Kate­go­rien

Nach dem Burnout ist vor der Sinn­suche: Das zweite Leben der unsi­cheren Leis­tungs­men­schen

Published On: 14. September 2016Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

What is real? How do you define real? Im Film “Die Matrix” hat der Held Neo die Wahl zwischen zwei Pillen. Nimmt er die blaue Pille bleibt die Welt ein von Robo­tern gestal­tetes Konstrukt, schluckt er die rote Pille, so wird er erkennen, dass nichts ist, wie es scheint: In Wahr­heit sind alle Menschen Teil einer großen Insze­nie­rung. Nun hatte Neo keinen Burnout, aber dieser kann wie eine rote Pille wirken und zu der Erkenntnis führen, dass man sich eine Welt konstru­iert hat, die ganz anders ist, als sie sich gibt. Manche verstehen plötz­lich, dass die Arbeits­welt auf Abhän­gig­keiten gründet, die sie mitge­stalten. Gerade unsi­chere Leis­tungs­men­schen, so genannte Inse­cure Overa­chiever, sehen dann, dass sie irgendwo auch will­fäh­rige Opfer in diesem System sind. Sie haben sich rein­ge­hangen, um Reso­nanz, Aner­ken­nung, viel­leicht sogar Liebe zu erhalten. „Mein Chef zollt mir keine Aner­ken­nung“, ist ein Zeugnis dieses vergeb­li­chen Stre­bens. Es ging darum, sein Selbst­bild aufrecht zu erhalten, denn gerade die unsi­cheren Leis­tungs­men­schen haben oft ein Defizit.  Sie haben keinen inneren Kern, keine feste, eigene Iden­tität, die in der Lage wäre sich abzu­grenzen. So ist es kein Wunder, dass Bezie­hungen in Unter­nehmen oft Fami­li­en­kon­stel­la­tionen spie­geln…

Therapie ist Entwick­lung

Thera­peu­ti­sche Arbeit ist immer Entwick­lungs­ar­beit. Unter anderem durch „Nach­beel­te­rung“ gleicht sie Defi­zite aus, durch die Erar­bei­tung neuer Denk­weisen fördert sie die eigene Iden­tität, durch Erlernen neuer Verhal­tens­weisen sorgt sie für Abgren­zung. Nach einem Armbruch geht das Leben weiter wie vorher, nach einem Burnout ist fast alles anders. Über das Leben nach dem Burnout hat Carola Klein­schmidt ihr wunder­bares Buch “Burnout und dann?” mit vielen Erfah­rungs­ge­schichten und Hinter­grund­in­for­ma­tionen geschrieben. Die Inse­cure Overa­chiever sind bei ihr Perfek­tio­nisten und Erfolgs­ge­trie­bene. Meiner Erfah­rung nach ist deren Motiv­struktur oft ähnlich: Sowohl Perfek­tio­nisten als auch Erfolgs­ge­trie­bene sind eher „Fremd­a­ner­ken­nungs­men­schen“, haben also ein unsi­cheres Selbst­bild. Unter­nehmen bevor­zugen diese Leis­tungs­men­schen. Viele davon inves­tieren auch aus Angst vor Fehlern oder nega­tiven Rück­mel­dungen lieber noch mehr in ihre Arbeit. Ihre Anpas­sungs­be­reit­schaft ist hoch. Kritik – oder die Kritik aner­kannter Bezugs­per­sonen — verun­si­chert. Mit dem unsi­cheren Leis­tungs­men­schen spielen viele Firmen bewusst und einige unbe­wusst. Und das System erhält sich selbst: Unsi­chere Leis­tungs­men­schen stellen zum Beispiel gern ihres­glei­chen ein, weil sie vor selbst­si­cheren Menschen – die viel eher Grenzen setzen und eben nicht alles mitma­chen — Angst haben.

Was aber passiert nach dem Burnout mit Ihnen? Der Burnout führt oft zu einem „Sinnes-Wandel“ im doppelten Sinn. Beruf­liche Neuori­en­tie­rungen und Jobwechsel sind eine häufige Folge.

Fehlender Sinn führt zu Jobwechsel: Wer das System durch­schaut, stellt es in Frage

Nach dem Burnout verstehen Leis­tungs­men­schen sich durch die thera­peu­ti­sche Beschäf­ti­gung mit sich selbst besser. Sie lernen zu sich zu finden, zum Beispiel einfach mal Spazieren zu gehen – ohne Ziel, ohne Absicht. Sie nehmen Verbin­dung mit ihrem Körper auf, entwi­ckeln Gesund­heits­be­wusst­sein und Selbst­für­sorge. Und merken dabei, dass ihnen jahre­lang der Sinn fehlte. Sie sind im „Auto­pi­loten“ geflogen, wie es im Acht­sam­keits­trai­ning heißt.

Viele lernen in dieser Zeit erst­mals so etwas wie Selbst­liebe, die nicht zu verwech­seln ist mit narziss­ti­scher Nabel­schau. Das alles führt zu neuen geis­tigen und körper­li­cher Erleb­nissen und sogar ganz­hei­t­­lich-inte­­gralen und spiri­tu­ellen Erfah­rungen – und nicht selten auch dazu, dass sie das System grund­sätz­lich in Frage stellen.

Rück­kehr in den alten Kontext wird für sie deshalb schwer. Eine beruf­liche Neuori­en­tie­rung in der Burnout-Nach­­phase ist somit typisch. Viele suchen dann nach mehr persön­li­cher Wert­stif­tung, einige nach mehr Frei­zeit, viele wollen beides. Das führt zu Konflikten, da unsere Arbeits­welt darauf nicht einge­stellt ist. Ich erin­nere mich an eine Führungs­kraft, die bewusst ihren Reisejob aufge­geben hat, um eine Tätig­keit mit weniger Ansehen, aber örtli­cher Stabi­lität anzu­nehmen. Das kam nicht gut an, sondern wurde immer wieder miss­trau­isch hinter­fragt. Sehr gut möglich, dass Burnout-Pati­enten in der Ich-Entwick­­lung eine Stufe weiter­kommen, was auto­ma­tisch auch neue Werte mit sich bringt – und die bishe­rigen Lebens­kon­zepte, also auch Berufe und Tätig­keiten funda­mental in Frage stellt. Wie der Burnout-Patient, der in der rela­ti­vie­renden Stufe plötz­lich ganz viele unter­schied­liche Perspek­tiven und Möglich­keiten sah. Dadurch war es ihm unmög­lich geworden, in seinen früheren Job als Anwalt zurück­zu­kehren, in dem dies gar nicht gefor­dert war. Nun war er darüber hinaus­ge­wachsen.

Manchmal kommt es auch vor, dass Menschen eine Art Charak­ter­maske abschüt­teln, die sie bisher durchs Leben getragen haben, die aber nicht ihrem Wesens­kern entsprach. So kommt es nach einem so einschnei­den­denden Erlebnis wir dem Burnout zu einer Demas­kie­rung und zu wirk­lich funda­mental anderem Verhalten – so, wenn der kühl-ratio­nale Manager plötz­lich zum sozialen Helfer wird.

Falsch verstan­dene Rück­sicht­nahme und Ängste

Nach dem Burnout ist der Mensch meist jedoch nicht grund­le­gend anders. Burnout korre­liert mit Persön­lich­keits­dis­po­si­tionen wie „Insta­bi­lität“ bzw. „Neuro­ti­zismus“ in den Big Five. Er ist auch typisch für Menschen mit hohem Aner­ken­nungs­streben. Diese und andere Merk­male bleiben stabil, sie werden nur neu inter­pre­tiert.

Wer sein Selbst­bild vor allem durch andere aufbaut, tut dies oft auch danach noch. Aber natür­lich gilt das auch für andere Leis­tungs­merk­male: Wer gewohnt ist, auf Hoch­touren zu fahren, wird nicht auf einmal langsam. Dies sei einer der Irrtümer vieler Führungs­kräfte, schreibt Klein­schmidt. Entweder sie plat­zieren ihre Ex-Burnout-Pati­enten auf weniger stres­sige Jobs und redu­zieren die Arbeit so stark, dass eine Unter­for­de­rung entsteht – oder/und sie verhalten sich über­trieben rück­sichts­voll. Natür­lich hat ein Chef auch eine Fürsor­ge­pflicht. Wie der Job nach dem Burnout gestaltet sein sollte, gilt es aber gemeinsam heraus­zu­finden. Wichtig ist hier die regel­mä­ßige Refle­xion.

Wer nach einem Burnout den Job wech­selt oder eine weniger „expo­nierte“ Stel­lung ange­nommen haben, ist auto­ma­tisch mit Fragen konfron­tiert.  Selbst im Assess­ment Center – von Psycho­logen durch­ge­führt, die eigent­lich einen anderen Blick haben sollten – ist das meiner Erfah­rung nach immer wieder Thema. Anstatt die Chancen zu sehen, die die Einstel­lung eines durch Burnout gereiften Menschen mit sich bringt, wird auf die Defi­zite eines solchen Kandi­daten geschaut. Bei einer Kundin, die so ein AC neulich erlebte, wurde die Moti­va­tion für einen internen Job akri­bisch hinter­fragt – Burnout-Verdacht. Aus der Vergan­gen­heit habe ich gelernt, dass Menschen, die offen mit ihrer Diagnose umgehen, Absagen riskieren. Wir sind noch nicht so weit, auf die Chancen zu blicken. So bleibt oft nur, Gründe zu nennen, die „kompa­tibel“ und irgendwie plau­sibel sind. Perso­naler haben die rote Pille ja noch nicht genommen…

burnout

 

Das Buch:

Carola Klein­schmidt hat nach ihrem Best­seller „Wenn der Job krank macht“ bei Kösel mit „Burnout und dann?“ ein gut leser­li­ches Sach­buch mit leben­digen Fall­bei­spielen geschrieben. Leser, die selbst Burnout hatten, werden sich wieder­erkennen und gute Tipps erhalten. Experten bekommen Hinter­grund­wissen und Anre­gungen. Nicht zuletzt lege ich dieses Buch aber auch allen nahe, die das Thema und damit auch ihre Mitar­beiter besser verstehen wollen – gerne auch prophy­lak­tisch also vor dem Burnout.

 

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

2 Kommen­tare

  1. Andrea 6. Juni 2020 at 12:16 — Reply

    Viel­leicht stimmt das in bezug auf viele Burniut Betrof­fene.
    Ich für mich erlebe: ange­stellte Voll­zeit­trai­nerin für Arbeits­su­chende, 36Wstd ohne Flexi­bi­kutärt. Als Allein­ste­gebde in Wien so knappen Verdienst, dass nur mehr eine kleine Whg machbar ist, kein Auto, keine Dienst­leis­tung wie mal eine Massage oder ein Ther­men­wo­chen­ende und das stän­dige Gefühl, es eigent­lich nicht mehr zu schaffen. Von weniger Stunden schon gar nicht.
    Das ist auch wirt­schaft­lich komplett anders als bei einer FK, die ja vorher gut verdient hat und Hinter­grund schaffen konnte.
    Es gibt bei uns 6Wo Burn­out­reha, aber das ist ein psych­ia­tri­sches Krank­heits­bild in einer Reha f psychisch Kranke. Wer will das schon.…

  2. Markus M 9. Oktober 2020 at 11:34 — Reply

    Sehr guter Bericht !! Ich könnte viel darüber schreiben — aus eigener lang­jäh­riger Erfah­rung. Liebe Grüße, Markus M aus Salz­burg, 49J

Leave A Comment