Kate­go­rien

4 Karrie­re­le­bens­phasen, die nicht nur jeder Coach kennen sollte

Published On: 28. August 2019Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung
Wir wachsen wie Bäume

Was treibt Sie im Leben an – oder viel­mehr: was treibt sie so durchs Leben? Stellen Sie sich vor, dass aktives Antreiben von einem Magneten ausgeht, den Sie selbst mit Inhalt beschriftet haben. Passives Treiben dagegen ist ziellos. Etwas macht Ihnen von hinten Wind. Warum sie sich bewegen, wissen Sie auch nicht. Na, was ist ange­nehmer?

Halten Sie einen Moment inne. Reflek­tieren Sie, was sich Ihr Treiben (oder Getrie­ben­sein) in Ihrem Leben verän­dert hat, wo und wann passiv zu aktiv wurde, oder viel­leicht auch umge­kehrt. Welche Phasen gab es?

Wenn wir bewusst wahr­nehmen, stellen wir fest, dass hinter all unserem aktiven Treiben Fragen stehen, auf die wir uns nach und nach selbst Antworten geben. Die Antworten auf diese Fragen spie­geln unsere Werte, also das was wir als folgen­s­wert erachten. Passives Treiben hat keinen Anker, folgt keinem Wert, jeden­falls wenn es über Jahre und Jahr­zehnte dauert. Viel­mehr treiben Nicht-Werte. Das sind Werte, die nicht aktiv sind, nicht leuchten und den Weg zeigen. Die unser Wachstum nicht fördern und unsere Lebens­ringe nicht erwei­tern wie das bei Bäumen passiert.

Karrie­re­le­bens­phasen

Die Karrie­re­le­bens­phasen beglei­teten viele Teil­nehmer meiner Ausbil­dungen und Work­shops. Das früher verwen­dete Modell habe ich inzwi­schen über­ar­beitet. Ich habe das Wort „Karriere“ gestri­chen, denn Karriere im Sinne der beruf­li­chen Wegge­stal­tung lässt sich nicht vom Leben trennen, es ist Teil davon. Es beruht auf meinen Erfah­rungen aus Tausenden Coachings, Ausbil­dungen und Prozess­be­glei­tungen. Meine Lebens­phasen zeigen, wodurch unsere Entschei­dungen jeweils geprägt sind, und wie sich Werte entwi­ckeln. Ich bin auch öfter von Perso­nal­ab­tei­lungen ange­spro­chen worden. Bei der Karrie­re­pla­nung ist es ein wich­tiger Aspekt, nicht nur auf Persön­lich­keit und Fähig­keiten zu blicken, sondern auch auf die Lebens­phasen. Würde HR diese besser berück­sich­tigen, würde es leichter gelingen, Talente zu halten.

Später habe ich entdeckt, dass sich meine Phasen ziem­lich gut in das Modell von Erik Erickson fügen, der mit seiner Ehefrau acht Phasen beschrieb. Erickson war übri­gens kein Wissen­schaftler, er hatte nicht mal ein Studium. Forschungen betrieb er zusammen mit seiner Ehefrau. Er ist für mich deshalb auch ein schönes Beispiel für einen Menschen, der eine gesunde inte­grierte Iden­tität entwi­ckeln konnte – in dem Fall forschen, ergründen, in gesunder Bezie­hung stehen, nach­haltig sein. Es gab keine Uni, die ihn zwang, Punkte zu ergat­tern oder sein Treiben lenkte. Er hatte den Magneten.

Den eigenen Möglich­kei­ten­raum ausdehnen

Es erschien mir in den letzten Jahren zuneh­mend sinn­loser, von „Karriere“ in Abgren­zung zu „Leben“ zu spre­chen oder „Karrie­re­coa­ching“ in Abgren­zung zu „Busi­ness Coaching“ oder „Life-Coaching“. Es war noch nie klar abgrenzbar. Mit zuneh­mender Bewusst­heit für den Kern von Agilität steigt die Akzep­tanz dafür. Die Praxis zeigte schon immer: Viele Menschen denken, sie hätten ein Karrie­re­pro­blem, aber in Wahr­heit leiden sie z. B., weil sie einsam sind. Karriere ist ein Placebo, wichtig aber die Wirkung kommt nicht vom Inhalt.

Karriere in seiner Bedeu­tung als Berufs­weg­le­bens­ge­stal­tung berührt zugleich immer auch das Leben, sowie auch das Leben außer­halb des Berufs immer den Beruf berührt. Karriere ist, wenn man den tieferen Sinn verstanden hat, Persön­lich­keits­ent­wick­lung, im Gegen­satz zu Persön­lich­keits­fix­a­tion. Unser Möglich­kei­ten­raum wird im Laufe der Karrie­re­le­bens­phasen ausge­dehnt. Er wird weiter in Raum und Zeit. Er verän­dert seine Form und sein Poten­zial mehr zu werden zu jeder Zeit. Er wächst mit den Verbin­dungen in unserem Gehirn. Er dehnt sich aus, oder er schrumpft.

Ich habe einmal über­legt, wie es wohl wäre, wenn wir alle Entschei­dungen nur noch würfeln würden. Es wäre jeden­falls eine gute Übung für all jene, die sich wenig zutrauen und dazu neigen, ihren Möglich­kei­ten­raum schrumpfen zu lassen. Aber auch anstren­gend.

Den Möglich­kei­ten­raum, übri­gens eine Meta­pher aus meinem Buch „Minds­hift“ (Campus, 2019) beschreiten wir durch unsere stets Wert- oder nicht-Wert-getrie­­benen Entschei­dungen. Dabei erwei­tern und begrenzen wir ihn zugleich. Je mehr Werte treiben, desto größer die Ausdeh­nung. Nicht-Werte dagegen begrenzen. Über die Karrie­re­le­bens­phasen verän­dern sich diese Werte und Nicht-Werte. Sie entscheiden darüber, wie sich andere, indi­vi­du­el­lere Werte im Leben zeigen.

Die 4 Karrie­re­le­bens­phasen im Detail

Karrierelebensphasen nach Svenja HofertJede Karrie­re­le­bens­phase bildet einen Teil unserer Iden­tität und erwei­tert diese. Aus einem „ich bin Data Scien­tist“ wird durch diese Ausdeh­nung im Möglich­kei­ten­raum, auch der Sprache, ein „ich trage zu einem verant­wor­tungs­vollen Umgang mit Daten bei“. Das Selbst­ver­ständnis dehnt sich, der Radius wird größer, der Fokus verwan­delt sich von einer Ich- zur Wir- und von einer Wir- zur Wir-alle-Orien­­tie­rung.

Die Phasen sind Lebens­phasen, die jeder durch­läuft, es sind nicht unbe­dingt auch Entwick­lungs­phasen im Sinne von Ego Deve­lo­p­ment. Die Wahr­schein­lich­keit aber, dass diese Lebens­phasen Hand-in-Hand mit Ich-Entwick­­lung gehen, ist ziem­lich groß.

Die Entree­phase: Ankommen

In der „Entree­phase“ treibt die Frage „wozu gehöre ich?“ und der Wunsch anzu­kommen. Auch wenn die Frage beant­wortet zu sein scheint, können in jungen Jahren wenige Erleb­nisse und Begeg­nungen, schnell “logisch” erschei­nende Antworten funda­mental ändern, was viele Eltern zur Verzweif­lung bringt. Doch das ist normal. Es ist die Phase des ersten beruf­li­chen Findens, und es muss viel gesucht und viel gefunden werden.

Schließ­lich geht es um nichts weniger als die lebens­lange Zuge­hö­rig­keit zu einer Gruppe, die auch dann noch bestehen bleibt, wenn man ihr den Rücken gekehrt hat. Und damit immer auch die mehr oder weniger bewusste Abgren­zung von anderen Gruppen.

Der Weg zum Entree kann durch Anpas­sung an fami­liäre oder schich­ten­spe­zi­fi­sche Stan­dards oder durch deren Ableh­nung erfolgen. Ich kann sagen „ich studiere Jura“, weil das in meinem Umfeld ein übli­ches und aner­kanntes Berufs­bild ist. Oder ich sage, dass ich meinen eigenen Weg gehen möchte und Jura studiere, obwohl dieser Weg der Familie fremd bisher fremd war. Das Ergebnis bleibt ein Jura­stu­dium.

Berufs- oder Sinn­ge­mein­schaften

Menschen fühlen sich Berufs- und Sinn­ge­mein­schaften zuge­hörig, wobei unter Sinn auch die „Gesin­nung“ fallen kann, also die Werte­rich­tung, an der sich das Denken orien­tiert. Immer öfter zerfließen dabei frühere beruf­liche Grenz­zie­hungen.

Nehmen Sie Greta Thun­berg. Sie ist eine idea­lis­ti­sche Persön­lich­keit, aber ob sie wirk­lich schon in der Karrie­re­phase ist und sich mit der Frage, wer sie eigent­lich ist und sein will, beschäf­tigt hat, ist unklar.  Die Inte­gra­ti­ons­phase hat sie wohl noch nicht erreicht, eben­so­wenig wie die Sinn­phase. Denn im Unter­schied zur Ich-Entwick­­lung, sind die Karrie­re­le­bens­phasen absolut auch ans Alter und Altern gebunden.

Multi-Iden­­ti­­täten

Worin eine beruf­liche Iden­tität besteht ist heute immer schwerer zu erfassen, je mehr sich tradi­tio­nelle Berufs­vor­stel­lungen auflösen und sich die damit verbun­denen Bezugs­gruppen ändern. Sie werden bei einigen Menschen deut­lich hete­ro­gener: Schauen Sie sich etwa den inter­es­santen Lebensweg der Psycho­login, Poli­ti­kerin und Autorin und Künst­lerin Marina Weis­band an, der ehema­ligen Piraten-Geschäfts­­­füh­­rerin, die auch beken­nende Jüdin ist. Eine umfas­sende und lebens­be­reich­über­grei­fende Iden­tität.

Jeder Mensch braucht diese „Markie­rungen“ durch Iden­ti­täts­punkte und es ist spezi­fisch, dass diese sich in der Entree­phase zeigen und klären. Der mit der Entree­phase verbun­dene Wert ist „Finden“. Es gilt als erstre­bens­wert, gefunden zu haben. Der Nicht­wert ist „Suchen“ — wobei natür­lich auch Suchen ein ganz wich­tiger Wert sein kann, aber eher vorüber­ge­hend.  15 Jahre nach dem Abitur immer noch zu suchen, ist oft mit Iden­ti­täts­be­zo­genen Proble­ma­tiken verbunden.

Abgren­zung vom Bekannten

Menschen, die den struk­tu­rellen Weg der „Abgren­zung“ vom Bekannten wählen, fehlt in ihrem Berufs­le­bensweg oft etwas Vertrautes, an dem sie sich orien­tieren könnten. Wie verhält man sich in Gesell­schaft? Wie und über was redet man? Der Habitus ist so eine Orien­tie­rungs­größe und wirkt dabei wie ein unsicht­bares Kleid: Einige wissen nicht mal, dass er ihr Erscheinen entschei­dend prägt  (hier empfehle ich das Buch “Habitus” von Doris Märtin). Deshalb ist es für das Coaching oft hilf­reich, in dieser Phase nach einem „Role Model“ im Fami­li­en­system zu suchen, zum Beispiel einem Fami­li­en­re­bell, der auch einen eigenen Weg gegangen ist.

Wer eine Iden­tität haben will, muss sich fest­legen

Immer wieder passiert es, dass Menschen sehr lange nach einem Entree suchen und mehrere nega­tive erste Berufs­­o­ri­en­­tie­rungs-Erfah­rungen machen. Nichts passt, nichts ist auf Dauer inter­es­sant. Das erklärt man gern mit einer „Scan­ner­per­sön­lich­keit“ oder Hoch­be­ga­bung und Hoch­sen­si­bi­lität. Meiner Erfah­rung nach ist es oft aber (auch) etwas anderes: Die fehlende Bereit­schaft, sich fest­zu­legen oder/und ein Berufs­bild von Spaß und Selbst­ver­wirk­li­chung, das zu früh kommt – bevor man etwas tiefer gelernt und erfahren hat. Der Möglich­kei­ten­raum scheint dabei immer gleich groß zu bleiben, in Wahr­heit nehmen sich diese Menschen Möglich­keiten, weil sie keine Entschei­dungen treffen. Das ist als versucht man ein Haus zu bauen, hat aber gar keinen Boden und kein Funda­ment.

Der Beru­fungs­ge­danke beruht auf veral­teten Grund­an­nahmen

Nicht selten haben Personen, die die Entree­phase nicht abschließen können, nie gelernt, dran­zu­bleiben. Sie erwarten viel­mehr dauernde Inspi­ra­tion oder intrin­si­sche Moti­va­tion. Dahinter kann ein Bild von Bega­bung und Beru­fung als „gott­ge­geben“ stehen, das ich für äußerst kontra­pro­duktiv halte, da es dem Growth Mindset-Gedanken (dazu Artikel im Team­­­works-Blog) komplett zuwi­der­läuft und auch nicht kompa­tibel mit der neueren Gehirn­for­schung und Erkennt­nissen der Epige­netik ist. Die besagen ganz klar: Wir bauen unser Gehirn, wir trai­nieren es und wir sorgen auch für Umbau­maß­nahmen. Da ist nichts, dass das von oben oder Geburt an lenkt. Es ist schwierig, dass dieser  Glaube in vielen Köpfen gras­siert. Die Herkunft liegt im reli­giös geprägten Coun­seling der 1970er Jahre und ist mit Namen wie Barbara Sher und Richard Nelson Bolles verbunden. Keine Frage, diese Autoren waren sehr wich­tige Wegbe­reiter, aber sie wussten eben noch nicht, was wir heute wissen!

Erik Erickson sieht in seiner Phase 1 die Pole Urver­trauen versus Urmiss­ver­trauen und in seiner Phase 2 Auto­nomie versus Scham/Unsicherheit. Vertrauen und Auto­nomie sind wich­tige Voraus­set­zungen für ein gelun­genes Entree, Miss­trauen und Unsi­cher­heit legen eine schlechte Basis. Deshalb ist frühe beruf­liche Stabi­li­sie­rung so wichtig und sollten erste Berufs­ent­schei­dungen eng stär­ken­ori­en­tiert fallen – egal welche Jobs nun Zukunft haben.

Das Urver­trauen ist auf frühe Erfah­rungen zurück­zu­führen, oder viel­mehr auf das, was jemand aus ihnen macht. Scham und/oder Unsi­cher­heit führen oft zu einer Orien­tie­rung an anderen. Das kann eine Möglich­keit zur Heilung und Über­win­dung der Unsi­cher­heit sein oder diese mani­fes­tieren. Heilung ist vor allem dann wahr­schein­lich, wenn eigene Fähig­keiten einen Reso­nanz­boden bekommen — wodurch Loslö­sung möglich wird.

Karrie­re­phase: Sich beweisen

Diese Phase braucht die vorhe­rige – andern­falls wird ein Job an den anderen gereiht, der Wunsch nach „Ankommen“ wird jedoch bleiben und für dauernde Unzu­frie­den­heit erzeugen. Wer nicht ankommt, kann sich dort auch nicht beweisen. Es fehlt etwas Entschei­dendes.

Was nicht heißt, dass Berufs­wechsel zu vermeiden sind, ganz im Gegen­teil. Heute schaffen manchmal erst zwei oder drei unter­schied­liche Ausbil­dungen, Studi­en­gänge und/oder Erfah­rungen ein indi­vi­du­elles Profil. Bei einigen wieder­holt sich das Duett aus Entree- und Karrie­re­phase zwei- oder mehr­mals, wenn etwa die Desi­gnerin nach der Verlags­kar­riere ein Psycho­lo­gie­stu­dium aufsat­telt und danach Thera­peutin wird. Das verän­dert auch die vorhe­rige Iden­tität, idea­ler­weise inte­griert man alle Erfah­rungen. Psychi­sche Probleme entstehen meiner Erfah­rung nach, wenn das nicht geschehen kann, beispiels­weise weil die erste Erfah­rung als “aufge­zwungen” wahr­ge­nommen wird und nicht ange­nommen werden kann, dass ein Mensch auch dann er oder sie selbst bleibt, wenn ihm oder ihr das einmal wieder­fahren ist. Hier kann man als Coach sehr gut mit Ansätzen aus ACT (Akzep­tanz Commit­ment Therapie) arbeiten.

Funda­ment nötig

Wer nicht gefunden hat, kann kaum etwas leisten, seine Stärken leben, Erfolge genießen. Das erklärt jene Berufs­bio­gra­fien, in denen zum Beispiel eigene Stärken nicht wahr­ge­nommen werden können. Es fehlt das Funda­ment. Persön­li­ches Erfolgs­er­leben braucht die Verknüp­fung mit etwas, das eine Iden­ti­täts­grund­lage bietet, auch und gerade durch Abgren­zung zu etwas anderem entsteht Iden­tität. „Das bin ich nicht“ ist deshalb genauso wichtig wie „das bin ich“ oder „das kann ich werden“. Wenn ich nie Steu­er­be­ra­terin werden wollte, sondern Mode­de­si­gnerin, bietet die Steu­er­be­ra­tung eine Möglich­keit zur De-Iden­­ti­­fi­­ka­­tion mit „das bin nicht ich“ an – es gehört nicht zu mir, ich bin anders.

Schwierig wird es nur, wenn ein Mensch nie eine posi­tive Zuge­hö­rig­keit zu einer Berufs- oder Sinn­ge­mein­schaft finden konnte. Das kann passieren, wenn er ich nicht erfolg­reich war oder keinen Erfolg empfand (was durchaus zwei verschie­dene Dinge sein können). Auch hier ist Inte­gra­tion die Lösung. Auch Nicht-Erfol­g­­reich sein kann zu mir gehören, weil es mir etwas gezeigt hat.

Erfolg ist subjektiv

Der Wert in der Karrie­re­phase ist persön­li­cher Erfolg, nicht notwendig objek­tiver oder mess­barer. Der Gegen­wert ist „kein Erfolg“, wobei dieser eben erheb­lich durch indi­vi­du­elles Empfinden beein­flusst wird. So spürt der eine Zufrie­den­heit, wenn er mitt­lere Ergeb­nisse in seiner Berufs­gruppe erzielt. Der andere dagegen, ist nur mit einer Spit­zen­po­si­tion zufrieden, mögli­cher­weise auch damit noch nicht. Das sind die Leis­tungs­ori­en­tierten oder Getrie­benen, deren wahre Heraus­for­de­rung meist die Lebens­phase 3 ist, die Inte­gra­tion.

Die trei­bende Frage der Karrie­re­phase ist „wer bin ich“ oder „wer will ich sein“ – letz­tere ist die erheb­lich gesün­dere Vari­ante, die ein konstruk­ti­vis­ti­sches Bewusst­sein beinhaltet und Selbst­wirk­sam­keits­er­war­tung verlangt. Nur wenn ich diese Frage für mich beant­worten kann, bin ich in der Lage, etwas zu leisten. Denn wenn ich nur etwas leiste, weil man etwas leisten muss, fehlt eine ganz wich­tige Iden­ti­fi­ka­ti­ons­grund­lage.

Erik Erickson defi­niert die Pole Leis­tung versus Minder­wer­tig­keits­ge­fühl in seiner Phase 3 sowie Initia­tive versus Schuld­ge­fühl in seiner Phase 4. Nur wer Leis­tung empfindet, kann aus sich heraus selbst­wirk­same Initia­tive entwi­ckeln – ein dauerndes Minder­wer­tig­keits­ge­fühl macht das unmög­lich.

Inte­gra­tion: Sich verbinden

Die Inte­gra­ti­ons­phase folgt, wenn beruf­lich der Boden bereitet ist und verschie­dene Lebens­be­reiche kombi­niert, aber auch prio­ri­siert werden wollen. Früher habe ich hier die „1. Neuori­en­tie­rungs­phase“ gesehen. Inzwi­schen glaube ich eher, dass Neuori­en­tie­rung zur Karrie­re­phase gehört. Sie erfolgt typi­scher­weise dann, wenn Menschen unzu­frieden sind, oft schon mit der frühen Berufs­wahl. Was wie Karriere aussieht ist dann in Wahr­heit Re-Iden­­ti­­fi­­ka­­tion.

Dann kann es bedeuten, dass ich zurück auf Start gehe – wieder zum Entree. Diese Prozesse sind oft sehr lang­wierig und psycho­lo­gisch heraus­for­dernd. Sie stehen in enger Bezie­hung zu persön­li­chem Entwick­lungs­nach­hol­be­darf. Wer als Jugend­li­cher beruf­liche Entschei­dungen abseits der eigenen Stärken und Präfe­renzen traf, tat dies fast immer, weil es noch kein sicheres „Selbst-Gefühl“ gab. Die Neuori­en­tie­rung erfolgt dann nicht aus einem gestärkten Selbst, sondern aus einem geschwächten. Kommt Neuori­en­tie­rung aus einem gestärkten Selbst­wert­ge­fühl, aus dem Erfahren des Gelin­gens können dagegen Ziele anders und größer gesetzt werden.

In der Inte­gra­ti­ons­phase geht es nicht mehr um diese Themen. Die trei­bende Frage ist, „wie will ich leben?“. Diese kann zu einer anderen Form der Neuori­en­tie­rung führen. Beispiels­weise zieht man aufs Land, weil es dort einfa­cher ist, den gewünschten Lebens­stil zu leben. Der Job passt sich dann dieser Lebens­be­din­gung an, nicht umge­kehrt.

Der Wert in dieser Phase ist Balance: Um glück­lich zu sein, brau­chen alle Menschen verschie­dene Lebens­be­reiche und gesunde Gegen­sei­tig­keit. Ist diese nicht vorhanden oder ober­fläch­lich mit aktu­ellen Jobbe­zie­hungen verbunden, wirkt der Nicht­wert: Keine Balance zu haben. Ganz­heit­liche Lebens­mo­delle wie die „Säulen der Iden­tität“ nach Hila­rion  Petzold helfen jetzt im Coaching, Klar­heit zu gewinnen.

Sinn­phase: Bleiben

Irgend­wann rollt die Sinn­frage auf einen zu, langsam oder schnell. Und übri­gens auch dann, wenn man die Ausein­an­der­set­zung damit immer vermieden hat. Wer eine gesunde entwick­lungs­psy­cho­lo­gi­sche Reise parallel zu den Lebens­phasen erlebt hat, wird seine eigene Bedeu­tungs­lo­sig­keit und das vorüber­ge­hende Wesen unserer Exis­tenz bis dahin erkannt haben.  Der Sinn ist jetzt kein jugend­li­cher Idea­lismus mehr, keine Welt­ver­bes­sungs­arie, sondern kann und muss auf Lebens­er­fah­rung fussen.

Erik Erickson kennt die Phase 5 „Inti­mität versus Isola­tion“ und 6 „Iden­tität versus Iden­ti­täts­dif­fu­sion“, die sich hier sehr gut einfügen. Sie zeigen zudem die Entwick­lungs­rich­tung: Intime, also vertraute Bezie­hungen sind eine Basis für eine gesunde Iden­ti­täts­fin­dung.

Schwarze Löcher am Lebens­ende

Manche finden einen kleinen, andere einen großen Sinn. Der Sinn ist das, was das maxi­male Emoti­ons­po­ten­zial hat. Und höchst­wahr­schein­lich verzahnt ist mit Erkennt­nissen durch die ganz indi­vi­du­elle Ausdeh­nung des Möglich­kei­ten­raumes. „Was soll von mir bleiben?“ ist die Frage, die treibt. Immer ist es eine Entde­ckung, eine Erkenntnis die erst durch den Gang durch den Möglich­kei­ten­raum möglich wurde. Es ist das, was bleibt, wenn die Möglich­keiten vom schwarzen Loch des Lebens­endes wieder verschlungen werden. Der Wert in dieser Lebens­phase ist die eigene Nach­hal­tig­keit, der Nicht-Wert Vergäng­lich­keit.

Erik Erickson sieht Gene­ra­ti­vität / Stagna­tion in Phase 7 und Ich-Inte­­gra­­tion / Verzweif­lung in der letzten seiner Phasen, der Phase 8. Gene­ra­ti­vität ist das Weiter­geben, die Fort­pflan­zung im direkten und über­tra­genen Sinn. Damit eine gesunde Ich-Inte­­gra­­tion statt­finden kann, muss ein Mensch etwas in sich als weiter­le­bend in jemanden anderem oder einem univer­sellen Kontext empfinden. Ohne dass entsteht Leere, ja Verzweif­lung.

Entschei­dend für eine frucht­bare Sinn­phase ist die vorhe­rige Inte­gra­tion. Ich erlebe Verzweif­lung vor allem bei Menschen, die in ihrem Leben den zentralen Themen aus dem Weg gegangen sind. Dazu gehört die Ausein­an­der­set­zung mit der eigenen Herkunft und Familie und den Prägungen genauso wie mit Lebens­ent­schei­dungen, etwa zugunsten der Karriere. Refle­xion ist also auch wieder wichtig, Verdrängen erweist sich typi­scher­weise nur vorüber­ge­hend als gesunde Stra­tegie.

 

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

7 Kommen­tare

  1. Ruth Pink 30. August 2019 at 8:42 — Reply

    Guter Beitrag.
    Ergänzen kann ich noch, dass während der Sinn­phase auch das Ankommen wieder zum Thema werden kann. Gerade bei Menschen mit 50plus erlebe ich in Coachings durchaus eine Aufbruch­stim­mung nach dem Motto: Was kann ich noch tun? Soll ich nochmal den Job wech­seln?
    Bleiben oder Gehen ist also auch im fort­ge­schrit­tenen Alter eine sinn­hafte Frage.
    Gruß, Ruth Pink

  2. Beck­mann 12. September 2019 at 16:24 — Reply

    Hallo, Frau Hofert,
    ich bin ein Ingenieur/ Abtei­lung “Denker”.
    Vielen Dank, das ist eine diffe­ren­zierte Darstel­lung des Lebens­plans.
    Die wird Sie wohl wahr­schein­lich über­dauern.
    Ich dachte letz­tens, dass eine Verknüp­fung von Beruf und Haltung eine größere Effi­zienz insge­samt bringt.
    Kinder orien­tieren sich ja so bezüg­lich ihren Berufs­wunsch: passt mein Habitus, mein Aussehen zu den Kollegen?
    Soldaten haben übri­gens viel von Ärzten oder auch Medizin- Forschern (zumin­dest Offi­ziere, die immer mal zu Übungen gerufen werden und auch Manöver weit weg von zuhause haben). Das klappt ganz gut!
    Mir sagte ein hoher Beamter im Schul­dienst kürz­lich beispiels­weise, man könne nicht zu einer Stelle in einem komplett anderen Umfeld ziehen, wenn man das nicht als Kind geübt habe.

    Fazit: das ist aber kompliziert!it freund­li­chen Grüßen
    Beck­mann

  3. Duc 27. Oktober 2019 at 15:43 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    sehr guter Beitrag bzw. Blog!

    Ich sehe es genauso, dass nicht nur Karriere, sondern über­grei­fend auf das Leben umso wich­tiger ist. Das eine spie­gelt sich auf das andere. Wenn man aufrichtig, respekt­voll und positiv durch das Leben geht, so färbt das auch auf die Karriere ab und umge­kehrt. Ich empfehle hierbei immer zuerst die Persön­lich­keits­ent­wick­lung und einher geht wie oben schon geschrieben die Karriere kommt von alleine!

    Lg
    Duc

  4. Nola 16. November 2019 at 9:16 — Reply

    Ein moti­vie­render Artikel um im Berufs­leben weiter zu kommen! Ich suche Jobs in der Hotel­lerie und möchte da meine Karriere aufbauen. Hier finde ich tolle Tipps!

  5. Maria K. 2. Januar 2020 at 18:35 — Reply

    Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich finde diese Erklä­rung sehr nach­voll­ziehbar, dass die Neuori­en­tie­rungs­phase Teil der Karrie­re­phase ist.
    Mit 42 mache ich mir gerade diese Gedanken und bin um ehrlich zu sein etwas verun­si­chert durch Ihre Beiträge, dass Recruiter nur U40 Agile Coaches suchen. Das spie­gelt schon jetzt meine Erfah­rung auf dem Arbeits­markt wieder, dass trotz guter Quali­fi­ka­tion gerade bei Frauen Ü40 oft durchs Raster fallen. Keine Neuori­en­te­rung ist auch keine Lösung. Falls Sie einen dahin­ge­henden Tipp haben, wäre ich Ihnen sehr dankbar.

  6. Dirki 9. Februar 2020 at 8:34 — Reply

    Dieser Beitrag ist echt Klasse und sehr umfang­reich. Lieben Dank dafür Frau Hofert. Ich hatte vor einem Jahr meine Unter­lagen bei https://cvexpert.de erstellen lassen und wurde auch direkt bei einem großen Auto­mo­bil­zu­lie­ferer als leitender Ange­stellter einge­laden. Ich bin erst 40 Plus, aber es ist in jeder Lebens­phase eine Heraus­for­de­rung.

  7. laura 7. März 2020 at 11:07 — Reply

    Klasse Beitrag, ich selbst bin im Perso­nal­wesen tätig und merke es selbst immer wieder wie gerade Junge Leute durch ihre Karrie­re­phasen wech­seln. Auf dieser Website finden sich auch einige span­nende Artikel zum Thema Weiter­bil­dung und beruf­liche Möglich­keiten.

    Liebe Grüße

Leave A Comment