Kate­go­rien

Gehirn: Warum Verän­de­rungs­kom­pe­tenz mit flexi­blem Denken und Ente oder Hase zusam­men­hängt

Published On: 8. Juli 2025Cate­go­ries: Aktuell, Psycho­logie der Verän­de­rung

Emma Darwin schrieb am 21. November 1838 an Charles, kurz nach ihrer Verlo­bung: „My reason tells me that honest & consci­en­tious doubts cannot be a sin.” Sie meint damit, dass Glauben auch eine Frage der Vernunft sei. Emma haderte zeit­le­bens mit den Hypo­thesen ihres Ehemanns. Der Entwick­lung der Evolu­ti­ons­theorie wiederum zwei­felte am Glauben. Emmas Zweifel führten soweit, dass sie einen Abschnitt aus Darwins Werk strei­chen ließ, indem er seinen Zweifel kundtat.

Während Darwin also flexibel dachte und seine eigenen und die Über­zeu­gungen der Welt in Frage stellte, blieb Emma mit ihrem Glauben fusio­niert. Er war Teil ihrer Iden­ität. Man könnte es auch so sagen: Während Darwin Verän­de­rungs­kom­pe­tenz par excel­lence lebte, wollte Emma lieber, dass alles bleibt, wie es ist.

Der Gegen­satz zwischen flexi­blem und rigidem Denken prägt unsere Welt.

Er befeuert Ideo­lo­gien und erklärt, warum Verän­de­rung einigen so unend­lich schwer fällt. Sie können nicht flexibel wahr­nehmen — das lässt sich mitt­ler­weile sogar neuro­bio­lo­gisch belegen. Es ist nicht nur Haltung, es ist im Gehirn. Ja, so deut­lich muss man das wohl sagen. Denn das flexible wie auch das rigide Gehirn sind gene­tisch dispo­niert. So haben flexible Denker mehr frei flie­ßendes Dopamin.

Das ideo­lo­gi­sche Gehirn denkt rigide und nicht flexibel

Die poli­ti­sche Psycho­login Leor Zmigrod hat mit „Das ideo­lo­gi­sche Gehirn“ eines der besten Sach­bü­cher geschrieben, die ich seit langem gelesen habe. Sie zeigt nicht nur Zusam­men­hänge, sondern auch Ursa­chen. Sie formu­liert nicht einfach Thesen, sie stellt in Kontexte. Sie räumt poli­tisch auf — unter anderem mit dem Links-Rechts-Unsinn. Indem sie nämlich klar­macht, dass Extreme links wie rechts mit rigidem Denken verbunden sind. Und Extreme eben oft extrem fusio­niert mit Inhalten  und Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keiten sind.

Sie entzau­bert die träu­me­ri­sche Annahme, dass Verän­de­rung jedem möglich ist und wir also jeden mitnehmen können. Gleich­zeitig ermu­tigt sie, früh anzu­fangen, flexi­bles Denken zu fördern. Ihr Buch unter­sucht die Struktur unseres Denkens, nicht deren Inhalt. Dass Verän­de­rungs­kom­pe­tenz auf der Fähig­keit zu flexi­blem Denken basiert, zeigt sich deut­lich in den enga­gierten Forschungen der jungen Forscherin aus Cambridge.

Beginnen wir beim Alter­na­tive Use Test, den ich seit langem selbst einsetze. Nun kann ich noch besser begründen, warum Flexi­bi­lität der entschei­dende Faktor ist.

Krea­ti­vität als Schutz vor Dogma­tismus: Der Alter­na­tive Use Test

In diesem Stan­dard­test wird ein Alltag­ge­gen­stand – etwa ein Ziegel­stein – auf möglichst viele alter­na­tive Verwen­dungen geprüft: Von Türstopper über Pflanz­gefäß bis zu medi­ta­tiver Skulptur. Zmigrod fand heraus: Je mehr unter­schied­liche unge­wöhn­liche Ideen Probanden entwi­ckeln, desto höher ist ihre kogni­tive Flexi­bi­lität – und desto geringer ihre Anfäl­lig­keit für dogma­ti­sche oder extre­mis­ti­sche Einstel­lungen. „Ein Schloss für eine gefan­gene Prin­zessin bauen“ ist demnach sehr viel flexi­bler als nur „Türstopper“.

Kleine Anek­dote: Ich wollte für diesen Beitrag die Bild­idee „Schloss für gefan­gene Prin­zessin“ mit KI (ChatGPT) umsetzen. Das wurde abge­lehnt, da diese Darstel­lung gegen Regeln verstößt. Anders ausge­drückt: KI erlaubt krea­tive Darstel­lungen nicht, die eindeutig meta­pho­risch sind. Origi­nal­mel­dung: “In der aktu­ellen System­kon­fi­gu­ra­tion kann ich leider kein Bild gene­rieren, das explizit zeigt, wie eine gefan­gene Prin­zessin darge­stellt.“ Wenn das mal kein rigides Denken ist. Krea­ti­vität zeigt sich damit als prak­ti­sche Ressource der Verän­de­rungs­kom­pe­tenz, aber KI spielt nicht mit.

Mora­li­sche Klar­heit kontra Denk­spiel­raum: Das Trolley-Expe­ri­­ment

Auch mora­li­sche Einstel­lungen zeigen oft eine hohe Rigi­dität. Menschen mit rigidem Denken handeln somit nicht aus spon­taner Hilfs­be­reit­schaft, sondern aus einem tief veran­kerten sozialen Skript, das klare, unver­rück­bare Regeln bevor­zugt. Das Trolley-Expe­ri­­ment ist ein moral­phi­lo­so­phi­sches Gedan­ken­ex­pe­ri­ment. In einer Vari­ante muss eine Person entscheiden, ob sie sich selbst vor einen Zug wirft, um fünf Menschen der glei­chen Gruppe zu retten. Personen mit rigidem Denk­stil, also geringer kogni­tiver Flexi­bi­lität, zeigen deut­lich höhere Zustim­mungs­werte zu solch extremem Selbst­opfer für die Gruppe. Zmigrods Studien zur „ingroup trolley“-Variante zeigen, dass Personen mit geringer kogni­tiver Flexi­bi­lität eher bereit sind, ihr Leben zu opfern, um Mitglieder der eigenen Gruppe zu retten. Diese Bereit­schaft hängt weniger mit Empa­thie, sondern stärker mit einem Bedürfnis nach mora­li­scher Gewiss­heit und der ideo­lo­gi­schen Iden­ti­täts­fu­sion („iden­tity fusion“) zusammen.

Perspek­tiv­wechsel trai­nieren: Ente-Kanin­chen-Bild als kogni­tiver Test.

Die Ente-Hase-Illusion ist mehr als ein Spielzeug. Sie ist auch ein TestKann man geis­tige Flexi­bi­lität einfach erkennen? Ja, denn Zmigrod belegt ihre Studien auch mit einem der bekann­testen soge­nannten Kipp­bilder. Das Gestalt­bild, das wahl­weise eine Ente oder ein Kanin­chen zeigt, ist nicht nur spie­le­risch inter­es­sant – Zmigrod nutzt es, um Denk­stile zu testen. Wer rasch zwischen beiden Wahr­neh­mungen wech­seln kann, zeigt mentale Beweg­lich­keit, Kern­be­stand­teil von Verän­de­rungs­kom­pe­tenz. Ein Fest­halten an einer Sicht­weise dagegen deutet auf Rigi­dität.

Auto­ri­ta­rismus: Frenkel Brunswik trifft Adorno

Einer von Zmigrods Verdiensten ist, dass sie Else Frenkel-Bruns­­wicks Arbeiten in den neuen Kontext flexi­blen Denken­stellt. Während die Auto­ri­täts­for­schungen von Adorno noch heute viele Wissen­schaft­le­rinnen beein­flussten, verschwanden die von Else Frenkel-Brunswik in den Archiven. Else Frenkel-Brunswik hat in ihren frühen Arbeiten intensiv mit Kindern gear­beitet, insbe­son­dere im Kontext von Vorur­teilen und Persön­lich­keits­ent­wick­lung. Beson­ders inter­es­siert war sie daran, wie Kinder auf unein­deu­tige Reize reagieren, also beispiels­weise auf Menschen oder Situa­tionen, die nicht klar in eine Schub­lade passen.

Brunswik entwi­ckelte die Theorie der Ambi­gui­tätsin­to­le­ranz: Kinder, die es schwer aushielten, dass etwas gleich­zeitig richtig und falsch sein konnte oder dass Menschen wider­sprüch­lich handeln, neigten später zu rigi­derem, verein­fa­chendem Denken. Solche mit hohem Kontroll- und Ordnungs­be­darf konnten Mehr­deu­tig­keit kaum ertragen. Zmigrod knüpft hier an – nur mit modernen neuro­psy­cho­lo­gi­schen Methoden: starre Denk­muster sind kein mora­li­sches Versagen, sondern eine neuro­nale Tendenz.

Wir können also fest­halten: Verän­de­rungs­kom­pe­tenz beruht nicht nur auf Haltung. Sie ist auch eine Folge kogni­tiver Struk­turen und bildet sich im Gehirn ab. Das heißt nicht, dass wir unserer gene­ti­schen Prädis­po­si­tion ausge­lie­fert sind. Wir können flexi­bles Denken fördern. Ja, die Förde­rung in einem Bereich wirkt auf andere. Je früher wir anfangen, desto besser. Dabei muss uns klar sein, dass dies unmit­telbar auf Krea­ti­vität wirkt, jeden­falls auf die Form von Krea­ti­vität, die funda­men­tale Verän­de­rungen ermög­licht und auf diver­gentes Denken setzt.

Was heißt das für Coaches und Verän­de­rungs­be­glei­tende?

  • Verän­de­rung braucht kogni­tive Irri­ta­tion – krea­tive Aufgaben, Perspek­tiv­wechsel. Der Grad der Irri­ta­tion hängt aller­dings von den Voraus­set­zungen ab. Wir müssen mit unter­schied­li­chen Klienten unter­schied­lich arbeiten.
  • Gruppen, die starre Muster aufbre­chen wollen, brau­chen „Denk-Work­outs“: Rollen­spiele, krea­tives Brain­stor­ming, Reframing-Übungen.
  • Gruppen tun gut daran, das Thema flexi­bles und rigides Denken zu thema­ti­sieren und nicht totzu­schweigen: Es ist ganz klar eine psycho­lo­gi­sche Diver­si­täts­form, die überall dort unab­dingbar ist, wo wir Neues ermög­li­chen wollen.
  • Orga­ni­sa­ti­ons­be­zogen: Struk­turen allein reichen nicht. Wer Wandel will, braucht itera­tive Lern­räume, Fehlerfreundlichkeit.Noch mehr aber gilt:  Verän­de­rungs­kom­pe­tenz muss vor allem dort tief veran­kert sein, wo diese gestaltet wird, also ganz klar in Führungs­po­si­tionen mit Verän­de­rungs­auf­trag.

Lite­ratur und Quellen

  • Zmigrod, Leor: Das ideo­lo­gi­sche Gehirn, 2024
  • Frenkel‑Brunswik, Else & Adorno, Theodor W.: The Autho­ri­ta­rian Perso­na­lity, 1950
  • Haidt, Jona­than: The Righ­teous Mind, 2012
  • Hofert, Svenja: Verän­de­rungen wirksam begleiten, 2025
  • Darwin, Charles & Emma Darwin: Korre­spon­denzen im Darwin Corre­spon­dence Project, v. a. Brief vom 21. Nov. 1838

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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