Kate­go­rien

Entschei­dungen unter Unge­wiss­heit

Published On: 4. Juni 2026Cate­go­ries: Aktuell
Entscheidungen unter Ungewissheit

„Was war Ihre letzte wirk­lich schwie­rige Entschei­dung?” Auf der persön­li­chen Ebene zeigt sich in der Antwort auf diese Frage oft, dass der schwie­rigen Entschei­dung fast immer eine Phase der Ambi­va­lenz voraus­ge­gangen ist. Diese ist durch starke Gefühle gekenn­zeichnet, die sich wider­spre­chen. Schwie­rige Entschei­dungen haben deshalb oft weniger mit Mut als mit dem Aushalten von Span­nungen zu tun. Sie fühlen sich nicht gut an, denn die Folgen der Entschei­dung sind unge­wiss.

Nicht die fehlende Infor­ma­tion, nicht die falsche Methode — sondern das Unbe­hagen, das entsteht, wenn zwei oder mehr Zustände gleich­zeitig wahr sind und keiner davon aufge­löst werden will. Was wir daraus machen — wie wir das Aushalten orga­ni­sieren, dele­gieren oder wegana­ly­sieren — das ist die eigent­liche Entschei­dungs­ge­schichte der letzten Jahr­zehnte. Es geht also nicht so sehr um fehlenden Mut — es geht ums Aushalten.

Unsi­cher­heit ist nicht Unge­wiss­heit – und genau diese Verwechs­lung macht Entschei­dungen schwer

Bevor wir zu den Para­digmen kommen, braucht es eine Unter­schei­dung, die in der Manage­ment­li­te­ratur häufig über­gangen wird: Der Ökonom Frank Knight hat sie 1921 präzise formu­liert, und seither igno­rieren wir sie syste­ma­tisch – weil sie unbe­quem ist.

Unsi­cher­heit ist das, was sich berechnen lässt. Bekannte Unbe­kannte. Wahr­schein­lich­keiten lassen sich zuweisen, Szena­rien model­lieren, Risiken managen. Ein Unter­nehmen verliert Markt­an­teile: unan­ge­nehm, aber analy­sierbar. Das ist Unsi­cher­heit. Sie erzeugt Span­nung – aber eine Span­nung, die sich durch Daten und Methodik auflösen lässt.

Unge­wiss­heit ist etwas anderes. Hier gibt es keine Wahr­schein­lich­keit, die man berechnen könnte, weil die Zukunft struk­tu­rell offen ist. Welche Berufe exis­tieren in zehn Jahren noch? Welche KI-Folgen entstehen? Wie reagiert ein soziales System auf eine Inter­ven­tion, die noch niemand so durch­ge­führt hat? Und auf der syste­­misch-persön­­li­chen Ebene: Was passiert, wenn ich mich anders als gewohnt verhalte? Das sind keine Risiken. Das ist Unge­wiss­heit. Und die Span­nung, die sie erzeugt, lässt sich nicht wegana­ly­sieren – sie lässt sich nur aushalten oder verdrängen.

Genau hier liegt das zentrale Problem: Die meisten Entschei­dungs­pa­ra­digmen sind für Unsi­cher­heit gebaut. In echter Unge­wiss­heit erzeugen sie nur mehr Rauschen — und das Gefühl, noch nicht genug zu wissen. Die Angst, etwas zu verlieren spielt persön­lich eine starke Rolle.

Drei Para­digmen — drei Arten, die Span­nung loszu­werden

Wie wir entscheiden, hat sich in den letzten Jahr­zehnten verän­dert. Aber jeder Para­dig­men­wechsel hat das vorhe­rige Miss­ver­ständnis nicht gelöst – er hat nur eine neue Stra­tegie entwi­ckelt, die Ambi­va­lenz zu managen. Und jede dieser Stra­te­gien hat ihr eigenes blinden Fleck.

Man kann die Entschei­dungs­ge­schichte so lesen:

Psycho­logie der Verän­de­rung

Wer gut entscheidet, hält Span­nung aus – nicht Infor­ma­tionen zusammen

Drei Para­digmen. Zwei Begriffe. Ein Miss­ver­ständnis, das Führung kostet.

Rational gesteuertbis Mitte 2000er Agil & parti­zi­pativ2000er – 2020 Komplex & KI-gestütztab 2020
Entschei­dungstyp Primär Unsi­cher­heit (kalku­lierbar) Mehr Unge­wiss­heit akzep­tiert Primär Unge­wiss­heit
Fehler­kultur Fehler = Versagen Fehler = Lern­quelle Fehler = syste­mi­sches Signal
Führungs­mo­dell Anordnen & kontrol­lieren Teams befä­higen Syste­misch koor­di­nieren
Kultu­reller Fokus Stan­dar­di­sie­rung & Risi­ko­ver­mei­dung Psycho­lo­gi­sche Sicher­heit Ambi­gui­täts­to­le­ranz
Größtes Miss­ver­ständnis Mehr Analyse = besser Mehr Betei­li­gung = besser KI entscheidet besser

Was das für Ihre Entschei­dungen bedeutet

Weiter­denken heißt hier: nicht beim Para­digma bleiben, das man gerade für modern hält. Und: die Frage, wie man Ambi­va­lenz aushält, ernster nehmen als die Frage, wie man sie vermeidet.

  • Erstens: Fragen Sie sich, was Sie eigent­lich aushalten wollen — oder müssten, wenn sie das nächst höhere System bedenken. Bevor Sie analy­sieren, dele­gieren oder die KI befragen: Was ist das Unbe­hagen, das hinter dieser Entschei­dung steckt? Handelt es sich um Unsi­cher­heit (dann helfen Daten) oder um Unge­wiss­heit (dann hilft kein Modell)?
  • Zwei­tens: Prüfen Sie, welche Span­nung Sie gerade loswerden wollen. Mehr Analyse, mehr Betei­li­gung, KI — all das kann sinn­voll sein. Oder es kann eine Stra­tegie sein, die eigene Ambi­va­lenz zu dele­gieren. Das ist ein Unter­schied, den nur Sie selbst erkennen können.
  • Drit­tens: Entwi­ckeln Sie den Umgang mit Ambi­va­lenz als Führungs­kom­pe­tenz. Wer Unge­wiss­heit nicht aushalten kann, flüchtet in Kontroll­il­lu­sion — und trifft damit keine besseren, sondern lang­sa­mere Entschei­dungen. Die reifste Führungs­kom­pe­tenz der Gegen­wart lautet: in der Span­nung stehen bleiben, entscheiden — und dabei zu sich stehen.

Das ist Ich-Entwick­­lung, verbunden mit syste­mi­schen Denken, wie ich es auch in meiner Ausbil­dung zum Entwick­lungs­kom­pe­tenten Veränderungsbegleiter:in vermittle.

siehe dazu auch

Unge­wiss von Svenja Hofert

Über Führung

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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