Kate­go­rien

Persön­lich­keits­stile: Normal ist nur der Wahn­sinn

Published On: 25. November 2025Cate­go­ries: Aktuell, Psycho­logie der Verän­de­rung

Was Menschen als „crazy“ wahr­nehmen, verschiebt sich gerade. Das hat mit einer zuneh­menden Aufmerk­sam­keit für neuro­di­ver­gente Stärken und Persön­lich­keits­stile zu tun. Der “Wahn­sinn” wird normaler — und das ist gut so. Denn Stärken finden sich überall: Jenseits der Norm und mitten­drin.

Diagnosen sind gesell­schafts­fähig geworden.

Eine Kollegin stöhnte kürz­lich, sie könne die ADHS-Welle nicht mehr hören. Nicht aus Abwer­tung, sondern aus Müdig­keit. Eine Diagnose kann entlasten, Iden­tität stiften, Zuge­hö­rig­keit erzeugen – und dennoch über­treiben wir es kollektiv. Diagnosen sind Trend­ba­ro­meter. Sie sagen mehr über gesell­schaft­liche Sorgen aus als über indi­vi­du­elle Abwei­chungen.
Wir stehen vor der Frage: Was ist eigent­lich normal? Wer defi­niert die Mitte? Und warum werden ausge­rechnet krea­tive, bunte, irri­tie­rende Muster patho­lo­gi­siert, während die ange­passten, braven Formen als unauf­fällig gelten? Inter­es­san­ter­weise sind genau diese „Braven“ dieje­nigen, die am häufigsten Therapie aufsu­chen, weil Anpas­sung einen Preis hat.

Ein Beispiel aus dem Arbeits­kon­text: Eine Bewer­berin musste sich in einem Auswahl­ge­spräch gegen eine schwer­be­hin­derte Mitbe­wer­berin mit ADHS durch­setzen. Am Ende bekam sie den Job – nicht wegen oder trotz einer Diagnose, sondern weil sie die fach­li­chen Anfor­de­rungen erfüllte. Der Fall ist selten, und doch zeigt er, wie stark ADHS im kollek­tiven Bewusst­sein ange­kommen ist. Nicht zuletzt, weil sich rund um diese Diagnose ein florie­rendes Geschäfts­mo­dell aus Coaching, Diagnostik, Fort­bil­dungen und Medi­ka­tion entwi­ckelt hat.

Grenzen werden weiter

Gleich­zeitig werden die diagnos­ti­schen Grenzen immer weiter gezogen. Ob DSM oder ICD – es sind künst­liche Linien, die mehr mit gesell­schaft­li­chen Normen zu tun haben als mit objek­tiven Krite­rien. In Work­shops wird deut­lich, wie subjektiv die Grenz­zie­hungen selbst unter Fach­leuten sind. So subjektiv wie die Bewer­tungen der Stärken, die sich daraus ergeben. Sehe ich, etwa in Bezug auf ADHS, die beson­dere Krea­ti­vität oder nur anstren­gende Impul­si­vität?

Persön­lich­keits­stö­rungen sind noch mal eine ganz andere Geschichte, denn sie entstehen aus den Lösungs­mus­tern von Menschen in ihrer Kind­heit. Aber irgendwie haben sie auch damit zu tun, dass sie Stärken ausprägen, die nicht jeder sofort als solche erkennt. Jeder von uns hat dabei gewisse Tendenzen, während ein “Zuviel” im entspre­chenden Kontext (und mit Diagno­seer­laubnis) als Persön­lich­keits­stö­rung gelesen werden kann.

Der Psycho­loge und Autor Rainer Sachse spricht von Persön­lich­keits­stilen – funk­tio­nalen Anpas­sungs­formen, die ursprüng­lich einmal sinn­voll waren. Seine Klärungs­ori­en­tierte Psycho­the­rapie basiert auf der Annahme, dass Menschen in Kind­heit und Jugend Muster entwi­ckeln, um zentrale Motive wie Bindung, Auto­nomie, Kontrolle und Selbst­wert zu sichern. Was später als Störung gilt, war früher eine Lösung.

Persön­lich­keits­stile nach Rainer Sachse

Insge­samt unter­scheidet Sachse zehn Persön­lich­keits­stile. Alle sind Vari­anten mensch­li­cher Anpas­sung, keine “Defekte”. Sie zeigen, dass etwas Wahn­sinn in jedem normalen Verhalten liegt. Und auch spezi­fi­sche Stärken hervor­bringen. Kurz skiz­ziert:

Der narziss­ti­sche Stil:

Bitte, Ich — wer sonst? Dieser Stil ist stark auf Selbst­wert und Bestä­ti­gung ausge­richtet. Menschen mit diesem Stil suchen Aner­ken­nung, idea­li­sieren eigene Leis­tungen und strahlen häufig Kompe­tenz aus. In funk­tio­naler Form treibt dieser Stil Verän­de­rung voran und geht beim Change mutig nach vorn. Ist doch auch eine Stärke!

Der histrio­ni­sche Stil:

Drama, Baby! Diesen Stil kenn­zeichnet kaum still­bare Bedürfnis nach Aufmerk­sam­keit, Leben­dig­keit, Kontakt. Oft kreativ, unter­haltsam, impulsiv. Eine leichte Form kann wirken wie ADHS – viel Energie, viel Ausdruck, viel Input. Diese Leute können meist sehr gut reden, erzählen. Ob immer alles stimmt? Steht auf einem anderen Blatt. Geht oft mit dem narziss­ti­schen Stil zusammen.

Der para­noide Stil:

Aufge­passt, da kommt noch was nach! Den para­no­iden Stil kenn­zeichnet Wach­sam­keit gegen­über mögli­chen Krän­kungen, starke Sensi­bi­lität für Unge­rech­tig­keit und ein ausge­prägtes Kontroll­motiv. Funk­tional schützt das vor Naivität und erzeugt einen wachen, analy­ti­schen Blick mit entspre­chenden Stärken wie Analyse- und Kritik­fä­hig­keit sowie Genau­ig­keit.

Der depen­dente Stil:

Bleib bei mir, verlass mich nicht! Dieser Stil ist gekenn­zeichnet durch ein starkes Bindungs­motiv, Angst vor Verlas­sen­werden. Für vermeint­liche Nähe werden eigene Bedürf­nisse zurück­ge­stellt oder sogar aufge­geben. Funk­tional entsteht Loya­lität, Fürsorge und die Fähig­keit, Bezie­hungen zu stabi­li­sieren. Stärken, die sich daraus ergeben sind Fürsorge oder auch Anpas­sungs­ver­mögen.

Der zwang­hafte Stil:

Ist der Herd wirk­lich aus? Diesen Stil kenn­zeichnet ein Kontroll­motiv. Hinzu kommt das Bedürfnis nach Ordnung, Verläss­lich­keit und Genau­ig­keit. Das kann über­trieben werden — dann führt Zwang­haf­tig­keit zu Über­kon­trolle. Ohne Über­trei­bung sorgt dieser Stil für Struktur und Qualität.

Der vermei­dende Stil:

Vorsicht ist die Mutter in der Perso­nal­kiste. Menschen mit diesem Stil vermeiden es, sich zu konfron­tieren, um für sie schwie­rigen Situa­tionen vorzu­beugen. Sie haben eine hohe Sensi­bi­lität für Ableh­nung und schützen sich prophy­lak­tisch durch Rückzug. Funk­tional kann dieser Stil zu Präzi­sion, Empa­thie, Beschei­den­heit und tiefem Denken führen.

Der selbst­un­si­chere Stil:

Ich kann das nicht (auch wenn ihr was anderes sagt). Dieser Stil hat einen starker Selbst­wert­fokus, ähnlich dem narziss­ti­schen, nur ist die Konse­quenz eine völlig andere. Es wird unter­kom­pen­siert.  Das zeigt sich in der Furcht vor Fehlern und über­trie­bener Zurück­hal­tung selbst da, wo man etwas defi­nitiv kann. Funk­tional entstehen Gewis­sen­haf­tig­keit, Realismus und sorg­same Abwä­gung. Die Stärke ist oft, dass diese Menschen einen sehr guten Job machen, weil sie im Grunde glauben, dass es nie genug ist.

Der schi­zoide Stil:

Zur Sache, Schätz­chen. Diesen Stil kenn­zeichnet das Bedürfnis nach Auto­nomie, Distanz und eigenen Gedan­ken­welten. Das führt oft dazu, dass die Sach­lich­keit über allem steht — mitunter zuun­gunsten der Bezie­hungen. Funk­tional fördert dies Krea­ti­vität, tiefe intel­lek­tu­elle Ausein­an­der­set­zung und Unab­hän­gig­keit. Man kann leichter eine Meinung vertreten, auch gegen andere.

Der border­­line-ähnliche Stil:

Heute so, morgen so. Diesen Stil kenn­zeichnet inten­sive Emotio­na­lität und komplexe Nähe-Distanz-Regu­la­­tion. Diese Menschen wollen vieles zugleich und über­treiben sowohl Nähe als auch Distanz. Funk­tional entstehen oft eine starke Intui­tion und hohe Reso­nanz­fä­hig­keit. Damit ist nicht Border­line gemeint, wie es die ICD oder DSM kennt.

Der anti­so­ziale Stil:

Egal, was kommt, es geht! Diesen Stil kenn­zeichnet Auto­nomie, Durch­set­zungs­stärke — und Regel­über­schrei­tung. Es kann mit Rück­sichts­lo­sig­keit einher­gehen, die in manchen Kontexten aber von Vorteil sein kann.. Funk­tional ermög­licht dies Risi­ko­be­reit­schaft, mögli­cher­weise auch Inno­va­tion und unkon­ven­tio­nelles Denken.

Typisch ist, dass mehrere Stile zusam­men­kommen. Was ist dein Stil? Das kannst du über einen frei verfüg­baren Test beim Verlag Junfer­mann HIER heraus­finden.

Stärken im Wahn­sinn

Ich mag den Gedanken, dass im vermeint­li­chen Wahn­sinn Stärken liegen. Menschen mit histrio­ni­schem Stil bringen Leich­tig­keit in Gruppen. Narziss­tisch geprägte Menschen trauen sich Verän­de­rungen zu, die andere nicht anpa­cken. Ein extremer Inter­es­sen­fokus kann entstehen, weil Bindungs­er­fah­rungen frus­trie­rend waren – und trotzdem funk­tional wurde.
Zentrale Grund­lage sind nach Sachse Mangel­erfah­rungen in Kind­heit und Jugend. Diese prägen Motive, Sche­mata und Schutz­stra­te­gien. Probleme entstehen erst, wenn ein Muster unre­flek­tiert in völlig andere Kontexte über­tragen wird. Dann spielen Menschen ihre Kind­heit auf orga­ni­sa­tio­nalen oder gesell­schaft­li­chen Bühnen weiter: Gut gegen Böse, Ausgren­zungs­spiel, Einer wird gewinnen.

Der Neuro­di­ver­si­täts­for­scher André Frank Zimpel sieht neuro­di­ver­gente Menschen als Träger beson­derer Poten­ziale. Nicht neuro­di­ver­gente Menschen seien das Problem, sondern starre Normen. Krea­ti­vität wird gerne gefor­dert, aber ungern ausge­halten. Kriti­sche Geister lassen sich nicht dauer­haft einpassen. Orga­ni­sa­tionen sind darauf häufig nicht ausge­legt.

Was bleibt?

Die Annahme liegt nahe, dass Norma­lität nicht exis­tiert. Die Mitte der Normal­ver­tei­lung ist ein statis­ti­sches Konstrukt, kein Ideal. Jeder trägt Anteile in sich, die mehr, weniger oder anders sind als die Vergleichs­gruppe.
Die entschei­dende Frage lautet nicht: Wer ist normal? Sondern: Welche Muster sind funk­tional? Und wie inte­grieren wir Viel­falt, ohne sie zu normieren?
Viel­leicht liegt der Fehler nicht in den Abwei­chungen, sondern darin, dass wir die Mitte für normal halten.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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