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Die Stärke von Narzissmus in der Führung

Narzissten sind oft macht- und leistungsmotiviert. Sie interessieren sich dagegen weniger für Beziehungen. Das “Anschlussmotiv” ist weniger weniger ausgeprägt. Schon von daher ist es kein Wunder, dass narzisstisch geprägte Persönlichkeiten häufiger in Führungsrollen landen als andere. Sie geben ihrem Vorankommen eindeutige Priorität. Narzissmus in der Führung ist also aus der Perspektive der Unternehmen durchaus funktional. Narzissten bringen eine Grundmotivation mit, die es ihnen ermöglicht, klare Prioritäten zugunsten des Jobs zu setzen.
Begriffsklärung
Wenn ich hier von Narzissmus spreche, meine ich nicht die klinische Diagnose, sondern narzisstische Persönlichkeitsanteile im subklinischen Bereich. Also Muster, die in vielen Führungskontexten auftreten: hoher Leistungsanspruch, starkes Bedürfnis nach Sichtbarkeit, ausgeprägtes Machtmotiv.
Psychologische Perspektiven
Aus motivationspsychologischer Sicht lässt sich das gut erklären. Wie Mitja Back in meinem Podcast beschreibt, geht es narzisstisch geprägten Menschen stärker um Vorankommen als um Zurechtkommen. Leistung und Einfluss stehen im Vordergrund.
In einem weiteren Podcast betont Ramzi Fatfouta zusätzlich ein starkes Anspruchsdenken. Der Wunsch, besonders zu sein, sich durchzusetzen, gesehen zu werden.
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Die psychodynamische Perspektive ergänzt das um eine andere Ebene: Diese Dynamiken entstehen häufig aus einem fragilen Selbstwert. Anerkennung wird nicht nur gewünscht, sondern benötigt — es ist eine narzisstische Not wie Klaus Eidenschink sagt. Das ist keine moralische Bewertung, sondern eine funktionale Erklärung. Beide Perspektiven zusammen sind entscheidend. Die eine zielt auf Messbarkeit des Merkmals, die andere auf die Frage, wie es dazu kam und wie man narzisstischen Menschen helfen kann.
Narzissmus und Führung
Diese Konstellation erklärt, warum narzisstische Persönlichkeiten häufiger in Führungspositionen gelangen. Sie sind sichtbar, durchsetzungsstark und orientieren sich konsequent an Aufstieg. Das bedeutet aber nicht, dass sie automatisch wirksame Führung leisten. Hier liegt eine der zentralen Fehlannahmen in vielen Diskussionen. Wir sehen, das in Studien zur Führung: narzisstische Persönlichkeiten überdurchschnittlich häufig als Führungskräfte wahrgenommen und gelangen in solche Rollen gelangen, wo sie aber keine entsprechend stabile Wirksamkeit zeigen.
Systemische Einordnung
Organisationen verstärken solche Muster aktiv.Wer sich durchsetzt, bekommt Ressourcen. Wer sich inszeniert, wird wahrgenommen. Das ist kein individuelles Problem, sondern eine systemische Logik. Dabei wird leider zu oft die Dynamik nicht betrachtet. Dass also die Kraft, die anfangs erfolgreich war, sich im Laufe der Zeit als hinderlich erweisen kann. Weiterhin ist es wenig sinnvoll, Machtarchitekturen auf eine Person zu konzentrieren.
Praxisbeispiel Narzissmus in Führung
Ein C‑Level-Klient beschrieb kürzlich einen Kollegen mit stark ausgeprägter Selbstdarstellung. Viele Anekdoten, viel Dramatisierung. Gleichzeitig hohe Wirkung im Außen. Interessant war nicht die Beschreibung, sondern die Einordnung: Er wusste genau, dass er selbst anders funktioniert. Weniger sichtbar, stärker in der Sache. Und dass genau daraus eine funktionale Ergänzung entsteht.Hier zeigt sich ein zentrales Muster: Unterschiedliche Motivlagen können produktiv werden, wenn sie sich nicht gegenseitig bekämpfen, sondern in klaren Rollen aufeinander bezogen sind
Für die Praxis ergeben sich daraus einige Fragen:
- Woran erkennen Sie, ob narzisstische Anteile funktional oder dysfunktional wirken?
- Wie gehen Sie mit starkem Anspruchsdenken im Team um?
- Wie gestalten Sie Kontexte, in denen Sichtbarkeit nicht automatisch überbewertet wird?
- Und auch: Wo sind Grenzen erreicht, an denen Entwicklung nicht mehr durch Kontext allein möglich ist?
Entwicklungsperspektive
Menschen mit narzisstischen Anteilen können sich entwickeln. Nicht indem sie „weniger narzisstisch“ werden, sondern indem sie anders mit diesen Anteilen umgehen. Das zeigt sich konkret:
- mehr Fähigkeit zur Kooperation
- weniger Abhängigkeit von externer Bestätigung
Im Gespräch mit Ramzi Fatfouta und Pablo Hagemeyer wird genau diese Entwicklungsperspektive differenziert beschrieben. Darüber, inwieweit Ich-Entwicklung auf Narzissmus wirkt, gibt es keine Untersuchungen. Klar ist aber, dass die Kindheitsprägungen eine große Rolle spielen. Und Ich-Entwicklung kann auch als die Fähigkeit verstanden werden, diese bewusst zu machen und dadurch gesund zu integrieren.
Wir halten fest: Narzissmus ist weder nur Problem noch nur Ressource. Er ist ein Muster, das in bestimmten Kontexten verstärkt wird und in anderen dysfunktional wirkt. Wer mit Führung, Coaching oder organisationaler Entwicklung arbeitet, kommt an diesem Thema nicht vorbei.
Wenn Sie lernen wollen, solche Dynamiken differenziert zu erkennen und in Ihrer Arbeit zu nutzen, dann lohnt sich ein vertiefter Blick. In meinen Formaten geht es genau darum: Muster verstehen, statt sie vorschnell zu bewerten, und daraus Entwicklung ableiten.
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonntagskolumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abonnenten gehöre ich zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren auf dieser Plattform.
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