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Persönlichkeitsstile: Normal ist nur der Wahnsinn

Was Menschen als „crazy“ wahrnehmen, verschiebt sich gerade. Das hat mit einer zunehmenden Aufmerksamkeit für neurodivergente Stärken und Persönlichkeitsstile zu tun. Der “Wahnsinn” wird normaler — und das ist gut so. Denn Stärken finden sich überall: Jenseits der Norm und mittendrin.
Diagnosen sind gesellschaftsfähig geworden.
Eine Kollegin stöhnte kürzlich, sie könne die ADHS-Welle nicht mehr hören. Nicht aus Abwertung, sondern aus Müdigkeit. Eine Diagnose kann entlasten, Identität stiften, Zugehörigkeit erzeugen – und dennoch übertreiben wir es kollektiv. Diagnosen sind Trendbarometer. Sie sagen mehr über gesellschaftliche Sorgen aus als über individuelle Abweichungen.
Wir stehen vor der Frage: Was ist eigentlich normal? Wer definiert die Mitte? Und warum werden ausgerechnet kreative, bunte, irritierende Muster pathologisiert, während die angepassten, braven Formen als unauffällig gelten? Interessanterweise sind genau diese „Braven“ diejenigen, die am häufigsten Therapie aufsuchen, weil Anpassung einen Preis hat.
Ein Beispiel aus dem Arbeitskontext: Eine Bewerberin musste sich in einem Auswahlgespräch gegen eine schwerbehinderte Mitbewerberin mit ADHS durchsetzen. Am Ende bekam sie den Job – nicht wegen oder trotz einer Diagnose, sondern weil sie die fachlichen Anforderungen erfüllte. Der Fall ist selten, und doch zeigt er, wie stark ADHS im kollektiven Bewusstsein angekommen ist. Nicht zuletzt, weil sich rund um diese Diagnose ein florierendes Geschäftsmodell aus Coaching, Diagnostik, Fortbildungen und Medikation entwickelt hat.
Grenzen werden weiter
Gleichzeitig werden die diagnostischen Grenzen immer weiter gezogen. Ob DSM oder ICD – es sind künstliche Linien, die mehr mit gesellschaftlichen Normen zu tun haben als mit objektiven Kriterien. In Workshops wird deutlich, wie subjektiv die Grenzziehungen selbst unter Fachleuten sind. So subjektiv wie die Bewertungen der Stärken, die sich daraus ergeben. Sehe ich, etwa in Bezug auf ADHS, die besondere Kreativität oder nur anstrengende Impulsivität?
Persönlichkeitsstörungen sind noch mal eine ganz andere Geschichte, denn sie entstehen aus den Lösungsmustern von Menschen in ihrer Kindheit. Aber irgendwie haben sie auch damit zu tun, dass sie Stärken ausprägen, die nicht jeder sofort als solche erkennt. Jeder von uns hat dabei gewisse Tendenzen, während ein “Zuviel” im entsprechenden Kontext (und mit Diagnoseerlaubnis) als Persönlichkeitsstörung gelesen werden kann.
Der Psychologe und Autor Rainer Sachse spricht von Persönlichkeitsstilen – funktionalen Anpassungsformen, die ursprünglich einmal sinnvoll waren. Seine Klärungsorientierte Psychotherapie basiert auf der Annahme, dass Menschen in Kindheit und Jugend Muster entwickeln, um zentrale Motive wie Bindung, Autonomie, Kontrolle und Selbstwert zu sichern. Was später als Störung gilt, war früher eine Lösung.
Persönlichkeitsstile nach Rainer Sachse
Insgesamt unterscheidet Sachse zehn Persönlichkeitsstile. Alle sind Varianten menschlicher Anpassung, keine “Defekte”. Sie zeigen, dass etwas Wahnsinn in jedem normalen Verhalten liegt. Und auch spezifische Stärken hervorbringen. Kurz skizziert:
Der narzisstische Stil:
Bitte, Ich — wer sonst? Dieser Stil ist stark auf Selbstwert und Bestätigung ausgerichtet. Menschen mit diesem Stil suchen Anerkennung, idealisieren eigene Leistungen und strahlen häufig Kompetenz aus. In funktionaler Form treibt dieser Stil Veränderung voran und geht beim Change mutig nach vorn. Ist doch auch eine Stärke!
Der histrionische Stil:
Drama, Baby! Diesen Stil kennzeichnet kaum stillbare Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Lebendigkeit, Kontakt. Oft kreativ, unterhaltsam, impulsiv. Eine leichte Form kann wirken wie ADHS – viel Energie, viel Ausdruck, viel Input. Diese Leute können meist sehr gut reden, erzählen. Ob immer alles stimmt? Steht auf einem anderen Blatt. Geht oft mit dem narzisstischen Stil zusammen.
Der paranoide Stil:
Aufgepasst, da kommt noch was nach! Den paranoiden Stil kennzeichnet Wachsamkeit gegenüber möglichen Kränkungen, starke Sensibilität für Ungerechtigkeit und ein ausgeprägtes Kontrollmotiv. Funktional schützt das vor Naivität und erzeugt einen wachen, analytischen Blick mit entsprechenden Stärken wie Analyse- und Kritikfähigkeit sowie Genauigkeit.
Der dependente Stil:
Bleib bei mir, verlass mich nicht! Dieser Stil ist gekennzeichnet durch ein starkes Bindungsmotiv, Angst vor Verlassenwerden. Für vermeintliche Nähe werden eigene Bedürfnisse zurückgestellt oder sogar aufgegeben. Funktional entsteht Loyalität, Fürsorge und die Fähigkeit, Beziehungen zu stabilisieren. Stärken, die sich daraus ergeben sind Fürsorge oder auch Anpassungsvermögen.
Der zwanghafte Stil:
Ist der Herd wirklich aus? Diesen Stil kennzeichnet ein Kontrollmotiv. Hinzu kommt das Bedürfnis nach Ordnung, Verlässlichkeit und Genauigkeit. Das kann übertrieben werden — dann führt Zwanghaftigkeit zu Überkontrolle. Ohne Übertreibung sorgt dieser Stil für Struktur und Qualität.
Der vermeidende Stil:
Vorsicht ist die Mutter in der Personalkiste. Menschen mit diesem Stil vermeiden es, sich zu konfrontieren, um für sie schwierigen Situationen vorzubeugen. Sie haben eine hohe Sensibilität für Ablehnung und schützen sich prophylaktisch durch Rückzug. Funktional kann dieser Stil zu Präzision, Empathie, Bescheidenheit und tiefem Denken führen.
Der selbstunsichere Stil:
Ich kann das nicht (auch wenn ihr was anderes sagt). Dieser Stil hat einen starker Selbstwertfokus, ähnlich dem narzisstischen, nur ist die Konsequenz eine völlig andere. Es wird unterkompensiert. Das zeigt sich in der Furcht vor Fehlern und übertriebener Zurückhaltung selbst da, wo man etwas definitiv kann. Funktional entstehen Gewissenhaftigkeit, Realismus und sorgsame Abwägung. Die Stärke ist oft, dass diese Menschen einen sehr guten Job machen, weil sie im Grunde glauben, dass es nie genug ist.
Der schizoide Stil:
Zur Sache, Schätzchen. Diesen Stil kennzeichnet das Bedürfnis nach Autonomie, Distanz und eigenen Gedankenwelten. Das führt oft dazu, dass die Sachlichkeit über allem steht — mitunter zuungunsten der Beziehungen. Funktional fördert dies Kreativität, tiefe intellektuelle Auseinandersetzung und Unabhängigkeit. Man kann leichter eine Meinung vertreten, auch gegen andere.
Der borderline-ähnliche Stil:
Heute so, morgen so. Diesen Stil kennzeichnet intensive Emotionalität und komplexe Nähe-Distanz-Regulation. Diese Menschen wollen vieles zugleich und übertreiben sowohl Nähe als auch Distanz. Funktional entstehen oft eine starke Intuition und hohe Resonanzfähigkeit. Damit ist nicht Borderline gemeint, wie es die ICD oder DSM kennt.
Der antisoziale Stil:
Egal, was kommt, es geht! Diesen Stil kennzeichnet Autonomie, Durchsetzungsstärke — und Regelüberschreitung. Es kann mit Rücksichtslosigkeit einhergehen, die in manchen Kontexten aber von Vorteil sein kann.. Funktional ermöglicht dies Risikobereitschaft, möglicherweise auch Innovation und unkonventionelles Denken.
Typisch ist, dass mehrere Stile zusammenkommen. Was ist dein Stil? Das kannst du über einen frei verfügbaren Test beim Verlag Junfermann HIER herausfinden.
Stärken im Wahnsinn
Ich mag den Gedanken, dass im vermeintlichen Wahnsinn Stärken liegen. Menschen mit histrionischem Stil bringen Leichtigkeit in Gruppen. Narzisstisch geprägte Menschen trauen sich Veränderungen zu, die andere nicht anpacken. Ein extremer Interessenfokus kann entstehen, weil Bindungserfahrungen frustrierend waren – und trotzdem funktional wurde.
Zentrale Grundlage sind nach Sachse Mangelerfahrungen in Kindheit und Jugend. Diese prägen Motive, Schemata und Schutzstrategien. Probleme entstehen erst, wenn ein Muster unreflektiert in völlig andere Kontexte übertragen wird. Dann spielen Menschen ihre Kindheit auf organisationalen oder gesellschaftlichen Bühnen weiter: Gut gegen Böse, Ausgrenzungsspiel, Einer wird gewinnen.
Der Neurodiversitätsforscher André Frank Zimpel sieht neurodivergente Menschen als Träger besonderer Potenziale. Nicht neurodivergente Menschen seien das Problem, sondern starre Normen. Kreativität wird gerne gefordert, aber ungern ausgehalten. Kritische Geister lassen sich nicht dauerhaft einpassen. Organisationen sind darauf häufig nicht ausgelegt.
Was bleibt?
Die Annahme liegt nahe, dass Normalität nicht existiert. Die Mitte der Normalverteilung ist ein statistisches Konstrukt, kein Ideal. Jeder trägt Anteile in sich, die mehr, weniger oder anders sind als die Vergleichsgruppe.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wer ist normal? Sondern: Welche Muster sind funktional? Und wie integrieren wir Vielfalt, ohne sie zu normieren?
Vielleicht liegt der Fehler nicht in den Abweichungen, sondern darin, dass wir die Mitte für normal halten.
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonntagskolumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abonnenten gehöre ich zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren auf dieser Plattform.
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