Kate­go­rien

Psycho­lo­gi­sche Diver­sität: Wenn aus Viel­falt Einfalt wird

Published On: 13. Juli 2022Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Feuer und Eis: Viel­falt ergibt sich aus der Natur­ge­walt der Unter­schiede. Mir gefällt unter­schieds­mo­ti­vierte Viel­falt, aber sie hat eben Grenzen. Dann nämlich, wenn sie dazu führt, dass man sich selbst und eine Idee zurück­steckt, ja sich zurück entwi­ckelt, eine Stärken bremst. Da entstehen dann faule Kompro­misse um des lieben Frieden willens.

Der Konflikt kann immer ein Anfang sein, Geburt. Jede neue Idee beginnt damit, dass andere sich über sie (und die Urhe­berin) aufregen. Viel­falt liefert Konflikt­po­ten­zial, und wir brau­chen Konflikte drin­gend. Nur dadurch lösen wir künf­tige Probleme. Deshalb ist das, was ich jetzt sage ein Grenz­gang.

Manche Unter­schiede sind einfach nur Ener­gie­räuber und Produk­ti­vi­täts­killer.

Und manche Konflikte gebähren nichts Neues. Sie helfen auch niemand, vor allem auch der (neuen) Sache nicht.

Meine Einstel­lung dazu hat sich in den letzten Jahren gründ­lich gewan­delt. Der Grund ist, dass ich immer wieder zu opti­mis­tisch war. Ich glaubte, dass man sich verstehen könne, wenn man nur wolle. Doch Verstehen ist an sich schon eine Unmög­lich­keit. Je mehr man verstehen will, desto mehr versteht man, dass man sich nicht verstehen kann. Deshalb hören viele früh­zeitig auf — bis zu dem Punkt an dem sie noch denken, sich zu verstehen. Das ist die Ober­fläche.

Man muss das Nicht-Verstehen akzep­tieren.

Heute denke ich: Man muss das Nicht-Verstehen akzep­tieren. Und die Folge davon kann nur sein, dass man aufhört, um Verstehen zu ringen. Jeden­falls dort, wo das, woran man glaubt, noch keine Chance hat, sich durch­zu­setzen. Ich betone noch. Es ist alles immer eine Frage der Zeit. Und die ist nicht nur chro­no­lo­gisch. Der Zeit­gott Kairos betont die Gele­gen­heit, die man beim Schopf packen müsse.

Unter­schied­liche Denk­stile sind wie Straßen, die sich nie kreuzen

Psycho­lo­gi­sche Diver­sität ist ein noch recht junger Begriff. Er besagt, dass es unter­schied­liche Persön­lich­keits­merk­male in Teams geben sollte, damit diese durch ihre Unter­schied­lich­keit gute Ergeb­nisse erzeugen.

Es gibt einige Merk­male, bei denen eine psycho­lo­gi­sche Unter­schied­lich­keit beson­ders verhee­rend ist:

  • Unter­schied­li­cher Leis­tungs­willen ist eine frus­trie­rende Heraus­for­de­rung, wenn gegen­sei­tige Abhän­gig­keit beim Ergebnis besteht.
  • Ein stark vari­ie­rendes Intel­li­genz­level erzeugt nicht nur posi­tive Reibung. Der „Dumme erkennt den Klugen nicht“, das ist leider ebenso wahr wie die Neigung zur Über­schät­zung eigener Intel­li­genz (wie auch Exper­tise).
  • Unter­schied­liche Offen­heit für neue Erfah­rungen: Wenn die einen immer wieder nach neuen Ansätzen forschen und Komplexes zu durch­dringen suchen, die anderen aber lieber beim Alten bleiben und abweh­rend auf jede Abwei­chung reagieren, ist das zermür­bend — und nicht fruchtbar.

Die Unter­schiede zeigen sich vor allem in Verhalten und dessen Bewer­tung: Eine Klientin erle­digte ihre Arbeit im neuen Job viel schneller als die anderen. Der Vorge­setzte freute sich nicht darüber, sondern mobbte. Im Zweifel dekli­nieren sich die Leis­tungs­fä­hi­geren, Offe­neren wie auch die Klügeren abwärts. Vor allem, wenn die Führungs­kraft keinen Raum und Rahmen gibt, in dem psycho­lo­gi­sche Unter­schied­lich­keit produktiv werden kann.

Denn in manchen orga­ni­sa­to­ri­schen Umfel­dern geht es mehr um Cultural Fit als um Wert­schöp­fung. Das wahre Ziel ist der Selbst­er­halt der Gruppe inklu­sive ihrer Normen, die sich in der jewei­ligen Orga­ni­sa­ti­ons­kultur ausbilden und verfes­tigen konnten.

Bitte keine Einfalt

Wenn Sie jetzt denken, dies sei Plädoyer dafür, gleich­för­mige Teams zu bauen – im Gegen­teil. Einst fragte ich eine sehr homo­gene Abtei­lung aus sieben Psycho­logen, an welchem Busi­ness sie sich denn bei der agilen Trans­for­ma­tion ihres Bereichs orien­tierten — also warum sie das machten. Man hatte bis dahin einfach nur jede Menge Papier erzeugt. Aber für was und wen?

Schweigen im Walde. Das sagt nun auch wieder etwas: Wenn divers viel­fältig ist, ist das Gegen­teil manchmal eben einfältig. Ein BWLer dazwi­schen wäre vermut­lich hilf­reich gewesen. Nein, Unter­schied­lich­keit erhöht die Zahl mögli­cher Perspek­tiven, man braucht sie defi­nitiv.

Doch es muss etwas dazu kommen. Die geteilte Vorstel­lung von Problem, Ziel und dem Einsatz zur Ziel­er­rei­chung. Je wich­tiger mir etwas ist, desto eher bin ich bereit, mich mit den Macken meiner Kollegen zu arran­gieren. Die eigene Persön­lich­keit tritt zurück. Wenn wir gemeinsam am Ende etwas Tolles auf den Weg bringen, lohnt sich auch der ein oder andere verbale Ring­kampf. Dann bemühen wir uns auch die Sprache des anderen zu verstehen.

Aber nur dann.

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Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung meines News­let­ter­textes Vorsicht, explo­sive Unter­schiede.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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