Kate­go­rien

Karriere als System: Das Viable System Model weiter­ge­dacht

Published On: 24. April 2026Cate­go­ries: Führung, Karriere
Karriere als System

Ich habe das Viable Systems Model erst­mals auf ein Thema  ange­wendet, für das es nicht gedacht ist — auf Lauf­bahn oder auch Karriere. Daraus entstand ein Leit­faden mit 15 Seiten — Karriere als System. Meine Follower bei Substack können es als PDF “Karriere als System” herun­ter­laden.  Dann schickte ich es dem VSM-Experten  Conny Dethl­offs zu, der es wiederum auf Selbst­ma­nage­ment über­trug, berei­chert um Staf­ford Beers Audit-Kanal.

Er hat also meinen Karrie­re­kon­text auf das gesamte Selbst­ma­nage­ment über­setzt. Und ich holte es — berei­chert durch seine Perspek­tive, vor allem durch seinen Umgang mit dem Audit-Kanal S3* — zurück in die Tiefe der Karrie­re­do­mäne. Weil Karriere nicht dasselbe ist wie Selbst­ma­nage­ment. Und weil sie als eigenes, lebens­fä­higes System funk­tio­niert, oder eben nicht.

Drei Stationen, ein Modell

Dethloff liest wie ich den Menschen als leben­diges System und fragt:

  • Welche opera­tiven Einheiten bin ich (S1)?
  • Wie koor­di­niere ich meine Rollen (S2)?
  • Wer führt mich wirk­lich (S3)?
  • Was sagt mir mein Körper, bevor ich es denken kann (S3*)? Schaue ich nach vorn (S4)?
  • Und wer bin ich, wenn alle Rollen wegfallen (S5)?

Das  macht eine typi­sche Stärke des VSM sichtbar: Lebens­fä­hig­keit ist keine Eigen­schaft, die man hat, sondern eine Funk­tion, die man pflegt. Beson­ders aufschluss­reich finde ich, was Dethloff mit System 3* macht – dem Audit-Kanal. Körper­si­gnale, Intui­tion, Gefühle, Träume als unge­fil­terte Daten­quelle neben dem formalen Berichts­system. Genau diesen Gedanken nehme ich mit in die Karrie­re­do­mäne und erwei­tere ihn dort um einen zweiten Audit-Kanal, den Dethloff so nicht braucht (dazu gleich mehr).

Mein Punkt zurück in die Karriere: Karriere ist ein eigen­ständig lebens­fä­higes Sub-System inner­halb des Ganzen. Sie hat eigene opera­tive Einheiten, eine eigene Koor­di­na­ti­ons­logik, einen eigenen Audit-Kanal, eine eigene Stra­te­gie­funk­tion und eine eigene Iden­tität. Wer Karriere nur als „einen von sechs Lebens­be­rei­chen” in S1 einsor­tiert – so legitim das im Selb­st­­ma­­na­ge­­ment-Blick ist – über­sieht, dass dieses Subsystem selbst wieder eine voll­stän­dige S1-bis-S5-Archi­­tektur braucht. Sonst wird es instabil, egal wie gesund das umge­bende Gesamt­system ist.

Warum Karriere ein eigenes System ist

In keiner anderen Lebens­do­mäne entscheiden so viele externe Beob­achter über deine Hand­lungs­fä­hig­keit wie in der Karriere. Gesund­heit, Familie, Hobbys: Das sind Systeme, in denen du selbst Haupt­ak­teurin und Haupt­be­ob­ach­terin bist. In der Karriere sind es immer auch andere, die mitre­gu­lieren. Wer stellt ein? Wer beför­dert? Wer ruft an? Wer denkt bei einer Rolle zuerst an dich – und warum?
Daraus folgt: Ein Karrie­re­system muss nicht nur intern funk­tio­nieren, wie bei Dethloff beschrieben, sondern zusätz­lich von außen erkennbar sein. Das fügt dem klas­si­schen VSM eine zweite Dimen­sion hinzu – und es ist der Grund, warum viele hoch­kom­pe­tente Menschen trotzdem stagnieren.

S1 bis S5, über­setzt auf deine Lauf­bahn

S1 – Stärken und Kern­leis­tungen

Bei Dethloff ist S1 „Beruf, Familie, Gesund­heit …”. Für die Karriere allein zerfällt S1 weiter: deine konkreten Fach­stärken, deine Rolle, die Probleme, die du besser löst als die meisten. Die ehrli­chen Fragen lauten:

  • Kann ich meine Top-3-Stärken so benennen, dass andere sofort ein Bild haben?
  • Sind meine Leis­tungen für Entscheider:innen – intern wie extern – klar erkennbar?
  • Kenne ich die Tätig­keiten, bei denen ich im Flow bin?

S1 ist hier kein Lebens­­­be­­reichs-Häkchen, sondern eine sprach­liche und leis­tungs­mä­ßige Erkenn­bar­keit.

S2 – Koor­di­na­tion zwischen Rollen und Kanälen

Im Karrie­re­system koor­di­niert S2 nicht „Familie und Beruf”, sondern die vielen Karriere-Rollen und ‑Kanäle in sich: Linie und Projekt, internes Profil und externes Sicht­bar­sein, aktu­elles Aufga­ben­feld und nächster Ziel­rol­len­raum, Deli­very und Entwick­lung. Wer hier keine Routinen hat, zerreibt sich zwischen opera­tiver Liefe­rung und stra­te­gi­schem Aufbau.
Die entschei­dende Frage: Bin ich dort sichtbar, wo über meine nächste Rolle entschieden wird?

S3 – Opera­tive Karrie­re­füh­rung

Dethl­offs Frage „Wer führt mich wirk­lich?” ist für die Karriere beson­ders scharf. Zu oft lautet die Antwort: mein Kalender, die lauteste:r Stakeholder:in, die nächste Abgabe. Ein funk­tio­nie­rendes S3 bedeutet, dass du wöchent­lich Entschei­dungen darüber triffst, wo du sichtbar wirst, welche Projekte du annimmst, welche du absagst, wo du Energie hinlenkst. Karriere-S3 ist Ressour­cen­steue­rung in eigener Sache – nicht Reak­tion, sondern Gestal­tung.

S3* – Der Audit-Kanal der Karriere

Dethloff spricht zu Recht von Körper­si­gnalen, Intui­tion, Träumen. Im Karrie­re­system kommt ein zweiter Audit-Kanal dazu: das unge­fil­terte Feed­back von außen. Wer ruft dich an, ohne dass du es provo­ziert hast? Welche Projekte werden dir ange­tragen? Worauf bekommst du im Netz­werk Reak­tion, und worauf gar keine?
Das sind Daten, die am formalen Berichts­system (Jahres­ge­spräch, Ziel­ver­ein­ba­rung, Perfor­­mance-Review) vorbei­laufen – und oft die ehrli­chere Quelle sind. Wer gelernt hat, beide Audit-Kanäle zu lesen, den inneren wie den äußeren, hat einen erheb­li­chen Infor­ma­ti­ons­vor­sprung über die eigene Karriere.

S4 – Markt- und Zukunfts­in­tel­li­genz

Während Dethloff S4 als allge­meine Zukunfts­ori­en­tie­rung liest, ist S4 für die Karriere sehr konkret:

  • Welche Rollen entstehen in meinem Feld gerade neu?
  • Welche verschwinden?
  • Wie verän­dern KI, Demo­grafie, Regu­lie­rung die Anfor­de­rungen an Menschen wie mich?
  • Welche Verant­wor­tung möchte ich in drei bis fünf Jahren über­nommen haben?

Ein schwa­ches S4 erkennt man daran, dass einen Entwick­lungen „über­ra­schen”, die längst sichtbar waren.

S5 – Beruf­liche Iden­tität und Außen­wir­kung

Dethl­offs S5-Frage „Wer bin ich, wenn alle Rollen wegfallen?” ist philo­so­phisch stark. Im Karrie­re­system kommt eine zweite Frage dazu: Woran erkennt ein Arbeit­geber, ein Netz­werk, ein Markt meine Iden­tität – ohne dass ich ein Wort sage?
Karriere-S5 lebt nicht im Inneren allein; es zeigt sich im LinkedIn-Profil, im Auftreten, im Vortrag, im Beitrag, im Raum, den du einnimmst. Iden­tität, die keiner sieht, ist beruf­lich wirkungslos.

Der blinde Fleck: Stra­te­gi­sche Kommu­ni­ka­tion (S1 × S5)

An dieser Stelle gehe ich am stärksten über Dethloff hinaus.
In seinem Artikel geht es um ein in sich lebens­fä­higes System, mit Körper­wahr­neh­mung und innerem Kern. Für die Karriere reicht das nicht. Ein Karrie­re­system ist erst dann lebens­fähig, wenn S1 (was ich tatsäch­lich leiste) und S5 (wer ich bin) kommu­ni­kativ gekop­pelt sind – so dass die Außen­welt daraus in Sekunden ein klares Bild gewinnt.
Ich nenne das stra­te­gi­sche Sicht­bar­keit. Sie ist kein Marke­­ting-Aufsatz auf eine inhalt­liche Substanz, sondern die Stelle, an der Substanz und Wahr­neh­mung zusam­men­fallen. Konkret heißt das:

  • Kann ich in einem Satz sagen, wer ich beruf­lich bin – so, dass mein Gegen­über sofort ein Bild hat?
  • Sind LinkedIn-Profil, Auftreten und Selbst­be­schrei­bung konsis­tent?
  • Weiß ich, welchen Eindruck ich in den ersten 60 Sekunden hinter­lasse – digital wie persön­lich?

Wer hier schwankt, hat nicht zwangs­läufig ein Selb­st­­wert-Problem. Er oder sie hat ein System-Defizit: S1 und S5 sind nicht gekop­pelt. Und dieses Defizit kostet mehr Karrie­re­chancen als mangelnde Kompe­tenz.

Drei Leit­fragen, wenn du dein Karrie­re­system testen willst

  • Wofür würde jemand dich morgen anrufen – auch ohne Stel­len­aus­schrei­bung? (S1 × Außen­sicht)
  • Wo bist du sichtbar, wo über deine nächste Rolle entschieden wird? (S2 × Kanal­ko­or­di­na­tion)
  • Woran erkennt jemand deine beruf­liche Iden­tität, ohne dass du ein Wort sagst? (S5 × Außen­wir­kung)

Wenn dir auf eine dieser Fragen keine klare Antwort einfällt, ist nicht dein Ehrgeiz das Problem. Dann ist dein Karrie­re­system an dieser Stelle (noch) nicht lebens­fähig.

Der Kreis schließt sich – mit mehr Tiefe als vorher

Karriere als System war der Ausgangs­punkt dieser Replik. Conny Dethloff hat den Gedanken in die Breite aller Lebens­be­reiche getragen und beson­ders den Audit-Kanal S3* eindrück­lich sichtbar gemacht: Körper, Intui­tion, innere Signale als Daten­quelle neben dem formalen Bericht. Diese Erwei­te­rung nehme ich mit in die Karrie­re­do­mäne zurück und ergänze sie um das, was Dethloff aus seiner Perspek­tive so nicht brauchte: einen zweiten, äußeren Audit-Kanal und die kommu­ni­ka­tive Kopp­lung von S1 und S5. Damit wird das Karrie­re­system nicht nur lesbar (für mich), sondern auch erkennbar für andere.

Staf­ford Beers Grund­ge­danke trägt auch hier: Lebens­fä­hig­keit ist kein Zustand. Sie ist eine Funk­tion, die man pflegt. Für die Karriere bedeutet das: regel­mäßig hinschauen, welche Funk­tion gerade schwach ist – und sie stärken, bevor ein schwa­ches System eine ganze Lauf­bahn ins Wanken bringt.

Mehr zum Karriere-als-System-Modell

Ich habe die VSM-Über­­­tra­­gung auf die Karriere als kompaktes Arbeits­ma­te­rial aufbe­reitet, mit Diagno­se­fragen, Fall­bei­spielen und syste­mi­schen Leit­fragen zu S1 bis S5. Sie können das komplett als Abon­nent meiner Weiter­denken Extra-Rubrik herun­ter­laden.

Zum Karriere-als-System-Deck und Refle­xi­ons­tool kommst du über Svenja Hofert Weiter­denken Extra.

Conny Dethl­offs Ausgangs­ar­tikel kannst du dort nach­lesen.

FAQ zum VSM

Wenn Sie noch nichts vom VSM gehört haben — hier bekommen Sie eine kurze Einfüh­rung.

Was ist das Viable System Model (VSM)?

Das VSM ist ein kyber­ne­ti­sches Modell des briti­schen Manage­ment­den­kers Staf­ford Beer (1926–2002). Es beschreibt die fünf Funk­tionen, die ein System braucht, um lebens­fähig zu sein: opera­tive Einheiten (S1), Koor­di­na­tion (S2), opera­tives Manage­ment (S3), Audit-Kanal (S3*), stra­te­gi­sche Umwelt­be­ob­ach­tung (S4), Iden­tität und Zweck (S5).

Warum sollte ich Karriere als eigenes System betrachten?

Weil in der Karriere-Domäne externe Beob­achter – Entscheider:innen, Netz­werke, Arbeit­geber – mitre­gu­lieren. Eine Karriere muss deshalb nicht nur intern kohä­rent, sondern auch von außen erkennbar sein. Das unter­scheidet Karriere von anderen Lebens­be­rei­chen und erfor­dert eine eigene S1-bis-S5-Archi­­tektur.

Wie erkenne ich, welches System bei mir schwach ist?

Typi­sche Symptome sind stän­dige Über­las­tung (S2 oder S3 schwach), Orien­tie­rungs­lo­sig­keit (S5), Über­ra­schung über Entwick­lungen (S4) oder fehlende Anfragen ohne Stel­len­aus­schrei­bung (S1 × S5 nicht gekop­pelt).

Ist das Modell auch für Selbst­stän­dige geeignet?

Ja, klar. Selbst­stän­dige brau­chen alle fünf Funk­tionen gleich­zeitig und tragen sie allein. Das VSM liefert eine klare Diagnose, wo die eigene Ein-Personen-Orga­­ni­­sa­­tion struk­tu­rell schwä­chelt.
Worin unter­scheidet sich dieser Ansatz von Conny Dethl­offs „Selbst­ma­nage­ment mit dem VSM”?
Dethloff wendet das VSM auf den ganzen Menschen an, also auf alle Lebens­be­reiche. Karriere-als-System wendet das Modell auf das Subsystem „beruf­liche Lauf­bahn” an – mit eigenen S1-bis-S5-Funk­­tionen und einem beson­deren Fokus auf die kommu­ni­ka­tive Kopp­lung von Substanz (S1) und Iden­tität (S5).

Svenja Hofert ist Orga­­ni­­sa­­tions- und Karrie­re­coach, Autorin und Grün­derin der Akademie der Verän­de­rung. Sie arbeitet mit Führungs­kräften und Orga­ni­sa­tionen an der Frage, wie Systeme persön­liche wie kollek­tive — lebens­fähig bleiben.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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