Kate­go­rien

Warum Intros nicht still sein müssen, Flexible struk­tu­riert sein können und Empa­thi­sche auch mal kalte Schnauze zeigen dürfen

Published On: 10. Februar 2019Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

In unserer Ausbil­dung Team­works­PLUS haben wir im letzten Modul Rollen getauscht. Da ging es um Persön­lich­keit — und Persön­­lich­keits-Stereo­­typen. Der Extro spielte den Intro, der Struk­tu­rierte den Flexi­blen. Ein Perspek­ti­ven­wechsel, bei dem Teil­neh­me­rInnen bewusst wurde, dass es gar nicht so leicht ist, sich in die Haut eines anderen einzu­fühlen. Ja, genau, ich meine FÜHLEN. Verhalten spielen kann jeder. Fühlen ist eine andere Dimen­sion.

Wie sich die ANDERE Seite anfühlt

Wir können uns schlichtweg nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, anders zu sein. Mutig, ängst­lich, kreativ – was auch immer. Und deshalb greifen wir auf Bilder zurück, die wir in unserem bishe­rigen Leben gehört und abge­spei­chert haben. Die sind wie Fotos, stellen nur einen winzigen Ausschnitt da, einen Schnapp­schuss. Und der zeigt oft das gewünschte Stereotyp der Persön­lich­keit und spie­gelt Vorur­teile — und Ahnungs­lo­sig­keit.

Stereo­type über das ANDERE

Beispiele gefällig? Manche behaupten Berater, Redner oder Manager müssten extro­ver­tiert sein. Andere unter­stellen Extro­ver­tierten auto­ma­tisch Vertriebs­lust. Flexible sind keine guten Projekt­ma­nager und können keine Unter­nehmer sein — noch so ein Vorur­teil.

Ich als Viel­schrei­berin werde manchmal schief ange­sehen, weil es für struk­tu­rierte Außen­ste­hende schwer nach­zu­voll­ziehen ist, dass jemand der wie ich ohne (bewusst) zu denken drauflos schreibt — und ebenso redet — eine Struktur über hunderte von Seiten herstellen oder einen in sich geschlos­senen Vortrag halten kann.

Den Struk­tu­rierten wiederum wird unter­stellt, sie sie seien nicht kreativ. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie gute Ideen haben. Wer immerzu plant, kann schließ­lich nicht loslassen.

Die Stereo­type sind so zahl­reich wie die Sterne am Himmel und bisweilen machen sich Wissen­schaftler daran, diese zu belegen: In der aktu­ellen Manager Semi­nare (2.2019) habe ich von einer Studie gelesen, die nach­weisen soll, dass Empa­thi­sche oft schlech­tere unter­neh­me­ri­sche Entschei­dungen treffen, weil sie sich zu sehr an anderen orien­tieren.  Sie sind dann zu rück­sichts­voll. Die weniger als Empha­tisch wahr­ge­nom­menen Menschen wissen, was man ihnen nach­sagt: Sie seien kalt und rück­sichtslos. Aber ein Unter­nehmen traut man ihnen an 😉

Hier einige sehr verbrei­tete Stereo­typen:

  • Intros sind still und schüch­tern. Sie reden nicht gern vor Publikum.
  • Extros sind laut und selbst­be­wusst. Sie haben keine Angst auf der Bühne.
  • Sach­liche (distan­zierte) Menschen haben wenig Emotionen und sind deshalb harte Hunde (und ideal als Manager)
  • Emotio­nale (empa­thi­sche) Menschen haben viele Emotionen und sind deshalb rück­sichts­voll und freund­lich.
  • Struk­tu­rierte sind ordnungs­lie­bend. Wer Ordnung liebt, kann nicht kreativ sein.
  • Flexible sind Frei­geister, die sich an keine Pläne halten. Wer so ist, kann schlechter Ordnung noch Struk­turen schaffen.

Persön­lich­keit ist zu komplex, also verein­fa­chen wir drauflos…

Erwischt? Natür­lich ist das alles Quatsch. Das intro­ver­tierte Bedürfnis nach Rückzug hat nichts mit Schüch­tern­heit oder Still­sein zu tun. Gerade Intro­ver­sion kann von außen ledig­lich über einen langen und alle Lebens­be­reiche betref­fenden Zeit­raum von anderen „erfahren“ werden. Ich habe auch stille Extro­ver­tierte erlebt.  Schüch­tern können beide sein — ebenso wie Selbst­be­wusst oder selbst­un­si­cher.

Mehr Psycho­­logie-Kenntnis bedeuten mehr Menschen­kenntnis

Mich wundert, dass eine derar­tige „Komple­xi­täts­re­duk­tion“ vor allem auch unter Personen verbreitet ist, die als Berater mit der Digi­ta­li­sie­rung zu tun haben und sich an anderen Stellen zeit­gemäß und zukunfts­ge­richtet geben. Die Psycho­logie führt leider ein Nischen­da­sein im Manage­ment und bleibt einigen Perso­na­lern vorbe­halten, die von entschei­dender Stelle nicht richtig ernst genommen werden. Doch Psycho­logie ist viel mehr als ein Stereo­­typen-bestä­­ti­­gender Persön­lich­keits­test… Wer sich nicht nur an der Ober­fläche irgend­wel­cher Typen­tests mit der Psyche und dem Gehirn beschäf­tigt, verbes­sert seine Menschen­kenntnis. Bei Verän­de­rungs­pro­zessen ist das nicht nur wichtig, sondern notwendig. Denn viel­fach widmen wir uns ledig­lich den Sach­pro­zessen — so gehen zwei Drittel aller Change-Vorhaben schief. Hierzu habe ich ein Webinar bei Edudip aufge­zeichnet.

Persön­lich­keit ist komplex und der Kontext erst recht

Die Persön­lich­keit eines Menschen ist unglaub­lich komplex, zumal sie nur in der Wech­sel­wir­kung mit der Umwelt und ganz­heit­lich zu verstehen ist.  Mindes­tens sollte man das syste­mi­sche Drei-Welten-Modell heran­ziehen, um beob­ach­tete Eigen­schaften zu hinter­fragen. Dann wird man fest­stellen, dass jemand im Privat­leben äußerst extro­ver­tiert sein kann, in Beruf aber still ist.  Was ist er/sie dann? Es gibt die Theorie, dass in jedem alles ist, es verteilt sich nur….auf Lebens­be­reiche, viel­leicht aber auch auf Lebens­phasen.

Kurzum: Prognosen über das Verhalten eines Menschen sind unmög­lich, weshalb ich Tests fürs Recrui­ting ablehne. Zu viele Unbe­kannte spielen da hinein. Was aus jemand werden kann und wie er oder sich entwi­ckelt, ist durch nichts und niemand bere­chenbar. Übri­gens auch nicht durch ihn oder sie selbst.

Die Studi­en­lage: Die Korre­la­tion ist kein Beweis

Bei Team­works haben wir einige Studien gelistet, eine zeigt beispiels­weise, dass Extra­ver­sion nicht positiv korre­liert ist mit Bera­tungs­er­folg in Verän­de­rungs­pro­zessen (hier).

Es ist viel­mehr Ich-Entwick­­lung und das „N“ im MBTI. Intui­tive Typen denken eher als Sensi­tive an der Zukunft — und in Möglich­keiten und Vorstel­lungen. Das entspricht meist einer hohen Offen­heit für neue Erfah­rungen in den Big Five. Die Wahr­schein­lich­keit, dass Offene sich mehr mit Komple­xität beschäf­tigen ist groß, denn Sie haben einfach eine höhere Affi­nität dazu. Doch Vorsicht vor dem Umkehr­schluss, dass Sensi­tive schlech­tere Berater sind.

Über­haupt sollten wir bei allen Studien immer bedenken: Eine Korre­la­tion ist kein Beweis. Maximal zeigt sie Häufig- und Wahr­schein­lich­keiten, manchmal auch gar nichts.

Uns leiten emotional aufge­la­dene Werte

Entschei­dender ist die Ich-Entwick­­lung. Je reifer eine Persön­lich­keit, desto weniger wird sie in Stereo­typen denken bzw. eigene hinter­fragen. Je reifer, desto mehr Sowohl-als-auch statt Richtig-Falsch wird möglich. Reife hat mit Alter nichts oder wenig zu tun, ist nicht gekop­pelt an stati­sche Eigen­schaften und entwi­ckelt sich in einem Reife fördernden Kontext. Sie ist also ganz und gar dyna­misch, syste­misch und flexibel.

Es ist also am Ende weniger Persön­lich­keit als persön­li­cher „Wert“ – die Entschei­dung, worauf ich meine Aufmerk­sam­keit richte und worauf nicht. Je mehr in unseren Köpfen eine Seite als positiv besetzt ist und uns ergo als „Wert“ zu Hand­lung anstiftet, desto mehr folgen wir ihr.  Dabei erkennt man wahre Werte nur durch die Hand­lung. Eine einma­lige Hand­lung aber sagt auch wenig aus und Ex-Post-Analysen beziehen sich auf die Vergan­gen­heit. Für die Zukunft entscheidet jeder täglich neu — anhand seiner Ziele, die eben auch Werte spie­geln.

Wir beschneiden Möglich­keiten durch Stereo­­typen-Denken

Wer andere stereo­ty­pisch einschätzt, beschneidet Möglich­keiten, denn mit unserer Einschät­zung wirken wir auf unsere Selbst­wahr­neh­mung, beein­flussen aber auch die Selbst­wahr­neh­mung anderer. Einige wenige starten viel­leicht auch gerade deshalb durch, weil alle sie so sehr verkannt haben und ihr Werte­system vom “was die anderen sagen, ist mir egal” ange­trieben werden, siehe z.B. Dieter Bohlen. Natür­lich ist das Gegen­teil der Fall, das Muster ist “Fahren im Gegen­ver­kehr” — aber wer das mal durch­denkt, kommt eh zu dem Schluss das Gegen­teile sich auflösen, wenn man die Teile denkt. Oder das Bild der Homo­ö­stase auch auf die Persön­lich­keit bezieht. Extreme Ziel­ori­en­tie­rung verlangt ein enormes Selbst­be­wusst­sein — oder eben das Gegen­teil, eine enorme Verlet­zung — was auf dasselbe hinaus­läuft. In jedem Fall extreme Ausprä­gungen von etwas. Die meisten haben das nicht, das liegt schon in der Natur der Gauß­schen Normal­ver­tei­lung.

Also, zum Fazit: Persön­lich­keit ist komplex, ihr Zusam­men­spielt mit der Umwelt auch. Schon deshalb sollten wir mit persön­li­chen Einschät­zungen und unserem Selbst- und Fremd­bild höchst vorsichtig sein. Einschät­zungen auf der Basis küchen­psy­cho­lo­gi­scher Bauch­ge­fühle sollten wir besser sein lassen.

Beitrags­bild YAKOBCHUK VIACHESLAV — Shutterstock.com

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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