Agency: Die Gestaltungsmacht, die wir gerade brauchen
Agency: Die Gestaltungsmacht, die wir gerade brauchen
Der Redakteur der Frankfurter Rundschau stellte eine einfache Frage: Was ist eigentlich Agency? Ich brauchte einen Moment, bevor ich antwortete, nicht weil mir das Konzept fremd wäre, sondern weil es ständig mit Selbstwirksamkeit verwechselt wird. Beide hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe. Albert Bandura hat 1977 beschrieben, was Selbstwirksamkeit ausmacht: der Glaube, eine bestimmte Handlung erfolgreich ausführen zu können. 2001 erweiterte er das Konzept in seiner “Agentic Perspective”: Agency ist die Fähigkeit, die eigene Lebensgestaltung und die Umstände, in denen man lebt, durch gezieltes Handeln aktiv zu beeinflussen. Der Unterschied liegt im Erleben: Selbstwirksamkeit ist der Glaube, etwas zu können. […]
Schrei nach Macht: Warum das Brüllen wieder Konjunktur hat
„Und dann habe er losgebrüllt wie ein wütender Stier: Wir seien alles Schwachmaten, unfähig, zu nichts zu gebrauchen.” So beginnt eine Geschichte, die mir in den letzten Monaten öfter begegnet: Führungskräfte, die die Contenance verlieren, offen oder subtil, laut oder kalt-entwertend. Transformationsdruck und Wirtschaftskrise holen ein Führungsbild zurück, das lange als überholt galt: das des Alphatiers. Steve Jobs hat Wutausbrüche gezielt eingesetzt, um Mitarbeitende aus der Komfortzone zu drängen; Annealing nennt sich das Prinzip, bei dem Druck erhitzt und dann abgekühlt wird, um formbarer zu machen, was vorher starr war. Warum lassen wir Systeme entstehen, in denen sich solche Extremitäten […]
Ich-Entwicklung und Neurobiologie: Was das Gehirn zur Entwicklung sagt
Ich-Entwicklung und Neurobiologie: Wie das Gehirn Entwicklung spiegelt und was das für Interventionen bedeuten kann 2016 habe ich einen viel beachteten Artikel zur Ich-Entwicklung geschrieben, der bis heute zu den meistgelesenen auf diesem Blog gehört. Damals empfahl ich das Buch von Thomas Binder. Mein Fazit war: Das Konzept erklärt, warum Persönlichkeitstests so wenig über Menschen sagen. Und warum echter Wandel im Denken beginnt, nicht im Verhalten. Was ich damals nicht hatte: eine Antwort auf das “Warum”. Warum stagnieren so viele Menschen auf E5? Warum ist Transformation so viel schwerer als In-Formation? Warum hilft Einsicht allein selten weiter? Zehn Jahre später […]
Entscheidungen unter Ungewissheit
„Was war Ihre letzte wirklich schwierige Entscheidung?” Auf der persönlichen Ebene zeigt sich in der Antwort auf diese Frage oft, dass der schwierigen Entscheidung fast immer eine Phase der Ambivalenz vorausgegangen ist. Diese ist durch starke Gefühle gekennzeichnet, die sich widersprechen. Schwierige Entscheidungen haben deshalb oft weniger mit Mut als mit dem Aushalten von Spannungen zu tun. Sie fühlen sich nicht gut an, denn die Folgen der Entscheidung sind ungewiss. Nicht die fehlende Information, nicht die falsche Methode — sondern das Unbehagen, das entsteht, wenn zwei oder mehr Zustände gleichzeitig wahr sind und keiner davon aufgelöst werden will. Was wir […]
KI im Bewerbungsprozess: Wenn Automatisierung das Problem verstärkt
Bewerbungen landen heute nicht mehr auf dem Schreibtisch einer Personalerin, sondern zunächst im Algorithmus. KI im Bewerbungsprozess verändert weniger die Abläufe als vielmehr das Verhalten beider Seiten. Und nicht zum Besseren. Was Bewerber längst wissen Wer sich heute bewirbt, optimiert für Maschinen. Keywords aus der Stellenausschreibung, KI-geglättete Sprache, strukturierte Lebensläufe nach algorithmischen Mustern. Das ist Standard. Die extremen Varianten – unsichtbarer Text mit Anweisungen an die KI, gefälschte GitHub-Repositories, in Einzelfällen sogar Deepfakes in Video-Interviews – zeigen, wohin dieser Weg führt, wenn der Druck hoch genug wird. Recruiter Sven Wohlfahrt bringt es auf den Punkt: Nicht der Trick ist das […]
Die Stärke von Narzissmus in der Führung
Narzissten sind oft macht- und leistungsmotiviert. Sie interessieren sich dagegen weniger für Beziehungen. Das “Anschlussmotiv” ist weniger weniger ausgeprägt. Schon von daher ist es kein Wunder, dass narzisstisch geprägte Persönlichkeiten häufiger in Führungsrollen landen als andere. Sie geben ihrem Vorankommen eindeutige Priorität. Narzissmus in der Führung ist also aus der Perspektive der Unternehmen durchaus funktional. Narzissten bringen eine Grundmotivation mit, die es ihnen ermöglicht, klare Prioritäten zugunsten des Jobs zu setzen. Begriffsklärung Wenn ich hier von Narzissmus spreche, meine ich nicht die klinische Diagnose, sondern narzisstische Persönlichkeitsanteile im subklinischen Bereich. Also Muster, die in vielen Führungskontexten auftreten: hoher Leistungsanspruch, starkes […]
Karriere der Zukunft: So ändert sich Karriere im KI-Zeitalter
„Am besten wirst du Arzt“ lautet der Titel eines Buchs, das ich vor gefühlt einem Jahrhundert geschrieben habe. Ich meinte das ironisch. Es ging mir darum, dass es keine sicheren Berufe gibt, sondern nur passende Stärken. Heute wirkt dieser Satz weniger ironisch als realistisch. Selbst vermeintliche Schutzberufe verlieren an Stabilität. Wie aber sieht die Karriere der Zukunft aus? Einstiegsjobs werden automatisiert, gebündelt oder in höherwertige Aufgaben integriert. Damit gerät die klassische Karriereleiter ins Wanken. Der Unterbau fehlt. Und worauf soll man bauen, wenn das Fundament fehlt? Es gibt dann kein “Karrierehaus” mehr, um ein Bild zu verwenden, dass ich gern […]
Was treibt dich an? Motive als zentrale Veränderungstreiber
Was treibt dich? Diese Frage wirkt simpel, ist aber diagnostisch anspruchsvoll. Viele Menschen beantworten sie aus ihrer Selbstbeschreibung heraus — und liegen falsch. Sie unterschätzen oder überschätzen ihre Motive. Deshalb die präzisere Gegenfrage: Bist du sicher? Motive gehören zu den robustesten Erklärungsansätzen für Verhalten. Sie sind stabiler als Stimmungen, grundlegender als Einstellungen und oft wirksamer als Kompetenzen, wenn es darum geht zu verstehen, warum jemand etwas tut oder eben nicht. Wer Motive versteht, versteht Entscheidungsmuster, Energieverläufe und typische Überlastungspunkte. Motive bilden unseren Antrieb. Sie sagen, ob wir all unsere Talente und Stärken nutzen — und wie. Motive sind Treiber, nicht […]
Strategie — sich neu erfinden im Zeichen von KI
Unternehmen bündeln derzeit Personal und KI. Sie tun es, um Arbeit neu zu verteilen. Es ist ihre Strategie in Zeiten, in denen KI immer mehr Aufgaben übernimmt. Beispiel Moderna: Das Pharmaunternehmen hat Personal und Technologie in einer gemeinsamen Vorstandsrolle zusammengelegt. Auch AXA bündelt Personal und KI seit kurzem auf Vorstandsebene. Die Logik dahinter ist einfach: Welche Aufgaben lassen sich automatisieren, wie viele Menschen braucht es dann noch und wie wird das gesteuert? Karriereentwicklung, Jobprofile — alles verändert sich Das revolutioniert die Human Ressourcen auf eine neu gekannte Art und Weise. Jede Menge Menschen müssen sich neu erfinden, neu profilieren. Wie […]
Berufliche Orientierung im KI-Zeitalter: 8 Tipps
Wenn Sie sich gerade beruflich neu orientieren, dann befinden Sie sich vermutlich mitten in einer der unübersichtlichsten Phasen, die Arbeit derzeit zu bieten hat. Vieles von dem, was früher als sichere Entscheidung galt, wirkt heute erstaunlich fragil. Und gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten, die noch kaum jemand wirklich versteht. Wie also sieht eine berufliche Orientierung im Zeitalter der KI aus? „Am besten wirst du Arzt“ lautete der Titel eines Buches, das ich vor gefühlt einem Jahrhundert geschrieben habe. Ich meinte das ironisch. Damals allerdings verstanden das nur wenige. Heute könnte diese Ironie besser verstoffwechselt werden. Denn dass klassische „Schutzberufe“ ihre Schutzfunktion […]
Arbeitsmarkt und Karriere im KI-Agentenzeitalter
Es ist passiert. Claude von Anthropic hat die KI in ein neues Zeitalter geführt. Wir haben es nicht mehr nur mit flirtenden Chatbots zu tun, sondern mit autonomen Agenten. Das ist keine Spielerei. Das ist arbeitsmarktökonomisch relevant. Agenten übernehmen zusammenhängende Aufgabenketten. Sie buchen nicht nur Reisen, sie verhandeln Verträge. Sie erstellen nicht nur Präsentationen, sie strukturieren Entscheidungsgrundlagen. Sie führen Einkaufskriege, analysieren Risiken, optimieren Zahlungsströme. Sie ersetzen nicht punktuell, sie substituieren systematisch. Und damit geraten nicht nur einzelne Tätigkeiten unter Druck, sondern ganze Berufsbiografien. Was bisher Einstiegsjob war, Junior-Consulting, HR-Sachbearbeitung, Controlling, Marketing-Analysen, Teile der Rechts- und Steuerberatung, lässt sich zunehmend automatisieren. […]
Strategie: Was wir von Strategemen über Veränderungsdynamik lernen können
Als die USA und Israel den Iran nicht nachts, sondern am helllichten Tag angriffen, war das mehr als eine militärische Entscheidung. Es war ein strategisches Signal. Strategie lebt von der verborgenen Absicht. Und manchmal auch davon, Erwartungen bewusst zu brechen. Wer glaubt, Strategie sei nur Planung, unterschätzt ihre psychologische Dimension. Das bekannte Strategem „Im Osten lärmen, im Westen angreifen“, häufig mit Sunzi in Verbindung gebracht, beschreibt genau diese Logik. Aufmerksamkeit wird gebunden, Erwartungshaltungen werden manipuliert, Timing wird bewusst gewählt. Wenn ein Angriff nicht im Schutz der Dunkelheit erfolgt, sondern demonstrativ am Tag, dann ist das Kommunikation. Und Kommunikation ist immer […]
Der Nubbel ist schuld! Die Psychologie der Gruppe
Die Psychologie der Gruppe zeigt sich an ihren Ritualen und an dem, was ihr Identität gibt. Rituale erhalten und verändern. Ich bin in Köln groß geworden. Und ich erinnere mich gut an diese Momente am Ende des Karnevals, wenn der Nubbel verbrannt wird. Eine Strohpuppe, die für all das stehen soll, was in den letzten Tagen schiefgelaufen ist. Zu viel Alkohol, Fremdgehen, Geldverschwendung, über-die-Stränge-Schlagen. Der Nubbel wird auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Dabei liest ihm ein Priester seine Vergehen wir. Gruppenpsychologie pur. Kleine Anekdote: Mein Opa war Priester. Er hat den Karneval geliebt. Als Kind fand ich die Doppelbotschaft seltsam. Mir […]
Warum Coaching in jeder Entwicklungsphase anders aussieht
Coaching ist nicht gleich Coaching. Das klingt banal, entfaltet jedoch weitreichende Konsequenzen für Ausbildung und Praxis. Denn es bedeutet beispielsweise, dass es jenseits allgemeiner Qualitätsstandards keine einheitlichen Standards für Vorgehensweisen geben kann. In diesem Beitrag erkläre ich, warum das so ist und welche Konsequenzen sich daraus für Coaches und die Coachingbranche ergeben. Die Folgen sind aus meiner Sicht weitreichend, auch für Verbände und Ausbilder. Meine Hauptthese lautet: Unterschiedliche Coachingansätze passen zu unterschiedlichen Entwicklungsphasen von Menschen. Während frühes Coaching oft darauf abzielt, Handlungsfähigkeit und Orientierung zu stabilisieren, geht es in späteren Phasen zunehmend um Kontextualisierung, Integration und Sinnfragen. Der Grund dafür […]
Generalist oder Experte? 7 Fragen, die Sie sich stellen sollten – wenn Sie auch in Zukunft erfolgreich sein wollen
Unsere Arbeitswelt hält hartnäckig an einem Ideal fest, das aus den stabileren Hoch-Zeiten des Industriezeitalters stammt: dem Experten. Tiefe Spezialisierung gilt als Qualitätsmerkmal, Karriereversprechen und Sicherheitsanker zugleich. Etwa 60–80 % der großen Unternehmen besitzen formale Fachkarrieren als Alternative zur Führungslaufbahn. Eine dritte Laufbahn (Projekt‑, Consulting- oder Innovationslaufbahn wie bei Google oder 3M) existiert bei etwa 25–40 % der großen Unternehmen. Viele der Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, lassen sich mit diesem Ideal immer schlechter bearbeiten. Die folgenden Fragen helfen, die eigene Position und Zukunftstauglichkeit zu überprüfen. 1. Arbeiten Sie als Generalist an Problemen – oder als Experte an […]