Kate­go­rien

Warum Ziele dir Chancen verbauen und 5 Gründe darauf zu verzichten

Published On: 1. März 2017Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Ein großer Teil der Coaching-Indus­­trie basiert auf einem uner­schüt­ter­li­chen Glauben an Ziele. Ziele sind wie Gott, man opfert sich auf, um sie zu errei­chen. Busi­ness Coaching ist auch Ziel­er­rei­chungs­coa­ching. Es gibt Karrie­re­ziele, Lebens­ziele, Erfolgs­ziele und allerlei Ziel­erlei mehr. Ziele sind ein Wirt­schafts­faktor: So lange es Ziele gibt, arbeiten alle still darauf hin. Man konzen­triert sich darauf, diese zu errei­chen. Und wer seine Aufmerk­sam­keit auf das eine richtet, sieht das andere nicht mehr. Das ist auch ein thera­peu­ti­sches Mittel: Die Aufmerk­sam­keit von etwas ablenken.

Ich gebe dem Coaching eine erheb­liche Mitschuld an dieser Ziel-Fokus­­sie­rung. Wenn mir noch mal einer mit SMART kommt, jage ich ihn vom Hof. Ich selbst habe oft Ziele erreicht, ohne welche zu haben. Ich bin keines­wegs ziel­frei, aber gerade in den letzten Jahren habe ich mich anstatt von Zielen immer mehr von Bedürf­nissen und Prin­zi­pien leiten lassen. Ich begegne oft Leuten, die Zweifel am Ziel­o­ri­en­­tie­rungs-Dogma haben. Die meisten trauen sich nicht darüber zu spre­chen. Sind sie als Coach oder Berater tätig, verheim­li­chen sie ihre Zweifel. Nicht nur einmal habe ich gehört „dir kann man es sagen, du bist das anders, aber in meinem Verband traue ich mich das nicht.“ Gerade deshalb ist es Zeit, einmal darüber zu spre­chen.

Ich bin mal frech und behaupte: Ziele sind nütz­lich für Leute, die einen in ein Korsett zwingen wollen. Wer sich auf seine Ziele konzen­triert, hat keine Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäf­tigen. Das ganze Ziel-Übel in der Coaching-Szene begann mit der Ziel­set­zungs­theorie, die Locke & Latham 1990 veröf­fent­lichten. Danach drang das „smarte“ Elend in der Trai­ner­szene und erfasste auch das Coaching. Ich will gar nicht sagen, dass Ziele per se schlecht sind – je klarer und eindeu­tiger auf das Ziel gerichtet unser Streben ist, desto eher errei­chen wir es. Lieber kein Plan B, sondern nur A – dann kommen wir an. Das ist nach­ge­wiesen. Aber ist es deshalb gut Pläne zu haben? Manchmal sicher, aber nicht immer.

Eine Frage wird bei dem ganzen Ziel­er­rei­chungs­streben vergessen: Verfolgen wir wirk­lich die rich­tigen Ziele? Verfolgen wir wirk­lich unsere Ziele? Wie viel von uns selbst steckt wirk­lich in unseren Zielen? Oder sind es viel­mehr oft nicht gesell­schaft­liche Erwar­tungen und der Wunsch nach Zuge­hö­rig­keit, die uns zu Zielen treiben?

Ich will meine Gedanken in 5 Punkten ordnen, die die „dunkle Seite“ der Ziel­ori­en­tie­rung viel­leicht auch dem ein oder anderen Ziel­über­zeugten deut­lich machen:

1. Wenn Du ein Ziel verfolgt, bist du nicht im Moment

Erin­nern Sie sich an Beppo Stra­ßen­kehrer aus Momo? „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst Du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur den nächsten.“

Ziele über­la­gern den Moment, sie können ihn sogar zerstören. Ziele sind zukunfts­ori­en­tiert. Wer an die Zukunft denkt, vernach­läs­sigt die Gegen­wart. Ziele gefährden das Inne­halten, das spüren, berühren, entde­cken und sich entwi­ckeln lassen. Die andere Seite des Ziels ist das Treiben lassen. Während sich das Ziel mit der Zukunft verbündet, ist das Trei­ben­lassen in der Gegen­wart. Im beruf­li­chen Kontext fördert Trei­ben­lassen das Entde­cken, Erkunden, Expe­ri­men­tieren, das sich einlassen auf andere.

Ich muss hier an ein Zitat von Hein­rich von Förster denke, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: „Wahr­heit ist die Erfin­dung eines Lügners“. Ziele werden oft als Wahr­heit ausge­geben. Wer jedoch dialek­tisch denkt, kann etwas nie ohne sein Gegen­teil verstehen.

2. Während du ein Ziel verfolgst, verpasst du Chancen

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen schönen Plan, auf den Sie sich voll und ganz konzen­trieren. Sie denken Tag und Nacht daran, ihre Gedanken sind fokus­siert. Doch was passiert um sie herum? Ziele können wie eine Gehirn­wä­sche sein, sie gaukeln Klar­heit vor. Sie merken immer weniger. Je mehr sie ihrem tollen Karrie­re­ziel, ihrem Lebens­traum oder der Beru­fung hinter­her­laufen, desto weniger sehen Sie Möglich­keiten, die es sonst noch gäbe.

Menschen haben Angst vor Möglich­keiten. Möglich­keiten verlangen Entschei­dungen. Je mehr Möglich­keiten, desto mehr muss man in sich selbst hinein­hor­chen, bei sich ankommen, sich spüren. Das wollen viele nicht, das können viele nicht. Sie suchen nach Lösungen, möglichst einfach sollen sie sein. Möglichst vom Denken und sich-selbst-spüren befreien. Dabei ist gerade das der Schlüssel zur Zufrie­den­heit, das sich-selbst-spüren. Nur gibt es für den Weg dahin kein Rezept.

Wer auf Ziele verzichten kann, muss sich frei gemacht haben von den Erwar­tungen anderer und muss ange­kommen sein bei sich selbst. Er muss seine Bedürf­nisse spüren können, denn nur aus ihnen heraus können Rich­tungen entstehen. Rich­tungen sind oft viel inter­es­santer als Ziele, weil sie ihre Voraus­set­zung sind. Man könnte sogar soweit gehen zu sagen: Erst aus der inneren Rich­tung ergibt sich ein Ziel. Die rechte Hand der Rich­tung ist das Prinzip. Prin­zi­pien können einen auf eine viel gesün­dere Weise leiten als Ziele, vor allem wenn es über­ge­ord­nete Lebens­prin­zi­pien sind wie „ich schaue mir alles Neue offen an“.

3. Wenn du dein Ziel krampf­haft verfolgst, wirst du krank

Seitdem ich mit der Ich-Entwick­­lung arbeite, gehen mir immer mehr Lichter auf. Vor allem Menschen in der eigen­be­stimmten Stufe E6 sind „Ziel­men­schen“. Sie wollen etwas eigenes errei­chen, sei es Beru­fung oder Karrie­re­ziel. Sie fühlen sich auch selbst verant­wort­lich dafür, weil sie es als ihre Ziele ansehen. Das führt oft zu starkem Druck, der sich nicht selten sogar körper­lich auswirkt. Hier zu fragen „verfolgst du über­haupt die rich­tigen Ziele“? kann sehr erleich­tern. Die Lösung kann darin liegen, Ziele loszu­lassen, die Ziel­ori­en­tie­rung aufzu­lösen und sei es nur vorüber­ge­hend, um sich zu finden. Jedes Gewicht braucht ein Gegen­ge­wicht.

4. Ziele können dir die Sinne verne­beln

Ja, das ist sicher eine steile These. Aber wenn ich mir ansehe wie eindi­men­sional und stupide Ziel­ori­en­tie­rung oft gelebt wird, beschleicht mich der Verdacht. Mit simplen Moti­va­ti­ons­pa­rolen à la „du musst nur wollen“ werden Leute auf ihre eigenen Ziele ange­setzt. Anstatt sich mal damit zu beschäf­tigen, warum man seine Ziele nicht anpackt? Dann müsste man tiefer tauchen und käme vermut­lich bald an bei einem ganz entschei­denden Punkt: Die Ziele sind nicht wirk­lich die eigenen, sondern es sind intro­ji­zierte Ziele. Sie kommen aus alten Glau­bens­sätzen oder neuem Dazu­ge­hö­rig­keits­streben, aber nicht aus mir selbst. Denn, davon bin ich fest über­zeugt: Würden sie aus dem tiefen Innern kommen, so würde man sie verfolgen!  Diese ganze Ziel- geht meiner Meinung nach einher mit einer viel zu skla­vi­schen Lösungs­ori­en­tie­rung. Man soll möglichst nicht über sich nach­denken, sondern einfach machen. Aber wer nicht mit sich im Reinen ist und nach dem einen einfach das nächste Ziel sucht, verdeckt letzt­end­lich nur – und verschiebt die Ausein­an­der­set­zung mit sich selbst.

5. Ziele machen dich unauf­merksam

Ziele können der Mensch­lich­keit im Wege stehen, vor allem wenn sie den Kopf für alles andere leeren und alle Sinne in Beschlag nehmen. Das Ziel im Kopf rannte ich los. Ich übersah den Roll­stuhl­fahrer, der meine Hilfe beim Über­gang auf den Bahn­steig gebraucht hätte, ich schlug der älteren Dame die Tür vor der Nase zu und ich habe wert­volle Gespräche abge­bro­chen, weil ich noch etwas vermeint­lich Wich­tiges zu tun habe. Etwas, das meinem Ziel dient. Das tut mir leid, es hat mir Möglich­keiten genommen.

Damit wären wir im Grunde wieder bei Punkt eins und zwei. Ziele nehmen uns den Moment, die Acht­sam­keit (1). Und Ziele verbauen uns Möglich­keiten. Wenn alles im Gleich­ge­wicht sein soll, so ist es das Gleich­ge­wicht zwischen Ziel und Trei­ben­lassen, Zukunft und Gegen­wart, engem und breiten Aufmer­k­­sam­keits-Fokus und aus der Balance geraten. Viel­leicht gar nicht so sehr in unserem Handeln, aber in unserem Denken.

Was meinen Sie? Ist es Zeit für das Ende der Ziel­ori­en­tie­rung?

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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23 Kommen­tare

  1. Bianca Bender 1. März 2017 at 14:41 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    Sie spre­chen / schreiben mir aus der Seele!
    Gerade gestern habe ich genau nach diesem Thema recher­chiert, weil ich fest­ge­stellt habe, dass ich gerade gar keine Ziele mehr habe. Das hat mich erstmal ratlos, fast schon ängst­lich, gemacht, weil ich bisher immer einen Plan hatte. Muss man denn über­haupt Ziele haben, habe ich mich dann gefragt? Mich haben meine Ziele in den letzten Jahren komplett unter Druck gesetzt! Jegliche Leich­tig­keit ist flöten gegangen, nichts hat mehr Spaß gemacht, ich war selten im Moment, sondern immer irgendwo in der Zukunft (die wiederum fast nie so kommt, wie man es geplant hatte, weswegen man immer frustrierter/deprimierter wird). Ich muss, ich muss, ich muss, war jahre­lang mein eigenes Credo.….…. Pffff — ich muss gar nichts!
    Aller­höchs­tens entschließe ich mich dazu, ein Auge offen zu halten, um evtl. vorbei­kom­mende Chancen zu erkennen 😉 Weniger planen, mehr leben!

  2. Chris­toph Burger 1. März 2017 at 16:42 — Reply

    Liebe Svenja,
    ich bin gespannt, welche Rück­mel­dungen zu bekommst. Auf meinen Post “Sind Ziele unnütz?” im Xing-Coaching-Forum kamen damals ziem­lich verständ­nis­lose Reak­tionen von Coach-Kollegen …
    http://bit.ly/2lz7wkY

    Viele Grüße, cb

    • Svenja Hofert 2. März 2017 at 13:56 — Reply

      Hi Chris­toph, danke! Bisher halten sich die verständ­nis­losen Reak­tionen in Grenzen, aber wer hier mitliest ist mir in der Regel wohl gesonnen, in einem Forum wäre das wohl anders 😉 Dann gingen deine Gedanken ja schon 2011 in die gleiche Rich­tung. Da hatte ich mein Slow-Grow-Prinzip in Arbeit, das war noch ziem­lich rela­ti­vie­rend, aber auch schon auf Abstand von der Ziel­be­we­gung. Inter­es­sant das im Nach­hinein zu betrachten. LG Svenja

  3. Lisa Keiler 2. März 2017 at 8:07 — Reply

    Vielen Dank, Frau Hofert, für diesen Artikel. Ihre Beiträge sind wirk­lich ein Gewinn!

  4. K. Ghaf­fari 2. März 2017 at 8:12 — Reply

    My two cents: Es gibt 3 “Ziele”, die stets *gleich­zeitig* exis­tieren: 1) Resul­tate erzielen. Dafür erhöht man die Chance indem man u.a. ziel­ori­en­tiert ist und plan­mäßig vorgeht. 2) Bezie­hungen gestalten. Dito u.a. mit sich im Hier und Jetzt einlassen und Bedürf­nis­ori­en­tie­rung. 3) Erkennt­nisse gewinnen. Dito u.a. mit gelassen, fragend, ziellos sein.

    Der Dienst­leister (also auch Coach) sollte eigent­lich dazu beitragen, dass der Kunde zu seiner *Lösung* kommt. Die Lösung des aktu­ellen Themas ist nicht selten unter 2) oder 3) zu finden. Die Tatsache dass die auf immer höher und immer weiter geprägte Welt primär 1) auf dem Radar­schirm hat, sorgt dafür, dass die Lösung primär unter 1) vermutet wird.

    • Svenja Hofert 2. März 2017 at 14:09 — Reply

      Hallo Herr Ghaf­frari, da gehe ich nicht mit, vor allem nicht in Bezug auf Gleich­zei­tig­keit. Zu cent 2: Man muss die Entwick­lungs­phase des Klienten berück­sich­tigen. Da sind viele — ca. 55% — nicht in einer voll ausge­bil­deten eigen­be­stimmten Stufe ange­kommen, d.h. streng­ge­nommen liegen Lösungen, auch wenn sie gefunden werden, nicht in einem selbst. Viele Coaching-Lösungen entstehen in der gewohnten Denk- und Hand­lungs­logik — die aber reicht oft nicht um Heraus­for­de­rungen zu bewäl­tigen, schon gar nicht in Führung. Deshalb gerät die Lösungs­ori­en­tie­rung z.B. à la de Shazer an Grenzen. Auch in der Therapie ist man mitt­ler­weile soweit, die Gleich­wer­tig­keit verschie­dener Ansätze zu sehen (z.B. zude­ckend und aufde­ckend) — nur im Coaching ist man oft einseitig lösungs-/ziel­­fo­­kus­­siert. Überall gibt es Diver­si­fi­zie­rung, in der Medizin etwa auf den Genotyp. Nur im Coaching meint man mit demselben Hammer alle Nägel einschlagen zu können.

      • K. Ghaf­fari 2. März 2017 at 16:37 — Reply

        Ich glaube wir reden vom glei­chen Thema, aber noch nicht sprach­lich synchro­ni­siert. Viel­leicht auch nicht. 🙂 Ich setze neu an:

        Gleich­zeitig bedeutet, dass der Mensch, der im jewei­ligen Umfeld agiert, Erkennt­nisse hat, die immer wieder durch Inter­ak­tionen oder Umstände oder Bezie­hungen heraus­ge­for­dert werden, und daher ggfs. durch neue Erkennt­nisse ersetzt werden.

        Die Inter­ak­tionen zwischen Menschen beein­flussen die Bezie­hungs­ge­stal­tung zwischen diesen Menschen. Verän­dert sich die Haltung oder Hand­lung einer der Personen, verän­dern sich ggfs. die Bezie­hungen. Verän­dern sich Ziele, braucht man ggfs. neue Bezie­hungs­mo­da­li­täten.

        Ein Unter­nehmen als eine Gemein­schaft verfolgt Ziele und möchte Resul­tate erzielen. Das Indi­vi­duum hat eigene Ziele. Diese beein­flussen sich gegen­seitig, werden wiederum durch neue Erkennt­nisse oder neue Bezie­hungs­mo­da­li­täten eben­falls beein­flusst.

        Die Lösung (zumin­dest aus meiner Sicht) ist es, die Gründe der aktu­ellen Blockade zu suchen und der Gemein­schaft zu helfen, zu erkennen wo und wie die Gemein­schaft und das Indi­vi­duum anderes “denken”, “fühlen”, oder “handeln” könnten. Iterativ.

        Deswegen mache auch ich am Anfang keine Smart-Ziele. Weder im Coaching noch im Projekt­ma­nage­ment. *) Denn dadurch treffe ich bereits eine Vorent­schei­dung, die ggfs. nicht lösungs­dien­lich ist.

        *) Viel­leicht sollte ich dazu erwähnen, dass ich von der Tren­nung zwischen Coaching, Trai­ning oder Bera­tung wenig halte. Das läuft nämlich unwei­ger­lich in Rich­tung von Tool-Anwen­­dung. Ich glaube viel­mehr, dass es die Coach‑, Berater- und Trainer-*Haltung* gibt, die situativ zum Einsatz kommen sollten.

  5. Chris­tian Hennig 3. März 2017 at 8:02 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    ich denke, es sollte davon abhängig gemacht werden, ob die betref­fende Person prin­zi­piell in der Lage ist, sich Ziele setzen zu können bzw. das Prinzip dahinter kennt / verstanden hat. Um dann bewusst davon auch abwei­chen zu können.

    Meine Coaching-Ziel­­gruppe sind Lang­zeit­ar­beits­lose. Bei ihr stelle ich immer wieder fest, dass die Faktoren Ziel­lo­sig­keit, Plan­lo­sig­keit und Antriebs­lo­sig­keit eine sich gegen­seitig beein­flus­sende „unhei­lige Allianz“ bilden, die die Wieder­auf­nahme von Arbeit erfolg­reich blockieren.

    Für meine Ziel­gruppe, so stellt es sich in der tägli­chen Coaching-Praxis meiner Kollegen und mir immer wieder dar, ist z.B. das Prinzip der SMARTEN Ziele — in Kombi­na­tion mit anderen Instru­menten des Zeit- und Selbst­ma­nage­ments — ein probates Hilfs­mittel unter mehreren, um die Rele­vanz einer gene­rellen Ziel­set­zung sowie ihrer Kontrolle und Reali­sier­bar­keit bewusst zu machen. Wir spre­chen von Menschen, die sich prin­zi­piell damit schwertun, ihr Projekt „Wieder­auf­nahme von Arbeit“ ziel-gerichtet und/oder ziel-führend zu entwi­ckeln und zu verfolgen.

    Nichts­des­to­trotz sind die von ihnen beschrie­benen 5 Thesen der „dunklen Seite“ der Ziel­ori­en­tie­rung ein inter­es­santer kontro­verser Blick­winkel auf die Ziele-Thematik, um auch mal den eigenen Umgang mit den ganz persön­li­chen Vorhaben bzw. Ziel­set­zungen zu hinter­fragen, danke dafür!

    • Svenja Hofert 5. März 2017 at 16:08 — Reply

      Hallo Herr Hennig, danke für Ihren Beitrag. Völlig richtig, man muss sehen, mit welcher Ziel­gruppe man es zu tun hat — und inwie­weit dieses fähig ist, sich selbst Ziele zu setzen oder auch ohne Ziel­set­zung weiter­zu­kommen. Ich bin absolut bei Ihnen dass bei dieser Ziel­gruppe Ziel­ori­en­tie­rung wichtig ist und smart hier durchaus eine Berech­ti­gung hat. Im Grunde muss man sich erst einmal die Reife der Menschen anschauen, könnte man auch als innere Klar­heit bezeichnen. Je größer diese ist, desto weniger wichtig sind Ziele. herz­liche Grüße Svenja Hofert

    • Chris­toph Burger 6. März 2017 at 18:23 — Reply

      Der Haupt­grund, wieso Menschen lang­zeit­ar­beitslos sind, dürfte in unserem Wirt­schafts­system liegen. Unser System produ­ziert Arbeits­lose. Dass es sie gibt ist eine der Deter­mi­nanten dieses Systems. (Wenn es nicht jene trifft, trifft es andere) Wir sollten uns hüten, diese Schick­sale (allein oder haupt­säch­lich) den betrof­fenen Personen in die Schuhe zu schieben. Und in das Fahr­wasser hinein­ge­raten, “für diese spezi­elle Ziel­gruppe passen smarte Ziele”.

      Viel­leicht entscheidet sich der eine oder die andere sogar dafür, ange­sichts von Alter­na­tiven wie Nied­­ri­g­­lohn-Zeit­ar­­beit lieber arbeitslos zu bleiben? Wer defi­niert, dass dies nicht legitim ist? (womit nichts dagegen gesagt sein soll, poli­tisch dagegen zu steuern, dass sich so eine Argu­men­ta­tion auch noch finan­ziell quasi lohnt. Steue­rung z.B. per höherem Mindest­lohn / Grund­ein­kommen etc.).

      Schon gar nicht würde ich davon ausgehen, dass Lang­zeit­ar­beits­lose “weniger reif” sind und deshalb smarte Ziele brau­chen.

  6. Maria Ehren­berg 3. März 2017 at 10:17 — Reply

    Liebe Svenja, das musste defi­nitiv mal gesagt werden! Das blinde Hinter­her­he­cheln nach Zielen um der Ziele ist über­flüssig. So oft geht es nur darum, Ziele zu errei­chen, um sich selbst an einen unhin­ter­fragten, äußeren Maßstab “heran­zu­op­ti­mieren”.

    Häufig glauben wir ja, wenn wir dann mal Ziel XY erreicht haben, dann können wir uns selbst auf bestimmte Art und Weise sehen und fühlen (wichtig, erfolg­reich, selbst­be­wusst, aner­kannt…).

    Es kann auch durchaus beflü­gelnd sein, etwas zu errei­chen — keine Frage. Doch wieviel erfül­lender ist ein von innen her gelebtes Leben, bei dem ich meinen Wert nicht von äußeren Resul­taten abhängig mache. Und da sind wir wieder bei der eigenen Entwick­lung und Ausein­an­der­set­zung mit sich selbst…

  7. Mathias Collin 4. März 2017 at 15:45 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    ich halte Ziele für wichtig.Wüssten wir sonst, in welche Rich­tung wir uns auf den Weg machen sollten? In meinen Augen ist es aller­dings falsch, ein Projekt/Vorhaben allein an der Ziel­er­rei­chung zu messen. Denn: Lernen tun wir auf dem Weg. Das setzt aber voraus — und da bin ich ganz bei Ihnen -, dass man nicht nur auf das Ziel fixiert ist, sondern aufmerksam und achtsam voran­geht und die sich bietenden Chancen wahr­nimmt. Meiner Ansicht nach sollte die Prio­rität bei der Bewer­tung nicht auf dem Haken (“Ziel erreicht”) liegen, sondern auf dem Erkennt­nis­ge­winn. In diesem Sinne wäre tatsäch­lich der Weg das Ziel.
    Beste Grüße
    M. Collin

  8. Uli Beck 4. März 2017 at 15:50 — Reply

    Danke für den Text. Er regt klar zum reflek­tieren an. Für mich sind Ziele weiterhin wichtig. Ich sehe sie jedoch nicht dogma­tisch. Der jewei­lige Moment kommt selten zu kurz, denn wir leben nur im Jetzt und können auch nur jetzt unsere jewei­lige Haltung ändern.
    Acht­sam­keit für den Moment ist ein wich­tiger Treiber um seine werte­ba­sierten Entschei­dungen zu treffen.
    Völlig ziellos trei­ben­lassen vergleiche ich gerne mit einem Holz­stück im Rhein. Dieses hat nie eine Chance Basel zu errei­chen, wenn es bei Köln in den Fluss fällt.
    Deswegen bin ich für flexible agile Ziele — die den gege­benen Momenten ange­passt werden.
    Herz­liche Grüße
    Uli Beck

  9. Doris Katzen­stein 4. März 2017 at 16:57 — Reply

    Sehr geehrte Frau Hofer
    Ihr Artikel ist eindrück­lich. Ein Ziel zu haben ist wichtig. Die Frage stellt sich für mich aber, wie krampf­haft man dieses Ziel verfolgt. Wer dies unter Druck tut, dem geht es genauso, wie Sie es beschreiben. Wer aber schon früh gelernt hat, selb­ständig zu denken, der sieht viel­leicht dann sehr schnell, dass das ange­sprebte Ziel zu hoch und nur mit viel Neben­er­schei­nungen erreicht werden kann. Also setze ich mir lieber ein neues Ziel und schaue, ob dies mit Anstren­gung aber nicht mit Gesundheits‑, Persön­­lich­keits- oder Fami­liä­ren­pro­blemen erreicht werden kann. Unsere Gesell­schaft ist leider nur zu Nega­tivem mutiert und die Mensch­lich­keit wird sowieso vergessen. Zufrie­den­heit im Herzen können wir uns nur selbst schaffen und das hat damit zu tun, dass wir wissen wer wir sind. Trotzdem dass ich keinen Job mehr bekomme, obwohl ich gut quali­fi­ziert bin (Ü50) war und bin ich weiterhin zufrieden mit meinem Leben. Es wird sich schon wieder eine Tür auf tun, doch das braucht halt eben Geduld und bekannt­lich ist Geduld eine Tugend. Im Gegen­satz zu vielen Menschen, lasse ich mich nicht von Aussen beein­flussen, denn es gibt auch viele Menschen, die mich mögen, weil ich ebenso bin wie ich bin. In meinem Alter sehe ich nicht ein, warum ich mich noch ändern sollte, damit ich mit einem Strom fliesse, der mit Mensch­lich­keit oder Persön­lich­keit nichts mehr zu tun hat. Und eigent­lich sagen Sie dies genau mit Ihrem Artikel. Wenn mehr Menschen wieder Anstand, Akzep­tanz und Respekt hätten, ginge es uns auf der ganzen Welt besser.

  10. […] Ein großer Teil der Coaching-Indus­­trie basiert auf einem uner­schüt­ter­li­chen Glauben an Ziele. Ziele sind wie Gott, man opfert sich auf, um sie zu errei­chen. Ich selbst habe oft Ziele erreicht, ohne welche zu haben. Ich bin keines­wegs ziel­frei, aber gerade in den letzten Jahren habe ich mich anstatt von Zielen immer mehr von Bedürf­nissen und Prin­zi­pien leiten lassen.  […]

  11. Lars Hahn 6. März 2017 at 15:00 — Reply

    Einspruch, liebe Svenja!
    Wenn Du das “Für Dich rich­tige Ziel” defi­nierst, kann das zu einem großen Moti­vator werden. Die Kunst liegt im rich­tigen Ziel und in der anschlie­ßenden Umset­zung. Ich hatte darüber mal vor einiger Zeit geschrieben: http://bit.ly/2mw2kC3

    Ziele sind wie die Möhre vor der Nase des Pferdes. Sie treiben einen an.

    Die Kunst liegt aus meiner Sicht darin, die Waage zu halten zwischen stupider Ziel­ver­fol­gung und krea­tivem Loslassen.

    Am besten erreicht man doch ein Ziel, wenn man die Umwege wert­schätzt, die man bei der Errei­chung geht. Und wenn’s mit dem ursprüng­li­chen Ziel nicht klappt, macht man halt ein neues draus.

    • Svenja Hofert 6. März 2017 at 15:19 — Reply

      Einspruch, lieber Lars. Ziel­ori­en­tie­rung ist ein mögli­ches Konzept, aber nicht das alle und immer selig­ma­chende. Wir sollten aufhören daran zu glauben, dass es Dinge gibt, die für jeden und immer passen. Und wer sagt, dass es die Möhre braucht oder auch über­haupt nur — Antrieb von-zu? Frag mal den Dalai Lama, ob er Ziele hat. Er hat Prin­zi­pien. Das ist ein entschei­dender Unter­schied. lG Svenja

  12. Laura 14. März 2017 at 11:47 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    DANKE für diese Gedanken!!! Ich habe mich schon immer “schlecht” gefühlt, weil ich die Frage nach meinen Zielen nie richtig beant­worten konnte, ich fand es absurd mir irgend welche konstru­ierten Ziele zu stecken, frei nach dem Motto “der Mensch denkt, Gott lenkt”. Alles in mir weigerte sich. Die Frage in Vorstel­lungs­ge­sprä­chen “wo wollen Sie in 5 Jahren sein” hat mir immer schon Bauch­schmerzen gemacht weil ich es schlicht nicht wusste.
    Mir geht das schon seit Jahren auf die Nerven, aber bisher habe ich nirgendwo etwas dazu gelesen. Also DANKE dass Sie diese Gedaken in die Welt hinaus­tragen.

  13. Hedy Gerstu 27. März 2017 at 19:57 — Reply

    Liebe Frau Hofert,

    danke für die inspi­rie­renden Gedanken. Nehme ich gerne mit, vor allem beim Treiben, dem Hier und im Jetzt sein.
    Span­nend mich selbst immer wieder der Frage zu stellen. Danke, für die Idee!!!
    Die Frage ist ja auch, kann ich von meinem Ziel ablassen um im
    Moment sein zu können, und was nehme ich um mich herum war.
    Ande­rer­seits gilt ebenso:
    “Wer nicht weiß, wohin er will, darf sich nicht wundern, wenn er wo anders ankommt”! M. Twain!!!
    Eben auch eine Sicht. Und für mich waren Ziele immer wieder wichtig…und ebenso konnte ich sie auch wieder loslassen.
    Für ein sich treiben lassen…

  14. Andrea 15. Mai 2017 at 19:18 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    durch Zufall bin ich gerade auf dieser Seite gelandet und das ist ein Thema was mich im Moment sehr beschäf­tigt. Und ich finde Ihre Aussagen doch auch sehr richtig.

    Ich habe Ziele gehabt — jeden­falls habe ich mir das einge­bildet (übri­gens auch zum großen Teil durch Coaching etc. erar­beitet !!) — und habe auch sehr darauf hin gear­beitet, nur um am Schluss fest­stellen zu müssen, dass diese Ziele wohl nicht so ganz die Rich­tigen (für mich) gewesen sind.

    Ich glaube, wirk­liche Ziele setzt man sich nicht. Sie entstehen aus dem Herzen heraus ohne sie wirk­lich konkret formu­lieren zu müssen. Und ich glaube (und weiß es auch von mir von früher), dass der Maßstab für die rich­tige Rich­tung, in die man geht, der ist, dass einen absolut nichts von diesem Weg abbringen kann, man keine Zweifel hat und einem völlig egal ist was das eigene Umfeld davon hält (ohne dabei über Leichen gehen zu müssen!). Es sind Gefühl und Instinkt, die einen in die rich­tige Rich­tung leiten und dann ist man auch offen für das, was in seinem Umfeld passiert und kann Möglich­keiten wahr­nehmen, die sich einem bieten.

    Leider habe ich wohl durch das Erlebte das Vertrauen in mein Herz­ge­fühl verloren und die Ziele, die ich versuche für mich zu defi­nieren, funk­tio­nieren einfach nicht. Ohne zumin­dest eine Rich­tung zu spüren, in die sein Leben gehen sollte, ist der Alltag ziem­lich schwierig finde ich. Konkrete Ziele brauch man viel­leicht nicht, aber eine Rich­tung schon — schon, damit das eigene Leben einen Sinn hat.

    Liebe Grüße
    Andrea

  15. Katrin Ohlhoff 10. Juni 2017 at 21:03 — Reply

    Ich stimme Ihnen voll zu! Ziele verfolgen war noch nie mein Ding und ich habe mich lange falsch oder erfolglos oder eben nicht genug unter­neh­me­risch gefühlt. Jedem das seine. Wer sich als Ziel­ver­folger wohl fühlt, soll weiter machen. Ich möchte meinen Lebensweg lieber genießen :-). Macht mehr Spaß und weniger Stress. Die Dinge sich entwi­ckeln lassen — wäre also ein weib­liche Alter­na­tive.

  16. […] einer Weile las ich einen Blog­bei­trag von Svenja Hofert über Ziel­ori­en­tie­rung im Coaching, der mich zum Nach­denken über meine Erfah­rung in den letzten 4 Jahren Karrie­re­be­ra­tung und […]

  17. Frede­rike 21. Juni 2023 at 5:21 — Reply

    Eigent­lich muss man nur wissen wohin man will, aber wie man da hin kommt, kann man ja offen lassen. Ich wollte neulich zu einem bestimmten Ort bei uns im Wald, aber eigent­lich war es mir auch egal, wäre ich da nicht ange­kommen, weil der Wald gefällt mir ja sowieso. Ich bin einfach der Nase nach durch den Wald völlig planlos, nur die Wege, die mir gefallen haben. Und ich bin ohne Witz genau dort ange­kommen wo ich hin wollte. Das war magisch und ist für mich súper meta­pho­risch

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