Kate­go­rien

Lohn­schmelze oder: Hartz IV als Gewinn­op­ti­mierer der Unter­nehmen

Published On: 5. Januar 2008Cate­go­ries: Führung

Touris­tik­fach­kraft für 1800 Euro? Mode­de­si­gner mit 1600 brutto? Jour­na­list mit 60-Stunden-Woche und 1500 Euro auf vermeint­lich freier, in Wahr­heit schein­selbst­stän­diger, also Ange­stellen-Basis? Eine Doktorin, die an der Uni 2200 Euro bekommt? Als Karrie­re­be­ra­terin bekomme ich seit Jahren hautnah mit, wie wenig in einigen Berei­chen und Bran­chen gezahlt wird. Das gilt längst nicht mehr für Menschen mit schlechter Ausbil­dung, sondern immer öfter und gerade für Akade­miker. Teil­weise sind Gehälter seit Jahren im Sink­flug, teil­weise stagnieren sie. Beson­ders kriti­sche Bran­chen und Segmente: Touristik, Tages­zei­tungs­jour­na­lismus, Kultur, Mode/Textil, Design, Foto, Werbung. Je “schöner” die Branche, desto höher der Zulauf, desto geringer das Gehalts­ni­veau.

Das ist schon länger so. Neu ist, dass seit Hartz IV diese Bran­chen verstärkt und auch andere Bran­chen den Gewinn­op­ti­mierer Lohn­schmelze entde­cken — da ist die Springer-Tochter Pin Group AG oder der Call-Center-Betrieber Walter, der nach einem heutigen Bericht der Hamburger Morgen­post im einen Toch­ter­un­ter­nehmen höher­be­zahlte Agents entlässt, um sie im anderen wieder zwei Euro güns­tiger einzu­stellen. Immer öfter höre ich, dass klei­nere Firmen ihre Mitar­beiter mit dem Hinweis gewinnen, dass zum Leben fehlende Geld könnten sie sich ja bei der ARGE holen. Mitar­beiter werden sogar hinsicht­lich eines solchen Antrags beraten. Diese Unter­nehmen kalku­lieren damit, dass ihre Mitar­beiter von Hartz-IV aufge­fangen werden — und sanieren sich damit selbst. Denn: Alle oben genannten (realen) Brutto-Gehälter führen direkt zur ARGE, wo in der Regel aufsto­ckendes Arbeits­lo­sen­geld bean­tragt wird — denn zum Leben reichen sie nicht, erst recht nicht zum Ernähren einer Familie (wie ich etwa auch in einem Artikel für die Compu­ter­woche darge­legt habe).

Medien “wundern” sich über Zahlen, die davon spre­chen, dass die Zahl der so genannten Aufsto­cker von Monat zu Monat steigt und sich von Jahr zu Jahr verdop­pelt. Mich wundern die Statis­tiken nicht: Die wenigsten Menschen kennen die Möglich­keiten und wer davon hört, schämt sich oft, zum Amt zu gehen.

So subven­ti­nieren wir mit unseren Steu­er­gel­dern die Gewinne der Unter­nehmen: Die Löhne, die dank Hartz IV geringer ausfallen können, werden indi­rekt mit unseren Steu­er­gel­dern bezu­schusst. Unver­ständ­lich, dass das zum Beispiel der Chef­re­dak­teur der von mir sonst aufgrund des guten Schreib­stils geschätzten Vanity Fair immer noch gegen Mindest­löhne poltert. Und seltsam, dass der Stern,nun ja — von Haus aus eher popu­lis­tisch — dieses Thema erst vor zwei Wochen aufge­griffen hat.

Svenja Hofert

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

Leave A Comment