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Ich-Entwicklung: Die vergessene Ebene der Persönlichkeit

Arbeiten Sie mit Menschen? Sind Sie Personaler, Berater, Pädagoge oder Führungskraft? Dann ist dieser Artikel wichtig für Sie. Er zeigt Ihnen eine Dimension der Persönlichkeit, die Sie bisher vermutlich nicht beachtet haben. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal — mindestens so wichtig wie der IQ. Die Ich-Entwicklung kennzeichnet die Fähigkeit einer Person, mit Komplexität umzugehen. Sie ist nicht angeboren, sondern erlernt. Neugierig? Dann los.
Haben Sie auch schon festgestellt, dass Persönlichkeitstests wie die Big Five oft kaum etwas über den Menschen sagen? Oder beobachtet, dass manche Menschen wahre Wundertüten sind, während andere einfach nicht mehr als einen oder zwei unterschiedliche Aspekte zusammendenken können? Letzteres ist schwierig, wenn es um komplexe Zusammenhänge geht. Die Folge davon ist, dass Wahrnehmungen hemmungslos reduzier werden. Das wiederum führt zur unterkomplexen Behandlung von Problemen und kommunikativen Herausforderungen.
Eine Erklärung dafür liegt in der unterschiedlichen Reife der Personen, in ihrer Ich-Entwicklung. Diese folgt Mustern, die sich in der sprachlichen Entwicklung zeigen.
Jane Loevingers Ich-Entwicklungs-Theorie
Ihre Theorie der Ich-Entwicklung entwickelte die Psychologin Jane Loevinger in mehr als 40 Jahren Forschung. Sie fand Muster in ihren Daten, die darauf hindeuteten, dass persönliche Entwicklung als Prozess abläuft und sich in Stufen abbildet, die sich klar voneinander abgrenzen lassen. Keine der Stufen kann übersprungen werden, die Entwicklung vollzieht sich also von Stufe zu Stufe. Dabei weitet sich der Blick, Schritt für Schritt. Man kann auch von zwei Reisen sprechen: Die erste Reise führt zur Freiheit von anderen, die zweite zur Freiheit von sich selbst.
Jede Stufe integriert die jeweils vorherige. Es müssen nicht alle Stufen durchlaufen werden, vielfach stagniert Entwicklung an einer bestimmten Stelle der Entwicklung, wenn es keine entscheidenden Impulse mehr gibt.
Die Stufen umfassen drei Bereiche: den vorkonventionellen, den konventionellen und den postkonventionellen. Konventionell ist im Sinne von Sozialisierung zu verstehen. Es umfasst alles, was in einr Gesellschaft als akzeptabel gilt, also auch sich verändernde Normen.
Es gibt bei der Ich-Entwicklung auf den ersten Blick gewissen Parallelen zu anderen Entwicklungsmodellen, etwa Spiral Dynamics, das im Unterschied zu Loevingers Theorie aber nicht empirisch belegt ist. Eine Übersicht der Stufen und ihrer Wirkung auf verschiedene Aspekte, etwa Lebensmotto und die ideale berufliche Rolle, habe ich Ihnen hier hochgeladen.
Weitere Ebene der Persönlichkeit — oder vielmehr eine Moderatorvariable?
Die Ich-Entwicklung fügt den bekannten Ebenen der Persönlichkeit eine weitere hinzu. Man könnte auch sagen, sie moderiert die anderen, beeinflusst die Art und Form, wie sie auftreten.Jemand mit einem hohen Neurotizismus in den Big Five kann ständig nur in eine Richtung “kreis“denken — “ich kann nichts, ich bin nichts wert” etc. — oder aber sein eigenes Denken reflektieren und damit auch steuern. Letzeres spricht für eine höhere Ich-Entwicklung.
Vertikale Entwicklung
Menschen können sich in zwei Richtungen weiter entwickeln. Horizontal werden sie immer besser in ihrem Fach und/oder lernen neues Verhalten. Vertikal erweitert sich auch ihr Denken; der Radius und die Zahl wahrgenommener und integrierter Aspekte wird größer. Nach Harvard-Professor Robert Kegan, der sich neben Loevinger lebenslang mit Ich-Entwicklung beschäftigte, liegt der Unterschied beim Lernen in In-Formation und Transformation. Bei der In-Formation wird neuer Inhalt in ein “Gefäß” gefüllt, bei der Transformation entsteht ein neues, zusätzliches und breiteres Gefäß. Das Lernen gelangt so auf eine andere neue Ebene, wird eingebettet — und komplexer.
Die meisten so genannten Transformationsprozesse in Personen und Unternehmen sind deshalb keine — hierzu passt das Interview mit Thomas Sattelberger bei Xing “Wie Sklaven auf der Galeere” (hier). Sattelberger bemängelt genau dieses Phänomen: Mit altem Denken verändert sich nichts. Mitarbeiter und Management lernen zwar neue Verhaltensweisen, aber sie ändern nicht ihr Denken. Letzteres aber ist im Zuge der Veränderungen in der Arbeitswelt gefordert, wird jedoch mit Maßnahmen vorangetrieben, die der In-Transformation dienen (z.B. Verhaltenstraining). Wirksamer wären Reflexionsprozesse, etwa der tiefe Dialog nach David Bohm, den ich in meinem Buch “Agiler führen” vorstelle.
Ein Beispiel, das den Unterschied In-Formation und Transformation verdeutlicht:
Herr Huber führt sein Team als Experte und verteilt Aufgaben. Er hat durch Schulungen gelernt, mit jedem Mitarbeiter täglich zu sprechen und sein Verhalten auf einen von ihm so benannten “kooperativen” Führungsstil angepasst. Wie vor den Schulungen bewertet er es aber positiv, wenn Mitarbeiter möglichst tief in ein Thema einsteigen und Aufgaben auf eine gewissenhafte, viele Lösungsalternativen produzierende Art und Weise erfüllen. Erst wenn er seine Überzeugung aufgibt, und Lösungen etwa in der widersprechenden These oder einer anderen Perspektive zu suchen beginnt, erfolgt ein Schritt im Denken. Erst dann kann man also von Transformation sprechen.
Nur wenn sich das Denken öffnet und neue Weltsichten zulässt, lässt sich von echter Reifung sprechen, also vertikaler Entwicklung.
Viele Persönlichkeitsentwicklungen manifestieren sich auf der Stufe E5, auf der etwa 38% aller Menschen verbleiben. Das ist die Stufe vieler Experten, aber auch einiger Führungskräfte. Die Grenzen dieser Stufe sind überall da, wo der eigene Bereich verlassen werden, neue Aspekte integriert oder eine differenzierende Perspektive entstehen soll. Diese hat einen anderen Charakter, erfordert einen erweiterten Bewusstseinsfokus (worauf schaue ich?), einen anderen interpersonellen Stil (beispielsweise Einbeziehung von anderen, offene Fragen) und erzeugt andere Handlungslogiken (warum und wozu tue ich etwas?).
Entwicklung und Lernen unterscheiden
Doch persönliche Entwicklung schätzen Menschen auf E5 — anders als Lernen! — oft weniger, der Antrieb an sich zu arbeiten, kommt nicht von innen. Diesen Selbstverbesserungsdrang sowie eigene Wertvorstellungen unabhängig von anderen entwickeln Menschen erst ab der Stufe E6. Das ist die Stufe, in der Sie im Rahmen des gesellschaftlich Bekannten und Akzeptierten eigene Wertmaßstäbe und Werte entwickeln konnte. In E4 bestimmt noch der Rahmen der direkten Bezugsgruppe das Handeln. In E5 hängt der Mensch weiter fest im Rahmen, den andere ziehen und in dem er sich selbst zu finden sucht.
E6 kann als Zielstufe der westlichen Gesellschaft angesehen werden. In dieser Stufe hat der Mensch eine voll ausgebildete eigene Identität mit eigenen Werten und Zielvorstellungen. Er sieht langfristige Ziele und vermag auch den Prozess dahin gestalten. Er kann unterschiedliche Positionen einnehmen, die im gesellschaftlichen Kontext Abbildung finden. Und er kann zwei, drei Aspekte parallel denken. Zu viel strengt ihn aber an.
Das heißt keineswegs, dass alle Menschen mit Fokus auf E6 konventionell im Verhalten und in ihrer Außenwirkung sind. Ein Gruftie, der sich den Regeln seiner Gruppe anpasst, ist zwar nach außen unkonventionell, im Loevinger-Sinn allerdings könnte er dennoch auf einer Stufe E4 sein. Ein Manager mag in Birkenstock zur Arbeit gehen, aber dennoch konventionell und angepasst an seine Gruppe sein — die Nachhaltigkeitsverfechter. Er kann seine Logik auch aus der Stufe E5 herleiten, sofern er sich mit Nachhaltigkeit identifiziert, oder E6, wenn er diese Werte mit innerer Überzeugung lebt — auch unabhängig von Gruppenzugehörigkeiten.
Hat Bildung einen Einfluss?
Nun könnte man verschiedene Zusammenhänge vermuten. Besteht etwa ein Zusammenhang der Ich-Entwicklung mit Bildung? Nur sehr gering. Der Bildungsabschluss der Eltern spielt lediglich bei sehr jungen Menschen eine Rolle, bei älteren hingegen nicht mehr. Zusammenfassend deuten Studien daraufhin, dass Personen mit Collegeabschluss eher auf E5 oder höher landen, ohne diesen dagegen auf E5 oder niedriger. Wohl gemerkt: in der westlichen Welt.
Hier ist E5 so etwas wie der Scheideweg. Allerdings scheint es so sein, dass freidenkerische und reflexionsfördernde Umgebungen — etwa sehr moderne Unis — die Ich-Entwicklung fördern. Das ist vielleicht der Effekt, der mir ein Lehrbeauftragter schilderte: Die Diskussionsfreudigkeit sei größer da, wo bewusst Gegenpositionen gefordert sind. Und meine These ist, dass genau das auch übertragen auf Unternehmen viel wirksamere Entwicklung bringt als so manche Schulungsmaßnahme.
Alter und Ich-Entwicklung: Ab 25 Jahren steht das laut Studien nicht mehr im direkten Zusammenhang. Schüler, die früh im Leben eine E5 erreichen (“ich weiß, was ich will!”), entwickeln sich zudem tendenziell weniger als solche, die später auf dieser Stufe ankommen. Reife ist also keine Frage des Alters.
Besteht ein Zusammenhang von Ich-Entwicklung und Intelligenz?
Intelligenz steht in fast keinem Zusammenhang. Einzig der Intelligenzbereich Wortflüssigkeit ist bei spätentwickelten Personen größer, also ab E7. Das ist ja auch logisch: Um Komplexität zu beschreiben, braucht es mehr unterschiedliche Begriffe und Differenzierung. Bei sehr später Entwicklung ist eine Vereinfachung des Vokabulars zu beobachten.
Was passiert, wenn ein Mensch sich weiter als E6 entwickelt, also den gesellschaftlich (derzeit) erwünschten Rahmen verlässt? Dann betritt er den so genannten postkonventionellen Bereich. In den Stufen ab E7 lösen sich Menschen zunehmend von sich selbst und festen Vorstellungen, werden multiperspektivischer und integrieren immer mehr Aspekte. Sie sehen mehr, integrieren mehr — was es ihnen ermöglicht, zum Beispiel strategischer zu agieren. Und auch: wirksamer zu beraten und andere auszubilden.
Wann Postkonventionalität von Vorteil ist
Das mit späteren Stufen einhergehende strategischere Denken kann Vorteil für Unternehmensführung sein. Der Ich-Entwicklungsforscher und Autor Thomas Binder benennt in seinem Buch Studien, die belegen, dass Postkonventionalität in verschiedenen Feldern von Vorteil ist:
- Manager auf späteren Entwicklungsstufen besitzen eine höhere Kompetenz für Strategie und Personalführung und legen auch ein effektiveres Entscheidungsverhalten an den Tag.
- Generell ermöglicht höhere Ich-Entwicklung ein besseres Verstehen von Emotionen, was z.B. positiv in der Beratung und im Coaching ist.
- Postkonventionelle Ich-Entwicklung sorgt für einen reiferen Ausdruck von Motiven (Beispiel: Macht als simples Dominanzverhalten versus Macht als Einflussnahme, um Dinge zu verbessern).
- Postkonventionelle Ich-Entwicklung verschafft ein komplexeres Selbstbild und damit eine höhere Entwicklungsfähigkeit.
- Big-Five-Eigenschaften wie Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit verändern ihren Ausdruck durch spätere Ich-Entwicklung.
- Das allgemeine Glücksgefühl steigt und die Anfälligkeit für psychiatrische Erkrankungen sinkt.
Die Systemtheorie nach Luhmann, der Konstruktivismus, die Theorie U nach Otto Scharmer – all das fordert postkonventionelles Denken, also Stufen ab E6/E7, zieht dessen ungeachtet aber oft Vertreter an, die in einer konventionellen Ich-Entwicklungsstufe verhaftet sind. Diese sind zum Beispiel daran zu erkennen, dass sie Theorien vereinfachen, Aspekte ausblenden, mechanistisch anwenden und als ultimative Wahrheit darstellen.
Doch die gibt es nicht – würden Menschen auf postkonventionellen Stufen sagen. “Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners” und abzugrenzen von Wahrnehmung Realität.
Dazu habe ich übrigens 10 Jahre nach diesem Beitrag hier geschrieben.
Stufen nach Kohlberg
Auch der Moralpsychologe Lawrence Kohlberg unterscheidet Stufen der Entwicklung. Er schreibt den Gedanken der kognitiven Entwicklung nach Jean Piaget in seiner Moralpsychologie fort.
Dabei konzentriert er sich auf die Frage, wie sich Menschen in Dilemma-Situationen entscheiden. Ein Dilemma ist dabei eine Situation für die es keine optimale Lösung gibt, eine moralische Zwickmühle. Gern verwendet wird hier das Heinz-Dilemma, das unter anderem bei Wikipedia beschrieben ist.
Fazit vom roten Rezensions-Sofa:
Das Buch “Ich-Entwicklung für effizientes Beraten” sieht bei näherer Betrachtung nicht mehr gut aus, weil ich so viel darin gelesen habe. Und manche Passagen immer wieder. Der Autor Thomas Binder ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Ich-Entwicklung, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema und hat darüber promoviert. So ist ein Standardwerk zum Thema entstanden. Ich bevorzuge eine nachvollziehbare Beweisführung, sinnvolle Strukturierung und eine mittlere Komplexität. In diesem Buch kam ich diesbezüglich voll auf meine Kosten: es ist nicht zu schwer und auch nicht zu einfach. Ich hatte auch nirgendwo das Gefühl von “Bruch in der Argumentationskette”, das ich sonst öfter habe. Das Buch ist dabei ganz Fachbuch und kein Ratgeber — wie der Titel vielleicht nahelegen könnte. Und das ist auch gut so, da jemand, der Gebrauchsanleitungen sucht, mit der Ich-Entwicklung wahrscheinlich wenig anfangen kann.
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonntagskolumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abonnenten gehöre ich zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren auf dieser Plattform.
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Hallo Frau Hofert, vielen Dank für die spannende Zusammenfassung! Ich bin neugierig, an welcher Stelle Sie Reiss Profil anordnen würden in der von Ihnen zusammengestellten Tabelle? E6?
Viele Grüße,
Nadja Petranovskaja
Motive generell eher ab E6. LG Svenja Hofert
[…] fördern die persönliche Reife sehr viel mehr als manche staatliche Uni. Hier kommt die Ich-Entwicklung ins Spiel: Je mehr die Umgebung Menschen dazu auffordert, wirklich eigene Wertmaßstäbe zu […]
[…] Man kann hier mit Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung argumentieren oder Loevingers Stufen der Ich-Entwicklung. Im Zusammenhang mit Diversity ist auch das Modell der Kohlberg-Schülerin Carol Gilligan […]
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