Die Psycho­logie der Gruppe zeigt sich an ihren Ritualen und an dem, was ihr Iden­tität gibt. Rituale erhalten und verän­dern.

Ich bin in Köln groß geworden. Und ich erin­nere mich gut an diese Momente am Ende des Karne­vals, wenn der Nubbel verbrannt wird. Eine Stroh­puppe, die für all das stehen soll, was in den letzten Tagen schief­ge­laufen ist. Zu viel Alkohol, Fremd­gehen, Geld­ver­schwen­dung, über-die-Stränge-Schlagen. Der Nubbel wird auf einem Schei­ter­haufen verbrannt. Dabei liest ihm ein Priester seine Vergehen wir. Grup­pen­psy­cho­logie pur.

Kleine Anek­dote: Mein Opa war Priester. Er hat den Karneval geliebt. Als Kind fand ich die Doppel­bot­schaft seltsam. Mir wird das erst jetzt bewusst: Das war Grup­pen­dy­namik und katho­li­sche Indi­vi­du­al­psy­cho­logie zugleich. Der Nubbel nimmt einem Scham und Schuld. Er lenkt Verant­wor­tung auf einen Dritten, den es nur als Puppe gibt. Er ist ein Beicht­stuhl für die Öffent­lich­keit.

Die Psycho­logie der Gruppe

In Gruppen passieren merk­wür­dige Dinge. Dinge, die man rational kaum erklären kann und die trotzdem enorm wirksam sind. Jeder, der mit Verän­de­rung zu tun hat, sollte sich damit beschäf­tigen. Statt­dessen richten wir den Blick auf das Indi­vi­duum. So wie es auch beim Nubbel passiert. Der Nubbel ist schuld! Schuld wird exter­na­li­siert und priva­ti­siert. Verant­wor­tung wird kollektiv verschoben. Gefühle werden synchro­ni­siert. Man steht enger zusammen, gerade weil man gemeinsam etwas so Absurdes tut. Das Ritual stiftet Iden­tität. Wie damals in der Grund­schule und Mittel­stufe kann man all seine nega­tive Energie auf einen einzelnen Gegner lenken. Man muss nicht diffe­ren­zieren. Das erleich­tert.

Die Gruppe ist mehr als die Summe der Indi­vi­duen

Dieser Satz ist nicht profan. In der Gruppe geht es um Zuge­hö­rig­keit. Um das Wir. Wer gehört dazu, wer nicht? In- und Outgruppe. Wer spricht unsere Sprache, wer teilt unsere Codes? Gruppen inte­grieren Verhalten über Bezie­hung. Sie erzeugen Sicher­heit, indem sie Gemein­sam­keit betonen und Abwei­chung markieren. Man spürt sehr schnell, ob man „drin“ ist oder nicht. Und die Verun­si­cherten an der Grenze, die sind beson­ders verführbar. Wer nicht genau weiß, ob er Teil ist, tut alles, Teil zu werden. So funk­tio­niert die Mafia, so funk­tio­nieren Hell´s Angels. Und Konzerne.

Teams sind künst­liche Gruppen

Ein Team ist eine Erfin­dung der Neuzeit. Es ist eine künst­liche Gruppe, die sich um Arbeit herum aufstellt. Die Arbeit ist wie die Nubbel­ver­bren­nung, sie stiftet gemein­same Iden­tität. Deshalb nennt Raoul Schindler das “G” in meinem Lieb­lings­mo­dell “Rang­dy­namik” auch “Gegner” (über das Modell und Macht­dy­na­miken). Der “Gegner” ist das Ziel. Alle auf die Soft­ware­ent­wick­lung, yeah! Nur, wenn wir zusam­men­halten, kann erreicht werden, was erreicht werden soll… oder will.  Und natür­lich kann es statt um den Nubbel auch um den Schutz des Meeres gehen. Das nennt man dann sinn­stif­tende Energie. Das Meer zieht die Aufmerk­sam­keit wie der Nubbel. Zerstören und Erschaffen, der ewige Kreis­lauf.

Man muss sich nicht mögen, will es aber

Das ist viel­leicht die unro­man­tischste Wahr­heit über Teams. Das, um was es geht, schweißt zusammen. Man sitzt in einem Boot. Sympa­thie ist kein Leis­tungs­in­di­kator. Ein Team kann hoch­pro­duktiv sein, auch ohne Freun­des­be­zie­hung. Eine Gruppe entwi­ckelt diese Produk­ti­vität, siehe Nubbel, dagegen eher punk­tuell.

In Gruppen wirken Bezie­hungs­stö­rungen unmit­tel­barer. Wer nicht dazu­ge­hört, wird spürbar markiert. In- und Out-Gruppen entstehen schnell, wenn der formale Rahmen locker ist. Das ist kein Fehler im System, sondern ein Grund­me­cha­nismus sozialer Iden­tität. Abgren­zung stabi­li­siert das Wir. Gerade deshalb sind Rituale so mächtig. Sie bündeln Emotion und machen Zuge­hö­rig­keit sichtbar.

Der Verein­fa­chungs­me­cha­nismus in Gruppen

Je größer Gruppen werden, desto stärker verein­fa­chen sie all das, was sie aufnehmen. Die Diffe­ren­zie­rung schwindet, auch die indi­vi­du­elle Fähig­keit dazu. Emotionen zirku­lieren schneller als Argu­mente. Sprache wird zum Signal. Begriffe sind weniger präzise, sie verwäs­sern spätes­tens wenn sie von der dritten Person auf die vierte über­tragen wird. Die Nach­richt wird dann auto­ma­tisch verformt und simpli­fi­ziert.

Die Masse ist schwarz-weiß

Schon Gustave Le Bon, Autor des Best­sel­lers “Die Psycho­logie der Massen”, hat beschrieben, wie die Masse verän­dern und eine Art kollek­tiver Dämmer­zu­stand eintritt. Masse ist für ihn eine sehr große, uniforme und kontur­lose Gruppe. Komple­xität sinkt, Sugges­ti­bi­lität steigt, das Bedürfnis nach Führung wächst. Menschen suchen formale Führung, die Zustän­dig­keit klärt. Effek­tive Führung, die Ziele erreichbar macht. Und psycho­lo­gi­sche Führung, die Sinn stiftet und Sicher­heit gibt. Gerade in großen Gruppen wird diese psycho­lo­gi­sche Dimen­sion oft alles entschei­dend. Was der Nubbel im nega­tiven Sinn ist gibt es auch in seiner posi­tiven Ausprä­gung: Alle stürzen sich auf den einen, das ist die Hoff­nung.

Schwarz und weiß. Gut und böse. Und ja, je mehr wir diese Mecha­nismen verstehen, desto besser schützt uns das ihm zu verfallen. Je mehr wir das verstehen, desto spie­le­ri­scher können wir mit Ritualen umgehen. Irgend­wann weißt es auch du: Alles ist ein Spiel.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. wolle 22. März 2026 at 15:12 — Reply

    Gefällt mir Svenja,

    ich komme eben­falls aus dem “schönen ganz­jahres karne­va­lis­ti­schen Rhein­land” (Bonn) und bin aktuell kurz v. d. Umzug von Hessen nach Neuwied/Rhein.
    Vor ca. einem halben Jahr habe ich den Psycho­logie Master Class Kurs bei Udemy abge­schlossen und bilde mir nun ein die Menschen besser zu verstehen? Sicher kannst du mich darüber besser aufklären, würde mich freuen.

    Mit freund­li­chen Grüßen
    wolle

    • Svenja Hofert 26. März 2026 at 12:37 — Reply

      Hi Wolle, ich glaube nicht, dass Kurse allein helfen. Sie können nur neue Perspek­tiven geben. Und ob du diese bekommen hast, kannst du besser selbst beant­worten. Viel Freude in Neuwied.

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