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Human-AI Teams: Wie sie Teamentwicklung revolutionieren

Human-AI Teams stellen nicht nur unsere Zusammenarbeit infrage. Sie fordern auch die Konzepte heraus, mit denen wir seit Jahrzehnten Teams entwickeln: Phasenmodelle, Stärkenanalysen, das Wir-Gefühl.
In letzter Zeit werde ich immer häufiger für eine Art Inventur angefragt. Unternehmen wollen ihre bisherigen Maßnahmen aus Coaching, Führungs- und Teamentwicklung überprüfen: Was davon brauchen wir noch? Was funktioniert weiterhin? Und welche Instrumente passen nicht mehr in eine Arbeitswelt, in der Menschen zunehmend mit KI zusammenarbeiten?
Ich finde diese Fragen ausgesprochen sinnvoll. In ihnen steckt allerdings oft schon ein Denkfehler: Wir schauen auf Methoden und Modelle, obwohl wir eigentlich über die Architektur von Zusammenarbeit sprechen müssten.
Eine Handvoll Studien hilft mir, diesen Gedanken zu schärfen. Sie liegen fast fünfzig Jahre auseinander und zeigen zusammen, wo unsere Modelle tragen und wo sie an ihre Grenzen kommen, wo wir nicht nur weiter- sondern neudenken müssen.
Phasenmodelle sind keine Naturgesetze
Nehmen wir das Tuckman-Modell: Forming, Storming, Norming, Performing. Generationen von Trainer:innen und Coaches haben damit gearbeitet. Ich habe es immer skeptisch betrachtet, weil es Linearität suggeriert, wo Entwicklung selten linear verläuft. Teams durchlaufen keine feste Abfolge vorhersehbarer Phasen, an deren Ende Leistung steht; sie verändern sich, wenn Aufgaben, Personen, Rahmenbedingungen und Erwartungen sich verändern. Manchmal abrupt: Es reicht schon, wenn eine charismatische Person das Unternehmen verlässt.
Umbrüche kommen auch von außen
Die Forschung stützt das. Gersick (1988) begleitete acht reale Projektteams über ihre gesamte Lebensdauer und fand keine stufenweise Entwicklung: Die Teams blieben lange in einem einmal gefundenen Muster und richteten sich dann in einem kurzen, konzentrierten Umbruch neu aus. Morgeson, Mitchell und Liu (2015) erklären mit ihrer Event System Theory, warum solche Umbrüche auch von außen kommen: Ereignisse können auf jeder Ebene einer Organisation entstehen und nach oben oder unten durchschlagen. Je neuartiger, störender und bedeutsamer ein Ereignis ist, desto stärker verändert es Verhalten und Strukturen; Ereignisse auf höheren Ebenen mit breiter Streuung wirken besonders stark. Der Weggang einer prägenden Person ist genau so ein Ereignis, und sie muss dazu nicht einmal aus dem Team kommen: Es reicht ein Führungswechsel an der Spitze des Unternehmens.
Was Tuckman selbst belegen konnte
Tuckman hat sein Modell 1965 aus 50 Artikeln über Therapie‑, Trainings- und Laborgruppen abgeleitet, also aus Beschreibungen, nicht aus Tests. 1977 sichtete er gemeinsam mit Mary Ann Jensen 22 Studien, die seitdem erschienen waren. Nur eine davon (Runkel et al., 1971) hatte die Phasenabfolge tatsächlich geprüft. Die übrigen beschrieben Gruppenverläufe mit eigenen Begriffen und eigenen Phasen; Tuckman und Jensen ordneten diese Beschreibungen nachträglich den vier Stufen zu. Belegen konnten sie die Abfolge damit nicht; am Ende forderten die beiden selbst mehr empirische Forschung. Was sie trotzdem taten: Sie ergänzten eine fünfte Phase, Adjourning, die Auflösung des Teams. Mehrere der gesichteten Studien hatten eine Phase beschrieben, in der Gruppen ihre Arbeit abschließen und auseinandergehen. Dieselbe Art von Material, die die vier Phasen nicht prüfen konnte, reichte also aus, um eine weitere hinzuzufügen.
Das macht das Modell nicht falsch, denn Modelle sind weder richtig noch falsch: Sie passen zu einer Fragestellung, oder sie sind für sie unterkomplex. Es zeigt aber, dass schon sein Urheber es als offene Hypothese behandelt hat. Wer es heute als Naturgesetz der Teamentwicklung lehrt, ist strenger als Tuckman selbst war.
Fahrplan oder Beobachtungshilfe
Viel hängt davon ab, wie man das Modell vermittelt. Linear gelesen wird es zum Fahrplan: erst streiten, dann einigen, dann leisten. Als Beobachtungshilfe gelesen, unabhängig von einer Reihenfolge, beschreibt es Dynamiken, die in jedem Team gleichzeitig oder im Wechsel auftauchen können: Orientierung, Reibung, Normbildung, Leistung. Ob diese Phasen Voraussetzung für ein funktionierendes Team sind und ob es überhaupt sinnvoll ist, sich so ausführlich mit ihnen zu beschäftigen, darf man allerdings bezweifeln.
Gestaltung wirkt stärker als Begleitung
Richard Hackman, der Teams über Jahrzehnte erforscht hat, setzt den Schwerpunkt woanders. Er schlägt eine 60–30–10-Regel vor: Etwa 60 Prozent dessen, was eine Führungskraft zur Wirksamkeit eines Teams beiträgt, geschieht, bevor das Team sich zum ersten Mal trifft, nämlich im Design von Aufgabe, Zusammensetzung, Normen und Ressourcen. 30 Prozent entfallen auf den Start, nur 10 Prozent auf das Coaching im laufenden Prozess. Gruppenphasen tauchen in diesem Bild nicht auf. Auch hier ist Genauigkeit angebracht: Hackman hat die Regel als Faustregel formuliert; viele Darstellungen machen daraus eine exakte Aufteilung der Varianz in der Teamleistung, die er so nicht behauptet hat. Die Richtung ist trotzdem deutlich: Gestaltung wirkt stärker als Begleitung.
Was ein Modell sichtbar macht und was es verdeckt
Ein Modell gibt immer auch eine Sprache: Sie kann helfen, Beobachtungen zu ordnen und ansprechbar zu machen. Sie kann aber ebenso den Blick auf das lenken, was das Modell vorsieht, und von dem ablenken, was gerade wichtiger wäre.
Bei Teamworks und in unserem Buch „Teams & Teamentwicklung“ haben wir das Modell deshalb mit Themen kombiniert, die für ein Team entscheidend sind, etwa mentale Modelle: Welche Vorstellungen von Aufgabe, Rollen und Zusammenarbeit teilt ein Team, und wo gehen sie auseinander? So wird aus dem Phasenschema ein Raster für Fragen statt einer Prognose.
Human-AI Teams machen diese Schwäche sichtbarer. Wenn ein KI-Agent dazukommt, über Nacht ein Update erhält oder neue Zugriffsrechte bekommt, verändert sich die Konstellation, ohne dass irgendjemand „Forming“ ausruft.
Warum Mensch + KI nicht automatisch besser ist
Human-AI Teaming, kurz HAIT, beschreibt Zusammenarbeit, in der KI eine eigene funktionale Rolle hat und mehr ist als ein passives Werkzeug. Das kann ein Assistenzsystem sein, zunehmend auch ein Agent, der Aufgaben übernimmt, Ergebnisse prüft oder Prozesse selbstständig anstößt. Die naheliegende Erwartung lautet: Wer menschliche und künstliche Intelligenz zusammenbringt, bekommt mehr als von beiden allein.
Was 106 Experimente zeigen
So einfach ist es nicht. Vaccaro, Almaatouq und Malone haben 2024 in einer präregistrierten Metaanalyse 106 Experimente mit 370 Effektgrößen ausgewertet, erschienen zwischen Januar 2020 und Juni 2023. Im Durchschnitt war die Kombination deutlich besser als der Mensch allein (g = 0,64, ein mittlerer bis großer Effekt). Gegenüber dem jeweils stärkeren Einzelakteur schnitt sie aber schlechter ab (g = −0,23).
Bei Entscheidungsaufgaben, also der Wahl zwischen festen Optionen, kam es häufiger zu Verlusten. Bei Aufgaben, in denen Inhalte entstehen, zeigten sich deutlich günstigere Werte.
Wer allein besser ist, entscheidet
Am meisten beschäftigt mich ein anderer Befund. War der Mensch allein besser als die KI, gewann die Kombination (g = +0,46). War die KI allein besser, verlor die Kombination gegenüber der KI (g = −0,54). Meine Lesart: Menschen greifen gerade dort ein, wo sie es besser ließen, und erkennen schlecht, wann das der Fall ist.
Wie das aussieht, zeigt eine randomisierte Studie von Goh und Kollegen (2024): 50 Ärzt:innen mit Zugang zu GPT‑4 erreichten bei komplexen Fallvignetten kaum bessere Werte als ohne (76 gegen 74 Prozent), während die KI allein auf rund 92 Prozent kam. Viele übernahmen die Einschätzung des Modells schlicht nicht; die Studie ist klein und nicht Teil der Metaanalyse, zeigt das Muster aber deutlich
Was die Studie nicht zeigt
Die Einschränkungen gehören dazu. Untersucht wurden überwiegend Einzelpersonen, die bei einzelnen Entscheidungen von KI unterstützt wurden, kaum langfristig zusammenarbeitende Teams mit mehreren Menschen und Agenten. Die Studien stammen aus der Zeit vor den heutigen Modellgenerationen, die Ergebnisse streuen stark, und die Autor:innen benennen selbst einen möglichen Publikationsbias.
Komplementarität ist noch keine Synergie
Trotzdem ist das Ergebnis für die Teamentwicklung bemerkenswert: Komplementarität führt nicht automatisch zu Synergie. Unterschiedliche Kompetenzen zu besitzen ist das eine; sie produktiv miteinander zu verbinden, etwas ganz anderes.
Genau hier liegt ein Problem vieler klassischer Ansätze der Personal- und Teamentwicklung. Sie interessieren sich stark für Eigenschaften und Fähigkeiten: Wer hat welche Stärken? Welche Persönlichkeit passt zu welcher Aufgabe? Das ist nicht irrelevant, aber es reicht nicht. Mindestens ebenso wichtig ist, wie Aufgaben verteilt werden und wie Entscheidungen zustande kommen. Wer darf was? Wer prüft wen? Was geschieht bei widersprüchlichen Ergebnissen, und wer trägt die Verantwortung? Mit KI werden diese Fragen nicht neu erfunden. Sie werden dringlicher.
Brauchen KI-Teammitglieder ein Wir-Gefühl?
Das Experiment
Rieth, Ontrup, Kluge und Hagemann verglichen 2026 in einem Laborexperiment 67 Teams. Ein menschliches Zweierteam arbeitete zunächst allein und bekam dann ein drittes Mitglied: entweder einen weiteren Menschen oder eine KI. Die Teams mit KI zeigten eine geringere Teamkohäsion und eine schwächere Teamidentifikation. Bei der psychologischen Sicherheit gab es keinen signifikanten Unterschied. Und die Unterschiede bei Kohäsion und Identifikation waren nicht mehr signifikant, sobald Vertrauen und subjektiv wahrgenommene Leistung in die Analysen einbezogen wurden.
Das Experiment war kurz, die Stichprobe klein, die Teilnehmenden überwiegend Studierende. Eine allgemeine Aussage über langfristige Human-AI Teams lässt sich daraus nicht ableiten. Es wirft aber Fragen auf, die für die Teamentwicklung zentral sind: Muss eine KI überhaupt Teil einer gemeinsamen Teamidentität werden? Muss zwischen einem Menschen und einem Agenten etwas entstehen, das wir aus menschlichen Teams als Zusammengehörigkeit kennen?
Zusammenarbeit ohne Identifikation
Darin steckt ein Kategorienfehler. Ich kann mit einer KI hervorragend zusammenarbeiten, ohne mich mit ihr zu identifizieren; ich kann ihr Aufgaben übertragen, ihre Ergebnisse schätzen und trotzdem kein Bedürfnis nach einer sozialen Beziehung zu ihr haben. Bei menschlichen Kolleg:innen ist das anders. Dort tragen Zugehörigkeit, Gegenseitigkeit und Anerkennung die Zusammenarbeit.
Teamidentität wird dadurch nicht unwichtig. Wir sollten aber präziser fragen, zwischen wem sie entstehen muss und welche Funktion sie erfüllt.
Ist KI Teil des sozialen Systems?
Ein KI-Agent erhält über Nacht ein Update. Plötzlich kann er andere Aufgaben übernehmen, hat Zugriff auf zusätzliche Informationen oder verhält sich anders als zuvor. Niemand ist neu ins Team gekommen, niemand hat es verlassen; trotzdem kann sich die Zusammenarbeit grundlegend verändern. Wie passt das zu unseren bisherigen Vorstellungen von Teamentwicklung?
Was Luhmann und Esposito dazu sagen
Die Frage führt zu Niklas Luhmann. Streng systemtheoretisch sind nicht einmal Menschen Elemente sozialer Systeme: Diese bestehen aus Kommunikation, Menschen mit ihrem Bewusstsein gehören zur Umwelt des Systems.
Die Soziologin Elena Esposito hat diesen Gedanken auf Algorithmen übertragen. In „Artificial Communication“ (2022) fragt sie, ob Algorithmen an Kommunikation teilnehmen können, obwohl sie nichts verstehen. Ihre Antwort lautet ja: Entscheidend ist, ob ihre Beiträge kommunikativ aufgegriffen werden und weitere Kommunikation ermöglichen. Algorithmen werden dadurch nicht zu Subjekten; sie verstehen nicht wie Menschen und tragen keine Verantwortung.
Ein KI-Agent muss also nicht im menschlichen Sinn Teammitglied sein, um die Kommunikation eines Teams zu prägen. Er macht Vorschläge, auf die Menschen reagieren, und verändert Informationsflüsse, Erwartungen und möglicherweise Entscheidungen.
Warum KI trotzdem nicht ins Organigramm gehört
Genau deshalb halte ich den aktuellen Trend für problematisch, KI-Agenten als Mitarbeiter ins Organigramm aufzunehmen. Wiles, Hsu, Bedard und Kropp (2026) haben untersucht, was diese Einordnung bewirkt. Sie befragten 1.261 Führungskräfte aus HR und Finanzen; 23 Prozent gaben an, dass ihre Organisation KI-Agenten bereits im Organigramm oder in Arbeitsablaufdiagrammen führt. In einem Experiment prüften 813 von ihnen identische, absichtlich fehlerhafte Dokumente. Variiert wurde nur, wer sie angeblich erstellt hatte: ein KI-Werkzeug, ein „KI-Mitarbeiter“ oder ein menschlicher Mitarbeiter.
Im Gesamtdurchschnitt waren die Effekte gering. In Organisationen, die KI bereits im Organigramm führen, sah es anders aus. Wurde der Entwurf einem KI-Mitarbeiter statt einem Werkzeug zugeschrieben, entdeckten die Führungskräfte 17 Prozent weniger Fehler, forderten um 22 Prozentpunkte häufiger eine zusätzliche Prüfung durch andere an und schrieben sich selbst weniger, der KI aber mehr Verantwortung zu. Die Autor:innen nennen das einen Hot-Potato-Effekt: Die Kontrolle verschwindet nicht, sie wird weitergereicht. Am sorgfältigsten prüften die Führungskräfte, wenn sie glaubten, ein Mensch habe den Entwurf geschrieben.
Wir sollten KI funktional in die Zusammenarbeit integrieren, ohne ihr eine menschliche Position in der Organisation zuzuschreiben. Ein Organigramm zeigt, wo Zuständigkeit und Verantwortung liegen. KI-Agenten gehören deshalb eher in die Darstellung von Arbeitsprozessen, Schnittstellen und Entscheidungsarchitekturen als auf Mitarbeiterstellen. Die Autor:innen selbst empfehlen, jedem Agenten eine ausdrücklich verantwortliche Person zuzuordnen. Genau das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.
Wer zum Team gehört und was es prägt
Das bedeutet bei weitem nicht, dass Agenten das soziale System unverändert lassen. Ein einziger neuer Agent kann neue Kommunikations- und Entscheidungsmuster entstehen lassen, obwohl die menschliche Besetzung gleich bleibt. Für mich ist das eine der spannendsten Konsequenzen von Human-AI Teaming: Wir müssen unterscheiden zwischen der Frage, wer zu einem Team gehört, und der Frage, was seine Kommunikation prägt. KI funktional integrieren, menschliche Verantwortung aber nicht verwischen.
Der gemeinsame Drehpunkt: kalibriertes Vertrauen
Legt man die Studien von Vaccaro und Rieth nebeneinander, zeigt sich ein gemeinsamer Drehpunkt: Vertrauen. Bei Vaccaro verliert die Kombination dort, wo Menschen nicht erkennen, wann die KI besser ist. Bei Rieth verschwinden die Unterschiede im Teamerleben, sobald Vertrauen und wahrgenommene Leistung einbezogen werden. Wiles und Kollegen zeigen die Kehrseite: Wo KI als Mitarbeiter gilt, prüfen Führungskräfte weniger selbst und reichen Verantwortung weiter.
Entscheidend ist also weder die Kompetenz der Beteiligten noch das Wir-Gefühl, sondern ob Vertrauen kalibriert ist: ob es dort entsteht, wo eine KI nachweislich gut arbeitet, und dort fehlt, wo sie es nicht tut. Zu viel Vertrauen führt zum Durchwinken, zu wenig zum Überstimmen der besseren Lösung. Das lässt sich nicht trainieren wie eine Haltung. Es muss in Abläufe eingebaut werden: über Prüfschleifen, Rückmeldungen darüber, wer wann richtig lag, und klare Regeln, wann ein menschliches Urteil Vorrang hat und wann nicht.
Führung ist kein Persönlichkeitsmerkmal
HAIT beschleunigt eine Entwicklung, die sich schon länger abzeichnet: Wir müssen Führung und Teamentwicklung stärker zusammendenken. Viele unserer Instrumente beruhen implizit auf der Vorstellung, dass Führung etwas ist, das Führungskräfte tun, während Teamentwicklung mit Teams geschieht. Aus systemischer Perspektive war diese Trennung schon immer problematisch.
Führung entsteht nicht allein aus Persönlichkeit oder Kompetenz. Sie zeigt sich in Entscheidungen, Kommunikationsmustern, Strukturen und Erwartungen; sie ist eine Funktion organisierter Zusammenarbeit und keine Eigenschaft einzelner Personen.
Was KI-Agenten an Führung verändern
Wenn KI-Agenten Informationen beschaffen, Abläufe koordinieren, Vorschläge priorisieren oder Entscheidungen vorbereiten, wird besonders deutlich, wie unzureichend ein rein personenbezogenes Führungsverständnis ist. Die Verantwortung von Führungskräften verschwindet dadurch nicht. Sie verschiebt sich: hin zur Gestaltung der Bedingungen, unter denen Menschen und KI zusammenarbeiten, und zur Frage, welche Entscheidung an welcher Stelle getroffen werden darf.
Hier wird Organisationsentwicklung wichtiger als manches klassische Führungstraining.
Weniger Modellgläubigkeit, mehr Architektur
Ich plädiere nicht dafür, alle bisherigen Konzepte der Teamentwicklung abzuschaffen. Das wäre genauso undifferenziert, wie sie unverändert weiterzuverwenden. Wir müssen ihre Bedeutung aber neu gewichten.
Ein nettes Teamevent behebt keine unklare Verantwortungsstruktur. Ein Phasenmodell erklärt nicht, warum Entscheidungen stecken bleiben. Und eine Stärkenanalyse beantwortet nicht, wie menschliche und künstliche Kompetenzen so ineinandergreifen, dass tatsächlich bessere Ergebnisse entstehen.
Die Fragen, die jetzt zählen
Mich interessieren deshalb zunehmend andere Fragen. Wie gestalten wir Rollen, ohne sie zu starr festzuschreiben? Wie schaffen wir Klarheit, ohne Flexibilität zu verhindern? Wie organisieren wir Entscheidungen, wenn nicht mehr jeder relevante Beitrag von einem Menschen stammt? Wir müssen dafür sorgen, dass Menschen ihre Handlungsfähigkeit bewahren, denn KI wird ihnen immer mehr Denk- und Koordinationsarbeit abnehmen.
Agency und Metadenken
Den letzten Punkt halte ich für wesentlich. Agency, die Fähigkeit, selbstbestimmt und wirksam zu handeln, wird zu einer zentralen Entwicklungsaufgabe. Ebenso das Metadenken: die Fähigkeit, das eigene Denken, Entscheiden und Zusammenarbeiten zu beobachten und zu hinterfragen.
Wer KI sinnvoll in die Arbeit integrieren will, braucht mehr als KI-Kompetenz. Er oder sie muss erkennen, wann das eigene Urteil gefragt ist, welche Annahmen eine KI mitliefert und wann man ihr widersprechen sollte. Das sind keine isolierten Individualkompetenzen; die Arbeitsorganisation muss sie ermöglichen und stützen.
Ein KI-Agent braucht deshalb keinen Kasten im Organigramm. Er braucht einen klar definierten Platz im Entscheidungsfluss.
Das Team ist nichts ohne die Organisation
Das ist für mich die eigentliche Verschiebung. Wir haben uns lange mit der Frage beschäftigt, wie wir Menschen zu besseren Teams machen. Künftig müssen wir fragen, wie wir Zusammenarbeit so gestalten, dass Menschen, KI-Systeme und organisationale Strukturen sinnvoll zusammenwirken. Das einzelne Element rauszugreifen macht punktuell Sinn, kann aber nur Teil einer Betrachtung des Gesamtsystems sein. Nicht jede Aufgabe braucht ein Team. Nicht jede Zusammenarbeit braucht ein Wir-Gefühl. Entwicklung verläuft nicht modellhaft in Phasen. So wie auch Probleme nicht verschwinden, wenn individuelle Kompetenzen wachsen.
Human-AI Teams machen diese Einsichten sichtbar. Sie zwingen uns, genauer hinzusehen, was wir eigentlich entwickeln wollen: Menschen, Beziehungen, Rollen, Entscheidungen oder die Architektur des ganzen Systems. Die klassische Teamentwicklung verschwindet dabei nicht, aber ein Teil ihrer lieb gewonnenen Instrumente verliert an Gewicht.
Weiterdenken
Wir haben Jahrzehnte darauf verwendet, Menschen beizubringen, einander zu vertrauen. Die nächste Entwicklungsaufgabe ist unbequemer: zu lernen, wann man einer Maschine vertraut und wann man ihr widerspricht, und Organisationen so zu bauen, dass diese Unterscheidung nicht vom Bauchgefühl Einzelner abhängt.
Literatur
Buchtipp: Uwe Weinreich: Menschen. Unternehmen. KI.: Zukunft gestalten in einer Wirtschaft im Umbruch. Schaeffere Poeschel 2026
- Esposito, E. (2017). Artificial Communication? The Production of Contingency by Algorithms. Zeitschrift für Soziologie, 46(4), 249–265. https://doi.org/10.1515/zfsoz-2017–1014
- Esposito, E. (2022). Artificial Communication: How Algorithms Produce Social Intelligence. Cambridge, MA: MIT Press.
- Gersick, C. J. G. (1988). Time and transition in work teams: Toward a new model of group development. Academy of Management Journal, 31(1), 9–41.
- Goh, E., Gallo, R., Hom, J. et al. (2024). Large Language Model Influence on Diagnostic Reasoning: A Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open, 7(10), e2440969. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2024.40969
- Hackman, J. R. (2011). Collaborative Intelligence: Using Teams to Solve Hard Problems. San Francisco: Berrett-Koehler.
- Luhmann, N. (1984). Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
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- Rieth, M., Ontrup, G., Kluge, A. & Hagemann, V. (2026). Unveiling Team Emergent States in the Age of Human-AI Teaming. International Journal of Human–Computer Interaction, 1–28. https://doi.org/10.1080/10447318.2026.2635683
- Runkel, P. J., Lawrence, M., Oldfield, S., Rider, M. & Clark, C. (1971). Stages of group development: An empirical test of Tuckman’s hypothesis. Journal of Applied Behavioral Science, 7, 180–193.
- Tuckman, B. W. (1965). Developmental sequence in small groups. Psychological Bulletin, 63, 384–399.
- Tuckman, B. W. & Jensen, M. A. C. (1977). Stages of Small-Group Development Revisited. Group & Organization Studies, 2(4), 419–427. https://doi.org/10.1177/105960117700200404
- Vaccaro, M., Almaatouq, A. & Malone, T. (2024). When combinations of humans and AI are useful: A systematic review and meta-analysis. Nature Human Behaviour, 8(12), 2293–2303. https://doi.org/10.1038/s41562-024–02024‑1
- Wageman, R. & Lowe, K. (2019). Designing, launching, and coaching teams: The 60–30–10 rule and its implications for team coaching. In K. Lowe (Hrsg.), The Practitioner’s Handbook of Team Coaching (S. 121–137). London: Routledge.
- Wiles, E., Hsu, M., Bedard, J. & Kropp, M. (2026). Putting AI on the Org Chart: Evidence on Delegation and Accountability. Working Paper, Boston University und BCG, Fassung vom 19.09.2026. https://emmawiles.github.io/storage/ai_employee.pdf
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonntagskolumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abonnenten gehöre ich zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren auf dieser Plattform.
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