Persön­lich­keits­tests verstehen und sinn­voll nutzen

Diese Seite hilft Ihnen, Orien­tie­rung zu gewinnen – jenseits von Verein­fa­chung, Typen­denken und Marke­ting­ver­spre­chen.

Persön­lich­keits­tests sind beliebt, leider vor allem auch dann, wenn sie schön bunt und einfach sind. Jedoch ist die Aussage vieler Test begrenzt, ja irre­füh­rend. Nicht wenige haben die Qualität von Astro­logie, andere erfüllen wissen­schaft­liche Stan­dards nur unzu­rei­chend. Wieder andere, die wissen­schaft­liche Stan­dards treffen, haben blinde Flecken. Auf dieser Seite können Sie sich kritisch infor­mieren.

In Unter­nehmen sind Tests ebenso beliebt wie privat.  Gleich­zeitig wird selten sauber unter­schieden: Was ist ein Test, was ist ein Frage­bogen, und was ist ledig­lich ein popu­läres Modell?

Was sind Persön­lich­keits­tests

Persön­lich­keits­tests sind stan­dar­di­sierte diagnos­ti­sche Verfahren. Sie erfassen stabile Merk­male der Persön­lich­keit anhand psycho­me­tri­scher Krite­rien wie Vali­dität, Relia­bi­lität und Normie­rung. Ziel ist nicht Einord­nung in Schub­laden, sondern diffe­ren­zierte Beschrei­bung indi­vi­du­eller Unter­schiede. Wissen­schaft­lich fundierte Verfahren wie die Big Five messen Persön­lich­keits­di­men­sionen konti­nu­ier­lich und nicht als Typen. Gute Verfahren sind oft über mehrere Jahr­zehnte erforscht und verweisen auf unab­hän­gige Studien. Davon zu unter­scheiden sind projek­tive Verfahren oder einfache Selbst­ein­schät­zungen in Frage­bo­gen­form, die im besten Fall explo­ra­tiven Charakter haben.

Was unter­scheidet Tests und Frage­bögen

Nicht alles, was wie ein Test aussieht, ist einer.

Tests sind stan­dar­di­siert, wissen­schaft­lich über­prüft und verfügen über Norm­werten und richten sich an wissen­schaft­li­chen Güte­kri­te­rien aus. Sie haben eine Norm­gruppe,. an der sie geeicht sind. Achtung, wenn diese Norm­gruppe, gekenn­zeichnet als N, sehr klein ist, etwa n=100.

Frage­bögen dienen der Selbst­ein­schät­zung, sind nicht zwin­gend vali­diert und häufig für Refle­xion oder Diskus­sion gedacht. Belbin-Team­rollen oder Karrie­re­anker sind typi­sche Frage­bögen. Sie liefern Hinweise, aber keine diagnos­tisch belast­baren Aussagen. Die Ergeb­nisse sind also nicht mehr als Refle­xi­ons­grund­lage.

Welche Tests gibt es?

Man kann grob vier Gruppen unter­scheiden:

  1. Wissen­schaft­lich fundierte Verfahren wie die Big Five (z. B. NEO-PI‑R oder LINC LPP). Auch der Hogan gehört dazu.
  2. Rein projekt­live Verfahren wie die Ich-Entwick­lung (Loevinger, Cook-Greuter): beschreibt Entwick­lungs­stufen des Selbst
  3. Inte­gra­tive Modelle: PSI-Theorie (Kuhl): verbindet Moti­va­tion, Emotion und Selbst­steue­rung. Diese gehen über reine Traits hinaus und erklären Verän­de­rungs­fä­hig­keit
  4. Typo­lo­gien wie MBTI / 16personalities, DISG, Reiss Profile. Diese sind verbreitet, aber wissen­schaft­lich oft kritisch zu sehen.

Welche Tests sind in Unter­nehmen beliebt?

Oft sind in Unter­nehmen Tests beliebt die, keine trans­pa­rente psycho­me­tri­sche Fundie­rung im klas­si­schen wissen­schaft­li­chen Sinn haben. Dazu gehört der beliebte Strength Finder. Er fällt auf durch starke Kommer­zia­li­sie­rung.  Seine Konstrukte sind nicht sauber an etablierte Persön­lich­keits­mo­delle ange­bunden. Es handelt sich eher jm ein markt­ba­siertes Stär­ken­in­ventar als um einen wissen­schaft­li­cher Persön­lich­keits­test
In Unter­nehmen domi­nieren para­do­xer­weise häufig noch weitere weniger fundierten Verfahren:

– MBTI ist einer der meist­ge­nutzten Tests welt­weit
– DISG wird breit einge­setzt, trotz fehlender Evidenz

Der Grund ist einfach: Verständ­lich­keit, einfache Typen­logik und schnelle Anwend­bar­keit. Die Auswerten müssen nicht so gut ausge­bildet sein, man kann sie schnell anlernen. In solchen Fällen empfehle ich lieber Kommu­ni­ka­ti­ons­mo­delle anzu­wenden, die keinerlei Test­cha­rakter haben, aber auch ins Gespräch führen, was oft als “Vertei­di­gung” zu Kritik gesagt wird. Dazu gehört mein Stär­ken­Na­vi­gator, weder Test noch Frage­bogen, einfach ein Kommu­ni­ka­ti­ons­mittel.

Wo helfen Tests wirk­lich?

Richtig einge­setzt können Tests viel leisten, denn Sie können Selbst­re­fle­xion anregen und vertiefen, Entwick­lungs­felder sichtbar machen, Team­dy­na­miken verständ­lich machen und sogar Kommu­ni­ka­tion verbes­sern. Aber: Sie tun es nicht allein. Sie brau­chen Einbet­tung, Erklä­rung und einen passenden Umgang. Im Coaching sind sie beson­ders dann hilf­reich, wenn sie nicht als Wahr­heit, sondern als Hypo­these genutzt werden, etwa für Berufs­fin­dung, Karrie­re­ent­wick­lung, Führungs­po­si­tion oder Weiter­bil­dung.

Was nützen Tests im Team?

Im Team­kon­text können Tests Unter­schiede sichtbar machen, Konflikt­muster erklären, Rollen­be­wusst­sein stärken.  Doch Vorsicht: Typo­lo­gi­sche Modelle fördern oft Verein­fa­chung („Du bist halt so“), während dimen­sio­nale Modelle mehr Diffe­ren­zie­rung ermög­li­chen.

Warum sind manche Tests kritisch zu sehen

Viele popu­läre Tests sind kommer­zia­li­siert, stark US-getrieben und verein­heit­li­chend. Sie sugge­rieren Wissen­schaft­lich­keit und tarnen diese hinter einer opulenten Optik. Die Anwender können sie aufgrund fehlender Kennt­nisse nicht kritisch hinter­fragen. Hinzu kommt, dass sie oft deut­lich teurer im Erwerb sind, weshalb sie eine Art kommer­zi­elles Commit­ment verlangen.  Typo­lo­gi­sche Modelle wie MBTI oder DISG redu­zieren Komple­xität stark und genügen wissen­schaft­li­chen Stan­dards oft nicht.

Das Problem liegt weniger in der Nutzung, sondern in der Über­in­ter­pre­ta­tion. Man darf auch Horo­skope lesen — nur daran glauben sollte man nicht.

Was ist vom Stär­ken­test Charak­ter­stärken zu halten?

Das Verfahren liegt zwischen wissen­schaft­lich fundierter Forschung und normativ geprägtem Stär­ken­mo­dell. Genau diese Zwischen­stel­lung macht es inter­es­sant – und erklä­rungs­be­dürftig. VIA gehört am ehesten in diese Kate­gorie:

  • posi­tive-psycho­lo­gisch fundiertes Stär­ken­in­ventar
  •  theo­rie­ge­leitet (Posi­tive Psycho­logie nach Martin Seligman und Chris­to­pher Peterson)
  •  frage­bo­gen­ba­siert (Selbst­ein­schät­zung)

Es ist damit kein klas­si­scher Persön­lich­keits­test im psycho­me­tri­schen Sinn wie Big Five, sondern ein Stär­ken­klas­si­fi­ka­ti­ons­system.

Was sind die Gefahren?

Die größten Risiken liegen in Fehl­an­wen­dung bei psycho­lo­gisch labilen Menschen und in der Stereo­ty­pi­sie­rung sowie Schub­la­di­sie­rung. Im Detail sind das:

  • Verwechs­lung von Persön­lich­keit und Verhalten
  • soziale Prägungen werden als „Stärken“ inter­pre­tiert
  • Grup­pen­denken („Wir sind alle Typ X“, “ich bin grün und du blau”)
  • Inter­net­tests ohne diagnos­ti­sche Qualität
  • Selbst­li­mi­tie­rung („Ich bin eben so“)

Bei  Tools wie Strengths Finder besteht die Gefahr, dass kultu­rell erwünschte Eigen­schaften als indi­vi­du­elle Stärken verkauft werden. Diese ist auch bei validen Verfahren nicht gegeben, da diese gar nicht den Anspruch haben, über Ursprung oder Genese eine Aussage zu treffen. Dem Auswerter muss aber klar sein, dass es hier eine Unter­schei­dung gibt:

  • Messung: Was ist statis­tisch sichtbar?
  • Genese: Woher kommt ein Muster?
  • Funk­tion: Ist es heute adaptiv oder dysfunk­tional?

Womit wir bei der Notwen­dig­keit psycho­lo­gi­scher Kennt­nisse in der Anwen­dung wären.

Welche Tests für welchen Fall

Eine sinn­volle Auswahl hängt vom Ziel ab. Meine Empfeh­lung ist die folgende:

  • Selbst­re­fle­xion: gesprächs­ba­siert, mein Stär­ken­Na­vi­gator  oder einfache Frage­bögen oder nied­rig­schwel­lige Tools
  • Fundierte Persön­lich­keits­ana­lyse:  Big Five / LINC Perso­na­lity Profiler
  • Moti­va­tion und Selbst­steue­rung: PSI-basierte Verfahren
  • Entwick­lung auf höherer Ebene: Ich-Entwick­lungs­dia­gnostik
  • Team­ent­wick­lung: Stär­ken­Na­vi­gator und bei festem, reifen Team oder Führungs­team: Kombi­na­tion aus fundierten Tests und mode­rierter Refle­xion. Hier muss deut­lich sein, dass Team­tests in der Regel aggre­gierte Verfahren sind, d.h. indi­vi­du­elle Profile addieren. Team­leis­tung ist aber keine Aggre­ga­tion. Zum gegen­sei­tigen Verständnis kann es dennoch wichtig sein.

Meine Empfeh­lung für die Test­an­wen­dung

Tests sind keine Wahr­heiten, sondern Denk­werk­zeuge.

Ich empfehle:

  • keine Typo­lo­gien als Grund­lage für Entschei­dungen
  • Kombi­na­tion aus mehreren Perspek­tiven
  • Fokus auf Entwick­lung statt Etiket­tie­rung
  • ggfs. Einbet­tung in Entwick­lungs­mo­delle (Ich-Entwick­lung)
  • ggfs. Nutzung von PSI-Theorie zur Erklä­rung von Verhalten

Tests sollten zudem immer in einen größeren Kontext einge­bettet werden: Persön­lich­keit ist nicht statisch, sondern entwick­lungs­fähig.

Persön­lich­keit verstehen heißt Entwick­lung verstehen

Der entschei­dende Unter­schied liegt nicht im Test, sondern im Verständnis von Persön­lich­keit. Während klas­si­sche Tests beschreiben, wie jemand ist, beant­worten Ich-Entwick­lung und PSI-Theorie die entschei­dende Frage: Warum handelt jemand so – und wie kann sich das verän­dern? Genau hier liegt der Hebel für Coaching, Führung und nach­hal­tige Entwick­lung.

Wer sich ernst­haft mit Persön­lich­keits­ent­wick­lung beschäf­tigt, kommt an drei zentralen Perspek­tiven nicht vorbei: der Ich-Entwick­lung, der PSI-Theorie von Julius Kuhl und den empi­risch fundierten Modellen wie Big Five. Diese unter­scheiden sich grund­le­gend von typo­lo­gi­schen Verfahren oder kommer­ziell verbrei­teten Tools. Dazu habe ich hier eine Themen­seite “Persön­lich­keits­tests in der Praxis”.

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