Etwas “Magie” kann bei der Verän­de­rung helfen. Wir sollten aber wissen, in welcher Phase der Verän­de­rung wir sie brau­chen. Und wann sie einer nach­hal­tigen Verän­de­rung im Wege steht. Eine über­ra­schende Perspek­tive — nicht nur für Menschen, die Verän­de­rung profes­sio­nell gestalten.

Was kommt auf uns zu, wenn wir uns verän­dern? Verän­de­rungs­mo­delle geben Anhalts­punkte, was wir erwarten können. Eines davon ist das trans­theo­re­ti­sche Modell der Verän­de­rung. Es umfasst sechs Phasen.

Die sechs Phasen im trans­theo­re­ti­schen Verän­de­rungs­mo­dell heißen:

  1. Absichts­lo­sig­keit: Ich soll zwar und viel­leicht rede ich auch drüber, aber so richtig ernst meine ich das nicht mit der Verän­de­rung.
  2. Absichts­bil­dung: Ich begreife langsam, dass ich muss oder noch besser will. Diese Phase kann von einigem Hin- und Zurück gestaltet sein.
  3. Vorbe­rei­tung: Ich unter­nehme ernst­hafte Schritte, trete in eine bewusste Planung ein.
  4. Hand­lung: Ich führe diese auch aus, wobei ich unwei­ger­lich Rück­schläge erlebe.
  5. Aufrecht­erhal­tung: Ich bleibe dran, trotz allem!
  6. Rück­fall: Ich falle gele­gent­lich in alte Muster zurück. Weil ich das weiß, bereite ich mich darauf vor.

So leicht ist also die Psycho­logie der Verän­de­rung? Nun ja, in den Schritten steckt schon einiges… Bis es zur Absichts­bil­dung kommt, domi­niert Abwehr in allen mögli­chen Formen: passive Aggres­sion, Leugnen, Klein­reden. Ach, die Liste ist lang. Und das Phänomen immer gleich in seinen tausend Erschei­nungs­formen.

Wie Magie bei der Absichts­bil­dung hilft

Nicht ohne Grund gibt es den “Zauber des Anfangs”. Gut, wenn es einen erhöhten Herz­schlag, eine echte Betrof­fen­heit erleben. Erzeugt wir diese aber selten durch sach­liche Argu­men­ta­tion. Es sind viel­mehr Bilder, Meta­pher, Tarot-Karten und andere Barnum-State­­ments, die unser Herz öffnen. “Du hast Poten­zial” — ein Satz, dem zu 100% der Bevöl­ke­rung sagen könnte, kann dann beson­ders viel auslösen, wenn er von einer Person kommt, die für einen Bedeu­tung hat.

Und das ist Magie. Barnum ist übri­gens ein zu Unrecht in der Psycho­logoe negativ kono­tierter Effekt. Barnum ist nicht mehr und nicht weniger als jedes Horo­skop, jede allge­meine Aussage, jedes Bild.… es erzeugt das Gefühl “das ist ja ein Wunder, wie das passt.” Nein, es ist kein Wunder. Im Grunde Nichts­sa­gendes trifft auf frucht­baren Boden und verwan­delt sich dort.

Was ist Magie?

Magie hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Hexen nutzten Magie und die Kirche verbrannte sie. Sie lösten eine kollek­tive Angst aus. Dabei war es sicher eher nicht über­na­tür­lich, was Hexen taten. Sie kannten sich viel­leicht nur etwas besser mit Kräu­tern aus oder verhielten sich unkon­ven­tio­neller als andere.

Magie ist eigent­lich nur eine Art, die Realität zu beein­flussen, indem man über Orakel aller Art auf unsicht­bare, verbor­gene und unwis­sen­schaft­liche Kräfte zurück­greift.

So wie Glauben Berge versetzt, tut es auch das Orakel am Anfang einer Verän­de­rung. “Es war ein Zeichen, dass ich gekün­digt wurde”, sagte mir meine Kundin. “Nun werde ich meine Pläne von der Selbst­stän­dig­keit umsetzen.” Ich wider­spreche ihr nicht, sondern verstärke das. Weil ich weiß, dass wird sie stärken. Und das alle funk­tio­niert nur, weil der Boden dafür da ist. Das ist der ganze Trick. Nichts Über­na­tür­li­ches.

Auch in Gruppen funk­tio­niert das so. Wenn der magi­sche Kreis, in dem wir sitzen und auf das Feuer blicken die Absichts­bil­dung fördert? Ja, das ist logisch, denn für diese brau­chen wir unser Repti­li­en­hirn, den Ort des uralten, magi­schen Denkens.

Uralte Denk­kul­turen akti­vieren

Machen wir uns kurz einmal bewusst, wie sich unsere Denk­kul­turen entwi­ckelt haben — danke für diese Auflis­tung an Timon Krause (“Sei deiner Zeit voraus”, Rowohl 2024):

  • Indi­genes Denken: Holis­ti­sche und animis­ti­sche Welt­an­schauung (Geister beleben die Natur)
  • Prämo­dernes Denken: Linea­rität, Hier­ar­chie und Dogma­tismus
  • Modernes Denken: Tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt und harte Falten der Wissen­schaft
  • Post­mo­dernes Denken: Alles relativ, der Kontext bestimmt die Sicht­weise
  • Meta­mo­dernes Denken: Vernetztes, offenes und krea­tives Denken, das Wider­sprüche auflöst und Neues schafft

Zurück zur Absichts­bil­dung: Was diese fördert, ist auf der indi­vi­du­ellen Ebene oft nah am indi­genen, also magi­schem Denken. Es geht nicht um Dogma, nicht um Fakten oder Analyse. Es öffnet allein das Gefühl. “Ich will jetzt endlich meinen Traum verwirk­li­chen. Frau Hofert, glauben Sie, das ich das schaffe?”

Es ist eine Geschichte, die in uns wider­hallt. Eine einfache Frage, die eine Tür in uns öffnet. Eine Erkenntnis, die gerade für uns jetzt wichtig ist, in unserem privaten Universum. Es kann auch einfach ein Gefühl zu einem Menschen sein, den wir nicht mal kennen.

Ich bekomme manchmal sehr persön­liche E‑Mails von Menschen, die sich bei mir bedanken, weil ich wichtig für ihr Leben gewesen sei. Sie kennen mich von einem oder wenigen Begeg­nungen, aus einem Coaching, einem Vortrag — viel­leicht nicht mal das, sondern nur aus meinen Texten oder Büchern. Manchmal ist diese Begeg­nung 20, 25 Jahre her.

Früher war mir das unan­ge­nehm; ich wollte nicht so wichtig sein. Diese Verant­wor­tung! Heute sage ich: Ich bin gerne Zauberin. Denn ich weiß, dass ich nicht zaubere. Die Magie entsteht in den anderen. Und das darf sein.

Macht der Worte

Die Magie nutzt meta­pho­ri­sche Sprache und die Macht der Worte. Sie ist Poesie. Die syste­mi­sche Hypno­the­rapie nutzt die Macht von Bildern, die jeder für sich über­setzen kann. Deshalb ist das Geschich­ten­er­zählen auch eine der wich­tigsten Kompe­tenzen für alle, die mit Verän­de­rung zu tun haben. Das Miss­ver­ständnis liegt nur in der Phase der Verän­de­rung: Es braucht sie für Absichts­bil­dung — danach muss es um Anderes geben. Harte Daten und Fakten über den Weg und die Konse­quenzen der Verän­de­rung etwa.

Alles darf sein

In der Poesie darf alles sein. Es ist gut, wenn die geheime Tür, die Wolke oder die Stufe nicht von jedem gleich inter­pre­tiert werden kann. Es ist gut, wenn der “Leader” weise Worte sagt, aber die Weis­heit in jedem anderen Bilder auslöst.

Es ist gut, wenn Meta­phern berühren. Gemein­sames “Verständnis” kann nur im Gefühl, in der Ahnung entstehen, nie in der Ausdif­fe­ren­zie­rung. Noch so ein Miss­ver­ständnis. Deshalb sind viele orga­ni­sa­to­risch erzählte Geschichten nur “Stories“, über die gelacht wird. Der Zauber darf nicht ausge­rollt werden.

Wenn es um Verän­de­rungs­schritt 3 und 4 geht, braucht es Konkre­ti­sie­rung, Ausdif­fe­ren­zie­rung, Herun­ter­bre­chen, Genau­ig­keit. Das Bild vom Zauber darf immer wieder dazwi­schen funkeln, aber allein trägt es nicht mehr.

 

Die wahre Magie ist fauler Zauber von Svenja Hofert

No. 97: Wann magi­sches Denken seine Berech­ti­gung hat

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Foto: istock.com / Kwan­chanok-Taen-on

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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