Kate­go­rien

Das biss­chen Schum­meln ist doch kein Problem: Wie Arbei­t­­geber-Skan­­dale à la Volks­wagen entstehen können

Published On: 23. September 2015Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Nestlé wird vom Shit­s­torm über­zogen, Volks­wagen hat binnen weniger Tage Milli­arden an der Börse verbrannt. Die Empö­rung ist groß, wenn ein Thema plötz­lich in die Mitte der allge­meinen Aufmerk­sam­keit rückt. Plötz­lich gerät etwas in den Fokus, was eigent­lich schon länger hätte bekannt sein müssen. Als Akti­en­be­sitzer können wir schnell handeln: Auch ich habe meine Depots gesäu­bert. Für Ange­stellte gestaltet sich das deut­lich schwie­riger. Es besteht ein Abhän­gig­keits­ver­hältnis. Jeder weiß: Erst brechen die Kurse ein, dann kostet es Jobs, das wiederum wirkt sich bei 200.000 Arbeit­neh­mern gesamt­wirt­schaft­lich aus, ein Kreis­lauf. Wie aber kann so etwas über­haupt entstehen? Warum kann es Firmen geben, die krimi­nelle Struk­turen aufbauen können wie Volks­wagen? Eine kleine Rund­schau der aus meiner ganz persön­li­chen Sicht wich­tigsten 5 Entste­hungs-Faktoren.

1. Verharm­lo­sende Kommu­ni­ka­tion

Das Wort „Schum­meln“, das in Verbin­dung mit VW die Medien domi­niert, hat mich entsetzt. Ich konnte es nicht glauben und habe es deshalb bei Google News geprüft: 11.400 x Schum­meln + VW und nur 1 x Betrug + VW. Genau hier fängt das Übel an, bei der Kommu­ni­ka­tion. Schum­meln macht jeder und ist erlaubt. Betrug ist strafbar und eindeutig auf der krimi­nellen Seite. Wenn schon die Presse hier beschö­ni­gende Worte nutzt, was soll dann erst bei den Mitar­bei­tern ankommen? Wir schum­meln ja nur. Machen wir auch beim Mono­poly. Um klar zu machen, was erlaubt ist und was verboten, müssen eindeu­tige Begriffe fallen. Worte bewerten, sie neutra­li­sieren und verstärken. Sie geben eine Denk-Rich­­tung vor. Deshalb nimmt hier alles seinen Anfang, beim Wording. Unten Screen­shots meines Google-Expe­ri­­ments:

schummelvwbetrugvw

2. Grup­pen­psy­cho­logie und Groupt­hink

An Entschei­dungen wie der Entschei­dung, eine betrü­ge­ri­sche Soft­ware einzu­bauen, und das auch noch welt­weit, kann nicht nur einer betei­ligt gewesen sein. Viele mussten es gewusst haben, viele Teams, viele Gruppen, viele Führungs­kräfte. Und erst Recht der Chef. Aber wie man in der Familie viel­leicht über den alko­hol­kranken Onkel nur hinter verschlos­sener Tür spricht, so redet man in der Firma über bestimmte Dinge auch nicht offen. Groupt­hink ist die Ursache, hier ein Artikel über Chancen und Risiken der Team­ar­beit.

Die Zahl kriti­scher Personen ist außerdem immer kleiner als die der ange­passten. Erst recht gilt das bei bestehenden Abhän­gig­keits­ver­hält­nissen. Abhän­gig­keit macht stumm. Wahr­schein­lich gab es aber auch Kritiker, aber ebenso wahr­schein­lich wurden diese ausge­grenzt und/oder mundtot gemacht. Womög­lich haben sie eine „lohnt-sich-nicht-aufzubegehren“-Haltung entwi­ckelt. Hier möchte ich auf meinen acht Jahre alten Artikel für Whist­le­b­lower hinweisen. Auch Hinweise an kriti­sche Medien können den Stein ins Rollen bringen. Wobei zu vermuten ist, das all das passiert ist und bekannt war – allein es fehlte der Aufhänger für eine wirk­lich durch­schla­gende Nach­richt. Den hat nun die USA gelie­fert.

3. Top-Manager-Resis­­tenzen

Top-Manager sind macht- und selbst­be­wusste Persön­lich­keiten. Idea­listen finden keinen Weg ins Manage­ment eines Konzerns; sie werden maximal Unter­neh­mens­gründer. Es sind also immer Prag­ma­tiker und Prag­ma­tiker entscheiden danach, was den größten Vorteil bringt. Dabei über­schätzen sie, je geringer der Gegen­wind wird, desto öfter ihren Einfluss und ihre Intel­li­genz. So entwi­ckeln Top-Manager meist eine resis­tente Persön­lich­keits­struktur. Sie sind kompe­titiv, so dass ich mir vorstellen könnte, dass auch der Macht­kampf Piech/Winterkorn eine Rolle spielt. „Kosten­senken! Den US-Markt erobern! Jetzt zeige ich es dem alten Piech! (koste es, was es wolle).“ Denkbar.

Im Laufe der Zeit haben Top-Manager Anti­körper gegen Zweifler, Angriffe und Anschul­di­gungen entwi­ckelt. Sie beherr­schen zudem die Kunst, zwei Spra­chen zu spre­chen, die offi­zi­elle und die infor­melle. Die offi­zi­elle folgt den Compli­­ance-Rich­t­­li­­nien. Die infor­melle weiß sich abzu­si­chern, indem sie vermeidet, Beweis­do­ku­mente persön­lich zu unter­zeichnen oder eindeu­tige E‑Mails zu schreiben. „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts“, das ist gerade auch Winter­korns Stra­tegie. Ab in die Reihe zu Fifa-Chef Blatter.

4. Das Schweigen der Lämmer

Was kann ich schon bewirken? Das bringt mir nur Ärger ein. Das schadet meiner Karriere! Als Karrie­re­be­ra­terin kann ich sicher und mit einigen anonymen Beispielen im Kopf sagen, dass es eindeutig nicht karrie­re­för­der­lich ist, sich deut­lich und offen auf die Seite von Recht und Ordnung zu stellen, wenn alle anderen abschwä­chen und „durch­winken“. Letzt­end­lich muss aber jeder für sich selbst wissen, was wirk­lich zählt im Leben. Menschen mit idea­lis­ti­scher Moti­va­tion werden es weniger gut aushalten können, als solche die die Dinge für sich prag­ma­tisch inter­pre­tieren können. Inso­fern ist die eigene Motiv­struktur maßgeb­lich für das das, was ich als Persön­lich­keit als „geboten“ empfinde.

Aber jenseits dieser indi­vi­du­ellen Motive und hand­lungs­be­stim­menden Motiv­struktur gilt dennoch: Auch Prag­ma­tiker haben Themen, bei denen sie nicht mehr wegsehen können. Und dann ist es auch die gesell­schaft­liche Verant­wor­tung, das zu tun, was die größte Wirkung im posi­tiven Sinn hat.

Susan Cain zitiert in ihrem Werk über „Still“ die intro­ver­tierte Bürger­recht­lerin Rosa Parks, die sich 1955 weigert, ihren Platz im Bus für einen Weißen frei­zu­ma­chen. Dies kenn­zeich­nete unter anderem den Anfang der Bürger­rechts­be­we­gung. Bevor Rosa Parks das tat, hat sie sicher lange darüber nach­ge­dacht.

5. Die syste­mi­sche Selbst­er­hal­tung

Die Wirt­schaft ist ein geschlos­senes System. In ihr herrscht nach Luhmann der binäre Code Zahlung/keine Zahlung. Das könnte man auch einfa­cher ausdrü­cken: Geld regiert die Unter­nehmen (inso­fern wunderbar, wenn Sie alle VW-Aktien verkaufen, das löst den maxi­malen Druck aus, aber klar, die Entlas­sungen werden folgen und dann hat man einen Kreis­lauf…). Unter­nehmen lassen sich nicht frei­willig ins Hand­werk pfuschen. Nette Verein­ba­rungen und Good­will nutzen nichts. Es muss Kontrolle her. Und zwar von außen. Solche Kontroll­sys­teme müssen stark und mächtig sein, damit sie funk­tio­nieren. Da haben ein paar Leute wohl darauf gesetzt, dass sie die Kontrolle über die Kontroll­sys­teme in Deutsch­land und der EU behalten… Und die Rech­nung ohne den Wirt gemacht. Übri­gens mal ein posi­tives Beispiel für Effekte der Globa­li­sie­rung.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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10 Kommen­tare

  1. Heiko Stein 23. September 2015 at 13:34 — Reply

    Ja, Frau Hofert, so ist es. Ich habe genau den ange­spro­chenen ersten Punkt via Twitter heute so kommen­tiert:

    “Vorsatz”, “krimi­nelle Energie” und “Betrug” werden aus dem deut­schen Wort­schatz gestri­chen und ab sofort durch “Unge­reimt­heiten” ersetzt.

    Als würde eine solche Soft­ware rein zufällig entstehen und es nur durch Fahr­läs­sig­keit zu einer Täuschung von Staat und Verbrau­chern kommen …

    • evers 23. September 2015 at 14:36 — Reply

      Ja das stimmt. Und es gibt nichts zu beschö­nigen.
      Mir kommt aber noch ein anderer Gedanke,warum wird in dieser Form nur immer über Unter­nehmen und Manager geschrieben und gespro­chen? Und rich­ti­ger­weise Verant­wor­tung einge­for­dert.

      Leider passiert dies z.B. auf poli­ti­scher Ebene nicht. Beispiel Grie­chen­land. Den Zutritt zum Euro hat Grie­chen­land ( und sage jetzt bewusst Grie­chen­land, wie auch von VW gespro­chen wird) sich durch klaren Betrug erschli­chen. Ist dort jemand auch straf­recht­lich in die Verant­wor­tung gegangen oder genommen wurden? Wird heute über dieses Thema über­haupt noch gespro­chen?
      Ähnli­ches giilt für den Bran­den­burger Flug­hafen, die Elbphilar­monie etc., etc.
      Ich wünschte mir, dass hier genauso konse­quent und nach­haltig ver- und geur­teilt werden würde.

      • Svenja Hofert 23. September 2015 at 15:58 — Reply

        absolut. Grie­chen­land hatte ich auch im Kopf und mir schwingen noch die Worte eines deut­schen Archäo­logen im Kopf, der sagte, für die Grie­chen gibt es das Wort Steu­er­be­trug nicht. Das ist für die auch Schum­melei, Gesetz hin oder her. Also auch wieder: Kommu­ni­ka­tion. LG Svenja

      • Marie 25. September 2015 at 0:30 — Reply

        Diese satu­rierte Arro­ganz und unver­ant­wort­liche Fahr­läs­sig­keit ist erschüt­ternd.
        Verant­wor­tung?
        Der VW-Mitar­­beiter und die “kleinen Sparer” bezahlen die Fehl­ent­schei­dungen, beispiels­weise durch Jobver­lust aufgrund von Auftrags­ein­brü­chen bei VW.

        Viel­leicht ein erster Schritt bei Steuern:
        http://bit.ly/1izcV9l

  2. Dr. Bernd Slag­huis 23. September 2015 at 14:55 — Reply

    Hallo Svenja,
    deut­li­cher lässt es sich wohl nicht ausdrü­cken, was so in (vermut­lich) vielen deut­schen Groß­kon­zernen an der Spitze, aber auch im mitt­leren Manage­ment gemau­schelt wird und warum so viele bis runter zur Basis bei diesen Spiel­chen mitma­chen. Die Kombi­na­tion aus Groupt­hink und schwei­gende Lämmer ist beson­ders übel.
    Macht, Status­denken und Wett­be­werb zwischen riva­li­sie­renden Köpfen sind die weiter vorherr­schenden Antreiber und persön­li­chen Motive für unter­neh­me­ri­sches Handeln dort, und das vor allem in den altge­dienten Chef-Etagen. Ich bin gespannt, ob dieser Skandal etwas verän­dern wird, aber zumin­dest die VW-Aktie erholt sich heute schon wieder 😉
    Die ganze parallel statt­fin­dende Diskus­sion um Augen­höhe und Trans­pa­renz in der Führung erscheint in diesem Licht voll­kommen absurd und lächer­lich, denn davon sind solche Unter­nehmen meilen­weit entfernt.
    Liebe Grüße
    Bernd

    • Svenja Hofert 23. September 2015 at 15:57 — Reply

      Hallo Bernd, danke für den Kommentar. Ja, das passt nicht gut zur Augen­höhe und stellt gerade Mittel­ma­nager vor nahezu unlös­bare Aufgaben. Wie soll man Menschen mit Verve und Begeis­te­rung fördern und fordern, wenn der Arbeit­geber nicht nur gegen eigene Moral­vor­stel­lungen sondern auch gegen das Gesetz verstößt? Dieser Aspekt wird in der gesamten Manage­ment­li­te­ratur ausge­blendet. Gerade im kauf­män­ni­schen Bereich ist dies aber ein ganz zentrales Problem. Und auch im Marke­ting, siehe Nestle. LG Svenja

  3. Claus 23. September 2015 at 22:22 — Reply

    Liebe Frau Hofert!

    Danke für Ihren Beitrag 🙂

    Ich habe schon viel recher­chiert über diesen aufge­legten Betrug mit mehr als 11 Millionen Beweis­stü­cken — die Moti­va­tion für solch verwerf­li­ches Handeln inter­es­siert mich beson­ders und sollte weiter vertieft werden, um besser ange­pran­gert werden zu können.

    Die bisher beste ‘Zusam­men­fas­sung’ (schon vor mehr als 150 Jahren!) dazu habe ich bei einem gewissen Herrn Thomas Joseph Dunning gefunden, siehe unten; nebenbei bemerkt hat dessen Über­setzer ein wenig mehr Bekannt­heit erlangt 😉

    LG
    Claus

    “[Capital is said by this reviewer to fly turbu­lence and strife,
    and to be timid, which is very true; but this is very incom­ple­tely
    stating the ques­tion]. Capital eschews no profit, or very small
    profit, just as Nature was form­erly said to abhor a vacuum.
    With adequate profit, capital is very bold. A certain 10 per cent.
    will ensure its employ­ment anywhere; 20 per cent. certain will
    produce eager­ness; 50 per cent., posi­tive auda­city; 100 per cent.
    will make it ready to trample on all human laws; 300 per cent.,
    and there is not a crime at which it will scruple nor a risk it
    will not run, even to the chance of its owner being hanged.
    If turbu­lence and strife will bring a profit, it will freely
    encou­rage both. Smugg­ling and the slave trade have amply proved
    all that is here stated […]”

    - (T. J. Dunning, Trade´s Unions and Strikes:
    Their Philo­sophy and Inten­tion. London: The Author, 1860, 52 p.;
    quoted p. 36, lines 1–10)

    »Kapital«, sagt der Quar­terly Reviewer, »flieht Tumult und Streit
    und ist ängst­li­cher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die
    ganze Wahr­heit. Das Kapital hat einen Horror vor Abwe­sen­heit von
    Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere.
    Mit entspre­chendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher,
    und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft;
    50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle
    mensch­li­chen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es
    exis­tiert kein Verbre­chen, das es nicht riskiert, selbst auf
    Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird
    es sie beide encou­ra­gieren. Beweis: Schmuggel und Skla­ven­handel.«

    - (Über­set­zung Marx; in: Karl Marx, Das Kapital I;
    Marx-Engels-Werke 23, Berlin: Dietz Verlag [1962] 1967²,
    799, Anm. 250).

    Quelle: http://bit.ly/1KBQWpI

    * * *

  4. […] haben halt ein biss­chen geschum­melt…“ Svenja Hofert macht in ihrem enga­gierten Artikel sich und ihrem Ärger berech­tigt Luft, dass dieser Betrug als Schum­melei vernied­licht wird. […]

  5. […] habe ich über diese Worte nach­ge­dacht, die ich in Svenja Hoferts Karrie­re­blog […]

  6. […] Hofert macht in ihrem enga­gierten Artikel sich und ihrem Ärger berech­tigt Luft, dass dieser Betrug als Schum­melei vernied­licht wird. […]

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