes Niveau bringen, struk­tu­rell neu denken, nicht inhalt­lich. Das meine ich mit Neuerfin­dung.

Dazu gehört die Aner­ken­nung von Unter­schieden der kogni­tiven Leis­tungs­fä­hig­keit – und zwar nicht, um diese fest­zu­stellen, wie es etwa ein IQ-Test tut, sondern um diese von dort ausge­hend – der Fest­stel­lung also — indi­vi­duell zu entwi­ckeln. Wenn wir den Gedanken an Gleich­heit aufgeben und gleich­zeitig aner­kennen, wie unglaub­lich trai­nierbar unser Gehirn ist, dann werden wir mit den unter­schied­li­chen Voraus­set­zungen auch auf gesell­schaft­li­cher Ebene anders umgehen können. Das scheint mir ein großes Tabu-Thema zu sein, wie aktu­elle Diskus­sionen zeigen. Der Gleich­heits­ge­danke hemmt unsere Entwick­lung.

Wir leben Plas­ti­zität auf zwei unter­schied­liche Weisen

Unter­schiede zwischen Menschen liegen auch entschei­dend darin, wie sie die Plas­ti­zität des Gehirns leben. In welcher Weise nutzen Menschen die Chancen, die dieses trai­nier­bare, flexible Organ uns bietet? Wie sehen sie auf dieses Organ, das sich so funda­mental von einem Computer unter­scheidet? Carol Dweck unter­scheidet das fixed und das growth mindset. Aus meiner Sicht inter­pre­tieren diese beiden Sicht­weisen auch die Plas­ti­zität auf unter­schied­liche Weise. Das fixed mindset befährt immer dieselben Straßen im Gehirn und rollt diese wie ein Bagger mit festen Spuren aus. So entstehen Beton­straßen im Kopf. Das growth mindset erkundet immer neue Wege und entdeckt auch stets Neues. So entstehen Flexibel-Wege und –Pfade.

Stimu­lie­rende Umge­bungen suchen

Was macht Menschen aus, die geistig rege sind und ein growth mindset haben? Ein wesent­li­ches Kenn­zei­chen: Sie verlassen die einge­fah­renen Straßen und suchen stimu­lie­rende Umge­bungen. Sie wollen lernen. Sie lesen, hören, sehen, riechen. Sie fallen auch im Alter nicht in ein Gewohn­heits­loch und verbringen den Rest des Lebens im Fern­seh­sessel. Doch unsere Gesell­schaft hat Menschen auf den Fern­seh­sessel program­miert. Meinem Opa, der 99 Jahre wurde, brachte ich mit 95 noch den Computer nahe. Im Buch „Neustart im Kopf“ schreibt der Psych­iater Norman Doidge über de 91jährigen Cellisten Pablo Casals. Auf die Frage „Maestro, warum üben Sie noch?“ antwor­tete dieser: „Weil ich Fort­schritte mache.“

Meine eigene „kogni­tive Wende“

Mein Opa war ein unge­wöhn­li­cher Mensch und hatte ein growth mindset erst im Alter entwi­ckelt. Er war wohl die wich­tigste Einfluss­quelle für mein eigenes Denken. Auch ich gehöre zu den Menschen, die sich aus der Perspek­tive anderer öfter neu erfinden — aus meiner bin Ich immer Ich geblieben. 2008 hat in meinem Leben eine dieser Wenden statt­ge­funden. Ich erzähle das, weil es Ihnen viel­leicht Mut machen kann, wenn Sie nicht an sich glauben. Viele denken, ich wäre als die klare, über­zeu­gende und manchmal sendungs­be­wusste Persön­lich­keit auf die Welt gekommen, die ich heute bin.

Aber das stimmt nicht. Ich hielt mich nie für beson­ders schlau, nie für sehr belesen oder gar gebildet — in meiner Welt alles Voraus­set­zungen, um “senden” zu dürfen. Meinen Erfolg als Selbst­stän­dige schrieb ich — wie so viele Frauen — eher dem Zufall und dem güns­tigen Moment zu. Neulich nannte mich mein Kollege “visionär”, das habe ich nun ganz und gar nicht gesehen.

Neuronen feuern, wenn es emotional wird

„Sie sind nicht der visio­näre Typ“, bemerkte mein dama­liger Lektor, als wir über Buch­ideen spra­chen. Das ist wohl so, dachte ich. Unge­fähr zur glei­chen Zeit, um 2008, machte ich eine Zerti­fi­zie­rung zur Reiss-Profile-Masterin. Reiss mag wissen­schaft­li­chen Güte­kri­te­rien nicht entspre­chen und man kann dem Test zwei­fellos einen Effekt zuschreiben, den die Psycho­logen etwas abfällig “Barnum-Effekt” nennen. Dieser Barnum-Effekt ist aber nicht unbe­dingt negativ.

In meinem Fall änderte er mein Leben. Nicht schlag­artig, sondern schlei­chend. Erst rück­bli­ckend kann ich es genau beschreiben. Ich sah im eigenen Test­ergebnis meinen Balken beim Thema Wissen im hell­grünen Bereich. Andere Balken, etwa der für Unab­hän­gig­keit, waren viel stärker ausge­prägt. In einer Übung sollten wir ausar­beiten, welches der Motive für uns in der Zukunft eine tragende Rolle spielen würde. Ich verband mich intuitiv emotional mit diesem Motiv – mit Wissen in seiner theo­re­ti­schen Ausprä­gung. Warum, weshalb ist schwer zu sagen. Es ist das gleiche bei den Menschen, mit denen ich arbeite. Es gibt Dinge, die fallen auf frucht­baren Boden und andere verpuffen, als gäbe es sie nicht. Man sagt etwas, man sieht etwas, man erkennt etwas — und da entsteht irgend­eine emotio­nale Verbin­dung und die lässt die Neuronen feuern.

Zwei Wege, wie sich Nerven­zellen neu verschalten

Das Gehirn benö­tigt für seine Entwick­lung Eindrücke und Impulse. Diese sorgen dann dafür, dass sich Nerven­zellen neu verschalten. Das passiert auf zwei verschie­dene Arten:

  1. An der Synapse ergeben sich Verän­de­rungen und diese werden stärker oder schwä­cher
  2. Die Anzahl und Stärke der Synap­sen­ver­bin­dungen zwischen den Nerven­zellen verän­dert sich

Ich weiß nicht genau, was passierte, aber durch die elek­tro­che­mi­sche Reak­tion verschal­tete sich mein Gehirn danach anders. Carla Shultz prägte einen der wich­tigsten Sätze der Neuro­wis­sen­schaften: Wenn zwei Nerven­zellen wieder­holt gleich­zeitig aktiv sind, gehen sie eine neue Verbin­dung ein: „Neurons that fire toge­ther wire toge­ther“. Dafür sind Emotionen nötig. Ohne Gefühle bleiben wir auf unserer Beton­straße. Dort ist es sicher – wenn auch oft kalt.

Mehr als 10 Jahre kaum Bücher

Danach begann eine Trans­for­ma­tion – als Reise zu alten, verschüt­teten Wurzeln und frühen Leiden­schaften, aber auch zu neuen Ufern. Philo­so­phie, Psycho­logie und Neuro­wis­sen­schaften sind keine neuen Inter­es­sen­ge­biete, sie sind früh dage­wesen. Aber ich hatte aufge­hört, aktiv zu lernen. Mehr als 10 Jahre hatte ich kaum Bücher ange­fasst (wiewohl selbst welche geschrieben, zu der Zeit vor allem Exis­tenz­grün­dungs­bü­cher). Ich hatte das regel­recht verlernt, was mir erst klar wurde, als ich wieder damit anfing und merkte, wie schwer es mir fiel, konzen­triert bei schwie­rigen Texten zu bleiben. Trans­for­ma­tionen machen mehr aus einem, sie ziehen einem nicht einfach ein neues Kleid an.

Bewe­gung und Trai­ning waren der Anfang

In er Folge dieser Ereig­nisse absol­vierte ich mehr als zwanzig Jahre nach meinem ersten Uni-Abschluss ein Master­stu­dium in Wirt­schafts­psy­cho­logie – vor allem, um mir zu beweisen, dass ich Statistik verstehen konnte und eben “kein Fake” war. Ich spürte, wie mein Gehirn sich erneu­erte. Fiel anfangs fast alles an neuem Wissen durch mein „Sieb“, blieb es nach wenigen Wochen immer besser hängen. Ich machte das, was die Neuro­wis­sen­schaftler empfehlen: Ich verband das Lernen mit Bewe­gung. Ich lernte beim Gehen auf dem Lauf­band oder während ich auf dem Stepper trat. Aus Lese­pflicht wurde Lese­lust.

Was anfangs anstren­gend war, ist inzwi­schen leicht geworden. Ich studiere heute weiter, ohne Zerti­fi­kate und weitere Abschlüssen erwerben zu wollen, Philo­so­phie und Neuro­wis­sen­schaften zum Beispiel Vor 10 Jahren lag das in weiter Ferne; es wäre mir anstren­gend erschienen. Inzwi­schen brauche ich es. Ich habe nicht wie Barbara Arrow­s­­mith-Young „the woman who changed her brain“ mein gesamtes Gehirn verän­dert, aber ich habe in den letzten 10 Jahren ordent­lich trai­niert und viel mehr unter­schied­liche Erfah­rungen gemacht als in den Jahren davor.

Das Gehirn als offenes System

Lange hielten Forscher das Gehirn für ein geschlos­senes System. 1998 entdeckten die Neuro­wis­sen­schaftler Frede­rick Gage und der Peter Eriksson Stamm­zellen im mensch­li­chen Hippo­campus. Sie fanden heraus, dass Stamm­zellen nicht sterben, sondern sich immer weiter teilen und Kopien von sich selbst erstellen. Solche Stamm­zellen können nach der Teilung zu Nerven- oder Stütz­zellen werden, zu soge­nannten Glia­zellen. Das ist die Neuro­ge­nese. Bei mir fand also eine Neuro­gense statt. Und was bei mir klappt, geht bei jedem.

Neue Umge­bungen fördern Neuro­ge­nese

Gages Theorie besagte weiterhin, dass eine neue Umge­bung Auslöser der Neuro­ge­nese ist. Mit Mäuse­ex­pe­ri­menten bewies er, dass sich eine stimu­lie­rende Umge­bung auf die Stamm­zellen der Mäuse im Hippo­campus auswirkt. Die auf diese Weise trai­nierten Mäuse waren deut­lich intel­li­genter als andere. Sie hatten ein „growth mindset“. Wenn wir das auf Menschen über­tragen, bestä­tigt mein Erfah­rungs­wissen, dass Verän­de­rung Tape­ten­wechsel braucht. Es ist sehr schwer aus dem bishe­rigen Denken auszu­bre­chen, wenn man in der glei­chen Umge­bung bleibt. Das ist auch die Krux mit Gehirn­jog­ging und Übungen, die vor allem darauf abzielen, die vorhan­denen Beton­wege weiter zu festigen. Sie trans­for­mieren nicht, sie zemen­tieren.

Die Macht der Gewohn­heit führt zu fixiertem Denken

Schon Sieg­mund Freud wusste, dass der Mangel an Plas­ti­zität mit der Macht der Gewohn­heit zusam­men­hängt. Die Wieder­ho­lung bewusster und erst recht unbe­wusster Muster führt dazu, dass unsere Straßen im Kopf immer breiter werden, die Beton­straßen entstehen. Irgend­wann meinen wir nur noch in eine Rich­tung fahren zu können. Die Seiten­pfade sehen wir gar nicht mehr.

Manchmal braucht es dann radi­kale Methoden, um auf sich selbst einzu­wirken. Wenn Sie sich beispiels­weise die Augen zubinden und blind durch den Tag gehen, werden Sie merken, wie sich ihre anderen Sinne schärfen. Manchmal ist es besser, sich einen Weg zu versperren, um einen anderen einschlagen zu können. Menschen, die über Jahre in Routinen gefangen sind, kann nichts Besseres passieren als ihren Job zu verlieren. Jede Verän­de­rung, dass muss man sich klar­ma­chen, führt zu einer Neuver­schal­tung. Und das geht nicht ohne Leiden, Zwei­feln, Anstren­gung und Selbst­über­win­dung.

Heiße Herd­platten anpa­cken

Einer meiner Minds­hifts heißt „Anpa­cker“ und ich beziehe mich dabei auf das Bild einer heißen Herd­platte. Wir müssen uns noch nicht mal den Finger verbrannt zu haben, um etwas zu meiden, an dem wir (gefühlt) schei­tern könnten.  Das Talent­denken ist tief einge­brannt. Wie ich so schnell schreiben kann, werde ich oft gefragt. Die Antwort ist einfach: Ich bin nicht mit Talent gestartet, sondern mit einer sechs in Deutsch, mögli­cher­weise hatte ich sogar eine nie diagnos­ti­zierte Legasthenie. Es war mein Opa, der nicht locker­ge­lassen und mit mir Lesen geübt hat.

Ich bin nicht die einzige, die über eine heiße Herd­platte zu einem vermeint­li­chen Talent gekommen ist. John Irving ist oder war Legasthe­niker. Barbara Arrow­s­­mith-Young „the woman who changed her brain“ hatte ein dysfunk­tio­nales Gehirn als sie begann es zu trai­nieren und damit neu zu verschalten – einfach durch Willens­kraft. Arrow­s­­mith-Young konnte keine Verbin­dungen herstellen, sie absol­vierte einen Bachelor, ohne die Zusam­men­hänge zu verstehen. Die Arrows­mith School in Toronto hilft heute Kindern mit Lern­schwie­rig­keiten, ihre Gehirne gezielt zu trai­nieren.

Neuver­schal­tung ist immer möglich

Niemand ist verloren, kein Mensch darauf fixiert, zu bleiben wie er ist: Die Neuver­schal­tung und auch Umkar­tie­rung des Gehirns ist jeder­zeit möglich. Areale, die ausfallen, können durch andere ersetzt werden. Areale sind flexibel, das eine kann das andere kompen­sieren. Ja, es kann sogar die eine die andere Gehirn­hälfte ersetzen. Die Ameri­ka­nerin Michelle Mack lebt nur mit einer Gehirn­hälfte und meis­tert den Alltag mit einem beson­deren Kalen­der­ge­dächtnis und einer hohen Affi­nität für Details.

Auch das starre Denken in Gehirn­hälften ist veraltet. Ja, jede Gehirn­hälfte neigt zu Spezia­li­sie­rungen. Im Laufe der Entwick­lung koope­rieren beide Hälften aber immer besser zusammen. Bei älteren Menschen sind Fähig­keiten der linken und rechten Gehirn­hälfte weniger fest den Arealen zuge­ordnet. Eine Gehirn­hälfte kann sich sogar von der Tyrannei der anderen „befreien“: Wer die rechte Gehirn­hälfte unter­drückt, die für Abstrak­tion und Zusam­men­hänge sorgt, kann plötz­lich besser zeichnen. Dies lässt sich mit spezi­ellen Übungen stimu­lieren.

Die Plas­ti­zität des Gehirns ermög­licht mehr als die meisten von uns annehmen.

Nach Jordan Grafman besitzt Plas­ti­zität mindes­tens vier Vari­anten:

  • Erwei­te­rung von Gehirn­arealen:Wir können Fertig­keiten auf benach­barte Areale ausdehnen und diese neu verschalten.
  • Neuver­tei­lung von Sinnes­re­gionen:Blinde können beispiels­weise das Sehzen­trum anders und neu nutzen.
  • Kompen­sa­to­ri­sche Maske­rade:Wir können uns auf unter­schied­liche Weise zurecht­finden und dies immer wieder ändern. Manche orien­tieren sich über Orien­tie­rungs­punkte im Raum, andere durch ein intui­tives Raum­ge­fühl. Dies wird vor allem in der Pädagogik genutzt: Kinder mit einer Lese­schwäche werden mit Hörbü­chern unter­richtet.
  • Spie­ge­lung in die jeweils andere Gehirn­hälfte.Fällt ein Teil einer Gehirn­hälfte aus, kann ein anderer deren Funk­tion über­nehmen. Das Raum­sehen, das eigent­lich auf der rechten Seite ange­sie­delt ist, kann z.B. von der linken über­nommen werden.

Lernen für eine verän­derte Umwelt

Die wich­tigste Botschaft aber: Das Gehirn lernt zu lernen. Jede dauer­hafte Tätig­keit — sei es Sport, Wahr­neh­mung, Lernen, Denken oder Fantasie — verän­dert das Gehirn. In 100 Jahren werden wir ganz anders denken und ungleich intel­li­genter sein als heute. Wir werden uns mit den Compu­tern entwi­ckelt haben, in Koexis­tenz und nicht in Konkur­renz.

Das Gehirn passt sich an die Umwelt an. Kinder der Seeno­­maden-Völker können selbst in großen Tiefen ohne Brille sehen. Ich selbst habe auf einem Auge eine einge­schränkte Sicht, ich sehe nur 60% und habe Gesichts­feld­au­s­älle. In vertrauten Umge­bungen, etwa in meinem geliebten Anda­lu­sien, kann ich das jedoch voll­ständig kompen­sieren. Kein Augen­arzt und kein Optiker glaubt mir das — Neuro­wis­sen­schaftler schon.

Die Zukunft hält viele Chancen für uns bereit. Wir müssen nicht mit dem Computer und der Künst­li­chen Intel­li­genz konkur­rieren, wir haben mit dem Gehirn ein einma­liges Wunder­werk, das völlig unver­gleichbar ist. Dieses zu entwi­ckeln und zu trai­nieren, ist unsere Chance.

Lassen Sie uns also „fixed“-Mindset-Denken aufgeben, etwa folgende entwick­lungs­hem­mende Annahmen:

  • Intel­li­genz ist ange­boren
  • Jeder ist, wie er ist
  • Mit dem Alter wird man immer fest­ge­fah­rener
  • Das Leben beginnt nach der Rente
  • Folge den Stärken, die dir leicht­fallen und arbeite erst gar nicht an Schwä­chen
  • Der Mensch braucht Sicher­heit
  • Schuster bleib bei deinen Leisten
  • Dysfunk­tio­na­lität bleibt Dysfunk­tio­na­lität

Diese „growth“-Mindset Über­zeu­gungen helfen viel mehr:

  • Wir gestalten unser Gehirn selbst
  • Es gibt viel mehr Möglich­keiten, als wir selbst und andere sehen
  • Wichtig ist, nicht nur dem folgen, was uns leicht­fällt. Stärken sind die Folge von Entschei­dungen.
  • Geh raus und lerne
  • Fördere und fordere auch andere
  • Das Leben ist jetzt
  • Alles ist trai­nierbar
  • Der Mensch braucht Auto­nomie
  • Wechsle dein Umfeld!
  • Trai­niere syste­ma­tisch dein Gehirn, um es flexi­bler zu machen

Neue Freunde, neues Denken

Machen Sie sich Verän­de­rung so einfach wie möglich, indem Sie das Umfeld verän­dern und neue anre­gende Umge­bungen suchen. Gestern habe ich einem lang­jäh­rigen Kunden dazu geraten, sich neue Freunde zu suchen.  Das Dilemma beginnt oft damit, dass man sich ein Umfeld aus Denk-Klonen schafft, die nur die immer glei­chen Beton­straßen kennen.

Moti­vieren, ermun­tern, anregen

Coaching ist darauf ange­legt, die Lösung zu suchen, die in einem liegt. Aber oft zeigen sich dabei Lösungen, die direkt auf der Beton­straße liegen. Sich von der Beton­straße abzu­wenden und den kleinen, verschlun­genen Flexi­belweg zu gehen, der davon wegführt, kostet Kraft. Dazu kann man als Coach, Ausbilder, Lehrer und natür­lich Führungs­kraft moti­vieren, ermun­tern, anregen.

Wir sollten uns darüber klar­werden, wie unser eigenes Gehirn, die Art wie wir arbeiten andere entschei­dend beein­flusst und unser Umfeld formt. Ganz beson­ders wichtig ist das für alle, die direkten Einfluss auf Menschen nehmen: Trainer, Perso­nal­ent­wickler, Coaches, Lehrer…

Agilität mit einem Fixed-Mindset „einge­führt“, wird zum starren Korsett. Agilität mit einem Growth-Mindset wird zur Chance für den Menschen. Denn dieser muss nicht mit dem Computer konkur­rieren, sondern mit diesem Hand in Hand in die Zukunft gehen. Das ist der Shift, den wir brau­chen.

Sie möchten mehr dazu lesen? Mein Buch „Minds­hift“ (bei Amazon) enthält prak­ti­sche Hinweise und Übungen, um Flexibel-Wege zu erkunden.

Wer mehr zu den Hinter­gründen erfahrne möchte, dem empfehle ich Norman Doidge “Neustart im Kopf”, ebenso aus em Campus-Verlag.

Wer dazu Work­shops sucht: Solche Themen greife ich auf in Psycho­logie der Verän­de­rung und Agiles Mindset und Coaching.

Beitrags­foto: Madee-Shutterstock.com

 

 

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Gerhard Evers 4. März 2019 at 16:16 — Reply

    Auf jeden Fall ist da was Wich­tiges dran.
    Wobei nach meiner Kenntnis und thera­peu­ti­schen Erfah­rung dysfunk­tio­nale Verknüp­fungen im Gehirn, vor allem die, die auf grund ungüns­tiger biogra­fi­scher Umstände während der Schwan­ger­schaft, Geburt und/oder in den ersten Lebens­jahren, entstanden sind, nur sehr, sehr langsam und (wenn über­haupt) vor allem mit körper­the­ra­peu­ti­schen Mass­nahmen, zusätz­lich gesunder verbahnt werden (Über­schreiben geht nicht). Diese “Fehl-Verbah­­nungen” können leider zu schwie­rigen Problemen im späteren Leben z.B. im Bereich der Selbst­be­ru­hi­gung, der Stress­ver­ar­bei­tung aber auch im Bindungs­ver­halten führen.
    Denn diese Verschal­tungen finden in den tieferen Ebenen des Gehirn (limbi­sches System/Amygdala) statt, was auch durch das ZNS gesteuert wird, sind nicht durch den Menschen kognitiv beein­flussbar. Vieles liegt also im Un‑, oder Vorbe­wusst­sein. ( Lassen wir mal die Verhal­tens­the­ra­peuten in in ihrem Glauben, dass das nicht so ist), ich verlasse mich da eher auf die Neuro­wis­sen­schaftler wie Prof.Dr. Gerhard Roth und seine Kollegen) Alles jetzt mal bewusst einfach und anek­do­tisch geschil­dert. Menschen mit diesen Problemen ( und das sind einige Millionen) leiden dann später unter Depres­sionen, Persön­lich­keits­stö­rungen, Panik- und Angst­at­ta­cken oder Zwängen etc.) Sie sind oft verzwei­felt, weil Ihnen auch durch Lite­ratur vermit­telt wird, sie müssten sich nur noch mehr anstrengen, dann gelingt “Minds­hift” und Co. Denn das Gehirn und seine Netz­werke sind ja formbar bis zum letzten Atemzug. Diese Gedanken kamen mir beim Lesen des Arti­kels, auch, wenn ich weiss, worauf Du rich­ti­ger­weise hinaus willst. Und mir ist auch klar, dass es hier wissen­schaft­lich noch unter­schied­liche Meinungen gibt. Ich spreche hier vor allem evidenz­ba­siert. Dies einfach als Ergän­zung.

    • Svenja Hofert 5. März 2019 at 15:00 — Reply

      da hast du absolut recht, wenn es auf den tieferen limbi­schen Ebenen liegt, habe ich keinen Zugang. Freud wurde durch die neuere Gehirn­for­schung ja auch reha­bi­li­tiert. Inso­fern ist der Buch­tipp von Norman Doidge sehr hilf­reich für alle die sich tiefer damit beschäf­tigen wollen — Doidge ist Psycho­ana­ly­tiker. Psycho­ana­lyse kann das Gehirn eben auch verän­dern.

  2. Fran­cesca P. 17. März 2019 at 11:23 — Reply

    Es stimmt zwar schon, dass wir auf das, was in den tieferen Ebenen des Gehirns gespei­chert ist (sei es durch evolu­tio­näre Prägung oder schwie­rige Erfah­rungen früh im Leben), kaum Einfluss haben. Wir haben aber sehr wohl Einfluss darauf, wie wir auf die Signale, die von unseren tieferen limbi­schen Ebenen kommen reagieren. Wir sind denen nicht blind ausge­lie­fert, sondern können lernen, diese Signale wahr­zu­nehmen und unsere Reak­tion darauf zu hinter­fragen, so dass wir nicht mehr nur im Auto­­pilot-Modus reagieren, sondern konstruk­tive Reak­ti­ons­muster erlernen.
    Wenn das nicht so wäre, dann würden alle Menschen, die eine schwie­rige Kind­heit hatten, glei­cher­maßen darunter leiden, was aber bewie­se­ner­maßen nicht der Fall ist. Und selbst wenn diese schwie­rigen Erfah­rungen früh im Leben zu einer Depres­sion oder andere Störungen führen können, so ist diese gleich­zeitig auch heilbar (und zwar nicht nur medi­ka­mentös).
    Um Viktor Frankl zu para­phra­sieren: wir haben keine Wahl, welchen Reizen wir durch unserer Umwelt und unseren tieferen Gehirn­schichten ausge­setzt sind, aber wir haben immer die Wahl, wie wir darauf reagieren.
    Dies kann mithilfe von Acht­sam­keits­trai­ning oder auch Trai­nings­pro­gramme zum erlernen von emotio­naler Kompe­tenz (acht­sam­keits­ba­siert) erlernt werden — diese Ansätze bauen genauso wie Minds­hift auf die (nach­ge­wie­sene) Plas­ti­zität unseres Gehirns auf und somit ist Dein Beitrag, liebe Svenja, bei mir voll auf Reso­nanz gestoßen. Herz­li­chen Dank dafür!

  3. Kolb 27. Juli 2024 at 22:26 — Reply

    Evidenz­ba­siert, nicht nach­voll­ziehbar, was früher verbissen evidenz­ba­siert war wie z.B. die Loka­li­sa­ti­ons­ther­orie hat sich erle­digt. D.h. es ist immer einfach sich auf die Evidenz zu berufen. Neue Wge ‑siehe das Buch von Doidge- wird es noch viele geben und Gott sei dank gibt es genug Wissen­schaftler und… die sich nicht mit der Evidenz., d.h. dem Erreichten zufrieden gebben. Auch das limpi­sche System ist beiein­flussbar, das ist ja auch erwiesen ‑Vagus­nerv etc. Aus persön­li­cher Erfah­rung kann ich behaupten, dass die Evidenz wenig bringt, außer dass die Medi­ziner zum großen Teil “phar­ma­gelenkt” sind oder fast allle Psycho­the­ra­peuten, insbe­son­dere die Pscho­ana­ly­tiker, die rein gar nichts wissen zu Traum, Levine und… und die Menschen/Patienten falsch behan­deln und ihm schaden. Haupt­sache der Verdienst stimmt. Auch hier spreche ich aus eigener Erfah­rung. Sorry, könnte schreiben des x‑fache.

    • Svenja Hofert 31. Juli 2024 at 11:54 — Reply

      Völlig richtig. Aber das macht Evidenz ja nicht hinfällig. Sie lebt von ihrer laufenden Erneue­rung.

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