Kate­go­rien

KI im Bewer­bungs­pro­zess: Wenn Auto­ma­ti­sie­rung das Problem verstärkt

Published On: 20. April 2026Cate­go­ries: Aktuell
KI im Bewerbungsprozess

Bewer­bungen landen heute nicht mehr auf dem Schreib­tisch einer Perso­na­lerin, sondern zunächst im Algo­rithmus. KI im Bewer­bungs­pro­zess verän­dert weniger die Abläufe als viel­mehr das Verhalten beider Seiten. Und nicht zum Besseren.

Was Bewerber längst wissen

Wer sich heute bewirbt, opti­miert für Maschinen. Keywords aus der Stel­len­aus­schrei­bung, KI-geglä­t­­tete Sprache, struk­tu­rierte Lebens­läufe nach algo­rith­mi­schen Mustern. Das ist Stan­dard. Die extremen Vari­anten – unsicht­barer Text mit Anwei­sungen an die KI, gefälschte GitHub-Repo­­si­­to­ries, in Einzel­fällen sogar Deepf­akes in Video-Inter­­views – zeigen, wohin dieser Weg führt, wenn der Druck hoch genug wird.
Recruiter Sven Wohl­fahrt bringt es auf den Punkt: Nicht der Trick ist das Problem. Sondern dass Menschen glauben, sie müssen tricksen, um über­haupt gesehen zu werden.

Was Unter­nehmen parallel tun

Auto­ma­ti­sierte Vorauswahl, KI-gestütztes Kandi­da­ten­ran­king, algo­rith­mi­sches Matching – die großen HR-Plat­t­­formen bauen diese Funk­tionen massiv aus. Das Verspre­chen: schneller zum rich­tigen Talent. Die Realität in vielen deut­schen Unter­nehmen: bestehende Logik wird digi­ta­li­siert. Filtern, sortieren, aussor­tieren – nur schneller. Auto­ma­ti­sie­rung verbes­sert keine Prozesse. Sie skaliert sie.

Was die Forschung zeigt

Eine aktu­elle Studie von Görgen, de Bellis und Klesse (2025, PNAS) belegt einen entschei­denden Neben­ef­fekt: Wer weiß oder vermutet, dass eine KI seine Bewer­bung auswertet, stellt sich analy­ti­scher dar und blendet Empa­thie, Intui­tion und Krea­ti­vität aus. Genau die Quali­täten, die in der Zusam­men­ar­beit den Unter­schied machen, verschwinden aus dem Bild. Die Systeme treffen Entschei­dungen auf Basis einer opti­mierten Selbst­dar­stel­lung, nicht des echten Menschen.

Die Konse­quenz: Der verdeckte Markt wächst

Wer die Wahl hat, spielt dieses Spiel nicht mit. Laut Arbeits­markt­ba­ro­meter von von Rund­stedt (2025) wurden 43 Prozent der Stellen im vergan­genen Jahr über persön­liche Netz­werke besetzt – Tendenz stei­gend. Das trifft über­pro­por­tional jene, die weniger Netz­werk­zu­gang haben oder sich ungern stra­te­gisch insze­nieren. Der Wett­be­werb verschiebt sich von Passung zu Sicht­bar­keit.

Was wirk­lich hilft

Für Bewerber: Netz­werke früh aufbauen, Direkt­kon­takt suchen, Sicht­bar­keit jenseits von Portalen entwi­ckeln. Die auto­ma­ti­sierte Auswahl war auch vor der KI nicht beson­ders verläss­lich.

Für Unter­nehmen liegt der Hebel da, wo Tech­no­logie aufhört: Work-Samples, struk­tu­rierte Gespräche, schnelle mensch­liche Rück­mel­dungen. Nicht aus Höflich­keit, sondern weil Trans­pa­renz die Neigung zum Tricksen auf beiden Seiten senkt.

Die eigent­liche Frage aber bleibt: Was soll Auswahl leisten? Effi­zienz ist ein Ziel. Passung ist ein anderes. Solange diese Frage unge­stellt bleibt, dreht sich der Rüstungs­wett­lauf weiter.

Dieser Beitrag erschien zuerst in meiner Substack-Kolumne Weiter­denken.

Wie begleite ich die Trans­for­ma­tion so, dass echte Verän­de­rung möglich wird? Stärken Sie Ihre Bera­ter­kom­pe­tenz mit der Ausbil­dung zum entwick­lungs­kom­pe­tenten Veränderungsbegleiter:in.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

Leave A Comment