Kate­go­rien

Neue Karrie­re­mo­delle: Wenn Frauen auch Karriere wollen

Published On: 25. August 2011Cate­go­ries: Führung

Silke war auf die Kunst­stoff­branche spezia­li­siert, wollte aber mit den zwei kleinen Kindern und Ehemann auf dem Land in Bayern leben. Schwierig für die Inge­nieurin, einen Job zu finden, in den sie ihre Kern­kom­pe­tenz einbringen konnte. Darüber hatte sie vorher nicht nach­ge­dacht. Eine gute Ausbil­dung — und dann doch ausge­bremst?

Je spezi­eller ein beruf­li­ches Profil heute ist, desto mobiler müssen Menschen sein. Das ist gut, solange man glück­li­cher Single ist – aber meist ein Problem, wenn sich das ändert. Während früher die Frau dem Mann  nach­ge­reist ist und bereit­willig mehrere Umzüge und auch einige Jahre im Ausland in Kauf genommen hat (um dann nicht selten für eine Jüngere verlassen zu werden), verteilen sich die Rollen heute immer öfter anders. Zwei Spezia­listen in unter­schied­li­chen Fach­be­rei­chen und Bran­chen, also eines der wich­tigsten Karrie­re­mo­delle der Zukunft der Arbeit, sind da kaum noch regional zu verein­baren. Was tun?

Die Karrie­re­ex­pertin Elisa­beth Bröschen aus Hamburg, Mitglied im Profi-Netz­­werk Karriereexperten.com, hat selbst eine Doppel­kar­riere geführt und sich mit „Paarund­pro­fes­sion“ auf die Bera­tung von Doppel­kar­rie­re­paaren spezia­li­siert. „Gerade bei Paaren in ambi­tio­nierten Posi­tionen geht es darum, Lebens- und Arbeits­be­din­gungen auszu­han­deln, die für beide akzep­tabel sind“, sagt sie.

Das kann manchmal bedeuten, dass der eine Partner eine Zeit­lang zurück­tritt und dem anderen den Vortritt lässt. Warum nicht die Frau? Für mein vergrif­fenes Buch „Papa ist die beste Mama“ habe ich 2005 einige Paare gespro­chen. Zu einem meiner dama­ligen Gesprächs­partner hatte ich neulich noch einmal Kontakt: Hier hat die Frau nach wie vor – jetzt seit mehr als acht Jahren — eine Führungs­po­si­tion, der Mann arbeitet weiterhin Teil­zeit. Beide sind überaus zufrieden mit dem Modell. So eine Auftei­lung passt, wenn einer von beiden nicht ehrgeizig ist. Und sie funk­tio­niert auf Dauer nur dann, wenn die Frau Abschied den fehlenden Ehrgeiz bei Ihrem Partner akzep­tiert und wert­schätzt. Der Partner lässt sich, anders als manch Haus­müt­ter­chen nach altem Modell, eben nicht wie ein Ausstel­lungs­stück, eine Dienst­magd oder Hausas­sis­tenz behan­deln lassen. Ehrgei­zige sollten sich vor Augen halten: Unsere Welt braucht die Leis­tungs­af­finen genauso wie die Dienst­leister  und Sinn-Gesteu­erten. Und an die Frauen gerichtet (Mädels, packt die Frau­en­zeit­schriften weg ;-)): Man kann nicht zugleich Karriere und einen Macho wollen, geht nicht 😉

Die „Dopp­lung des männ­li­chen Karrie­re­mo­dells“, bei der zwei Karrie­risten voll durch­starten und die Kinder­er­zie­hung mehr oder weniger komplett an Dritte abgeben, erfor­dert hohe Einkommen auf beiden Seiten. Nach allem, was ich in meiner Karrie­re­be­ra­tung höre und erlebe, ist es viel­fach eben doch kein Ideal­mo­dell. Das Kind bleibt auf der Strecke, wenn es seine Eltern nur nach Termin­ver­ein­ba­rung sieht. Als Mutter eines Einzel­kindes, selbst Typ „Karrie­re­frau“, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass Voll­zeit­kar­riere als Ange­stellte ohne einen Trupp von Helfern möglich ist. Mir wäre das zu stressig. Und vielen meiner Klien­tinnen, davon ein Groß­teil nicht minder leis­tungs­ori­en­tiert, ist es das auch.

Alter­na­tive Modelle sind eine Lösung. Wenn einer der Partner selbst­ständig ist, gibt das einen ganz anderen Frei­raum. „Selbst­stän­dige sind örtlich und zeit­lich oft flexi­bler“, sagt auch meine Kollegin und Karrie­re­ex­pertin Dagmar Rissler. So kann ein  Partner, der beispiels­weise kreativ arbeitet oder einen Online-Shop betreibt, leichter den örtli­chen Schwer­punkt verla­gern.

Kluge Berufs­wahl ist ebenso nicht nur Alter­na­tive, sondern notwendig — am besten schon als Absol­vent in die eigene Lebens­mo­dell­kugel schauen. Je kleiner die Nische, desto flexi­bler und Regi­ons­ge­bun­dener ist man. Ein Wirt­schafts­prüfer ist räum­lich flexi­bler als ein Spezia­list für einen Teil­be­reich der Agrar­wirt­schaft. Das merken viele meiner Kunden erst zu spät: Am Anfang des Berufs­leben spielt etwas anderes eine Rolle als später. Norma­ler­weise sinkt auch die Reise­be­reit­schaft mit dem Alter und der fami­liären Bindung. 

Wichtig ist, noch bevor Kinder ins Spiel kommen, eine klare Verein­ba­rung. Rede darüber, ist deshalb eine Grund­regel. Und das geht manchmal besser in einem mode­rierten Gespräch mit einem Coach, der beide Seiten zu Offen­heit auffor­dert und zu konkreten Abspra­chen ermu­tigt.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Simone Happel 26. August 2011 at 9:52 — Reply

    Liebe Frau Hofert,

    auch ich sehe in der “Dopp­lung des männ­li­chen Karrie­re­mo­dels” — zumin­dest lang­fristig gesehen — kein Ideal­mo­dell. Aller­dings empfinde ich es auch als nahezu unmög­lich, bereits mit Anfang 20 oder noch jünger, so in die “Lebens­mo­dell­kugel” zu schauen, dass man die Weichen optimal stellen kann. Und ich glaube, dass das auch gar nicht notwendig ist. Denn sowohl die Erwar­tungen an das eigene Leben als auch die Arbeits­märkte wandeln sich stetig. Warum nicht in der Fami­li­en­grün­dungs­phase eine bewusste Chance zur Neuori­en­tie­rung sehen und zum Beispiel nach einigen Jahren als Angestellte/r den Weg in die Selb­stän­dig­keit gehen? Denn ja, “alter­na­tive Modelle sind eine Lösung” und im Zeit­alter des Inter­nets sicher keine Notlö­sung.

    Danke für den anre­genden Artikel!

    Herz­liche Grüße

    Simone Happel

    • Svenja Hofert 26. August 2011 at 10:35 — Reply

      Liebe Frau Happen, danke für die tolle Ergän­zung. Das ist natür­lich richtig. Es fordert aber die Bereit­schaft noch mal zu lernen, neu anzu­fangen, kleine Bröt­chen zu backen. Das sehen offene Menschen wie wir beide es vermut­lich sind, sehr positiv: hurra, eine neue Heraus­for­de­rung 😉 Ich weiß aber aus meiner Praxis, dass die Wahr­neh­mung da sehr unter­schied­lich ist und für manche das Umstellen auf etwas ganz Neue extrem belas­tend. Es reicht eben nicht, noch mal einen Heil­prak­ti­ker­schein zu machen. Man muss bei größeren Verän­de­rungen in Jahr­fünften denken. Passt eigent­lich wunderbar in eine Eltern­zeit .… und wäre toll, wenn mehr darüber nach­denken würden. LG SH

  2. Thomas Hoch­ge­schurtz 26. August 2011 at 10:42 — Reply

    “Frau kann nicht Karriere und einen Macho wollen”, hat mir am Besten gefallen. Gibt es eigent­lich die weib­liche Form von Macho?

    Aber ernst­haft: das Einzige, was mich an Ihrem Beitrag stört, ist, dass “Karriere” stark mit “Ange­stellt sein” asso­zi­iert wird. Selb­stän­dig­keit ist (auch in jungen Jahren) eine hervor­ra­gende Möglich­keit Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen; für beide Partner. Das ist zumin­dest meine Erfah­rung nach 16 Jahren Konzern­kar­riere und zwei Jahren Selb­stän­dig­keit;-)

  3. Carsten Stenzel 26. August 2011 at 11:28 — Reply

    Selb­stän­dig­keit ist in der Tat eine sehr gute Möglich­keit, um eine hohe Flexi­bi­lität zu geniessen.

    Eine andere Option ist der Wechsel in den Vertrieb. Viele Unter­nehmen, die Vertriebs­per­sonal einstellen, sind gerade auf der Suche nach Fach­kräften, die ein gewisses verkäu­fe­ri­sches Talent mit sich bringen. Letzt­end­lich ist es einfa­cher eine Fach­kraft, gerade in anspruchs­vollen Diszi­plinen zum Verkäufer zu “machen”, als umge­kehrt einem guten oder talen­tierten Verkäufer das entspre­chende Fach­wissen beizu­bringen.

    Viele Unter­nehmen bieten Ihren Mitar­bei­tern in diesem Bereich flexible Arbeits­be­din­gungen. Sei es durch flexi­blere Arbeits­zeit­mo­delle oder Home­Of­­fice-Möglich­keiten. Gerade bei spezia­li­sierten Bran­chen sind zudem die Verdienst­mög­lich­keiten sehr hoch.

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