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Karriere als System: Das Viable System Model weitergedacht

Ich habe das Viable Systems Model erstmals auf ein Thema angewendet, für das es nicht gedacht ist — auf Laufbahn oder auch Karriere. Daraus entstand ein Leitfaden mit 15 Seiten — Karriere als System. Meine Follower bei Substack können es als PDF “Karriere als System” herunterladen. Dann schickte ich es dem VSM-Experten Conny Dethloffs zu, der es wiederum auf Selbstmanagement übertrug, bereichert um Stafford Beers Audit-Kanal.
Er hat also meinen Karrierekontext auf das gesamte Selbstmanagement übersetzt. Und ich holte es — bereichert durch seine Perspektive, vor allem durch seinen Umgang mit dem Audit-Kanal S3* — zurück in die Tiefe der Karrieredomäne. Weil Karriere nicht dasselbe ist wie Selbstmanagement. Und weil sie als eigenes, lebensfähiges System funktioniert, oder eben nicht.
Drei Stationen, ein Modell
Dethloff liest wie ich den Menschen als lebendiges System und fragt:
- Welche operativen Einheiten bin ich (S1)?
- Wie koordiniere ich meine Rollen (S2)?
- Wer führt mich wirklich (S3)?
- Was sagt mir mein Körper, bevor ich es denken kann (S3*)? Schaue ich nach vorn (S4)?
- Und wer bin ich, wenn alle Rollen wegfallen (S5)?
Das macht eine typische Stärke des VSM sichtbar: Lebensfähigkeit ist keine Eigenschaft, die man hat, sondern eine Funktion, die man pflegt. Besonders aufschlussreich finde ich, was Dethloff mit System 3* macht – dem Audit-Kanal. Körpersignale, Intuition, Gefühle, Träume als ungefilterte Datenquelle neben dem formalen Berichtssystem. Genau diesen Gedanken nehme ich mit in die Karrieredomäne und erweitere ihn dort um einen zweiten Audit-Kanal, den Dethloff so nicht braucht (dazu gleich mehr).
Mein Punkt zurück in die Karriere: Karriere ist ein eigenständig lebensfähiges Sub-System innerhalb des Ganzen. Sie hat eigene operative Einheiten, eine eigene Koordinationslogik, einen eigenen Audit-Kanal, eine eigene Strategiefunktion und eine eigene Identität. Wer Karriere nur als „einen von sechs Lebensbereichen” in S1 einsortiert – so legitim das im Selbstmanagement-Blick ist – übersieht, dass dieses Subsystem selbst wieder eine vollständige S1-bis-S5-Architektur braucht. Sonst wird es instabil, egal wie gesund das umgebende Gesamtsystem ist.
Warum Karriere ein eigenes System ist
In keiner anderen Lebensdomäne entscheiden so viele externe Beobachter über deine Handlungsfähigkeit wie in der Karriere. Gesundheit, Familie, Hobbys: Das sind Systeme, in denen du selbst Hauptakteurin und Hauptbeobachterin bist. In der Karriere sind es immer auch andere, die mitregulieren. Wer stellt ein? Wer befördert? Wer ruft an? Wer denkt bei einer Rolle zuerst an dich – und warum?
Daraus folgt: Ein Karrieresystem muss nicht nur intern funktionieren, wie bei Dethloff beschrieben, sondern zusätzlich von außen erkennbar sein. Das fügt dem klassischen VSM eine zweite Dimension hinzu – und es ist der Grund, warum viele hochkompetente Menschen trotzdem stagnieren.
S1 bis S5, übersetzt auf deine Laufbahn
S1 – Stärken und Kernleistungen
Bei Dethloff ist S1 „Beruf, Familie, Gesundheit …”. Für die Karriere allein zerfällt S1 weiter: deine konkreten Fachstärken, deine Rolle, die Probleme, die du besser löst als die meisten. Die ehrlichen Fragen lauten:
- Kann ich meine Top-3-Stärken so benennen, dass andere sofort ein Bild haben?
- Sind meine Leistungen für Entscheider:innen – intern wie extern – klar erkennbar?
- Kenne ich die Tätigkeiten, bei denen ich im Flow bin?
S1 ist hier kein Lebensbereichs-Häkchen, sondern eine sprachliche und leistungsmäßige Erkennbarkeit.
S2 – Koordination zwischen Rollen und Kanälen
Im Karrieresystem koordiniert S2 nicht „Familie und Beruf”, sondern die vielen Karriere-Rollen und ‑Kanäle in sich: Linie und Projekt, internes Profil und externes Sichtbarsein, aktuelles Aufgabenfeld und nächster Zielrollenraum, Delivery und Entwicklung. Wer hier keine Routinen hat, zerreibt sich zwischen operativer Lieferung und strategischem Aufbau.
Die entscheidende Frage: Bin ich dort sichtbar, wo über meine nächste Rolle entschieden wird?
S3 – Operative Karriereführung
Dethloffs Frage „Wer führt mich wirklich?” ist für die Karriere besonders scharf. Zu oft lautet die Antwort: mein Kalender, die lauteste:r Stakeholder:in, die nächste Abgabe. Ein funktionierendes S3 bedeutet, dass du wöchentlich Entscheidungen darüber triffst, wo du sichtbar wirst, welche Projekte du annimmst, welche du absagst, wo du Energie hinlenkst. Karriere-S3 ist Ressourcensteuerung in eigener Sache – nicht Reaktion, sondern Gestaltung.
S3* – Der Audit-Kanal der Karriere
Dethloff spricht zu Recht von Körpersignalen, Intuition, Träumen. Im Karrieresystem kommt ein zweiter Audit-Kanal dazu: das ungefilterte Feedback von außen. Wer ruft dich an, ohne dass du es provoziert hast? Welche Projekte werden dir angetragen? Worauf bekommst du im Netzwerk Reaktion, und worauf gar keine?
Das sind Daten, die am formalen Berichtssystem (Jahresgespräch, Zielvereinbarung, Performance-Review) vorbeilaufen – und oft die ehrlichere Quelle sind. Wer gelernt hat, beide Audit-Kanäle zu lesen, den inneren wie den äußeren, hat einen erheblichen Informationsvorsprung über die eigene Karriere.
S4 – Markt- und Zukunftsintelligenz
Während Dethloff S4 als allgemeine Zukunftsorientierung liest, ist S4 für die Karriere sehr konkret:
- Welche Rollen entstehen in meinem Feld gerade neu?
- Welche verschwinden?
- Wie verändern KI, Demografie, Regulierung die Anforderungen an Menschen wie mich?
- Welche Verantwortung möchte ich in drei bis fünf Jahren übernommen haben?
Ein schwaches S4 erkennt man daran, dass einen Entwicklungen „überraschen”, die längst sichtbar waren.
S5 – Berufliche Identität und Außenwirkung
Dethloffs S5-Frage „Wer bin ich, wenn alle Rollen wegfallen?” ist philosophisch stark. Im Karrieresystem kommt eine zweite Frage dazu: Woran erkennt ein Arbeitgeber, ein Netzwerk, ein Markt meine Identität – ohne dass ich ein Wort sage?
Karriere-S5 lebt nicht im Inneren allein; es zeigt sich im LinkedIn-Profil, im Auftreten, im Vortrag, im Beitrag, im Raum, den du einnimmst. Identität, die keiner sieht, ist beruflich wirkungslos.
Der blinde Fleck: Strategische Kommunikation (S1 × S5)
An dieser Stelle gehe ich am stärksten über Dethloff hinaus.
In seinem Artikel geht es um ein in sich lebensfähiges System, mit Körperwahrnehmung und innerem Kern. Für die Karriere reicht das nicht. Ein Karrieresystem ist erst dann lebensfähig, wenn S1 (was ich tatsächlich leiste) und S5 (wer ich bin) kommunikativ gekoppelt sind – so dass die Außenwelt daraus in Sekunden ein klares Bild gewinnt.
Ich nenne das strategische Sichtbarkeit. Sie ist kein Marketing-Aufsatz auf eine inhaltliche Substanz, sondern die Stelle, an der Substanz und Wahrnehmung zusammenfallen. Konkret heißt das:
- Kann ich in einem Satz sagen, wer ich beruflich bin – so, dass mein Gegenüber sofort ein Bild hat?
- Sind LinkedIn-Profil, Auftreten und Selbstbeschreibung konsistent?
- Weiß ich, welchen Eindruck ich in den ersten 60 Sekunden hinterlasse – digital wie persönlich?
Wer hier schwankt, hat nicht zwangsläufig ein Selbstwert-Problem. Er oder sie hat ein System-Defizit: S1 und S5 sind nicht gekoppelt. Und dieses Defizit kostet mehr Karrierechancen als mangelnde Kompetenz.
Drei Leitfragen, wenn du dein Karrieresystem testen willst
- Wofür würde jemand dich morgen anrufen – auch ohne Stellenausschreibung? (S1 × Außensicht)
- Wo bist du sichtbar, wo über deine nächste Rolle entschieden wird? (S2 × Kanalkoordination)
- Woran erkennt jemand deine berufliche Identität, ohne dass du ein Wort sagst? (S5 × Außenwirkung)
Wenn dir auf eine dieser Fragen keine klare Antwort einfällt, ist nicht dein Ehrgeiz das Problem. Dann ist dein Karrieresystem an dieser Stelle (noch) nicht lebensfähig.
Der Kreis schließt sich – mit mehr Tiefe als vorher
Karriere als System war der Ausgangspunkt dieser Replik. Conny Dethloff hat den Gedanken in die Breite aller Lebensbereiche getragen und besonders den Audit-Kanal S3* eindrücklich sichtbar gemacht: Körper, Intuition, innere Signale als Datenquelle neben dem formalen Bericht. Diese Erweiterung nehme ich mit in die Karrieredomäne zurück und ergänze sie um das, was Dethloff aus seiner Perspektive so nicht brauchte: einen zweiten, äußeren Audit-Kanal und die kommunikative Kopplung von S1 und S5. Damit wird das Karrieresystem nicht nur lesbar (für mich), sondern auch erkennbar für andere.
Stafford Beers Grundgedanke trägt auch hier: Lebensfähigkeit ist kein Zustand. Sie ist eine Funktion, die man pflegt. Für die Karriere bedeutet das: regelmäßig hinschauen, welche Funktion gerade schwach ist – und sie stärken, bevor ein schwaches System eine ganze Laufbahn ins Wanken bringt.
Mehr zum Karriere-als-System-Modell
Ich habe die VSM-Übertragung auf die Karriere als kompaktes Arbeitsmaterial aufbereitet, mit Diagnosefragen, Fallbeispielen und systemischen Leitfragen zu S1 bis S5. Sie können das komplett als Abonnent meiner Weiterdenken Extra-Rubrik herunterladen.
➜ Zum Karriere-als-System-Deck und Reflexionstool kommst du über Svenja Hofert Weiterdenken Extra.
Conny Dethloffs Ausgangsartikel kannst du dort nachlesen.
FAQ zum VSM
Wenn Sie noch nichts vom VSM gehört haben — hier bekommen Sie eine kurze Einführung.
Was ist das Viable System Model (VSM)?
Das VSM ist ein kybernetisches Modell des britischen Managementdenkers Stafford Beer (1926–2002). Es beschreibt die fünf Funktionen, die ein System braucht, um lebensfähig zu sein: operative Einheiten (S1), Koordination (S2), operatives Management (S3), Audit-Kanal (S3*), strategische Umweltbeobachtung (S4), Identität und Zweck (S5).
Warum sollte ich Karriere als eigenes System betrachten?
Weil in der Karriere-Domäne externe Beobachter – Entscheider:innen, Netzwerke, Arbeitgeber – mitregulieren. Eine Karriere muss deshalb nicht nur intern kohärent, sondern auch von außen erkennbar sein. Das unterscheidet Karriere von anderen Lebensbereichen und erfordert eine eigene S1-bis-S5-Architektur.
Wie erkenne ich, welches System bei mir schwach ist?
Typische Symptome sind ständige Überlastung (S2 oder S3 schwach), Orientierungslosigkeit (S5), Überraschung über Entwicklungen (S4) oder fehlende Anfragen ohne Stellenausschreibung (S1 × S5 nicht gekoppelt).
Ist das Modell auch für Selbstständige geeignet?
Ja, klar. Selbstständige brauchen alle fünf Funktionen gleichzeitig und tragen sie allein. Das VSM liefert eine klare Diagnose, wo die eigene Ein-Personen-Organisation strukturell schwächelt.
Worin unterscheidet sich dieser Ansatz von Conny Dethloffs „Selbstmanagement mit dem VSM”?
Dethloff wendet das VSM auf den ganzen Menschen an, also auf alle Lebensbereiche. Karriere-als-System wendet das Modell auf das Subsystem „berufliche Laufbahn” an – mit eigenen S1-bis-S5-Funktionen und einem besonderen Fokus auf die kommunikative Kopplung von Substanz (S1) und Identität (S5).
Svenja Hofert ist Organisations- und Karrierecoach, Autorin und Gründerin der Akademie der Veränderung. Sie arbeitet mit Führungskräften und Organisationen an der Frage, wie Systeme persönliche wie kollektive — lebensfähig bleiben.
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonntagskolumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abonnenten gehöre ich zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren auf dieser Plattform.
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