Kate­go­rien

Was Gefühle wirk­lich sind — und wieso Ekman falsch lag

Published On: 23. Mai 2024Cate­go­ries: Klas­siker, Psycho­logie der Verän­de­rung

Wir suchen Worte, die zu unseren Gefühlen passen. Svenja Hofert

Die BWL träumte lange vom Homo oeco­no­micus. Das ist ein ratio­naler und inso­fern bere­chen­barer Nutzen­ma­xi­mierer. Aber wie kann es dann sein, dass manche Menschen an völlig irra­tio­nalen Über­zeu­gungen fest­halten? Wie kann es sein, dass sie so offen­sicht­lich gegen ihren eigenen Vorteil handeln?

Die Psycho­logie beschäf­tigt sich erst mit Gefühlen, seit dem uns die Neuro­wis­sen­schaften einen neuen Zugang gegeben haben. Mit Emoti­ons­for­schung war lange kein Blumen­topf zu gewinnen. So kommt es, dass wir erst in letzter Zeit mit dem Kern der Gefühle in Berüh­rung kommen. Und so langsam verstehen, dass wir wenig darüber wissen.

In der Corona-Pandemie schien das Gefühl im Berufs­alltag ange­kommen zu sein. Man sprach über das, was einen bewegt. Gerade scheint mir das wieder im Rückbau begriffen. Zu viel Gefühl… Die Menschen können es nicht regu­lieren. Aller Acht­sam­keit zum Trotz sind sie von sich selbst über­for­dert.

Bei aller Gefühls­du­selei bleibt ein wich­tiger Aspekt oft unbe­achtet: Das Streben nach dem Erhalt dessen, was ist. Selbst, wenn es nicht gut ist. Wenn wir uns verän­dern, gerät unsere Gefühls­welt in Wallung, es geht drunter und drüber. Gefühle sind geeignet, sicher geglaubte Gedan­ken­ge­bäude zum Einsturz bringen.  Das Streben, genau das zu vermeiden, ist ganz natür­lich. Denn vor der Dysba­lance wider­strei­tender Gefühle haben wir Angst… wenn wir sie denn über­haupt fühlen und benennen können.

Alles beginnt mit einem Gefühl

“Ich weiß gar nicht, wie sich Angst anfühlt”, sagte mir einer meiner Coachees. Er ist im Homo Oeco­­no­­micus-Glauben sozia­li­siert, ein Infor­ma­tiker. Er hat keine Geschichte zu diesem Gefühl im Berufs­alltag. Das liegt daran, dass er noch nie darüber nach­ge­dacht hat. Wo keine Gedanken, da auch kein Gefühl. Da sind wir abge­schnitten von unserem Körper.  Gedanken verbinden Körper und Geist, ebenso wie sie trennen. Denn Gedanken haben eine ganz andere Funk­tion als viele glauben: Sie bringen Körper und Geist zusammen.

Affec­tive KI nutzt mit dem Ekman-Modell falsche Grund­an­nahmen

In der Psycho­logie unter­scheiden wir Gefühle und Emotionen. Gefühle sind subjek­tive Eindrücke. Emotionen sind über­grei­fend, über­sub­jektiv. Viele haben versucht Gefühle zu verall­ge­mei­nern und Emotionen zu orten. Paul Ekman hat es damit bis in die Praxis, auch die der Coachingaus­bil­dung geschafft. Er versuchte in Expe­ri­menten mit Schau­spie­lern nach­zu­weisen, dass es kultur­über­grei­fende Gefühle gäbe. Das Gefühl stünde den Menschen also ins Gesicht geschrieben. Darauf bauen nicht wenige immer noch. Auch KI-Algo­rithmen beruhen darauf. „Affec­tive Compu- ting“ (auch „Emotion-AI“) nutzt Ekmans Modell. Ein Modell, das offen­sicht­lich auf einer falschen Grund­an­nahme beruht.

Gefühle sind Vorah­nungen

Die Neuro­wis­sen­schaft­lerin Lisa Feldman Barrett wieder­holte einige von Paul Ekmans Expe­ri­menten aus den 1970er und 1980er Jahren. Sie konnte seine Ergeb­nisse nicht repro­du­zieren. So zeigte sie zurück­ge­zogen lebenden Stämmen ein Bild einer im west­li­chen Sinn über­raschten Person. Da sagten einige ihrer Probanden: „Der Mann jagt.“ Manche von Feldtman-Baretts Probanden konnten auch Trauer nicht von Freude unter­scheiden. So kam die Forscherin immer mehr zu ihren eigenen Schlüssen:

  • Gefühle sind nur im Kontext zu verstehen. Das meint den kultu­rellen Kontext genauso wie den persön­li­chen.
  • Es sind indi­vi­du­elle Vorah­nungen, die auf Erfah­rung beruhen.
  • Durch Sprache verän­dern sich Gefühle. Sie diffe­ren­zieren sich aus.
  • Körper und Sprache können sich emotional verbinden, müssen es aber nicht.

Feldtman-Barett brachte Forscher und Prak­tiker in aller Welt aus dem bishe­rigen Konzept — und deren Emotionen in Wallung. Ihr Buch “How emotions are made” aus dem Jahr 2018 sorgte für einen Knall. Erst in diesem Jahr, 2023 ‚wurde es ins Deut­sche über­tragen.

Mit ihren Forschungen stellt sie nicht nur Ekman in Frage, sondern auch sämt­liche vorhe­rigen Verall­ge­mei­ne­rungs­ver­suche. Es passt zu weiteren Forschungs­er­geb­nissen der aktu­ellen Zeit, etwa des Neuro­wis­sen­schaft­lers John Bargh, der sagt: „Das Fühlen kommt vor dem Denken“. Auch dies ist eine noch recht junge neuro­bio­lo­gi­sche Erkenntnis. Sie stellt einige der Grund­an­nahmen in Frage, auf denen wir teils unsere Work­­shop- und Trai­nings­kon­zepte bauen.

Work­­shop- und Trai­nings­kon­zepte bauen auf veral­tetem Wissen

Weil wir schon Erfah­rungen gemacht haben, vermuten wir in ähnli­chen Situa­tionen, erneut Ähnli­ches zu fühlen. Dabei greifen wir nicht allein auf die Reak­tionen unseres Körpers zurück, sondern auch auf unsere Sprache. Wir haben Worte oder wir haben sie (noch) nicht. Deshalb kennt mein Coaches keine Angst. Sie ist bei ihm nicht kontex­tua­li­siert. Er hat keine Angst-Geschichte, jeden­falls nicht im beruf­li­chen Kontext. Das hat sich übri­gens inzwi­schen geän­dert. Allein Aufmerk­sam­keit schafft Erleben. Und das ist wichtig für Verän­de­rung.

Verän­de­rung ist die Krise des Bauch­ge­fühls

Auch Bauch­ge­fühle sind Vorah­nungen, wenn man Feldtman-Baretts Theorie folgt. Sie dienen dazu, uns in Sicher­heit zu wiegen. Sie halten uns im Vertrauten, das ist ihr Sinn und Zweck. Bauch­ge­fühle sind kritisch gegen­über allem, was wir noch nicht kennen. Deshalb fühlt sich Neues immer fremd an — bis wir das Vertraute darin gefunden haben.

Verän­de­rung ist so nicht zuletzt oft auch die Krise des Bauch­ge­fühls. „Frau Hofert, kann das wirk­lich wahr sein? Kann es wirk­lich wahr sein, dass ich all die Jahre ein falsches Bauch­ge­fühl hatte?“ Es war kein falsches Gefühl. Es fehlte nur ein passender Gedanke!

In meinen fast 25 Jahren als Coach habe ich immer wieder erlebt, dass der Umgang mit wider­sprüch­li­chen Gefühlen entschei­dend für einen entspannten Umgang mit Verän­de­rungen ist. Viele suchen nach dem Glücks­ge­fühl, nach Eindeu­tig­keit, unge­trübter Klar­heit. Doch Klar­heit ist in eine Folge vorhe­rigen Ringens, auch des Ringens von Gefühlen. In der Arbeit mit Orga­ni­sa­tionen habe ich das auch so erlebt: Das Neue ist wie eine Geburt, das Aufdrehen einer Flasche in Groß. Es braucht die kleine und große Krise. Das ist das Wesen von Verän­de­rung. Deshalb hat es so viele Feinde, die sie vorder­gründig beju­beln.

Was den Menschen vom Computer unter­scheidet, ist seine Fähig­keit zum Umgang mit Unge­wiss­heit. Er kann die Zukunft formen.

Zu viel Gefühl von Svenja Hofert

No. 1 Warum Verän­de­rung wider­sprüch­liche Emotionen braucht

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Foto von Pixabay: https://www.pexels.com/de-de/foto/gelber-wurfel-auf-braunem-burgersteig-208147/

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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