Kate­go­rien

Lockern Sie mal Ihre Krea­­ti­­vi­­täts-Schrauben im Kopf

Published On: 15. Dezember 2011Cate­go­ries: Führung

Yes, I can. Mir fallen mehr als 20 Dinge ein, die man mit einer Büro­klammer machen kann. Manchmal kann man das auf meinem Schreib­tisch sehen. Ich verbiege Büro­klam­mern, seitdem ich keine Männ­chen mehr zeichne.  Ich hab sie auch schon mal als Kamm benutzt, das bleibt bitte unter uns.

Mit meinen mehr als 20 Büro­klam­mer­ideen über­steige ich das durch­schnitt­liche Krea­ti­vi­täts­ni­veau von Erwach­senen, das bei 10–20 Einfällen liegt. Kinder­gar­ten­kinder haben um die 200 Einfälle, also bis zu 200 x so viel wie ein Erwach­sener (Quelle Arne Gillert, Spiel­theorie). Das Ganze ist ein Fazit des so genannten Büro­klam­mer­tests, mit dem man Krea­tivtät misst. Was es uns sagt? Unter anderem, dass Kinder noch keine Schranken im Kopf haben, also nicht ständig daran denken, was alles nicht möglich ist.

Die Schule baut schnell Mauern in den Kopf. Ohne den Beitrag von Guenter Dueck im Bundestag im Rahmen der Internet-Enquete gehört zu haben, vermute ich: Das ist es, was er meint, wenn er sagt, die Schule treibe den Kindern Krea­tiv­tität aus. Vermut­lich knüpft er hier an Sir Ken Robinson an „Why school kill crea­ti­vity“ (genial, diese RSA-Videos!).

Einst äußerte ich hier meinen Ärger über die Note Drei für einen auf den Kopf stehenden Fußballer, den mein Sohn im Kunst­un­ter­richt ange­fer­tigt hat. Denn  meine Krite­rien wären nicht „Ordnung“, „detail­ge­treue Nach­ah­mung“ und „saubere Ausfüh­rung“ gewesen, sondern die Idee dahinter. Ich hätte den Kindern auch gesagt, warum ich die Idee  als wich­tigstes Krite­rium sehe: Weil Ideen und Krea­ti­vität mitein­ander verknüpft sind, und beides in unserer Welt Über­le­bens­grund­lage und Erfolgs­roh­stoffe sind  — in Zukunft noch mehr. Dieser Anischt sind so gut wie alle Experten und Studien. Die so hoch­ge­hal­tene Krea­ti­vität bezieht sich dabei auf die Fähig­keit zum diver­gie­renden Denken. Das wiederum scheint unter anderem auch durch Spielen zu entstehen. Dazu aber aber Kinder immer weniger Zeit, und wir Erwach­sene müssen es zum Teil mühsam wieder lernen. Deshalb habe ich mich gerade zu einem Clown-Kurs ange­meldet, als meine Maßnahme zur weiteren Schrau­ben­lo­cke­rung. Ist ja auch Spielen irgendwie.

Auch die immer stärker struk­tu­rie­rende Ausbil­dung von Hoch­schul­stu­di­en­gängen scheint mir nicht gerade krea­ti­vi­täts­för­dernd zu sein. Ich habe weiterhin Zweifel, ob der Trend zur Team­ar­beit den Ideen wirk­lich so auf die Sprünge hilft — blockieren doch infor­melle und formelle Rollen­zu­wei­sunge in Gruppen auch oft den Ideen­fluss von Einzelnen. Ehrlich: Ich bin manchmal erschro­cken, wie ideenlos junge Menschen sind. Es scheint, als ob sie keinen Schritt tun könnten ohne eine Anlei­tung. So entsteht keine Krea­ti­vität.

Dann zaubern wir sie eben aufs Papier, scheinen sich einige zu denken — und schreiben das Wort “kreativ” als Floskel auf Augen­höhe zur Team­fä­hig­keit in ihre Bewer­bungen. “Kreativ” führt dann auch, nur konse­quent, die Hitliste der Flos­keln beim Linkedin-Ranking an — dieses Wort kam 2010 noch gar nicht vor, sein Verwandter “inno­vativ” erlangte damals aber auch schon Platz 1.

Deutet das viel­leicht darauf hin, dass Krea­ti­vität in der Wirt­schaft heute gefragter ist? Mag sein. Ausge­prägter ist sie jeden­falls nicht, denn Flos­keln und Krea­ti­vität schließen sich nun wirk­lich aus.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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9 Kommen­tare

  1. Michael Rajiv SHAH 18. Dezember 2011 at 8:59 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    danke sehr, dass ich über Ihren neuen #krea­ti­vi­täts Tag und mein LinkedIn Alert bei Ihnen gelandet bin. Hoffe es ist OK für Sie ein paar “gelo­ckerte LinkedIn-Schrauben” hier zu hinter­lassen 😉

    http://www.networkfinder.cc/xing-linkedin-facebook-profiles/10-linkedin-profil-tipps/

    ❦liche Advents­grüsse aus Wien

    Ihr
    Michael Rajiv Shah

  2. Volker Dörr 18. Dezember 2011 at 13:27 — Reply

    Hi hi, das erinn­tert mich an “Thema vefehlt” zum Wandertag: Ich hatte zwei auf dem Tisch liegende Füße aus der Eigen­per­spek­tive gemalt. Folge: null Punkte, auch nach langer u. hitziger Diskus­sion mit dem Direktor :-))

    Es ist aber nicht die Schule, die unsere Krea­ti­vität auf kleiner Flamme hält, sondern es sind die Werte der jewei­ligen Gesell­schaft in der wir leben. In D haben wir uns dabei m.E. vom rein sicher­heits­ori­en­tiertem Denken (Fünf­ziger, Sech­ziger) inzwi­schen zu einem rein mate­ria­lis­ti­schen “weiter­ent­wi­ckelt”. Zuge­geben: Unter­bro­chen von einer Phase des Aufbruchs in den Sieb­zi­gern und Achzi­gern, welche mit dem Fall des Kommu­nismus aber ihr jähes Ende fand.

    Das Dilemma ist nun, dass wir bei der Förde­rung abwei­chender Ideen immer auch im Auge behälten müssen, dass die Kinder ja in der Gesell­schaft zurecht­kommen müssen, in der sie leben. Und nicht in der in der, die wir ihnen wüschen würden.

    Und das muss auch die Schule, müssen auch die Lehrer berück­sich­tigen. Und deshalb waren meine null Punkte damals wohl doch gerecht­fer­tigt. Tant pis 🙂

    Viele Grüße aus Turin!

    – Volker Dörr

  3. […] Das sagt einiges über unser Selbst­ver­ständnis – und teilt schluss­end­lich auch die Welt in kreativ und „irgendwas […]

  4. HS 21. Dezember 2011 at 1:36 — Reply

    9. Klasse Gymna­sium — 4 Kunst­stunden werden “Charly Brown”-Kartoonbilder mit Filz­stift schwarz umrahmt. Meine Tochter:“Meinen Sie nicht, dass Mr. Schulz (Autor & Zeichner) sich etwas dabei gedacht hat, als er die Zeich­nungen unge­rahmt ließ?” “Wenn Du keine Lust auf Kunst­un­ter­richt hast, mußt du es nur sagen. Deine 5 ist schon mal sicher.”
    PS: Das war sie dann auch, selbst noch im Zeugnis.

  5. HS 21. Dezember 2011 at 1:39 — Reply

    Nach­trag: Meine Tochter spielt seit 5 Jahren E‑Bass, foto­gra­fiert über­wie­gend schwarz-weiß und schreibt Geschichten mit recht flotter Schreibe.
    Ist gewohnt Dinge zu hinter­fragen.

  6. Svenja Hofert 21. Dezember 2011 at 16:50 — Reply

    das hört sich doch gut an 😉 Manchmal kriegen die Eltern dann noch die Kurve… LG

  7. Petra Henn­rich 5. September 2013 at 18:17 — Reply

    Hallo, danke für diesen schönen Artikel.

    Ich habe dazu eine Frage: Kennen Sie die genauen Quellen für die Zahlen im zweiten Absatz, also die “10–20” vs. “200” Einfälle von Erwach­senen und Kindern? Ich suche schon länger nach dem Ursprung dieser Werte, bin aber bis jetzt nicht fündig geworden. Es wäre für mich sehr hilf­reich, zu wissen, wo die Zahlen ursprüng­lich herkommen.

    Vielen Dank im Voraus,
    Petra Henn­rich

    • Petra Henn­rich 7. September 2013 at 9:08 — Reply

      Ach, er war noch nicht frei­ge­schaltet. Ich dachte, mein Kommentar sei verschwunden. Sorry für’s doppelt Posten 😉

  8. Petra Henn­rich 7. September 2013 at 9:03 — Reply

    Liebe Frau Hofert,

    ich bin bei einer Internet-Recherche zum Büro­­klam­­mern-Test auf Ihren Artikel gestoßen. Gefällt mir sehr gut. Aber ich hab mal eben nach­ge­rechnet: Wenn Erwach­sene 10 bis 20 Einfälle haben und Kinder 200, dann sind das nicht “bis zu 200 x so viele”. Ich möchte ja nicht ober­leh­re­rIn­nen­haft erscheinen, doch Irgendwo in dieser Glei­chung ist eine Null zu viel oder zu wenig, und ich wäre sehr neugierig darauf, wo. Weiters würde mich auch die Quelle dieser Zahlen inter­es­sieren. Ich weiß, Ihr Eintrag ist schon etwas älter, aber haben Sie die Info viel­leicht noch? Wäre toll.

    Herz­li­chen Dank im Voraus,
    Petra Henn­rich

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