Persönlichkeitstests in meiner Coachingpraxis: Drei valide Verfahren, die Entwicklungslogik mitdenken
In meiner Praxis nutze ich überwiegend drei komplementäre Verfahren:
- ein Big-Five-basiertes Verfahren wie den LINC, auch in den verschiedenen Versionen wie Sports und Career Profiler,
- das auf dem Washington University Sentence Completion (WUSCT) basierende IE-Profil (Ich-Entwicklung)
- sowie Tests aus der PSI-Theorie von Julius Kuhl (vor allem OMT/MUT, also Motivtests).
Jedes dieser Verfahren beleuchtet einen anderen Aspekt und arbeitet auf einer anderen psychologischen Tiefe. Wenn Sie Persönlichkeitstests verstehen wollen, holen Sie sich hier vertiefende Infos. Für mich ist entscheidend, was für den jeweiligen Fall am hilfreichsten ist.
LINC Profiler – warum ich mich dafür entschieden habe
Diesen gibt es auch als Career Profiler für die berufliche Orientierung, als Sports Profiler, als Coaching Profiler und als Management Summary. Der absolute Pluspunkt ist die wertfreie Beschreibung der Big-Five-Eigenschaften. Das kann ich auch deshalb sagen, da ich zahlreiche andere Verfahren kenne, die auf den Big Five beruhen. Wer andere Big-Five-Verfahren kennt, weiß, wie wertend viele Einstufungen ausfallen können. Das Profil entspricht wissenschaftlichen Kriterien.
Vorteile LINC:
Die Big Five sind der wissenschaftliche Goldstandard. Es gibt viele unabhängige Studien dazu, die Hypothesenbildung erleichtern. Studien sagen beispielsweise, was zu Menschen mit bestimmten Eigenschaften aus statistischer Sicht gut passt und was nicht. Das Verfahren macht Zielkonflikte sichtbar, lässt Stärken erahnen und sie leicht verdaulich in Stärken-Narrative übersetzen, was ich im Coaching gern tue. Auch statistisch wahrscheinliche Kompetenzen lassen sich valide ableiten.
Grenzen LINC:
Mir ist allerdings sehr bewusst, dass eine Faktorenanalyse – also die Basis der Big Five – Mängel hat. Diese Beschreibungen reichen nicht aus, um die Komplexität eines Menschen zu beschreiben. Und Korrelation ist nicht Kausalität. Der LINC ermittelt auch explizite Motive, bleibt dabei aber an der Oberfläche. Das ist völlig ausreichend für eine einfache Karriereberatung mit Fragen wie „was passt zu mir?” Es greift zu kurz bei psychologisch anspruchsvolleren Themen im Veränderungscoaching. Deshalb arbeite ich ergänzend mit Tests aus der PSI-Theorie und dem IE-Profil.
PSI-Theorie – mein „Warum”
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit der Frage nach den Kraftquellen für Veränderung. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen oft selbst nicht bewusst ist, was sie antreibt. Mitunter gibt es eine Inkongruenz zwischen bewusstem und unbewusstem Wollen oder ein Über- oder Unterschätzen eigener Motive. Es kann zum Beispiel sein, dass eine diffuse Unzufriedenheit herrscht oder das Verhalten nicht zu der Selbstaussage passt.
Vorteile der PSI-Theorie:

Hier zeigt sich, dass as unbewusste (implizite) Leistungsmotiv höher ist als das bewusste (explizite)
Die EOS-Diagnostik beinhaltet unterschiedliche Verfahren. Das spannendste ist der Teil, der sich mit unbewussten und bewussten Motiven beschäftigt. Im Mittelpunkt stehen die gut erforschten Motive Bindung, Macht, Leistung und Freiheit. Die Aussagekraft ist sehr viel höher als etwa bei MSA, MPA oder Reiss, die Motive bipolar deuten und aus wissenschaftlicher Sicht angreifbar sind.
Nachteile der PSI-Theorie:
Ein Nachteil ist die nüchterne Aufbereitung der Testdaten, die z.B. für Konzern-Personalabteilungen möglicherweise weniger attraktiv ist. Der Auswertende muss selbst sehr viel Wissen haben. Hilfreich sind dabei Kontextfragebögen, die die ermittelten Motive unterfüttern.
IE-Profil – warum ich mich für die Ich-Entwicklung entschieden habe
Das Konzept der Ich-Entwicklung geht auf die Entwicklungspsychologin Jane Loevinger zurück. Es beschreibt, wie ein Mensch Erfahrungen verarbeitet, wie komplex sein inneres Bezugssystem ist und wie viele Dimensionen er oder sie gleichzeitig im Blick halten kann. Es geht nicht um Intelligenz oder Wissen, sondern um die Struktur des Denkens und Erlebens — darum, wie jemand Bedeutung konstruiert. Das zugrunde liegende Erhebungsinstrument, der WUSCT (Washington University Sentence Completion Test), ist ein projektiver Satzergänzungstest, der diese Struktur sichtbar macht. Das IE-Profil ist die deutsche Weiterentwicklung dieses Ansatzes.
Das IE-Profil ist das komplexeste Verfahren, welches zugleich die konkretesten Ansatzpunkte für ein prozessorientiertes Coaching gibt.
Vorteile der Verfahren der Ich-Entwicklung:
Das IE-Profil, das vom Zentrum für Ich-Entwicklung ausgewertet wird, zeigt sehr konkret Entwicklungsansätze, mit denen sich auch entsprechend konkret arbeiten lässt. Man sieht die Themen, die Klienten mitbringen und die sie hindern, wirksam zu sein. Es erklären sich so wiederholte Konflikte, aber auch ein für den Kontext unzureichender Führungsstil. Das wird verständlich, wenn man sich verdeutlicht, dass Entwicklung nichts anderes als das Zunehmen innerer Komplexität und das Erhöhen innerer Spielräume ist. Je mehr ich habe, desto mehr Verhaltensmöglichkeiten habe ich. Damit einher geht ein Bewusstsein für den Umgang mit Komplexität und Originalität. Deshalb kann es für Führungspersonen und auch für Managementteams, die wirklich als Team arbeiten, wichtig sein, hier genauer hinzuschauen und gezielt an Themen zu arbeiten. Einen einführenden Artikel zur Ich-Entwicklung finden Sie in meinem Blog. Den Deep Drive Ich-Entwicklung wage ich im Podcast mit Alexander Leuthold.
Nachteile der Verfahren der Ich-Entwicklung:
Das Thema ist nichts für Einsteiger, man kann es nicht schnell lernen und auch nicht schnell verstehen. Es läuft deshalb Gefahr, mit anderen Modellen wie Spiral Dynamics verwechselt zu werden. Das macht es auch für die Wissenschaft viel schwerer greifbar als andere Verfahren. Die Übersetzung in ein Stufenmodell kann ein Höher und Besser assoziieren, um das es aber nicht geht. Jede Stufe hat eine besondere Struktur und birgt besondere Stärken, die wir in der Gesellschaft und in Unternehmen brauchen. Ich setze das Verfahren ein, wenn jemand am Übergang von Stufen ist und bereit ist, über einen längeren Zeitraum an sich zu arbeiten.
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