Kate­go­rien

Noise: Nüch­terne Entschei­dungen im Voll­rausch der Gefühle

Published On: 5. Juni 2021Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Sie fragen sich, wie es sein kann, dass hoch­do­tierte und deko­rierte Experten den Pande­mie­ver­lauf in ihren Simu­la­tionen nicht annä­hernd richtig vorher­sagten? Sie wundern sich, warum intel­li­gente Menschen mit ihren Einschät­zungen so oft daneben liegen? Wieso Gruppen zu ganz unter­schied­li­chen Entschei­dungen kommen.

Die Streuung der Experten

Es ist so wie auf dem Beitrags­foto. Jeder hält seine Schät­zung hoch, doch diese unter­scheiden sich erheb­lich.

Überall klaffen Lücken zwischen fach­li­chen, gar wissen­schaft­li­chen Einschät­zungen, ob im Bereich Politik, Gesund­heit, Recht, Statistik und natür­lich auch bei der Perso­nal­aus­wahl. „Noise“ hilft  zu verstehen, wie das passieren kann. Und wie wir damit umgehen könnten. Die Botschaft dürfte einigen nicht gefallen. Sie lautet: Die bishe­rige Art und Weise wie wir Menschen, etwa in Meetings Entschei­dungen treffen oder wie Experten zu Urteilen kommen, ist fehler­an­fällig.

Warum das so ist? Das Phänomen “Noise” erklärt es. „Noise“ ist die zufäl­lige Streuung von mensch­li­chen Urteilen. Der Mensch mit seiner Schät­zung schneidet dabei regel­mäßig schlechter als eine schlichte statis­ti­sche lineare Regres­si­ons­ana­lyse, also eine Methode bei der man verschie­dene Varia­blen mitein­ander verbindet — Varia­blen, die das mensch­liche Hirn sonst eben nicht verbinden würde, weil es damit über­lastet wäre.

Oder sind Sie etwa immer noch über­zeugt, mit Ihrer Einschät­zung zu der Bewer­berin richtig zu liegen, die sich letzte Woche in Ihrer Abtei­lung vorge­stellt hat? Selbst wenn Sie sich nicht auf Fotos, sondern scheinbar objek­tive Fakten beziehen: Die Statistik wird Ihnen selbst dann über­legen sein, wenn sie studierter Psycho­loge sind. Selbst ein Doktor­titel ändert nichts. Eher im Gegen­teil. Statt­dessen sollten Menschen den Computer mit möglichst gutem Daten füttern… sich also mehr damit beschäf­tigen, wie man diese erheben kann als mit der Auswer­tung.

Verrauschte Urteils­bil­dung

“Die Urteils­bil­dung ist so stark verrauscht, dass ein von Noise freies Modell eines Urtei­lenden genauere Vorher­sagen macht als der Urtei­lende selbst”, schreibt Daniel Kahne­mann, Autor das Buches “Noise” und als Psycho­loge der erste und bisher einzige Wirt­schafts­no­bel­preis­träger. Was etwas heißt.

Kahne­mann baute seine Forschungen u.a. auf Paul E. Meehl auf, der in den 1950er Jahren eben jenen Vorteil der linearen Regres­sion gegen­über dem mensch­li­chen Urteil unter­suchte und nach­wies. Wie alle, die den “Homo Oeco­no­micus”, den ratio­nalen Verstan­des­men­schen, in Frage stellen, war Meehl nicht sonder­lich beliebt mit seiner faktisch nach­prüf­baren Aussage. Aber so ist das bei Menschen: Sie entscheiden emotional, welche Fakten ihnen sympa­thisch sind.

Wirt­schafts­pro­fessor und Nobel­preis­träger Daniel Kahne­mann behan­delt “Noise” in seinem neuen Buch, das er in der Corona-Pandemie zusammen mit dem ehema­ligen McKinsey Berater Olivier Sibony und Barack-Obama-Gefährte Cass R. Sund­stein schrieb. Das Projekt wurde  “dank Corona” zeit­lich möglich, denn in der Pandemie hatten alle drei mehr Zeit und mussten sich zum Buch­schreiben nicht mehr persön­lich treffen und zwischen Europa und den USA pendeln.

Noise — Probieren Sie es aus

Noise sieht von außen aus, als hätten einige Schüt­zen­fest­be­su­cher voll zuge­dröhnt auf eine Ziel­scheibe gebal­lert. Das können Sie selbst auspro­bieren.

Versu­chen Sie einmal eine kleine Übung. Nehmen Sie Ihr Handy und akti­vieren Sie die Zeit­stopp­funk­tion. Stoppen Sie nun blind, also ohne auf das Display zu blicken, fünf Zeit­in­ter­valle à fünf Sekunden. Sie können sich gerne vorher anschauen, wie lange fünf Sekunden sind. Aber danach bitte frei schätzen!

Schreiben Sie auf, wie groß die Streuung war. Bei mir verging die Zeit sehr schnell: Die Inter­valle lagen zwischen 2,62 und 4,78 Sekunden. Eine enorme Streuung.

Sie waren wie ich bei dieser Übung höchst­wahr­schein­lich nüch­tern. Ähnliche Muster entstehen, wenn wir unserer Intu­tion in anderen Berei­chen folgen — die Schüsse weichen stark vonein­ander ab, Treffer zielen eher zufällig ins Schwarze.

Daneben liegen auch die besten Experten ihres Fachs, und diese manchmal ganz beson­ders. Grund ist auch so ein Bias: Die Selbst­be­stä­ti­gungs­ten­denz, mit der wir uns dauernd bestä­tigen und wider­sprüch­liche Aussagen und Einschät­zungen entweder igno­rieren oder als minder­wertig einstufen. Das ist ein starkes Argu­ment für Meta­ana­lysen aus vielen wissen­schaft­li­chen Studien, die typi­scher­weise aller­dings erst lange nach einem Ereignis vorliegen. Die Corona-Pandemie hat davon noch wenig zu bieten.

Rosa Elefanten spüren — Mensch­liche Kern­kom­pe­tenz

Menschen treffen intuitiv und schnell Urteile. Dabei wählen Sie aus Fakten jene aus, die ihnen passen. Komple­xität wird so “redu­ziert”. Der eine sieht das rote Kleid auf der Party, der nächste die vielen Leute ohne Abstand — und dann gibt es jemand, der den Geruch bemerkt. So ist es bei jedem Eindruck, der aus mehr als einer Infor­ma­tion besteht (und welchen Eindruck betrifft das nicht?). Das Mess­in­stru­ment “mensch­li­ches Urteil” funk­tio­niert am besten bei Dingen, die Computer eher schlecht berechnen können, etwa der Wahr­neh­mung von “rosa Elefanten” im Raum, die keiner sieht. Oder bei krea­tiven Leis­tungen. Oder auch bei der Fähig­keit mit anderen Verbin­dungen einzu­gehen, bei der man eigene Grenzen über­windet…

Mehr Entschei­dungs­hy­giene wäre geboten, sagen die Autoren. Wir sollten akzep­tieren, dass wir Menschen nicht für ratio­nales Denken und logi­sche Urteile gemacht sind. Das war in früheren Stadien unserer Evolu­tion anders. Aber seit wir versu­chen, Compu­ter­gleich zu werden, hakt es an allen Ecken und Enden (hier empfehle ich mein Video über Ke Jie “Der Computer ist nicht Gott).

Aber: Wir haben nie gelernt, all diese Fähig­keiten zu nutzen. Wir haben nicht gelernt, wie man allein und in Gruppen so entscheidet, dass die Nach­teile mensch­li­cher Urteile ausge­gli­chen werden und die Vorteile betont. Vor allem aber haben wir eine Kultur der Recht­ha­berei entwi­ckelt. In dieser geht es nicht darum, Argu­mente zu verdichten, sondern um “wer hat recht”.

Wir versagen so bei nahezu jedem Versuch, das Dickicht der Komple­xität mit unseren einfa­chen Denk-Mitteln zu durch­dringen. Wir sind wie eine Mess-Station mit einem Wackel-Zeiger. Unsere Einheit ist nicht Grad-Fahren­heit, sondern das gerade aktu­elle Gefühls­er­leben.

Was wir dann aber in unserem präfron­talen Cortex mit vielen Worten vor uns selbst und anderen ratio­na­li­sieren, also in viele Worte packen.

Nüch­tern daneben

Man könnte auch sagen: Wir schießen nüch­tern daneben, als wären wir voll­trunken.

Wenn jeder Exper­ten­kol­lege einen Schuss frei hätte, reiht sich dann ein Fehl­schuss der Einschät­zung an den anderen. So ergibt sich eine zufäl­lige Streuung verschie­dener Einschät­zungen zum selben Thema.

Kahne­­mann-Mitautor Oliver Sibony nennt dazu in einem Inter­view mit RND die Einschät­zung von Astra Zeneca als Beispiel für Noise: „Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Menschen, die alle sehr quali­fi­ziert sind und vermut­lich sogar die glei­chen Ziele verfolgen, zu auffal­lend unter­schied­li­chen Schluss­fol­ge­rungen in einer doch wich­tigen Ange­le­gen­heit gelangen.“

System Noise

In Orga­ni­sa­tionen sehen wir “System Noise”. Dieses Rauschen ist von den Orga­ni­sa­tionen uner­wünscht. Noise sorgt für Vertrau­ens­ver­lust, aber auch für wirt­schaft­liche und soziale Schäden. Wenn etwa Versi­che­rungen mehr zahlen als sie müssten — oder wenn Krank­heiten über­sehen werden. Das ist im prognos­ti­schen Bereich auch deshalb wirt­schaft­lich schäd­lich, weil Vorher­sagen meist eher opti­mi­ti­scher sind und nicht etwa pess­mis­ti­scher. Kahne­mann und seine Co-Autoren haben dafür eine mathe­ma­ti­sche Formel entwi­ckelt und eine Mess­größe, den MFQ — den mitt­leren quadra­ti­schen Fehler. Dieser MFQ lässt mathe­ma­tisch in Bias und Noise zerlegen.

Noise ist aus dem Blick­winkel der Statistik in der Stan­dard­ab­wei­chung der Prognosen zu sehen. So wie wir mit der Stoppuhr bei der kleinen Übung unserer eigene Stan­dard­ab­wei­chung messen können, so können das auch Unter­nehmen. So kann die Stan­dard­ab­wei­chung 10 oder auch 50 Prozent­punkte betragen. Die Streuung zwischen den Einschät­zungen ist das Inter­es­sante. Inso­fern ist “Noise” im arith­me­ti­schen Mittel am geringsten und verstärkt sich an den Seiten der Glocken­kurve. Bei weniger Noise wird die Glocken­kurve spitzer und der Null­fehler kleiner im posi­tiven oder nega­tiven Bereich.

Dabei ist wichtig zu wissen, dass diese Rech­nung unserer Initui­tion zuwi­der­läuft, also kontrain­tuitiv ist. Die Besei­ti­gung von Bias und Noise ist immer “lang­sames Denken”. Es bedeutet zu stoppen, viele Menschen und andere Meinungen einzu­be­ziehen, nach­zu­denken, nach­zu­rechnen — und vor allem und über allem: sich immer wieder selbst in Frage stellen. Die Fähig­keit zum Rethin­king wird damit zum entschei­denden Vorteil für die Leader von morgen. Das agile oder “growth Mindset” ist dafür die Basis. Fixed-Denker wie etwa auch der geniale Steve Jobs mögen in früheren Jahr­zehnten einen Vorteil gehabt haben — heute verhin­dern sie den Wandel.

Nach Kahneman und den Mitau­toren gibt es neben System Noise drei Arten des persön­li­chen Rauschens, die in Frei­zeit und Berufs­leben für Verzer­rungen sorgen:

Die drei Arten von Noise:

  • Occa­sion Noise: Das ist das situa­tive Rauschen, wenn wir etwas beson­ders opti­mis­tisch einschätzen, weil die Lieb­lings­fuß­ball­mann­schaft am Wochen­ende gewonnen hat. Oder weil wir gerade Sex hatten. Weil Ostern ist, Weih­nachten oder die Ferien vor der Tür stehen.
  • Pattern Noise: Das sind auch durch die Persön­lich­keit und persön­liche Bewer­tungen bedingte Rausch­muster. Der eine achtet bei der Einstel­lung viel­leicht beson­ders auf die Noten in Mathe, der andere auf die Noten in Musik. Das macht blind. Wenn Sie auf eine Party gehen und immer nur auf das rote Kleid dieser Frau blicken, sehen Sie den Kasten Bier in der Ecke hinterm Vorhang nicht. Indi­vi­du­elle Wertungen spielen hier eine große Rolle, auch das kann man sehr gut in der Corona-Krise sehen.
  • Level Noise: Dies beschreibt die Ausle­gungs­strenge, etwa von Rich­tern in libe­ralen oder konser­va­tiven Gegenden. Epide­mio­logen in Deutsch­land, Schweden, Russ­land oder den USA nutzen exakt die glei­chen Infor­ma­tionen und Studien und haben z.B. alle in Harvard studiert. Sie kommen dennoch zu komplett unter­schied­li­chen Einschät­zungen. Das mora­li­sche und poli­ti­sche Welt­bild spielt dabei eine große Rolle.

Kahneman und seine Mitau­toren unter­scheiden Noise von Bias, also dem syste­ma­ti­schen Fehler. Der spielt bei alldem natür­lich auch eine Rolle. Wenn der eine Experte eine Zahl in den Raum stellt, sagen wir “7‑Tages-Inzi­­denz 2.000 nach Ostern”, wird diese Zahl unwei­ger­lich zur Orien­tie­rungs­größe in den Köpfen – das ist die so genannte Anker­heu­ristik. Rück­bli­ckend verzerren wir aller­dings unsere Erin­ne­rung: Eine selbst­be­wusst­seins­er­hal­tene Funk­tion des biopsy­cho­so­zialen Systems Mensch, dank der viele nicht mal auf die Idee kommen, dass sie sich geirrt haben könnten… Das nennt sich Rück­schau­fehler. Bias spielt also mit Noise zusammen.

Bessere Entschei­dungen treffen

Was tun? Ganz einfach: Bessere Entschei­dungen treffen, runter vom hohen Ross der Selbst­über­zeu­gung und zurück zu Sokrates „ich weiß, dass ich nichts weiß“.

Nobel­preis­träger Kahne­mann empfiehlt „Noise Audits“ bei denen die Entschei­dungen syste­ma­tisch hinter­fragt werden, etwa mit statis­ti­schen Methoden.

Wenn man etwa denkt, dass die Bewer­berin über­durch­schnitt­lich intel­li­gent sei, weil sie schon mit vier Jahren lesen konnte, solle man diese Entschei­dung mit der Wahr­schein­lich­keit, dass das wirk­lich korre­liert abglei­chen – die typi­scher­weise geringer sei als die selbst ange­nom­mene. Über­haupt neigen wir zum Über­schätzen von statis­ti­schen Zusam­men­hängen und vermuten Korre­la­tionen, wo keine sind.

Sicher, statis­ti­sche Methoden sind hilf­reich. Ich denke aller­dings, dass man sich auch ein paar einfach Grund­sätze zu eigen machen kann:

  1. Entscheiden Sie nicht alleine.
  2. Bringen Sie Experten mit gegen­sätz­li­chen Einschät­zungen an einen Tisch.
  3. Runter vom Mount Stupid (Video hier) — aner­kennen Sie die Tatsache, dass Sie nichts wissen.

Nun sieht man, dass das genau selten geschieht. Und dass Zweifler oder “Rethinker” teil­weise einen schweren Stand haben, vor allem in Führungs­po­si­tionen, wo man eben auch “Posi­tionen” erwartet. Doch müssen diese nicht inhalt­li­cher Natur sein, sondern können sich auch auf ethi­sche Werte und Prin­zi­pien beziehen — etwa das Prinzip offen zu sein.

Dennoch, Menschen suchen nach abso­luter Wahr­heit und folgen denen, die diese verspre­chen..

Das fällt nach Kahne­mann unter „syste­ma­ti­scher Fehler“, also bias. Aber ich würde soweit gehen, das einfach umzu­drehen: Wir Menschen sind und bleiben Tiere. Wir werden in diesem Anthro­pozän keine Rechen­ma­schinen mehr.

Es gibt da nur ein kleines Problem: Der Glaube, das Wahr­heit irgend­wann gefunden werden könnte und eine Person sie in den eigenen Besitz gebracht hat. Komi­scher­weise ist dieser Glaube beson­ders verbreitet unter Experten…

Beitrags­foto: iStock

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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