Kate­go­rien

Prost! Mein Inter­view mit ChatGPT über Agilität, System­theorie und erfolg­reiche Unter­nehmen

Published On: 21. Januar 2023Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Was weiß künst­liche Intel­li­genz über Agilität? Kann sie uns bei Einschät­zungen helfen? Ist sie in der Lage etwas sogar als “Buzzword” oder “Mode” zu enttarnen? Oder schnat­tert sie mit den anderen Enten im Teich? Ich habe ein kriti­sches Inter­view mit der OpenAI-Entwick­­lung ChatGPT geführt. Mein Fazit und Vor- und Nach­teile gibt es am Ende des Beitrags.

Frage: Welche Themen sind heiß im Bereich Agile?

Kommentar: In der Tat war die Anwen­dung in Regu­lie­rungs­in­dus­trien 2021 und auch 2022 ein Thema. Banken und Versi­che­rungen sind teils schon früher größere agile — wie immer man das defi­niert — Schritte gegangen als etwa Phar­ma­kon­zerne. Vor beson­deren Heraus­for­de­rungen, beson­ders in Deutsch­land, steht aller­dings die Verwal­tung.

Die Anwen­dung von Agile in Remote-Teams als heiß zu bezeichnen, geht aller­dings am Thema vorbei. Remo­te­ar­beit ist ein von agilen Methoden erst mal unab­hän­giges Thema. Einen direkten Bezug sehe ich nicht.

Insge­samt ist die Antwort also nicht falsch, aber auch nicht beson­ders aufschluss­reich. Ich habe daraufhin noch mal nach­ge­fragt, wie es denn speziell in Deutsch­land um Agilität bestellt sei. Die Antwort von ChatGPT war ein belie­biger, nicht­sa­gender Text: Deutsch­land hätte man auch durch die Türkei ersetzen können.

Drei wich­tige Themen sieht die KI nicht:

  1. Die Dezen­tra­li­sie­rung und das teil­weise Auflösen gewohnter Abtei­lungs­grenzen.
  2. Die daraus folgende notwen­dige Verän­de­rung einge­fah­rener Kommu­­ni­­ka­­tions-Muster.
  3. Den Bezug zu New Work, der getrieben von Quiet Quit­tung und der Demo­gra­fie­krise immer deut­li­cher wird.

Ich habe dann noch mal nach­ge­fragt, was New Work mit Agilität zu tun hat. Antwort: “New Work hat in vielerlei Hinsicht eine enge Verbin­dung zu Agilität. Beide Konzepte betonen die Notwen­dig­keit von Flexi­bi­lität und Anpas­sungs­fä­hig­keit in einer sich schnell verän­dernden Arbeits­welt.” Okay, kann man so sagen. Für einen ober­fläch­li­chen Text ordent­lich.

Die Sprache aller­dings ist ungenau. Sind es wirk­lich “Konzepte”? Ich habe im Prompt dann Folgendes erwi­dert: “Ich sehe nicht, dass es sich bei New Work um ein Konzept handelt.”

ChatGPT daraufhin: “Sie haben Recht, dass New Work kein einheit­li­ches Konzept ist und es unter­schied­liche Ansätze und Inter­pre­ta­tionen gibt. New Work kann als ein Ober­be­griff für verschie­dene Ideen und Ansätze verstanden werden, die sich auf die Verän­de­rungen im Arbeits­um­feld und die Anfor­de­rungen an die moderne Arbeits­welt beziehen.”

Das habe ich schon öfter beob­achtet. Gegen Kritik ist ChatGPT sehr empfind­lich. Er knickt sofort ein, vertei­digt seine Aussagen nicht. Ist ja auch gut so, einer­seits.

Frage: Ist die Kritik der System­theorie an Agilität gerecht­fer­tigt?

Kommentar: Offenbar ist ChatGPT stark an Metho­den­denken ausge­richtet (worden), was ich als “Metho­do­logie” bezeichne. Er wendet auch nicht ein, was man hier einwenden müsste: Es gibt nicht “die System­theorie”. Von Luhmann und sozialen Systemen habe ich nichts geschrieben. Er weiß offenbar nicht, wovon er redet.

Zurück zur Metho­do­logie. Diese geht davon aus, das bestimmte Vorge­hens­weisen anderen über­legen seien. Kontext­fak­toren werden dabei ausge­blendet. Die Über­be­wer­tung von Methoden ist sehr verbreitet im Denken — und zeigt sich auch im Text. Was wiederum deut­lich macht: KI spie­gelt die Vergan­gen­heit, auch wenn sie für die Zukunft nicht (mehr) oder nur bedingt zu gebrau­chen ist.

Inso­fern verdeut­licht die Antwort vor allem das aktu­elle Para­digma, aber keinen Para­dig­men­wechsel. Das ist ein Wider­spruch zum ersten Teil der Antwort, den die KI natür­lich gar nicht merken kann, weil sie ja nicht wahr­nimmt.

Die aktu­elle Kritik aus Rich­tung der sozialen System­theorie nach Luhmann können Inter­es­senten etwa bei Stefan Kühl “Der sinn­lose Hype um Agilität” nach­lesen.

Frage: Was macht ein agiles Unter­nehmen im Kern aus?

Kommentar:  Prin­zi­pien und Werte inte­grieren — wenn der wüsste! Weiß er aber nicht: Das, was hier als Kenn­zei­chen genannt wird, ist eher Wunsch­vor­stel­lung derer, die denken, Werte ließen sich imple­men­tieren wie Soft­ware. Noch mal: Metho­do­logie. Und ist ein Unter­nehmen nur agil (und damit anpas­sungs­fähig), wenn es Werte und Prin­zi­pien aus Scrum nutzt? Sicher nicht, muss man sich etwa die Erfolgs­story von Netflix anschaut. Mit Methoden hat die gar nichts zu tun.

“Agiles Unter­nehmen” wird viel­mehr wie ein Marke­ting­label gehand­habt. Die Antwort von ChatGPT spie­gelt deshalb vor allem eins: Was derzeit so an Miss­ver­ständ­nissen unter­wegs ist.

Frage: Woran erkennt man Agilität, was macht es aus?

Kommentar: Die Antwort ist okay, aber auch hier reicht es nur für etwas Abtasten an der Ober­fläche. Eine Diffe­ren­zie­rung kommt nicht heraus, etwa zwischen Busi­ness Agilität und Projekt­ma­nage­ment.

Auch die Sprache ist — so fehler­frei sie ist — letzt­end­lich unsauber: Mecha­nismen und Krite­rien werden ohne expli­zite Abgren­zung vonein­ander verwendet. Was nicht erwähnt wird, ist zudem die Ausrich­tung am Wert­strom und Kunden­zen­trie­rung. Kunden­feed­back dagegen erscheint mir als kenn­zeich­nender Begriff zu selbst­ver­ständ­lich.

Die Antworten sind auch beim Thema Test-driven-Deve­­lo­p­­ment sehr auf Soft­ware­un­ter­nehmen ausge­richtet.

Frage: Ich finde deine Antworten auswei­chend. Jedes Unter­nehmen behauptet das doch. Ich kenne keines, dass NICHT für Zufrie­den­heit der Kunden steht.

Kommentar: “Tut mir leid” schreibt ChatGPT etwa so oft wie “es ist wichtig, dass…” Es ist seine Stan­dard­ant­wort, wenn man mit etwas nicht zufrieden ist. Dies aber erkennt er an unter­schied­li­chen Sprach­struk­turen und nicht nur an Wörtern. Das möchte ich würdigen.

Inhalt­lich ist das jedoch Blabla. Was sind bitte klare Mecha­nismen? Der Abschnitt mit der Selbst­or­ga­ni­sa­tion wiederum liest sich tref­fend.

Frage: Nenn doch mal Namen von agilen Unter­nehmen!

Kommentar: Auch hier zeigt sich ChatGPTs seinen Ich-schöpfe-aus-dem-was-da-ist-Bias. Genannt werden die Unter­nehmen, die selbst aktiv in die Medien gehen und sich entspre­chend “labeln”. Und was bitte bedeutet “erfolg­reiche Imple­men­tie­rung”? Ist die Agilität danach durch — sind wir fertig?

Droht dann nicht das Nokia-Szenario?

Nach­fragen dazu konnte die KI nur mit weiterem Blabla beant­worten.

Frage: Toyota? Die waren doch mal erfolg­reich? Wir schreiben das Jahr 2023!

Kommentar: Mal nicht “es tut mir leid”. Zum Abschluss des Inter­views erfahre ich nun auch, dass der Kennt­nis­stand sogar von 2021 ist. Ändert aber nichts daran, dass Toyota ein gutes Beispiel für die 1970er Jahre wäre — nicht aber für heute. Das “Toyota Produc­tion System” ist der Lean-Historie zuzu­ordnen. Und für die aktu­elle Zeit nicht mehr passend.

Und dann hatte ich noch eine Frage an ChatGPT: Was unter­scheidet ein agiles Unter­nehmen von einem erfolg­rei­chen Unter­nehmen? “Ein erfolg­rei­ches Unter­nehmen ist ein Unter­nehmen, das in der Lage ist, Gewinne zu erwirt­schaften und seine Ziele zu errei­chen. Ein agiles Unter­nehmen hingegen ist ein Unter­nehmen, das die Prin­zi­pien der Agilität in seiner Arbeits­weise verfolgt. (…) Ein erfolg­rei­ches Unter­nehmen muss nicht zwangs­läufig agil sein, aber ein agiles Unter­nehmen hat in der Regel eine höhere Wahr­schein­lich­keit, erfolg­reich zu sein, da es schneller auf Verän­de­rungen reagieren und die Bedürf­nisse seiner Kunden besser erfüllen kann.”

Danach habe ich gefragt: “Bist du sicher?”

Antwort: “Als AI Modell habe ich keine Gewiss­heit, sondern ich basiere meine Antworten auf meiner program­mierten Kennt­nisse und der Infor­ma­tionen die mir zur Verfü­gung stehen.” Na, da bin ich aber froh. Auch, dass ich im nach­fol­genden Text dann endlich mal einen Recht­schreib­fehler gefunden habe — agilität klein­ge­schrieben.

Fazit: Vorsicht, Buzzword-Gene­rator mit guten Ansätzen

Das Inter­view zeigt die Vorteile und Schwä­chen von ChatGPT und damit auch künst­li­cher Intel­li­genz im derzei­tigen Stadium. Es machte mit die Grenzen noch etwas deut­li­cher bewusst als mein Youtube-Stär­ken­­test, bei dem die Themen weniger komplex waren.

Im Grunde kann man nicht wirk­lich von Intel­li­genz spre­chen, es ist mehr Aufbe­rei­tung von Wissen. Aller­dings… wenn man weiterhin Intel­li­genz als das defi­niert, was ein Intel­li­genz­test misst, dann leider doch… Wäre mal inter­es­sant, wenn das jemand testet. Meine Vermu­tung ist, dass die Wort­flüs­sig­keit auf einen IQ von 100 raus­laufen könnte.

Wenn Intel­li­genz jedoch schöp­fe­ri­sche Intel­li­genz inklu­sive diver­gentem Denken meint, dann nicht. Dazu empfehle ich meinen. Text über zeit­ge­mäße Intel­li­genz­de­fi­ni­tionen.

Einige Vorteile, die ich erkenne:

  • Es lassen sich schnell Texte zu einem Thema zusam­men­stellen.
  • Die Recht­schrei­bung ist über­wie­gend tadellos.
  • Die Texte weisen oft sinn­volle Glie­de­rungen auf.
  • Die KI ist so program­miert, dass sie auf eigene Grenzen hinweist.
  • Sie bemüht sich um Ausge­wo­gen­heit in der Darstel­lung.
  • Sie bezieht keine Posi­tion, bildet keine Meinung.

Einige Nach­teile:

  • Der Stand des Wissens ist selten einheit­lich, auch in der Wissen­schaft gibt es verschie­dene Posi­tionen. Das gibt die KI nicht wieder.
  • Die Texte scheinen sich auf den größt­mög­li­chen Konsens zu beziehen.
  • Sie sind in keiner Weise kreativ, in dem Sinne, dass sie diver­gentes Denken spielen.
  • Sie sind in keiner Weise inno­vativ, in dem Sinne, dass sie Gedanken schaffen, die noch nicht in der Welt sind.
  • Die verbale Flüs­sig­keit und Ausdrucks­fä­hig­keit ist begrenzt, viele Begriffe werden ohne Abgren­zung einfach synonym verwendet.
  • Bestimmte Aspekte werden über­ge­wichtet.
  • Es ist nicht trans­pa­rent, wie die inhalt­liche Auswahl zustande kommt.
  • Es gibt keine Quel­len­nach­weise.

Die aktu­elle Diskus­sion über die mit KI erstellten und nicht entspre­chend gekenn­zeich­neten Artikel bei CNET zeigt die Proble­matik. Es war bei den kriti­sierten Beiträgen redak­tio­nell nicht erkennt­lich, dass KI am Werk war. Dadurch wurden Leser in die Irre geführt.

Wir alle wissen: Auch ein von einem Menschen verfasster Text kann schlecht sein, beispiels­weise schlecht recher­chiert. Aber: Es gibt eine Kenn­zeich­nungs­pflicht. Wir müssen wissen, ob da jemand am Steuer sitzt und lenkt.

Exper­ten­prü­fungen werden immer wich­tiger, was sicher auch die Jour­na­lis­ten­aus­bil­dung verän­dern wird. Was im wissen­schaft­li­chen Bereich als “Peer Review” bekannt ist, braucht es auch bei Gebrauchs- und Sach­texten.

Wer meinen Test etwas gekürzt lieber sieht, findet hier ein Video:

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Foto von Pavel Dani­lyuk: https://www.pexels.com/de-de/foto/technologie-wein-festhalten-forschung-8439094/

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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