Alle Menschen nehmen gleich wahr und fühlen ähnlich? Von wegen. Unter­schiede in Wahr­neh­mung und Verar­bei­tung bleiben uns oft verborgen. Auch wir selbst sind uns ihrer nicht bewusst. Dabei sind sie ein wich­tiger Hinweis, etwa auf Krea­ti­vität. In diesem Beitrag geht es um eine Form der Neuro­di­ver­sität, der Synäs­thesie. Und um eine Idee, wie wir uns jenseits der Worte verstän­digen können.

Siehst du das genauso wie ich? Eine verrückte Frage, wenn wir uns das Phänomen der Synäs­thesie vor Augen halten.

Wie siehst du Jahres­zeiten in deinem inneren Bild?

Falls du die Jahres­zeiten drei­di­men­sional im Kreis siehst, geht es dir wie mir. Ganz normal ist das offen­sicht­lich nicht. Manche sehen auch eine visuell lineare Anord­nung. Und ganz sicher gibt es noch viel mehr weitere Vari­anten und Varia­tionen.

Wir messen Persön­lich­keit mit den Big Five. Wir machen IQ-Tests. Aber all das fördert nicht zutage, welche Beson­der­heiten in unseren Gehirnen und Körpern bestehen, aus denen auch beson­dere Stärken erwachsen.

Was man sich erst beim Wein erzählt

Persön­liche, vertraute Geschichten werden oft abends beim Wein, Bier oder Tee erzählt. Wenn es um nichts mehr geht, dann kommt zutage, worüber sonst niemand spricht.

Vor einiger Zeit war ich mit einer Semi­nar­gruppe auf dem wunder­baren Gut Katten­dorf. 4 Tage arbei­teten wir an den Heraus­for­de­rungen in dieser schnellen Welt und dem Umgang damit. Es ging im engeren Sinn um Psycho­logie der Verän­de­rung. Und was dabei für Themen aufkommen! Viele haben damit zu tun, dass wir uns einfach nicht verstehen.

Und ein Aspekt geht dabei oft völlig unter: Unsere Wahr­neh­mung. Die Art und Weise, wie wir Infor­ma­tionen verar­beiten und selbst produ­zieren. Diese besteht aus Bildern, Gerü­chen, Berüh­rungs­emp­fin­dungen Zahlen, Worten und Gefühlen… Aber wir fokus­sieren immer nur auf eins davon. Wir stellen Zahlen und Worte in den Mittel­punkt. Dabei lassen wir so viel Wich­tiges außen vor!

Wir hatten in unserer Gruppe jemand, der das Alphabet drei­di­men­sional sieht. Es gab die Jahres­zeiten im Kreis. Einer sah zeit seines Lebens Zahlen, die mit Farben belegt waren. Eine rech­nete mit Bildern. Da war die eingangs erwähnte Kreis­an­ord­nung der Jahres­zahlen (spricht man nicht auch vom “Jahres­kreis”?). Da war ich, die Erin­ne­rungen mit Gerü­chen würzt. Alle acht Teil­neh­menden hatten Beson­der­heiten, über die sie noch nie gespro­chen hatten.

Worte wie “Gedan­ken­aus­tausch” trans­por­tieren im Grunde eine Falsch­in­for­ma­tion; die Vorstel­lung nämlich, dass dieser möglich ist.

Wer kommt eigent­lich wie zu Erkenntnis?

Der bild­liche Austausch über die Art und Weise unseres inneren Sehens, entfachte ein Gedanken-Feuer­­werk. Wer kommt eigent­lich wie zu Erkenntnis? Was lösen Ideen von anderen bild­lich in mir aus? Und was irri­tiert mich, was andere nicht mal merken? Wo geht auch viel Infor­ma­tion verloren, weil wir auf Worte und Gemein­sam­keiten fokus­sieren, statt auf Annehmen der Unter­schiede und der Suche nach Verbin­dung.

Was ist Synäs­thesie?

Synäs­thesie ist ein Phänomen, bei dem die Stimu­la­tion einer Sinnes- oder kogni­tiven Bahn zu auto­ma­ti­schen, unfrei­wil­ligen Erfah­rungen in einer zweiten Sinnes- oder kogni­tiven Bahn führt. Das bedeutet dann, dass man etwas “zugleich” sieht und hört oder riecht und sieht oder schmeckt und sieht. Oder…

Es gibt viele Arten von Synäs­thesie, wobei einige Menschen zum Beispiel Farben hören oder Geschmacks­emp­fin­dungen sehen können. Laut deut­scher Gesell­schaft für Synäs­thesie sind es 60 bis 80 verschie­dene Formen und bis heute sind diese sehr schwer messbar.

Rund 4% der Bevöl­ke­rung verar­beiten Infor­ma­tionen oder einen Teil davon im synäs­the­ti­schen Mustern. Inzwi­schen bestehen auch verschie­dene Test­ver­fahren. Online verfügbar ist der sehr ober­fläch­liche Test Synes­thesia Battery. Er zielt aber nur auf Farb­sehen, also Farb-Graphem-Synäs­­thesie. Seriö­sere Verfahren sind auf den Seiten der Deut­schen Gesell­schaft für Synäs­thesie genannt.

60 Formen von Synäs­thesie, mindes­tens

Ich sehe selbst viel in inneren Film­szenen. Manchmal spielt eine Musik. Wenn jemand spricht, legte mein innerer Plat­ten­spieler manchmal Songs aus. So das Lied „Pi“ von Kate Bush. Es geht da um Zahlen­liebe. Ich habe auch ein extremes Geruchs­ge­dächtnis. Orte sind bei mir mit Gerü­chen belegt.

Ein filmisch-visu­elles oder klang­voll audi­titives Gedächtnis ist gar nicht so selten. Ich bin mir aber selbst nicht sicher, ob ich wirk­lich zwei Spuren im Gehirn verar­beite oder einfach nur eine “blühende Fantasie” besitze, wie es meine Mutter sagte.

Beim filmi­schen Gedächtnis stellt man sich Erin­ne­rungen als klare, detail­lierte Bilder oder Szenen vor — oder hört Stimmen (und nein, hier sind wir noch nicht im Psycho­ti­schen). Erin­ne­rungen werden in einer Weise visua­li­siert werden, die an das Ansehen eines Films erin­nert.

Beson­dere krea­tive Stärken

Aus den Synäs­the­sien ergeben sich beson­dere Stärken, die eben­so­wenig beachtet werden. Müssten Regis­seure nicht häufiger synäs­the­tisch sein? Ist es nicht ein offen­sicht­li­cher Vorteil für Künst­le­rinnen? Und auch für Wissen­schaftler? Unter­sucht ist das alles nicht.

Aber der Zusam­men­hang mit Krea­ti­vität ist wahr­schein­lich. Vermutet wird auch ein Zusam­men­hang mit Intel­li­genz, aber der ist bisher nicht nach­ge­wiesen. Denn: über diese Dinge wird nicht gespro­chen. Auffällig war für mich, dass an jenem Abend in Katten­dorf alle vier von fünf Synäs­the­ti­kern promo­viert waren. Aber das mag Zufall sein…

Zurück zum bild­li­chen Kalender. Er geht zurück auf die räum­­lich-sequen­­zi­elle Synäs­thesie. Mit dieser Form der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung ordnen Menschen sequen­zi­elle Konzepte (wie Zahlen, Wochen­tage oder Buch­staben des Alpha­bets) auto­ma­tisch in einem drei­di­men­sio­nalen Raum um sich herum an. Da muss ich an die Serie „The Good Doctor“ denken, in der der autis­ti­sche Medi­ziner bei Erkennt­nis­pro­zessen einen drei­di­men­sio­nalen Raum betritt. Aber nein, die beschrie­benen Phäno­mene sind nicht verbunden mit Autismus. Sie sind nur ähnlich.

Sie sind nur eine mehr oder weniger große statis­ti­sche Beson­der­heit. Aber die Statistik spielt auch eine Rolle: Sie misst den Durch­schnitt. Der Durch­schnitt ist das Maß. Und wer jenseits des Durch­schnitts verar­beitet, fühlt und beispiels­weise Ideen produ­ziert, irri­tiert den Main­stream.

Wie geht Kommu­ni­ka­tion, wenn nichts verständ­lich ist?

Wenn wir unsere Gedanken in einen Raum bringen, etwa einen Meeting­raum, spielt vieles eine Rolle. Was der Kontext mit uns macht, was in uns entsteht und was Raum bekommen darf — und was nicht. Wer sich der eigenen Anders­wahr­neh­mung nicht bewusst ist, geht still davon aus, dass die anderen ihn oder sie schon verstünden. Das führt zu Miss­ver­ständ­nissen.

“Ist doch klar, dass…”!” ist es nicht. Nicht nur Worte sind Schall und Rauch, auch alles andere. Infor­ma­tionen finden nicht zuein­ander.

Wer aufgrund der eigenen Anders­wahr­neh­mung gelernt hat, sich zurück­zu­nehmen, hält aber auch etwas zurück, was hilf­reich sein könnte.

Was bedeutet das für kommu­ni­ka­tiven Austausch? Wie mache ich mich und meine Gedanken und Ideen verständ­lich? Indem ich meine Wahr­neh­mung nicht zum Maßstab mache. Was wir über­haupt nicht gelernt haben.

Als Mode­ra­tion ange­legte Eini­gungs­pro­zesse schei­tern nicht selten an unter­schied­li­chen Wahr­neh­mungen. An kleinen und großen Irri­ta­tionen. Daran, dass wir uns einigen oder verstän­digen wollen — und dafür nach verbin­denden Worten suchen. Manchmal geht es auch um Gefühle, aber diese kommen verba­li­siert oft seltsam flach daher…

Mitt­ler­weise inte­grieren zwar immer mehr Kommu­ni­ka­ti­ons­an­sätze wie etwa die Gewalt­freie Komm­mu­ni­ka­tion die Tatsache, dass die verbale Verstän­di­gung ein Ding der Unmög­lich­keit ist. Da geht es dann um Haltung. Aber was, wenn ich diese gar nicht fühlen und in Worte fassen kann? Dann wird dieser Kommu­ni­ka­ti­ons­an­satz zur Farce.

Das Ende der Kommu­ni­ka­tion, wie wir sie verstehen

Unsere Kommu­ni­ka­ti­ons­an­sätze zielen immer noch auf Sprache. Wir gehen davon aus, dass über Worte eine Art Austausch von Wahr­heit statt­finden kann. Doch gemein­sames Verstehen kann es nur geben, wenn wir aufhören, verstehen als “verar­beiten in unserem Sinn” zu inter­pre­tieren.

Solche Verei­ni­gung fremder Gedanken in uns selbst ist ein Ding der Unmög­lich­keit. Wir versu­chen sie auf der verbalen Ebene, suchen nach Abgleich zwischen “dir und mir”. Du bist aber du. Und ich bin ich. Und wir ist etwas anderes, mehr als ich und du und auch nicht die Summe davon. Es steht für sich allein.

Das Span­nende an der Unter­schied­lich­keit der Wahr­neh­mung dagegen steht kaum im Raum. Wir gehen still davon aus, dass wir da alle gleich sind, suchen Verbin­dung durch Gleich­heit, nicht durch Unter­schied­lich­keit.

Warm Data: Was nicht gesagt wird und doch verbindet

An jenem Abend habe ich eine starke Verbin­dung über die Unter­schiede hinaus gefühlt. Unmög­lich das zu verba­li­sieren. Und auch gar nicht nötig, denn es gab da was im Raum, das stärker war. Es ist das, was die Tochter von Gregory Bateson Nora “warm data” nennt. “Warm Data” bezieht sich auf Infor­ma­tionen, die den Kontext, die Bezie­hungen und die viel­fäl­tigen Wech­sel­wir­kungen in komplexen Systemen berück­sich­tigen.

Da waren Menschen jenseits der 40 Jahre zusammen, die das erste Mal über diese Phäno­mene in ihrer Wahr­neh­mung spra­chen. Phäno­mene, die meist erst spät auffallen, weil keiner über sie spricht.

Sind wir nicht alle neuro­di­vers?

Hat nicht jeder von uns eine ganz eigene Art zu erkennen? Und was wissen wir von der Art des Denkens, Fühlens und Erken­nens der Anderen, wenn wir nie danach fragen. Viele Menschen erkennen erst mit 40, 50 Jahren, dass sie anders denken, fühlen, wahr­nehmen. Und ich wünsche meinen jüngeren Lesenden, dass sie eine Welt erleben, in der sie früher ihre Stärken entde­cken dürfen. Im kleinen oder auch im Großen. Doch wir sind nicht aufmerksam dafür: Wir wollen uns einigen, zu Kompro­missen kommen, ein gemein­sames Verständnis entwi­ckeln. Dieses Vorhaben allein ist schon absurd.

„Du hast einen so anderen Denk­stil als ich“, sagte mir kürz­lich ein Kollege. Immer wieder ringen wir um den Weg zu gemein­samer Erkenntnis. Der ist umso stei­niger, desto mehr es ums Detail geht. Und immer wieder neigen wir dazu, unsere Art des Erken­nens als maßgeb­liche zu begreifen.

Ich selbst aber kann mir ja gar nicht vorstellen, wie andere zu Erkenntnis kommen. Ich kann nur annehmen, dass es so ist. Den Wert darin sehen.

Mich hat dieser Abend, an dem ich die Synäs­thesie entdeckte, sehr berührt. Er hat mich dann wieder an ein Gedicht von Kafka erin­nert, dass mit den Zeilen endet: „Schon darum sollten wir Menschen vorein­ander so ehrfürchtig, so nach­denk­lich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.“

Als ich diesen Text das erste Mal veröf­fent­lichte, spielte eine Teil­neh­merin das Audio ihrem Vater vor. “Das ist es, das habe ich auch”, sagte dieser.

Als ich diesen Text das erste Mal veröf­fent­lichte, spielte eine Teil­neh­merin das Audio ihrem Vater vor. “Das ist es, das habe ich auch”, sagte dieser. Endlich konnte er in Worte fassen, was es doch schon so lange fühle.

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Anders sein von Svenja Hofert

Nr. 79 Synäs­thesie und Fühls­ehen

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Bild mit Dall‑E erstellt.

 

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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