Kate­go­rien

5 Psychoex­pe­ri­mente – und warum uns ihre Erkennt­nisse in die Irre führen

Published On: 23. Januar 2024Cate­go­ries: Aktuell, Psycho­logie der Verän­de­rung

Ganz schön gemein! So jeden­falls würde man heute auf manches der Expe­ri­mente aus der Psycho­logie schauen. Viele Expe­ri­mente wären ethisch nicht mehr vertretbar. Dennoch sind sie immer noch teils fester Bestand­teil von Lehr­bü­chern und Studi­en­heften. Gerne werden sie in Trai­nings als Argu­men­ta­ti­ons­hilfe heran­ge­zogen. Dabei sind sie umstritten, undif­fe­ren­ziert oder einseitig. Und oft nur zu verstehen im Kontext ihrer Zeit.

1. Das Stan­­ford-Mars­h­­mallow-Expe­ri­­ment: Zurück­hal­tung zahlt sich eben nicht ein Leben lang aus

Ein vier­jäh­riges Kind sitzt in einem Raum, vor ihm ein Marsh­mallow. Ein zweites süßes Zucker­stück in Sicht­weite. Kann sich das Kind beherr­schen? Wenn ja, so wird es erfolg­reich sein. Wenn nein, eher nicht. Der Psycho­loge Walter Mischel wollte 1968–1974  heraus­finden, inwie­weit die Fähig­keit zur Selbst­kon­trolle sich auf das spätere Verhalten auswirkt. Würden die Kinder inne­halten, den einen Marsh­mallow zu verspeisen, um einen zweiten später zu erhalten. Das nennt man Beloh­nungs­auf­schub.

2018 brachten Forscher um Tyler Watts von der New York Univer­sity diese Erkenntnis ins Wanken.  Sie unter­suchten, inwie­weit der Bildungs­stand der Eltern mit dem Verhalten zu tun hat. „Von Kinder­gar­ten­kin­dern meist gut ausge­bil­deter Eltern der Stan­­ford-Univer­­­sität auf den Rest der Welt zu schließen, sei nicht wirk­lich möglich.“

Vertie­fung in diesem ZEIT-Artikel.

2. Little Albert-Expe­ri­­ment: Am Ende alles Show?

John B. Watson ist ein Name, der fest mit dem Beha­vio­rismus verbunden ist. Vor allem das Expe­ri­ment mit dem neun Monate alten Albert wird heute noch in verhal­tens­the­ra­peu­ti­schen Ausbil­dungen zitiert, und durchaus unkri­tisch. Als Absol­ventin kann ich das aus eigener Erfah­rung sagen…

Das Expe­ri­ment mit dem kleinen Albert ist immer noch als Video im Netz auffindbar und lässt uns erschau­dern. Watson war übri­gens ein Vorreiter auto­ri­tärer Erzie­hung. Watson hat das Expe­ri­ment mit seiner Assis­tentin Rosalie Rayner durch­ge­führt, die er später ehelichte. Nach seinem Versuch flog er aus der Klinik und verdingte sich als Werbe­psy­cho­loge.

Das Baby Albert wurde laut Watson ausge­wählt, weil es zu Beginn des Expe­ri­ments keine Angst vor Tieren hatte — auch nicht vor Ratten — und beson­ders gut entwi­ckelt war. Er zeigte viel kind­liche Neugier. Dann aber begann man ihn zu “kondi­tio­nieren”. Seine Expo­si­tion mit der Ratte verbanden die Versuchs­leiter mit einem lauten Geräusch, vor dem er schon zuvor Angst hatte. Am Ende zeigte Albert auch ohne diesen zweiten Reiz Furcht vor Ratten.

Tja, der kleine Albert wurde danach Jahr­zehnte vergessen. Bis Histo­riker sich auf die Suche nach ihm begaben. Mit Sicher­heit iden­ti­fi­ziert werden konnte er nie. Klar ist aber: Dass uns auf diesem Expe­ri­ment basie­rend die klas­si­sche Kondi­tio­nie­rung beigebracht wurde:  Ein abso­luter „fail“.

Vertie­fung in diesem Beitrag der Süddeut­sche

3. Gedächt­nis­ex­pe­ri­mente von Loftus: Wenn nichts wahr ist

Die noch lebende Elisa­beth Loftus forscht ihr Leben lang über falsche Erin­ne­rungen, die durch Sugges­tionen und Sugges­tiv­fragen verzerrt sind. Ihr „False-Memory-Syndrom“ besagt, dass eine Erin­ne­rung so stark ist, als hätte sie statt­ge­funden. 1995 führte sie das berühmte „Lost-in-the-Mall“-Experiment durch. Den Teil­neh­menden des Expe­ri­mentes wurden vier Geschichten aus der eigenen Kind­heit vorge­legt — auch falsche.

Sie wies nach, dass diese auch dann diese Geschichten glaubten, wenn sie nach­weis­lich erfunden waren. Es war unmög­lich zu unter­scheiden, ob jemand etwas wirk­lich getan oder sich nur im Kopf ausge­malt hat. Das führte in der Krimi­na­listik zu einer Wende im Umgang mit Zeugen­be­fra­gungen und auch neuen Tech­niken.

Soweit so gut. Doch was ist wahr, wenn alles nur noch im Kopf statt­findet? Weil Loftus so sehr davon über­zeugt war, dass sich Kopf­ge­burten nicht von realen Erleb­nissen unter­scheiden lassen, sagte sie vor Gericht auch immer wieder für Männer wie Bill Cosby oder Harvey Wein­stein aus, denen Sexu­al­de­likte vorge­worfen wurden und werden. Sie sagte auch als Sach­ver­stän­dige aus für eine Tochter, die den Vater wegen Miss­brauchs beschul­digte.

Wenn aber alles immer nur im Kopf statt­finden kann, ist nichts mehr real. Wenn das dazu füjrt, dass am Ende dem wahren Geschehnis die Exis­tenz abge­spro­chen wird? Schwierig.

Vertie­fung in der NZZ

4. Konfor­mi­täts­expe­ri­ment von Asch: Wirk­lich so blind?

Würden Sie zugeben, etwas zu sehen, was sie nicht sehen? Der Asch-Effekt geht zurück auf ein Expe­ri­ment von Solomon Asch aus dem Jahr 1951. Es wird bis heute immer wieder durch­ge­führt. Im Kern geht es darum, dass sich Menschen einer Mehr­heits­mei­nung anpassen, selbst wenn diese objektiv falsch ist.

Von der Versuchts­lei­tung instru­ierte Teil­neh­mende sollen die Länge einer Linie auf einem Blatt Papier angeben und verglei­chen. Ihre Antwort ist absicht­lich falsch. Die echten Teil­neh­menden schlossen sich mehr­heit­lich diesen falschen Meinungen an. Dies vor allem auch dann, wenn sie die einzige Person in der Gruppe waren, die von der mani­pu­lierten Mehr­heits­mei­nung abwich.

Nun bringt uns dieses Expe­ri­ment durchaus praxis­re­le­vante Erkennt­nisse, ist aber auch nicht ohne Weiteres auf die Realität zu über­tragen.

In Aschs Expe­ri­ment kennen sich die Menschen nicht. Hinzu kommt, dass unklar ist, ob sie am Ende wirk­lich glaubten falsch zu sehen oder sich einfach nicht die Mühe machen wollten, mit den anderen zu disku­tieren. Außer Acht gelassen ist außerdem die Dynamik, die in einem längeren Prozess der Diskus­sion entstehen könnte…

Mehr zu diesem Expe­ri­ment hier

5. Mann im schwarzen Sack: “Mehr davon” wird nicht immer zur Gewöh­nung

Stellen Sie sich vor, dass ein schwarzer Sack an Ihren Meetings teil­nimmt. Gäbe es einen Aufschrei, Unruhe, Fragen? Wahr­schein­lich würden Sie sich an den unge­wöhn­li­chen Teil­nehmer gewöhnen. Das jeden­falls besagt der Mere-Expo­­sure-Effekt. Der Sozi­al­psy­cho­loge Charles Götzinger expe­ri­men­tierte 1968 mit einem in einen schwarzen Sack geklei­deten Mann im Hörsaal. Erst stören sich die Studenten an dem selt­samen Gast, dann gewöhnen sie sich an ihn. Irgend­wann läuft der Mensch im schwarzen Sack mit, als hätte er immer schon dazu­ge­hört. Die wieder­holte Wahr­neh­mung von etwas führt zu einem Gewöh­nungs­ef­fekt, ja „Must-Have“. Nun muss man Sachen von Menschen unter­scheiden — und in beiden Fällen dürfte die Gewöh­nung auch irgend­wann in eine Über­sät­ti­gung führen. Wir können uns auch satt­sehen. Oder der Blick auf etwas, das dazu zu gehören schein, verän­dert sich. Also nicht ganz so einfach.

Fazit: Expe­ri­mente und Erkennt­nisse sind nur in ihrer Zeit zu verstehen. Sie beziehen sich meist auf einen Aspekt.  Manche sugge­rieren einen Ursache-Wirkungs­­­zu­­­sam­­men­hang, den es nicht gibt. Lassen Sie sich also keine Wahr­heiten verkaufen. Und suchen Sie bei allem auch nach Gegen­be­weisen.

Mehr Expe­ri­mente aus der Sozi­al­psy­cho­logie kriti­schen beleuchtet bei Team­works.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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