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Was KI-Agenten von Führung verlangen

„Sie produziert massenweise Dokumente“, sagt Sarah, als ich sie frage, wie ihre Vorgesetzte mit KI arbeitet, „genau und fehlerfrei.“ Ich musste an die Workshops denken, in denen solche Papiere verteilt werden: Alle nicken, niemand liest, und die eigentliche Arbeit findet woanders statt. In meiner aktuellen Kolumne „Führe KI auf das nächste Level“ habe ich daraus die These gemacht, dass viele Führungskräfte auf der untersten Stufe stehen bleiben, weil sie gar nicht wissen, dass es weitere gibt. Hier will ich zeigen, wie diese Treppe aussieht und warum sie eigentlich eine Führungstreppe ist.
Sieben Levels, drei Phasen

Eine gängige Systematik, die ich von meinem Gesprächspartner Ulrich Vogel von Tanagra.ai übernommen habe, ordnet die Entwicklung von KI-Systemen in sieben Levels, gemessen an Autonomie, Denkfähigkeit und Werkzeugnutzung.
In der erst ersten Phase, auf den Levels 1 bis 3, bleibt KI ein reaktives Sprachwerkzeug: Sie sagt statistisch den nächsten Text vorher, lernt dann strukturiert und schrittweise zu denken und greift schließlich auf Websuche, Datenbanken und Schnittstellen zu. Sie wird aber nur aktiv, wenn jemand sie anstößt; der Mensch steuert jeden einzelnen Zyklus und ist damit Operator. Dies kann er allerdings mit mehr oder weniger Grips sein. Metakognition ist hier entscheidend.
In der zweiten Phase, auf Level 4, skaliert die Qualität. Der Agent plant Aufgaben, führt sie aus, prüft sein Ergebnis und korrigiert sich, während der Mensch überwacht und bestätigt. In der dritten Phase, auf Level 5 bis 7, arbeiten Teams von Agenten an komplexen Projekten, verteilen Rollen untereinander und agieren am Ende dauerhaft und proaktiv. Der Mensch sitzt dann im virtuellen Aufsichtsrat und setzt Leitlinien.
Level 7 halte ich für eine Zukunftsbehauptung; kein Unternehmen, das ich kenne, ist dort. Als Landkarte taugt die Grafik trotzdem, weil sie zeigt, wie weit der Weg von Sarahs Vorgesetzter bis oben ist.
7 Levels oder drei Phasen
Wer die Grafik von unten nach oben liest, sieht Technik. Wer nur die unterste Zeile liest, sieht Führung: Operator, Bestätiger, Aufsichtsrat. Drei Rollen, drei Anforderungen, eine Richtung.
Der Operator mehr die Outputs Richtung Outcome durch Metakognition, also die Fähigkeit, das eigene Denken und Kommunizieren zu beobachten. John Flavell hat den Begriff 1979 in die Entwicklungspsychologie eingeführt; im Umgang mit KI wird er auf einmal Bedingung für alles Weitere. Nebenbei Ich-Entwicklung pur, d.h. das fordert unser Denken auf eine Art heraus, die maximal entwicklungsfördernd ist.
Wer nie fragt, warum eine Antwort so ausfällt, wie sie ausfällt, und was er selbst dazu beigetragen hat, bleibt auf Level 1, gleich welches Modell er bezahlt. Sarahs Vorgesetzte bedient ein Werkzeug von Level 3 mit dem Denken von Level 1. Das Ergebnis sind Papierberge, die alle überfordern.
Der Bestätiger braucht, was gute Führung von Menschen schon immer verlangt hat: delegieren, prüfen, Rückmeldung geben. Robert Vogel, mit dem ich für meinen Podcast gesprochen habe (ab November unter Podcasts), empfiehlt, jeden Agenten wie einen Werkstudenten zu behandeln, der am Anfang keine Ahnung hat. Der erste Wurf ist dann ein Inkrement in einem Workflow, etwas, das man auswertet und weiterentwickelt. Das setzt voraus, dass jemand weiß, wie gute Arbeit in diesem Fach aussieht. Als ich mit Sarah ihren Karriereentwicklungsbericht erstellt habe, war der erste Entwurf beeindruckend; mit meinem Hintergrund sah ich trotzdem sofort, was fehlte, nämlich die Art, wie sie in ihrem Fachbereich tatsächlich arbeitet. Ohne diese Expertise hätten wir ein elegantes Dokument mit falscher Antwort gehabt.
Der Aufsichtsrat schließlich braucht Urteilskraft auf Systemebene: Leitlinien formulieren, Grenzen setzen, Regeln festlegen und Verantwortung tragen für etwas, das man nicht mehr im Detail sieht. Das verlangt eine andere Handlungslogik als die des Experten, der auf der inhaltlich-fachlichen Ebene kontrollieren will. Und genau hier liegt der Engpass: Die Technik steigt schneller als die Menschen, die sie führen sollen.
Der Werkstudent, der nie widerspricht
In meinem Podcast-Teaser habe ich geschrieben, dass KI-Agenten bei Kritik immer zuhören. Das stimmt, und es ist ein Problem. Sprachmodelle passen sich ihrem Gegenüber an; Mrinank Sharma und Kollegen haben dieses Phänomen 2023 als Sycophancy beschrieben: Modelle geben selbst richtige Antworten auf, wenn man ihnen widerspricht. Ein Mitarbeiter, der jede Kritik sofort übernimmt, entwickelt kein Growth Mindset. Er gefällt. Der Agent wird so zum Spiegel mit Tastatur, und wer in einen Spiegel schaut, sieht keine Führungsfehler.
Für den Bestätiger heißt das: Er braucht Maßstäbe außerhalb seiner eigenen Zufriedenheit, also Prüfkriterien, Referenzen und echte Fälle, an denen sich das Ergebnis messen lassen muss.
Brauchbare Illegalität
In der Kolumne erzähle ich von Markus, dessen Unternehmen KI auf hohem Niveau nutzt, weil ein Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung Kollegen dazu angestiftet hat, Graubereiche auszuschöpfen. Hätte man die IT gefragt, hätte man vieles nicht machen dürfen. Niklas Luhmann hat dafür 1964 in „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ den Begriff der brauchbaren Illegalität geprägt: Abweichungen von den formalen Regeln, die der Organisation nützen. Organisationen leben davon, dass Menschen das Notwendige im Sinne der Organisation und der Kunden tun, bevor die Regel es erlaubt.
Bei KI hat das eine Grenze, die Luhmann noch nicht kennen konnte. Was Markus beschreibt, heißt heute Schatten-KI, mit allen Risiken für Datenschutz und Haftung; und seit Februar 2025 verpflichtet Artikel 4 des EU AI Act Unternehmen, für ausreichende KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten zu sorgen. Brauchbare Illegalität zeigt, wo Energie im System ist. Sie zeigt aber auch, wo Führung ein Vakuum hinterlassen hat.
Ein Blick auf den eigenen Bereich
Wo dein Bereich steht, verrät weniger die Lizenz als der Alltag. Was passiert mit einem KI-Ergebnis, nachdem es erzeugt wurde: Wird es gelesen, geprüft und weiterentwickelt, oder einfach verschickt? Wer in deinem Team kann beschreiben, wie er mit KI kommuniziert und was er daran in den letzten Monaten verändert hat? Gibt es einen einzigen Ablauf, in dem ein Agent einen Schritt eigenständig übernimmt und ein Mensch nur noch bestätigt? Und wer entscheidet bei euch über KI, die IT, die Geschäftsführung — oder niemand und alle?
Weiterdenken
Die Treppe der KI-Evolution endet beim virtuellen Aufsichtsrat. Wer dort sitzt, entscheidet sich aber nicht im Organigramm. In Markus’ Unternehmen ist es ein Mitarbeiter ohne Führungsrolle; in Sarahs Bereich ist der Platz vakant, und genau darin liegt ihre Chance. Die spannendste Frage ist deshalb, wer im Unternehmen lernt, KI zu führen. Es müssen nicht die sein, die heute Führungskräfte heißen.
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonntagskolumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abonnenten gehöre ich zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren auf dieser Plattform.
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