Vor kurzem war ich Spre­cherin auf der Agile World 2023 in München. Ich habe über den notwen­digen Slow­down gespro­chen, den wir brau­chen, um uns neu zu besinnen. Mein Appell: Spürt, was wirk­lich wichtig ist!

Einige Wochen später zeigt sich die Aktua­lität meines Appells: Deutsch­land ist wieder der kranke Mann Europas. Es stagniert. Weichen­stel­lungen sind nur weniger gelungen. Alle Agili­täts­be­we­gungen haben nichts genutzt. Sie sind versandet — im deut­schen Büro­kra­tie­wahn­sinn und Perfek­tio­nismus, der selbst Agilität auf die Spitze treibt. Und alles ad absurdum führt — selbst die Führung. Es fehlt Prag­ma­tismus, es fehlt Spaß am Auspro­bieren, es fehlt Krea­ti­vität. Statt­dessen wird opti­miert, bis es nichts mehr zu opti­mieren gibt.

In Krisen kann niemand weich­ge­spültes Hin und Her mehr brau­chen, mit dem man sich in guten Zeiten den Tag vertreiben kann. Jetzt muss entschieden behan­delt werden, auch entschieden falsch. Und das heißt: Keine Tool-Spie­­le­­reien — Weichen stellen für die Zukunft. Den Wider­stand als normal annehmen. Das eine bejahen — und das andere verneinen: Da kann man nicht jeden mit glück­lich machen.

Agilität als Einbahn­straße, dann lieber Post­agi­lität

Es muss an den vielen Gesprä­chen liegen, die ich gerade auch in den letzten Wochen geführt habe. Agilität führt kaum entschei­dend weiter. Hier wird es verwech­selt mit ausufernder Flexi­bi­lität, dorrt mit einer neuen Büro­kratie und drüben auf dem Ponyhof mancher New-Worker mit Gutmen­schentum und unsäg­lich über­flüs­siger Augen­höhe. Aber sehr, sehr selten wird gesehen, dass Agilität auch Rigi­dität braucht. Das entschie­dene Führen und Voran­treiben, kompro­misslos, stark und bereit, sich Konflikten zu stellen.

Deshalb Post­agi­lität — der Begriff schließt Agilität explizit ein, aber lässt auch alles andere zu. Posi­tive Beispiele wie der Brückenbau in der Stadt Genua zeigen, dass das Agilität als selbst­ver­ständ­lich voraus­setzt — und der Rest ist Entschie­den­heit. Bürger­meister Marco Buzzi baute die einge­stürzte Brücke in Rekord­zeit auf. Mit einem klaren, eindeu­tigen Mandat an seine Führung. Ohne unnö­tiges Abstimmen und Ausschreiben. Mit selbst­ver­ständ­li­cher Anpas­sung im Projekt, aber ohne dass agil nennen zu müssen. Hier ein Beitrag darüber in der NZZ.

Risiko? Die Deut­schen scheuen es

Risi­ko­be­wusst­sein fehlt an viel zu vielen Stellen. Daran ist nicht die Agilität schuld, sondern die Tatsache, dass viel zu wenige Menschen persön­liche und unter­neh­me­ri­sche Risiken eingehen wollen. Selbst­ständig macht man sich heute nur noch in Teil­zeit. Immer mehr kleben an ihrem Normal­ar­beits­ver­hältnis. Konflikte werden seltener aufge­tragen, Streit gilt als “zu vermeiden”. Diskurs ist nur unter Bedin­gungen möglich — die andere Meinung ist nicht geschätzt, sondern verpönt.

Selbst und gerade die, die in Führung sind, scheuen das Risiko. Ich behaupte “agiles Führen” hat das bestärkt. Es war nie ein Stil, nie ein Format, immer schon unklar chan­gie­rend zwischen Ermög­li­chen und Entscheiden. Eher dienend als kata­ly­sie­rend.

Aber so wird das nichts mit dem Weichen­stellen, auch nicht bei der Deut­schen Bahn. Svenja Hofert

Agiles Führen in seiner unklaren Form so auch den Fähn­chen im Wind Argu­mente gelie­fert, nicht mehr entscheiden zu müssen. Haltungs­fragen wurden auf bunte “Mind­sets” redu­ziert — Trivia­li­sie­rung durch den Wunsch nach Trivia­li­sie­rung. Der Markt ist mächtig.

Diese Zeit braucht Besin­nung auf Stärken — und Leis­tung

Und die Lösungen brau­chen keinen Perfek­tio­nismus. Diese Zeit braucht Leute, die die Ärmel hoch krem­peln und sich mit Leader­ship im Blut (aber auch ohne Titel) andere Menschen suchen, die auch gestalten möchten. Metho­di­sches Rumge­eier, New-Work-Schnick­­schnack und büro­kra­ti­scher SAFe-isie­rung. Fragen das WIE domi­nieren anstatt das WAS.

Das kann man agil nennen, hat aber mit dem derzei­tigen Verständnis von metho­di­schem Rumge­eier, New-Work-Schnick­­schnack und büro­kra­ti­scher SAFe-isie­rung nichts mehr zu tun. Wobei ich auf keinen Fall eine Rück­wärts­be­we­gung will. Der Boden ist lockerer geworden, jetzt muss gesät und ange­baut werden.

Lasst uns nicht in abge­schlos­senen Kreisen denken, sondern in Wellen. Die eine Welle ist eine Gegen­be­we­gung zur anderen, aber die grobe Rich­tung bleibt, es sei denn der Wind dreht sich. Haben wir das Gespür das zu merken, oder suchen wir dann gerade nach einem Wunder-Tool? Leute, Tools lösen doch solche Probleme nicht!

Einige grund­sätz­liche Dinge wurden in der Agili­­täts-Welle nicht verstanden. So die Tatsache, dass ein Unter­nehmen eine beson­dere Form der Orga­ni­sa­tion ist, die nur durch Nach­frage exis­tiert, verschie­dene Lebens­phasen durch­läuft und sehr indi­vi­du­elle, umfeld­kor­re­lierte Krank­heiten entwi­ckelt. Dass große Unter­nehmen keine Startups sind und Mitsprache Errun­gen­schaft und Hemmnis zugleich ist — es also genaues Hinsehen braucht, was wo wann wie Sinn macht.

Am verrück­testen ist aber die Idee, dass eine Methode irgend­etwas anderes erzeugen könnte als die Methode selbst. Svenja Hofert

Agile Coaches als Opfer der Führungs­lo­sig­keit

Über­sehen wird dabei, dass Agilität kein Konzept und auch kein Rezept ist, sondern die Fähig­keit einer Orga­ni­sa­tion, auf Verän­de­rungen nicht nur zu reagieren — sondern diese selbst zu gestalten. Der Passiv-Modus hilft uns nicht. Selbst Renee Mauborgne und W. Khan Kim haben ihre 2004-er Stra­tegie ange­passt (hier). Und da zitieren wir noch das agile Mani­fest? All die Führungs­lo­sig­keit prallt derzeit auf die armen agilen Coaches, die das Entschei­­dungs- und Steue­rungs­va­kuum füllen müssen.

Poldenken erfor­dert den Slow­down

Was hilft? Denken Sie in Problemen und Systemen und packen Sie die Lösungen weg. Fahren Sie runter, besinnen Sie sich. Machen Sie das, was KI immer noch nicht kann und nie können wird. Dinge schaffen, die noch nie da waren.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Claudia Lösel 11. August 2023 at 8:39 — Reply

    Ich bin begeis­tert Frau Hofer. DANKE

    Herz­lichst Claudia Lösel

  2. Alex­ander Schaaf 26. August 2023 at 10:47 — Reply

    „Hier wird es verwech­selt mit ausufernder Flexi­bi­lität, dorrt mit einer neuen Büro­kratie und drüben auf dem Ponyhof mancher New-Worker mit Gutmen­schentum und unsäg­lich über­flüs­siger Augen­höhe. Aber sehr, sehr selten wird gesehen, dass Agilität auch Rigi­dität braucht“

    Ich weiß nicht in welcher Welt Frau Hofert Sie unter­wegs sind, aber ich komme weder mit dem Duktus klar noch scheint es die rich­tigen Antworten zu geben.

    Die neue Klar­heit besteht doch nicht in Popu­lismus.

    Ich weiß nicht warum ich mich so unwohl gefühlt habe, bis ich 2x über den Begriff „Gutmen­schentum“ gestol­pert bin und habe mich ernst­haft gefragt ob hier eine poli­ti­sche Botschaft gesendet werden soll, eine Psycho­login sich Ihrer Wort­wahl nicht bewusst ist und ob man als Berater mit dieser Begriffs­wahl wirk­lich Menschen erreicht ? Ich glaube nichts davon trifft zu — ich halte es sogar für kontra­pro­duktiv !
    Evtl soll das aber nur beson­ders „ausdrucks­stark“ sein.

    „Eine unsäg­lich über­flüs­sige Augen­höhe“ müssen Sie dann schon mal an einem Beispiel verdeut­li­chen. Augen­höhe kann nie und niemals falsch sein, es sei denn man vermutet Augen­höhe hätte irgend­etwas mit Hier­ar­chie zu tun.
    Auch hier finde ich die Begriff­lich­keiten im Zusam­men­hang nicht passend und senden wie ich finde Signale wo ich mich frage:“Ist das jetzt nötig?“

    Ansonsten stimme ich inhalt­lich mit dem Rest überein wobei man den Begriff „Agil­tität“ durch eine belie­bige andere Manage­ment­me­thode ersetzen könnte.

    Bei agiler Führung so wie ich Sie verstehe ist es unter Berück­sich­ti­gung eines Servant Leader­ships und evolu­tio­närer Führung so aktuell wie kaum ein anderes Führungs­kon­zept, wenn­gleich der Begriff „Agile Führung“ enormes Poten­tial für „belie­bige Ausle­gung“ hat, trotz Bücher wie von Svenja Hofert und wenn es Eines nicht braucht — ist es „Belie­big­keit“ in der Führung! — Einver­standen!

    Kurz: Gut gemeint ist nicht gut gemacht.

    • Svenja Hofert 3. September 2023 at 15:28 — Reply

      was bewegt Sie denn so? Ich lese aus Ihren Zeilen eine persön­liche Berüh­rung, wenn nicht gar Verlet­zung. Unwohl­sein beim Lesen kann ja nur entstehen, wenn etwas persön­lich betrifft und deshalb für einen selbst irgend­eine Rele­vanz hat. Wie kann das bei einem Text, der defi­nitiv aus einer anderen Erfah­rungs­welt, nämlich meiner, kommt, über­haupt geschehen?
      Mein Text ist klar ein Meinungs­text, eine Kolumne, mit Über­spit­zungen.
      Ganz klar kann ich sagen, dass ich ausschließ­lich in meiner Welt unter­wegs bin, denn alles andere wäre etwas schräg 😉 Ich habe doch keinen Anspruch auf Deutungs­ho­heit ange­meldet? Ich biete etwas an, was ich heute so sehe und mit neuen Erfah­rungen viel­leicht anders.
      Das können meine Lese­rinnen als Impuls nehmen, igno­rieren oder auch gar nicht erst lesen.
      Am Ende aber sollte uns klar sein, dass Begriffe wie Servant Leader­ship und evolu­tio­näre Führung wie auch agile Führung äußerst abstrakt sind und von unter­schied­li­chen Personen höchst unter­schied­lich ausge­legt werden. Über mein Verständnis von Augen­höhe habe ich in diesem Video gespro­chen: https://youtu.be/HwFegD_Vkq8?si=JVs6cFP3IGQQjcaF

  3. Carolin Paul­heim 11. September 2023 at 12:20 — Reply

    “Wahr­nehmen und Spüren” sowie “neugierig und wach sein” als Fazit. Groß­artig!
    Es ist meiner Erfah­rung nach mehr die (innere) Haltung weniger die Methode, die gute Führung ausmacht.

    Vielen Dank für Ihre inspi­rie­renden Impulse!

    Acht­same Herzens­grüße 🙂

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