Kate­go­rien

Warum Berater und Coachs besser neuro­tisch sein sollten, und Piloten eher nicht

Published On: 18. Juli 2013Cate­go­ries: Karriere, Mensch & Orga­ni­sa­tion

Fliegen Sie? Dann hoffen Sie mal, dass Ihre Airline einen ordent­li­chen Persön­lich­keits­test gemacht hat, am besten die wissen­schaft­lich weit­ge­hend unum­strit­tenen Big Five. Stellen Sie sich nur vor, der Pilot neigte zu psychi­scher Insta­bi­lität, auch Neuro­ti­zismus genannt. Dann könnte er schnell nervös werden, wenn Turbu­lenzen kommen. Folge wäre der para­­ly­­sierte-Kanin­chen-Effekt oder aber ein hyste­ri­sches Nach-Luft-Geschnappe. Beides macht hand­lungs­un­fähig, was für die 255 Passa­giere an Bord des Fluges SH 234 weniger lustig wäre. Neuro­ti­sche Menschen wünschen wir uns auch nicht als Verant­wort­liche von Atom­kraft­werken oder als Kapi­täne von Kreuz­fahrt­schiffen. Apropos: Schet­tinos Arbeit­geber hat wohl keinen Test gemacht.

big5neuroIn den letzten Wochen habe ich an dieser Stelle über die Big-Five-Persön­­lich­keits­­di­­men­­sion Offen­heit für Erfah­rungen und Extra­ver­sion geschrieben. Nun folgt als dritter Faktor Neuro­ti­zismus.  Es ist der einzige Persön­lich­keits­faktor, für den man eindeutig ein Gen verant­wort­lich machen kann, das mütter- oder/und väter­li­cher­seits verkürzt vererbt werden kann und dafür sorgt, dass weniger Sero­ton­in­trans­porter produ­ziert werden. Das Sero­tonin wird also weniger effi­zient entsorgt. Aber Neuro­ti­zismus ist nicht gleich Neuro­ti­zismus, wie man im Bild sieht. Er kann mit einem stär­keren Blick auf Risiken verbunden sein, mit mehr Sorgen oder Zurück­hal­tung – oder mit allem zugleich.

Neuro­ti­zismus ist auch deshalb ein schwie­riger — man könnte sagen „unbe­liebter“ — Wert, weil man ihm anders als der Intro­ver­sion als Gegen­part zur Extra­ver­sion nur auf den zweiten Blick Posi­tives abge­winnen kann. Auf den ersten Blick: Neuro­ti­zismus macht kritisch, nervös, leicht aus der Haut fahrend, schwerer leidend an allem Mögli­chen vom Chefrüffel bis zur Schei­dung. Auf den zweiten Blick: Es macht fein­fühlig, empfindsam, emotional, mitfüh­lend. Man denkt mehr und tiefer nach über alles Mögliche oder Spezi­elles, was posi­tive Effekte für künst­le­ri­sche Ambi­tionen oder auch die Wissen­schaft haben kann.

Die Schat­ten­seite sind am Ende der Skala psychi­sche Krank­heiten wie Depres­sion, Mager­sucht, Bulimie, Alko­ho­lismus und Border­line. Eine Ausnahme in dieser Riege scheinen die Psycho­pa­then zu machen, die sich durch Gefühls­kälte auszeichnen, also extrem nied­rige Werte bei Neuro­ti­zismus haben (und zusätz­lich nied­rige Werte bei  Verträg­lich­keit). Keine andere Dimen­sion bestimmt unsere Gefühls­welt so wie der Neuro­ti­zismus. Von den Betrof­fenen wird er leider oft als negativ, hemmend, einschrän­kend empfunden. Dabei sollte man den Blick lenken auf die Emotio­na­lität und Empfind­sam­keit, die in vielen Berufen hilf­reich ist.

Coachs, Berater und Psycho­logen haben wahr­schein­lich öfter einen höheren Neuro­ti­zismus. Wenn Sie sich als Coach Sorgen machen, weil ein Klient sich nicht meldet, der in einer kriti­schen Situa­tion steckte, dann könnte man einer­seits sagen, Sie sind nicht disso­zi­iert genug. Andrer­seits macht es Sie sympa­thisch, weil sie eben keine „coole Socke“ sind.

Oft werde ich von jungen Leuten gefragt, ob es denn in Ordnung sei, Psycho­logie zu studieren, wenn man doch selbst eine Therapie hinter sich habe oder noch mache. Manche sagen: gerade dann. Meines Wissens gibt es keine Unter­su­chung, die belegt, dass Menschen mit höherem Neuro­ti­zismus häufiger eine Therapie machen, doch es ist nahe­lie­gend. Unter­su­chungen mit Zwil­lingen scheinen jeden­falls zu zeigen, dass es einen Zusam­men­hang zwischen eher schlechter auch physi­scher Gesund­heit und Neuro­ti­zismus gibt. Offenbar können Gewis­sen­haf­tig­keit und Offen­heit gegen­wirken. Wer also höhere Werte im Neuro­ti­zismus hat und zugleich gewis­sen­haft und offen ist, könnte weniger unter den nega­tiven Folgen leiden.

Es bleibt die Tatsache: Wer selbst einmal die Erfah­rung gemacht hat, was Leid und Leiden bedeutet, kann sich besser mit Leuten iden­ti­fi­zieren, die das Leben nicht auf die leichte Schulter nehmen. Neuro­ti­zismus macht dünn­häu­tiger und fein­füh­liger. Und vorsich­tiger, was durchaus Vorteile haben kann: Es wird vermut­lich keinen Menschen mit einem hohen Neuro­ti­zismus geben, der je den Mount Everest erklommen hat, sagt der Evolu­ti­ons­psy­cho­loge Daniel Nettle in seinem genialen Buch „Persön­lich­keit“ (empfeh­lens­wert für Fort­ge­schrit­tene und mit 4,95 EUR viel zu billig -> Kaufen, unbe­dingt!).  Da viele Menschen beim Aufstieg auf diesen Gipfel ums Leben gekommen sind, sorgt Neuro­ti­zismus aber eben auch für ein sicheres Leben.

Hoher Neuro­ti­zismus macht nicht unbe­dingt weniger leis­tungs­fähig, nega­tiver Stress wird aber früher empfunden. So habe ich Unter­neh­mens­be­rater mit hohen Neuro­ti­zis­mus­werten gesehen. Ich behaupte nach allem, was man mir berichtet hat, dass Berater übli­cher­weise auf einem viel­fach höheren Niveau arbeiten als Konzern­an­ge­stellte: schneller, abwechs­lungs­rei­cher, analy­ti­scher, metho­di­scher und schlicht und ergrei­fend mehr. Gleich­zeitig sind Stra­te­gie­be­rater ewig vom up or out bedroht, was für neuro­ti­sche Menschen eine Belas­tung ist – aber, und das ist das Selt­same, manchmal über­haupt erst dafür sorgt, dass jemand bei der Stange bleibt. Ein weniger neuro­ti­scher Mensch würde nämlich sagen: „Was soll´s, such ich mir halt was anderes. Schlaf­lose Nächte — Warum?“  Fördert also Neuro­ti­zismus bestimmte Karrieren, jeden­falls wenn er nicht allzu ausge­prägt ist? Anschei­nend lässt sich diese These zumin­dest für Leis­tungs­träger wie Spit­zen­sportler belegen. Sie wurden mit dem BIP-6F getestet, einer von Rüdiger Hossiep entwi­ckelten und um die Dimen­sion Koope­ra­tion erwei­terten Vari­ante des Bochumer Inven­tars, das auf den Big Five beruht.

Anders scheint es bei Unter­neh­mern zu sein. Sie haben laut aktu­eller Studien besser einen nied­rigen Neuro­ti­zismus, wenn sie erfolg­reich sein wollen. Das lässt sie ins Risiko gehen. Sie können nachts gut schlafen, auch wenn der nächste Monat alles andere als gesi­chert ist. Erst recht gilt das für Anla­ge­ver­halten: Hoher Neuro­ti­zismus geht mit Risi­ko­ver­mei­dung einher.

Die Auswir­kung der Persön­lich­keits­di­men­sion Neuro­ti­zismus beziehen sich sogar auf die Nutzung von E‑Re­­cru­­ting-Instru­­menten, wie eine weitere Studie heraus­fand: Menschen mit höherem
Neuro­ti­zismus haben mehr Bedenken bei der Nutzung von Webfor­mu­laren, z.B. bezogen auf den Daten­schutz (Jennifer Pomme­rien, E‑Recruiting aus Bewer­ber­sicht).

Im Coaching sind neuro­ti­sche Menschen die Kandi­daten, die mögli­cher­weise einen längeren Prozess brau­chen, bis sie sich und Ihr Verhalten ändern. Menschen mit den wunder­barsten Talenten sehen oder akzep­tieren diese nicht, weil sie sich selbst im Weg stehen, etwa indem sie sich über voll­kommen unnütze Dinge Gedanken machen. Es ist unmög­lich, ihnen mit ratio­nalen Argu­menten beizu­kommen. Verstan­des­mäßig haben sie alles durch­drungen. Trotzdem bewerten sie sich schlechter, trauen sich weniger zu, sind vorsich­tiger. Während ein Mensch mit nied­rigem Neuro­ti­zismus locker sagt „Mist Firma, such ich mir hat was Neues“ grübeln sie ewig darüber nach, was an ihnen liegen könnte und welche schlimmen Konse­quenzen Arbeits­lo­sig­keit haben würde.

Sie haben einen höheren Neuro­ti­zismus, was schon der Schnell­selbst­check meiner oben gezeigten fünf Unter­di­men­sionen andeuten kann? Für Menschen mit höherem Neuro­ti­zismus kann es von Vorteil sein kann, sich Themen zu widmen, die a.) für Erfolgs­er­leb­nisse sorgen, weil sie leicht fallen und b.) Gute-Nacht-Kompa­­tibel sind. Weiterhin ist entschei­dend welche Dimen­sionen ausge­prägt sind. Jemand mit Blick auf Risiken kann beste Dienste leisten — wenn das Umfeld stimmt. Welches das genau ist, ist indi­vi­duell ganz verschieden. Nur so viel ist sicher: Pilot eher nicht.

 

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

3 Kommen­tare

  1. Liebe Svenja Hofert;

    dieser Artikel beschreibt sehr eindrück­lich, dass eben alle Facetten von Menschen ihre Daseins­be­rech­ti­gung in unserer Welt haben. Und dass jede “Eigen­heit” eben auch zu etwas gut sein kann. Was mich inter­es­sieren würde ist, inwie­weit Neuro­ti­zismus und Hoch­sen­si­bi­lität einher gehen. Ist Ihnen dazu etwas bekannt? Für mich klingt das so, als würden diese beiden Dinge nahe beiein­ander liegen…

    Mit neuro­ti­schen Grüßen 😉
    Bettina Schö­bitz | Respekt­spe­zia­listin

  2. Markus 22. Juli 2013 at 15:52 — Reply

    Die Urmo­ti­va­tion jedes Trai­ners, Bera­ters oder Coach ist das Aufar­beiten der eigenen “Themen”. Wichtig wäre eben, dass die Themen auch tatsäch­lich beigelegt sind…

  3. Nadine 16. September 2015 at 14:09 — Reply

    Sehr sehr guter Artikel!

Leave A Comment

Diesen Blog durch­su­chen