Kate­go­rien

Agency: Die Gestal­tungs­macht, die wir gerade brau­chen

Published On: 23. Juli 2026Cate­go­ries: Aktuell, Psycho­logie der Verän­de­rung
Was ist Agency?

Der Redak­teur der Frank­furter Rund­schau stellte eine einfache Frage: Was ist eigent­lich Agency? Ich brauchte einen Moment, bevor ich antwor­tete, nicht weil mir das Konzept fremd wäre, sondern weil es ständig mit Selbst­wirk­sam­keit verwech­selt wird. Beide hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe.

Albert Bandura hat 1977 beschrieben, was Selbst­wirk­sam­keit ausmacht: der Glaube, eine bestimmte Hand­lung erfolg­reich ausführen zu können. 2001 erwei­terte er das Konzept in seiner “Agentic Perspec­tive”: Agency ist die Fähig­keit, die eigene Lebens­ge­stal­tung und die Umstände, in denen man lebt, durch gezieltes Handeln aktiv zu beein­flussen. Der Unter­schied liegt im Erleben: Selbst­wirk­sam­keit ist der Glaube, etwas zu können. Agency ist die Erfah­rung, etwas bewirkt zu haben, im eigenen Leben, im Team, im System. Agency sind also die tatsäch­li­chen Spuren.

Genau daran hakt es bei vielen, mit denen ich arbeite. Eine Klientin, Anfang vierzig, mitt­leres Manage­ment, beschreibt sich selbst als „die, die einfach macht, was ansteht”. Als ich sie frage, was sie in den letzten fünf Jahren im Unter­nehmen tatsäch­lich verän­dert hat, zögert sie lange. Dann fällt ihr wenig ein. Dabei hat sie zwei Reor­ga­ni­sa­tionen mitge­staltet, drei Führungs­kräfte durch Krisen begleitet, ein Team vor der Auflö­sung bewahrt. Sie hat es nur nie als eigenes Handeln verbucht.

Das ist der Kern des Problems: Wer sich nicht als handelnd erlebt, muss die Aufmerk­sam­keit auf Spuren des eigenen Handelns lenken, die es längst gibt, nur über­sehen wurden. Es ist wie im Schnee: Man geht, hinter­lässt Spuren, dreht sich aber nie um, um sie zu sehen. Nach einer Weile glaubt man, gar nicht gegangen zu sein.

Bandura sprach vom Indi­vi­duum. Auf Orga­ni­sa­tionen über­tragen heißt Agency: erleben, dass das eigene Handeln das System verän­dert, nicht nur die eigene Stim­mung. Genau das fehlt in vielen Unter­nehmen, in denen Menschen zwar viel tun, aber nie erfahren, dass ihr Tun etwas bewegt hat. Wirkung verschwindet im Rauschen von Reor­ga­ni­sa­tionen, Ziel­vor­gaben, Führungs­wech­seln.

Genau das üben wir in der Ausbil­dung Veränderungsbegleiter:in: Menschen dabei zu helfen, die eigene Wirk­sam­keit im System sichtbar zu machen, nicht als Zufall, sondern als Muster.

Agency ist nicht die Fähig­keit, alles zu kontrol­lieren. Sie beginnt dort, wo jemand aufhört, nach der großen Wirkung zu suchen, und anfängt, die kleinen Spuren ernst zu nehmen, die längst da sind.

Mehr zum Zusam­men­hang von Erin­nern, Vergessen und Verän­de­rung:

Die Gnade des Verges­sens von Svenja Hofert

Warum Vergessen wich­tiger ist als Neues (165)

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Das ganze Inter­view zu Agency

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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