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Was Gefühle wirklich sind — und wieso Ekman falsch lag

Wir suchen Worte, die zu unseren Gefühlen passen. Svenja Hofert
Die BWL träumte lange vom Homo oeconomicus. Das ist ein rationaler und insofern berechenbarer Nutzenmaximierer. Aber wie kann es dann sein, dass manche Menschen an völlig irrationalen Überzeugungen festhalten? Wie kann es sein, dass sie so offensichtlich gegen ihren eigenen Vorteil handeln?
Die Psychologie beschäftigt sich erst mit Gefühlen, seit dem uns die Neurowissenschaften einen neuen Zugang gegeben haben. Mit Emotionsforschung war lange kein Blumentopf zu gewinnen. So kommt es, dass wir erst in letzter Zeit mit dem Kern der Gefühle in Berührung kommen. Und so langsam verstehen, dass wir wenig darüber wissen.
In der Corona-Pandemie schien das Gefühl im Berufsalltag angekommen zu sein. Man sprach über das, was einen bewegt. Gerade scheint mir das wieder im Rückbau begriffen. Zu viel Gefühl… Die Menschen können es nicht regulieren. Aller Achtsamkeit zum Trotz sind sie von sich selbst überfordert.
Bei aller Gefühlsduselei bleibt ein wichtiger Aspekt oft unbeachtet: Das Streben nach dem Erhalt dessen, was ist. Selbst, wenn es nicht gut ist. Wenn wir uns verändern, gerät unsere Gefühlswelt in Wallung, es geht drunter und drüber. Gefühle sind geeignet, sicher geglaubte Gedankengebäude zum Einsturz bringen. Das Streben, genau das zu vermeiden, ist ganz natürlich. Denn vor der Dysbalance widerstreitender Gefühle haben wir Angst… wenn wir sie denn überhaupt fühlen und benennen können.
Alles beginnt mit einem Gefühl
“Ich weiß gar nicht, wie sich Angst anfühlt”, sagte mir einer meiner Coachees. Er ist im Homo Oeconomicus-Glauben sozialisiert, ein Informatiker. Er hat keine Geschichte zu diesem Gefühl im Berufsalltag. Das liegt daran, dass er noch nie darüber nachgedacht hat. Wo keine Gedanken, da auch kein Gefühl. Da sind wir abgeschnitten von unserem Körper. Gedanken verbinden Körper und Geist, ebenso wie sie trennen. Denn Gedanken haben eine ganz andere Funktion als viele glauben: Sie bringen Körper und Geist zusammen.
Affective KI nutzt mit dem Ekman-Modell falsche Grundannahmen
In der Psychologie unterscheiden wir Gefühle und Emotionen. Gefühle sind subjektive Eindrücke. Emotionen sind übergreifend, übersubjektiv. Viele haben versucht Gefühle zu verallgemeinern und Emotionen zu orten. Paul Ekman hat es damit bis in die Praxis, auch die der Coachingausbildung geschafft. Er versuchte in Experimenten mit Schauspielern nachzuweisen, dass es kulturübergreifende Gefühle gäbe. Das Gefühl stünde den Menschen also ins Gesicht geschrieben. Darauf bauen nicht wenige immer noch. Auch KI-Algorithmen beruhen darauf. „Affective Compu- ting“ (auch „Emotion-AI“) nutzt Ekmans Modell. Ein Modell, das offensichtlich auf einer falschen Grundannahme beruht.
Gefühle sind Vorahnungen
Die Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett wiederholte einige von Paul Ekmans Experimenten aus den 1970er und 1980er Jahren. Sie konnte seine Ergebnisse nicht reproduzieren. So zeigte sie zurückgezogen lebenden Stämmen ein Bild einer im westlichen Sinn überraschten Person. Da sagten einige ihrer Probanden: „Der Mann jagt.“ Manche von Feldtman-Baretts Probanden konnten auch Trauer nicht von Freude unterscheiden. So kam die Forscherin immer mehr zu ihren eigenen Schlüssen:
- Gefühle sind nur im Kontext zu verstehen. Das meint den kulturellen Kontext genauso wie den persönlichen.
- Es sind individuelle Vorahnungen, die auf Erfahrung beruhen.
- Durch Sprache verändern sich Gefühle. Sie differenzieren sich aus.
- Körper und Sprache können sich emotional verbinden, müssen es aber nicht.
Feldtman-Barett brachte Forscher und Praktiker in aller Welt aus dem bisherigen Konzept — und deren Emotionen in Wallung. Ihr Buch “How emotions are made” aus dem Jahr 2018 sorgte für einen Knall. Erst in diesem Jahr, 2023 ‚wurde es ins Deutsche übertragen.
Mit ihren Forschungen stellt sie nicht nur Ekman in Frage, sondern auch sämtliche vorherigen Verallgemeinerungsversuche. Es passt zu weiteren Forschungsergebnissen der aktuellen Zeit, etwa des Neurowissenschaftlers John Bargh, der sagt: „Das Fühlen kommt vor dem Denken“. Auch dies ist eine noch recht junge neurobiologische Erkenntnis. Sie stellt einige der Grundannahmen in Frage, auf denen wir teils unsere Workshop- und Trainingskonzepte bauen.
Workshop- und Trainingskonzepte bauen auf veraltetem Wissen
Weil wir schon Erfahrungen gemacht haben, vermuten wir in ähnlichen Situationen, erneut Ähnliches zu fühlen. Dabei greifen wir nicht allein auf die Reaktionen unseres Körpers zurück, sondern auch auf unsere Sprache. Wir haben Worte oder wir haben sie (noch) nicht. Deshalb kennt mein Coaches keine Angst. Sie ist bei ihm nicht kontextualisiert. Er hat keine Angst-Geschichte, jedenfalls nicht im beruflichen Kontext. Das hat sich übrigens inzwischen geändert. Allein Aufmerksamkeit schafft Erleben. Und das ist wichtig für Veränderung.
Veränderung ist die Krise des Bauchgefühls
Auch Bauchgefühle sind Vorahnungen, wenn man Feldtman-Baretts Theorie folgt. Sie dienen dazu, uns in Sicherheit zu wiegen. Sie halten uns im Vertrauten, das ist ihr Sinn und Zweck. Bauchgefühle sind kritisch gegenüber allem, was wir noch nicht kennen. Deshalb fühlt sich Neues immer fremd an — bis wir das Vertraute darin gefunden haben.
Veränderung ist so nicht zuletzt oft auch die Krise des Bauchgefühls. „Frau Hofert, kann das wirklich wahr sein? Kann es wirklich wahr sein, dass ich all die Jahre ein falsches Bauchgefühl hatte?“ Es war kein falsches Gefühl. Es fehlte nur ein passender Gedanke!
In meinen fast 25 Jahren als Coach habe ich immer wieder erlebt, dass der Umgang mit widersprüchlichen Gefühlen entscheidend für einen entspannten Umgang mit Veränderungen ist. Viele suchen nach dem Glücksgefühl, nach Eindeutigkeit, ungetrübter Klarheit. Doch Klarheit ist in eine Folge vorherigen Ringens, auch des Ringens von Gefühlen. In der Arbeit mit Organisationen habe ich das auch so erlebt: Das Neue ist wie eine Geburt, das Aufdrehen einer Flasche in Groß. Es braucht die kleine und große Krise. Das ist das Wesen von Veränderung. Deshalb hat es so viele Feinde, die sie vordergründig bejubeln.
Was den Menschen vom Computer unterscheidet, ist seine Fähigkeit zum Umgang mit Ungewissheit. Er kann die Zukunft formen.
Foto von Pixabay: https://www.pexels.com/de-de/foto/gelber-wurfel-auf-braunem-burgersteig-208147/
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonntagskolumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abonnenten gehöre ich zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren auf dieser Plattform.
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