Kate­go­rien

Deutsch­land, Repu­blik schüt­zenden Vorschriften

Published On: 12. Dezember 2007Cate­go­ries: Führung

Eigent­lich fand ich es immer klasse, dass man sich darauf verlassen kann, dass in Deutsch­land immer alles gut gere­gelt ist. Ich brauche mir als Verbrau­cher keine Sorgen zu machen, ob die Lebens­mittel, die ich einkaufe gut und frisch sind – es gibt für alles Vorschriften.

Dann lernte ich die Inhaber eines Ziegen­hofes kennen. Sie stellen Rohmilch­käse her und erzählten mir von den Lebens­mit­tel­kon­trollen. Es war eine Groteske. Die Käse­pro­du­zenten, Menschen mit Intel­li­genz, Leiden­schaft für den Job und Respekt vor der Arbeit der Kontrol­leure, waren oft mit den Nerven am Ende: es gibt s viele Vorschriften, die so voll­kommen sinnlos sind.

Kurze Zeit später kam der „Gammel­fleisch­skandal“. Aber was war da mit den Gesetzen? Es gab sie, krimi­nelle Energie hinter­ging sie und sorg­lose Verbrau­cher machten sich lange Zeit keine Gedanken, weil sie sich in der Sicher­heit des deut­schen Para­gra­phen­dschun­gels wähnten.

Ich bin mitt­ler­weile der Meinung, dass eine Über­re­gle­men­tie­rung eine blinde Ordnungs­gläu­big­keit hervor­ruft und Eigen­ver­ant­wort­lich­keit erstickt.

Was hat das nun alles mit der Arbeits­welt zu tun? Auch hier herrscht nach wie vor das Vertrauen in Etiketten und Gesetze, klas­si­sche Ausbil­dungs­wege und zerti­fi­zierte Erfah­rungen.

Ein Beispiel aus der Praxis: viele Menschen, die in Zeiten des IT-Booms einen eher unge­wöhn­li­chen Lebens­lauf entwi­ckelt haben, bekommen Probleme, sobald sie irgend­eine Unter­bre­chung im Lebens­lauf aufweisen. Das war zu Zeiten des Dotcom­ster­bens ganz klas­sisch die Pleite des Arbeit­ge­bers (von den Frauen in Eltern­zeit will ich hier gar nicht anfangen).

Danach haben viele ewig gesucht, sich mit halb­her­zigen Selb­stän­dig­keiten durch­ge­schlagen, Fort­bil­dungen gemacht – nur, um Versi­che­rungs­agent oder Call­c­en­ter­agent zu werden. Nichts gegen Versi­che­rungen und Call­center – sie sind in diesem Fall sogar ein beson­ders posi­tives Beispiel, da sie eben bekannt dafür sind, dass auch Personen mit unge­wöhn­li­chen Lebens­läufen hier etwas werden können. Aber auf die bereits erwor­benen Fähig­keiten bauen die Tätig­keiten dort meist nicht auf.

Ein Kollege aus meiner „Dotcom-Zeit“ ist z.B. mitt­ler­weile als Arbeits­ver­mittler selb­ständig sehr erfolg­reich. Aber ob er als Ange­stellter jemals diesen Job bekommen hätte, halte ich für frag­lich.

Ein weiteres Beispiel: Der Marke­­ting-Bereich. Hier können zwar durchaus auch „Rein­rut­scher“ Karriere machen. Aber versu­chen Sie mal, sich mit einer Ausbil­dung als Grafiker und 10 Jahre Berufs­er­fah­rung im Marke­ting wieder auf eine Marke­ting­stelle in mitt­lerer Ebene zu bewerben, wenn Sie aufgrund von Perso­nal­abbau mal ein Jahr arbeitslos waren! Dazu brau­chen Sie wirk­lich Glück!

Früher wurde mir das ameri­ka­ni­sche „Hire and Fire“ immer als Schre­ckens­vi­sion vom Arbeits­markt vorge­betet. Heute bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das wirk­lich so schreck­lich ist.

In den Brei­ten­graden von „Hire and Fire“ sind weniger die exakt passenden Quali­fi­ka­tionen als die tatsäch­li­chen Berufs­er­fah­rungen gefragt. Darüber hinaus wird eben auch wirk­lich gefeuert. Da zögert niemand bei der Kündi­gung, wenn es nicht passt. Aber dafür sind auch eben die Aussichten besser, eine Chance zu bekommen, um sich zu beweisen.

Immer wieder wird erklärt, dass man nicht einstelle, da man Mitar­beiter dank Kündi­gungs­schutz­ge­setz nie wieder los werde. Das ist lächer­lich, denn schließ­lich gibt es ja die Probe­zeit und die Möglich­keit, Mitar­beiter zunächst über eine Zeit­ar­beits­firma einzu­stellen. In diesem Rahmen wäre es auch möglich, einmal Menschen mit unge­wöhn­li­chem Lebens­lauf einzu­stellen und einfach zu testen. Oft wäre das sicher auch eine Berei­che­rung für Arbeit­geber, da ja bekann­ter­maßen der Tunnel­blick des Spezia­listen nicht immer der Beste ist. Aber dazu gehört natür­lich ein bischen Menschen­kenntnis und der Mumm, jemandem in der Probe­zeit zu kündigen, der wirk­lich der Falsche war (das habe ich übri­gens in knapp 20 Jahren Berufs­tä­tig­keit genau einmal erlebt).

Die Schere der Chancen derer mit dem klas­si­schen Berufsweg und derje­nigen mit dem plötz­li­chen Knick – weshalb auch immer — geht immer weiter ausein­ander.

Daher ist mein Wunsch fürs neue Jahr: weniger Regeln in allen Berei­chen – mehr Zivil­cou­rage!

Sabine Korn­dörfer

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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