Kate­go­rien

Wie wird man eigent­lich Chef? Eine Betriebs­an­lei­tung

Published On: 21. Februar 2012Cate­go­ries: Führung

Als ich vier Jahre alt war, buddelte mich ein Nach­bars­rüpel im Sand­kasten unseres Hinter­hofs ein. Hat sich da etwa schon gezeigt, dass ich niemals einen Konzern lenken werde? Chef sei man von Geburt an, ja, persön­li­chen Eigen­schaften — und damit auch Chef­ei­gen­schaften — zeigten sich schon im Sand­kasten, behaupten Experten. Wer sich vom Nach­barn einbud­deln lässt, kann wohl kaum je ein guter Chef werden – oder?

Bevor ich diese Woche den geschätzten Kollegen Thomas Hoch­ge­schurtz zum Inter­view über Chef­sein und Chef­werden bitte, an dieser Stelle einige Gedanken zu einem Thema, das jeden betrifft (denn entweder sind Sie selbst Chef oder Sie haben einen).

I. Vorbe­rei­tung

Muss ich ein Alpha­tier sein?

Hat der junge Mann, der mir vor 7 Jahren stolz erzählte, er sei geboren um zu führen, als Kind viele Mädchen einge­bud­delt? Er wirkt eher so, als hätte er die Wahl zum Klas­sen­spre­cher drei Mal hinter­ein­ander verloren.  Typ ehrgei­ziger Karrie­rist, der sich mit anderen vergleicht und ständig schlechter abschneidet, kein Spre­cher für die anderen, also auch kein Alpha­tier. Echtes Alpha dagegen sieht man, hört man, fühlt man und ehrlich gesagt, manchmal riecht man es sogar. Es gibt laute und leise Alpha­men­schen, männ­liche und weib­liche. Manchen merkt man die natür­liche Auto­rität sofort an (den Extro-Alphas), anderen erst nach und nach (die Intro-Alphas).

Was genau ist Alpha? Als Reiss-Trai­­nerin versuche ich das hier erst mal an Test­ergeb­nissen fest­zu­ma­chen. Im Reiss-Profil ist es die grüne Macht, die jemanden beschreibt, der sich das Führen und Beein­flussen von anderen zutraut. Menschen mit roter Macht wollen das für gewöhn­lich nicht. Sie pflegen eine legere Haltung — allein der Gedanke, Verhalten beein­flussen zu müssen, ist ihnen zuwider. Einbud­deln können sie andere trotzdem, zum Beispiel wenn sie sich ärgern und nicht mehr weiter­wissen.

Seit 2007 werte ich Reiss-Profile aus. Zunächst war ich über­rascht, in der Bera­tung einige Klienten mit nied­riger (roter) Macht anzu­treffen, die hohe Posi­tionen inne hatten. Könnten diese eine gute Führungs­kraft sein?

Je mehr Profile ich analy­siert habe, desto klarer wurde die Antwort: In bestimmten Kontexten durchaus, etwa wenn es um Team­lei­tung geht. Auch in Umfel­dern, in denen die Prozesse und Entschei­dungs­wege sehr stark vorge­geben sind, beispiels­weise in der Verwal­tung, gedeihen Führungs­kräfte mit roter Macht. Ganz nach oben schaffen sie es in der Regel aber nicht. Ist logisch: Wenn Führung, wie wir noch von Thomas Hoch­ge­schurtz hören werden, Verhal­tens­be­ein­flus­sung ist, kann ein Mensch, der kein Verhalten beein­flussen möchte, schlecht in diesem Sinne eine Führungs­kraft sein.  Aber was ist sonst noch wichtig?

Brauche ich beson­dere Intel­li­genz oder andere ausge­prägte Merk­male?

Bloß nicht! Beson­ders gut weg kommen in Führungs­­­kräfte-ACs oft Menschen, die in vielem mittig sind, auch beim IQ. Nicht zu genau. Nicht zu kommu­ni­kativ. Nicht zu schlau. Nicht zu… je nachdem, um welchen Bereich es geht, kommt ein anderes “nicht zu” dazu.

Der Bochumer Inventar Test, mit dem ich früher oft gear­beitet habe, misst unter anderem das Merkmal „Gewis­sen­haf­tig­keit“, worin eben auch die Liebe zum Detail steckt. In den Erläu­te­rungen stellt er fest, dass Menschen mit sehr hoher Gewis­sen­haf­tig­keit im Durch­schnitt weniger verdienen. Ich inter­pre­tiere das so, dass diese aufgrund ihrer hohen Gewis­sen­haf­tig­keit vermut­lich seltener in den meist besser bezahlten Führungs­jobs stecken. Ergo: Wer sehr genau ist, schafft es meist nicht nach oben (z.B. weil Genau­ig­keit langsam macht, außerdem Entschei­dungs­freude und Genau­ig­keit in einem gewissen Wider­spruch stehen können) und wenn doch, so ist er dort eine auf Dauer proble­ma­ti­sche Beset­zung. Stellen Sie sich mal Angela Merkel vor, wie sie sich fünf Tage alle Akten zu Gauck geben lässt, drüber liest, weiter prüft… nicht entscheidet. Führen und allzu genau sein — es schließt sich aus. 

II. Inbe­trieb­nahme

Kann man Chef­sein lernen?

Man muss es sogar. Ich befreite mich schnell aus dem Sand. Und, was Sand­kas­ten­pro­gnos­tiker viel­leicht nicht glauben würden, ich bekam 25 Jahre später einen Führungsjob. Man trug mir das einfach zu. Ich hatte indes nur die grüne Macht im damals noch nicht exis­tenten Reiss-Profil und ansonsten keine Ahnung von Führung. Ich wurde auf wunder­bare Semi­nare geschickt, die mich nach­haltig prägten, weil ich unter anderem gegen lautes Klin­geln und eine Ampel reden lernte. Was ich mit meinen Leuten jedoch genau machen sollte? Ich fürchte, ich habe nicht mal darüber nach­ge­dacht. Wahr­schein­lich fanden die acht mich eini­ger­maßen OK, was eine nette Abschieds­bas­telei zeigt, die ich neulich gefunden habe. Ich war trotzdem nicht richtig in Betrieb genommen worden. Eine gute Führungs­kraft konnte ich so damals gar nicht werden, sondern nur eine eini­ger­maßen umgäng­liche Aufga­ben­ver­tei­lerin und Ansa­gen­ma­cherin. Führung muss man lernen. Das einzige, was sich im Sand­kasten zeigt, ist eine momen­tane Situa­tion, durch eine Vorge­schichte  beein­flusst. Das mit dem zum Chef geboren sein ist großer Quatsch. Man ist zu nichts geboren.

Ich frage mich, warum es eigent­lich kein rich­tiges Studium Führung gibt, denn mit Kursen ist es wirk­lich nicht getan. Die besten Führungs­kräfte, die ich gesehen habe, kamen aus dem Offi­zier­s­kader der Bundes­wehr: manche sehr ruhig, sehr fair, sehr klar.  Einige waren inhalts­be­zogen, zum Beispiel als Inge­nieure. Dank guter Schu­lungen und jahre­langer  Übung konnten sie sich zur Führungs­kraft entwi­ckeln. Auch wer im gewerb­li­chen Umfeld Karriere gemacht hat, bringt meist eine ange­nehme Klar­heit verbunden mit sympa­thi­scher Menschen­ori­en­tie­rung mit. Furcht­bare Führungs­kräfte sind dagegen manchmal einige jener Inhalts- und Status-Beför­­derten, von denen man z.B. in den Medien viele antrifft. Das liegt wohl daran, dass diese Führungs­po­si­tionen als Dank für gute  Arbeit und nicht etwa gute Führung erhalten. Und was ist jetzt mit Ihnen?

Wie nehme ich mich in Betrieb?

Erst mal: Trauen Sie es sich zu? Es  ist schon mal wichtig, hier ein Ja zu hören. Aber leider auch kein Chef-Güte-Krite­rium. Ich habe zu viele gesehen, die sich alles zutrauen und nichts können. Und andere, die sich weniger zutrauen, aber hervor­ra­gende Manager wären. Ich frage deshalb genauer nach: Sind Sie AUCH bereit, Chef­sein zu lernen? Würde es für Sie ein Ener­gie­ge­winn sein, eine posi­tive (und nicht etwa stres­sende) Heraus­for­de­rung sein, Menschen zu lenken? Schon besser. Sehen Sie das als Ihre Aufgabe an? Wenn Sie zwischen einer inhalt­li­chen Aufgabe und der Führung wählen müssten, würden Sie dann letz­teres bevor­zugen? Sehr gut: Eignung fängt mit Neigung an, aber Neigung und Eignung sind nicht dasselbe. Die Neigung ist aber nun mal die Voraus­set­zung, um Eignung entstehen zu lassen. 

Dann mal los.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Kurt Schaffner 21. Februar 2012 at 12:21 — Reply

    Der Artikel deckt sich mit meiner Erfah­rung, dass Führung viele Facetten hat, deren es sich bewusst zu sein gilt. So setzt sich die Führungs­be­fä­hi­gung zusammen aus den Kern­ele­menten Neigung, Erfah­rung und dem theo­re­ti­schen Wissen, wobei die Neigung den stärksten Ausschlag hat.

  2. Thomas Hoch­ge­schurtz 22. Februar 2012 at 0:26 — Reply

    “Kann man Chef­sein lernen? Man muss es sogar.” Danke, Frau Hofert. Gute Führungs­kräfte fallen nicht aus dem Himmel (oder besser aus dem Mutter­leib), sondern sind das Ergebnis harter Lern­erfah­rungen. Ein Studi­en­gang “Führung”, das gefällt mir!

  3. […] auf meine gest­rige Betriebs­an­lei­tung Chef­werden habe ich heute einen rich­tigen Chef im Inter­view. Das Maschi­nen­bau­in­ge­nieur Thomas Hoch­ge­schurtz […]

  4. Gilbert 11. März 2012 at 13:22 — Reply

    Sehr tref­fend! Wer seine Meriten durch inhalt­lich gute Arbeit erwirbt wird leider immer noch oft auto­ma­tisch Chef. Zur oft fehlenden Eignung kommt manchmal noch ein über­stei­gertes Selbst­be­wusst­sein (resul­tie­rend aus der erwie­senen Fach­kom­pe­tenz). Zusammen kann das einen Cock­tail aus Unver­ständnis für Menschen und ihre Moti­va­tionen plus Zero-Fehler-Tole­ranz und Micro-Mana­ge­­ment (die jungen können es nicht wie ich, also mach ich es gleich selber). Fach­kom­pe­tenz ist für Manager wichtig, aber im Zweifel weniger wichtig, als Führungs­kom­pe­tenz. Wenn Fach­kom­pe­tenz nämlich fehlt, muss man auto­ma­tisch vertrauen, dass die Mitar­beiter wissen, was sie tun. Das weiß jede/r, die oder der mal kurz­fristig eine Manage­ment­po­si­tion in einem Ihr/ihm zuvor unbe­kannten Bereich einnehmen musste. Das ist richtig befreiend, wenn man das eigene Unwissen tole­rieren und zum Empower­ment der Mitar­beiter einsetzen kann.

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